Einführung
Die Beziehung zwischen Musik und Gehirnentwicklung, insbesondere bei Kindern, ist ein faszinierendes und vielschichtiges Forschungsgebiet. Studien haben gezeigt, dass Musikerziehung und -therapie positive Auswirkungen auf verschiedene Aspekte der kognitiven und emotionalen Entwicklung haben können. Dieser Artikel beleuchtet die neuesten Erkenntnisse und Forschungsergebnisse zu diesem Thema, wobei ein besonderer Fokus auf die Auswirkungen von Musik auf das Gehirn von Frühgeborenen und die Rolle der kreativen Musiktherapie liegt.
Musiktherapie für Frühgeborene: Ein vielversprechender Ansatz
Sehr frühgeborene Kinder, die vor der 32. Schwangerschaftswoche geboren werden, verpassen wichtige intrauterinen, multimodale Sinneserfahrungen des letzten Trimesters. In dieser kritischen Phase der Synaptogenese und neuronalen Reorganisation können Erfahrungen, die in neuronale Aktivität übersetzt werden, entscheidend für die Entwicklung des Gehirns sein. Musik, die verschiedenste Hirnregionen gleichzeitig aktiviert und synaptische Plastizität fördert, kann hier eine wichtige Rolle spielen.
Kreative Musiktherapie: Ein familienzentrierter Ansatz
Die kreative Musiktherapie ist ein familienzentrierter Ansatz, der auf den Prinzipien der Nordoff-Robbins Musiktherapie basiert. Das Hauptinstrument ist die Stimme, meist improvisiert auf dem Atemrhythmus des Kindes. Bewegungen und Mimik werden in die Improvisation aufgenommen, um eine Synchronisation zu erreichen oder, bei Unruhe des Kindes, beruhigende musikalische Parameter einzusetzen. Eltern werden aktiv in den therapeutischen Prozess eingebunden und zum eigenen Summen/Singen motiviert. Lieblingslieder oder Wunschlieder der Familie können kultursensitiv in den Prozess einfließen.
Ergebnisse einer Studie zur kreativen Musiktherapie bei Frühgeborenen
Eine Studie mit 82 klinisch stabilen, sehr frühgeborenen Kindern zeigte, dass sich bei Frühgeborenen unter Musiktherapie am erwarteten Geburtstermin bestimmte Gehirnfunktionen besser ausbilden. Mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) konnte nachgewiesen werden, dass die Synchronisation zwischen Thalamus und kortikalen Regionen in der Musikgruppe signifikant weniger verzögert war. Verbesserte funktionelle Konnektivität wurde auch in Arealen festgestellt, die für motorische Entwicklung, schulische Leistungen, Konzentration und emotional-soziales Wohlbefinden wichtig sind.
Die Rolle des NICU-Monochords
Beim Känguruhen, wenn Eltern ihr Kind auf der Brust tragen, wird das Singen oft mit dem NICU-Monochord begleitet. Dieses Instrument wird an den Ellbogen oder Arm der Eltern gelegt, um eine vibro-akustische basale Stimulation anzubieten, die an die intrauterinen tief-frequenten Klänge erinnert.
Lesen Sie auch: Frontiers in Neurology: Ein Überblick
Empowerment der Eltern und Förderung der Eltern-Kind-Bindung
Die Studie zeigte, dass alle teilnehmenden Eltern der Musikgruppe mit der Zeit begannen, für ihre Kinder zu singen, entweder mit der Therapeutin zusammen oder allein beim Känguruhen. Dies unterstützt nicht nur die Kinder, sondern stärkt auch die Eltern und fördert die Eltern-Kind-Bindung.
Musik und die Entwicklung des kindlichen Gehirns: Aufmerksamkeit, Gedächtnis und mehr
Musik gilt in allen Lebensphasen als förderlich für das Gedächtnis. Studien haben gezeigt, dass ruhige Musik die neuronale Entwicklung von Frühgeborenen stärkt, da sich die Klänge positiv auf die Verknüpfung wichtiger Hirnregionen auswirken. Musizierende Jugendliche schneiden in Schulfächern wie Mathe, Englisch oder Naturwissenschaften häufig besser ab. Musikmachen fördert das Lesen und die Kreativität und kann auch gegen kognitive Defizite oder erhöhtes Stressempfinden im Alter helfen.
Die Auswirkungen von Musikunterricht auf Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis
Eine Studie mit chilenischen Kindern im Alter von zehn bis 13 Jahren untersuchte die Auswirkungen von Musikunterricht auf Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis. Die Ergebnisse zeigten, dass musikalisch trainierte Kinder eine höhere Hirnaktivität in bestimmten Hirnregionen aufwiesen und dadurch auch eine bessere Aufmerksamkeits- und Gedächtnisleistung zeigten.
