Schlafentzug: Auswirkungen auf das Gehirn und Möglichkeiten zur Vorbeugung

Schlafmangel ist ein weit verbreitetes Problem, das erhebliche gesundheitliche Folgen haben kann. Müdigkeit ist nicht gleich Müdigkeit, und unser Gehirn reagiert unterschiedlich darauf, ob wir nur eine Nacht durchgemacht haben oder unter chronischen Schlafstörungen leiden. Studien zeigen, dass Schlafmangel verschiedene Bereiche des Gehirns beeinträchtigen kann und sowohl kurzfristige als auch langfristige Auswirkungen hat.

Die Bedeutung von Schlaf für das Gehirn

Gesunder Schlaf ist für die Erholung des gesamten Körpers unerlässlich, insbesondere für das Gehirn. Während des Schlafs laufen im Gehirn eine Reihe komplexer Vorgänge ab. Blutdruck und Herzfrequenz sinken, und der Körper fährt herunter. Gleichzeitig schüttet der Körper große Mengen an Wachstumshormonen aus, die für die Erneuerung von Knochen, Muskeln und Organen sorgen. Auch das Immunsystem arbeitet im Schlaf, wobei vermehrt Abwehrzellen im Blut gefunden werden.

Das Gehirn nutzt den Schlaf, um sich zu regenerieren und neu zu sortieren. Die Eindrücke, Informationen und Bilder, die tagsüber gesammelt werden, werden in der Nacht verarbeitet. Neue Gedächtnisinhalte werden gebildet und bestehende verfestigt. Das Gehirn trennt unwichtige von wichtigen Informationen und baut Abfallprodukte ab und transportiert sie ab.

Wie das Gehirn während des Schlafs gereinigt wird

Das Gehirn verbraucht als zentrales Steuerungsorgan unseres Körpers sehr viel Energie. Dabei entstehen Stoffwechselprodukte, die abgebaut und abtransportiert werden müssen, um Schäden zu vermeiden. Das Gehirn verfügt über eigene Zelltypen, die für den Abtransport von Abbauprodukten zuständig sind. Die Blut-Hirn-Schranke erschwert diesen Abtransport, weshalb Forschende ein weiteres System vermuteten.

Neuere Erkenntnisse aus Tierversuchen deuten darauf hin, dass das Gehirn ein ähnliches Müllentsorgungsprogramm hat: das glymphatische System. Dieses System spült die Leerräume zwischen den Nerven- und Nervengewebszellen mit Liquor, dem Gehirnwasser, und transportiert so Schadstoffe ab. Die Neurowissenschaftlerin Maike Nedergaard vermutet, dass das glymphatische System vor allem während des Schlafs aktiv ist.

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Auswirkungen von Schlafmangel auf das Gehirn

Schlafmangel führt dazu, dass Menschen gereizt und emotional unausgeglichen reagieren. Aufmerksamkeit und Reaktionsfähigkeit lassen nach, und die Fähigkeit, Probleme zu lösen, ist beeinträchtigt. Es gibt Hinweise darauf, dass ein gestörter Schlafrhythmus die Funktion des glymphatischen Systems beeinträchtigen kann. Auch Bewegungsmangel scheint ein möglicher Einflussfaktor zu sein. Forschende halten es für möglich, dass Störungen des glymphatischen Systems zur Entstehung von Krankheiten wie Migräne, Epilepsien oder Schlafstörungen führen können.

Hinweise aus Tierversuchen deuten darauf hin, dass eine solche Störung die Entstehung der Alzheimer-Krankheit begünstigen könnte. Zu den Abfallprodukten, die das glymphatische System entsorgt, gehören Beta-Amyloid-Proteine, die sich bei der Alzheimer-Krankheit gehäuft im Gehirn ablagern und die Kommunikation der Nervenzellen stören.

Neuronale Unterschiede zwischen chronischem und akutem Schlafmangel

Eine Metastudie von Reimann und seinen Kollegen untersuchte, was bei chronischem oder akutem Schlafmangel im Gehirn passiert. Die Auswertung von Hirnscans aus 231 Studien ergab klare neuronale Unterschiede zwischen den Gruppen.

Bei Menschen mit chronischen Schlafstörungen traten Veränderungen im vorderen cingulären Cortex, in der rechten Amygdala und im Hippocampus auf. Diese Regionen sind an der Verarbeitung von Argumenten, Emotionen, Erinnerungen, Entscheidungen sowie Geruch und Geschmack beteiligt. Ein kurzfristiger Schlafmangel war hingegen mit Veränderungen im rechten Thalamus verbunden, der für Temperaturregulierung, Bewegung und Schmerzempfinden verantwortlich ist.

Chronische Schlafstörungen lassen den vorderen cingulären Cortex schrumpfen und senken Aktivität und Vernetzung dieses Hirnareals. Auf Amygdala und Hippocampus haben sie hingegen einen umgekehrten Effekt. Es gibt keine überlappenden Gehirnregionen zwischen den beiden Gruppen.

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Die Auswirkungen von Schlafmangel auf das Immunsystem

Psycholog:innen und Schlafmediziner:innen der University of California in San Francisco haben herausgefunden, dass bereits ein geringfügiger Schlafmangel sich negativ auf unser Immunsystem auswirkt. Studien der Universitäten in Lübeck und Tübingen kamen zu dem Ergebnis, dass zu wenig Schlaf die Funktion der T-Lymphozyten, kurz T-Zellen, beeinträchtigt. T-Zellen prüfen die Membran unserer Körperzellen auf krankhafte Veränderungen. Ergänzende Forschungen ergaben, dass sich unser Immungedächtnis vor allem während des Tiefschlafs festigt.

Schlafmangel und Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Wissenschaftler:innen sehen einen Zusammenhang zwischen einer Herzschwäche und fehlendem Schlaf. Ein dauerhafter Schlafmangel und Müdigkeit können sich negativ auf unser Gehirn und Gedächtnis auswirken. Alle Sinneseindrücke und Informationen, die wir am Tag aufnehmen, werden zunächst im Zwischenhirn (Hippocampus) gespeichert und erst im Tiefschlaf verarbeitet und in den Langzeitspeicher übertragen. Ein Schlafmangel beeinträchtigt die Funktionen des Gehirns auf verschiedene Weise und kann zu Reizbarkeit, Unkonzentriertheit, verändertem Reaktions- und Entscheidungsverhalten sowie psychischen Störungen wie Depressionen führen.

Schlafmangel und Stoffwechselstörungen

Zu möglichen langfristigen Schlafmangel-Folgen gehören auch Übergewicht, Fettleibigkeit (Adipositas) und Diabetes mellitus Typ 2. Schichtarbeiter:innen und Menschen mit chronischem Schlafmangel sind besonders gefährdet, diese Beschwerden zu entwickeln. Bei Schlafmangel können unsere Zellen mit der Zeit insulinresistent werden. Auch zwischen Schlaf und Körpergewicht gibt es einen Zusammenhang, da Schlafmangel den Appetit über die Hormone Leptin und Ghrelin steuert.

Schlafmangel und DNA-Reparatur

Eine Studie der Bar-Ilan University aus Israel fand heraus, dass der Schlaf den Körper dabei unterstützt, beschädigte DNA zu reparieren und so der Neurodegeneration entgegenzuwirken. Wer zu wenig schläft, raubt dem Gehirn also die notwendige Zeit, die es für die Wiederherstellung des Erbguts benötigt.

Die Auswirkungen von Schlafmangel auf das Gehirn im Alter

Eine Studie von Prof. David Elmenhorst vom Forschungszentrum Jülich zeigte, dass bereits eine einzige Nacht ohne Schlaf das menschliche Gehirn älter erscheinen lässt. Bei den Teilnehmer:innen zeigten Aufnahmen des Gehirns Veränderungen, die typischerweise erst bei ein bis zwei Jahre älteren Menschen auftreten. Ein anschließender Erholungsschlaf machte die Veränderungen jedoch rückgängig.

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Praktische Tipps für einen besseren Schlaf

Um Schlaflosigkeit zu bekämpfen und besser zu schlafen, gibt es verschiedene Maßnahmen:

  • Einhaltung eines regelmäßigen Schlaf-Wach-Rhythmus
  • Vermeidung von Mittagsschläfchen
  • Leichte Kost am Abend
  • Vermeidung von Alkohol, Koffein und Zigaretten am Abend
  • Entspannungsmethoden gegen Stress
  • Ideale Raumtemperatur im Schlafzimmer (ca. 18 Grad)
  • Ausschalten elektronischer Geräte im Schlafzimmer

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