Zwei Mechanismen der Verbesserung
Die Forscher identifizierten zwei Mechanismen, die der besseren Leistung der musikalisch trainierten Kinder zugrunde liegen:
- Verbesserte Aufmerksamkeitssteuerung: Diese zeigte sich im sogenannten fronto-parietalen Kontrollnetzwerk, einem Netz aus verschiedenen Hirnregionen, die für zielorientiertes Denken und kognitiv anspruchsvolle Aufgaben aktiviert werden.
- Verbesserte auditive Kodierungsmechanismen: Diese manifestierten sich in zwei aktiveren Hirnregionen im seitlichen vorderen Hirnbereich, dem unteren frontalen Gyrus und dem supramarginalen Gyrus.
Die Bedeutung der Interaktion verschiedener Hirnregionen
Die Interaktion verschiedener Hirnregionen war bei den musizierenden Kindern deutlich verstärkt. Die Tomografieaufnahmen zeigten zudem, dass sich die Hirnstruktur im Frontallappen der Großhirnrinde bei der Kontrollgruppe unterschied.
Lesen Sie auch: Faszination Nesseltiere: Wie sie ohne Gehirn leben
Der "Mozart-Effekt" und seine Neubewertung
Der "Mozart-Effekt", die Idee, dass das Hören von klassischer Musik die geistige Leistung verbessert, ist ein umstrittenes Thema. Während frühe Studien positive Ergebnisse zeigten, haben neuere Forschungen diese Behauptung in Frage gestellt.
Eine Metaanalyse von Studien zur Musikerziehung
Eine Metaanalyse von Studien zum Zusammenhang von Musikerziehung und kognitiven Fähigkeiten sowie schulischen Leistungen von Kindern ergab, dass Musikerziehung keinen positiven Einfluss auf die kognitiven Fähigkeiten von Kindern hat, ebenso wenig auf deren schulische Leistungen in Mathe, Lesen oder Schreiben.
Differenzierte Betrachtung der Ergebnisse
Einige Forscher betonen, dass Studien mit Kontrollgruppen durchaus Effekte zeigten, aber eben für alle genannten Aktivitäten, wie Theater spielen oder malen. Zudem stimulieren Musik grundlegende Funktionen für die Entwicklung eines Kindes, und das auf spielerische Weise, wie Wahrnehmung und Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Sensomotorik sowie emotionale und soziale Funktionen.
Musik als Wert an sich
Unabhängig von den Auswirkungen auf kognitive Fähigkeiten und schulische Leistungen hat Musik per se einen Wert. Sie ist Teil unserer Natur und Kultur und sollte wegen der Musik an sich gemacht werden und nicht für bessere Noten.
Weitere positive Auswirkungen von Musik
Musik hat viele positive Auswirkungen, die über die Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten hinausgehen.
Lesen Sie auch: Lesen Sie mehr über die neuesten Fortschritte in der Neurowissenschaft.
Musiktherapie bei Tinnitus
Die Neuro-Musiktherapie kann bei Tinnitus helfen, indem sie die Fehlsteuerung des Gehirns rückgängig macht. Durch das Nachsummen und Singen von Grundtönen kann der fehlende Ton im Gehirn rekonstruiert werden. Studien haben gezeigt, dass sich schon nach fünf Tagen die Gehirnstrukturen verändern.
Jymmin: Musik und Bewegung
Jymmin, eine Kombination aus freiem musikalischen Improvisieren und Sport, kann positive psychologische Effekte hervorrufen, indem es die persönliche Motivation und Stimmung steigert. Durch die körperliche Verausgabung, um die Musik zu erzeugen, wird der eigentliche Stil nachrangig. Stattdessen erleben die Teilnehmer ihre eigene Handlungsmacht, Klänge selbst erzeugen und verändern zu können.
Sprachförderung durch Musik
In Kindertageseinrichtungen spielt die Förderung sprachlicher Fähigkeiten eine zentrale Rolle. Der Sprachförderansatz KIKUS (Kinder lernen und kommunizieren in unterschiedlichen Sprachen) bezieht verschiedene Ebenen der Sprachförderung ein: Förderung der Kinder in Kleingruppen, Fortbildung der pädagogischen Fachkräfte und Elternarbeit.
Resilienz und Musik in Krisenzeiten
In herausfordernden Zeiten kann Musik eine wichtige Ressource sein, um Resilienz zu stärken und positive Emotionen zu fördern.
Die positiven Effekte von Dankbarkeit und Musik
Dankbarkeit und Musik können positive Auswirkungen auf das Leben, den Körper und die Familie haben. Studien haben gezeigt, dass Musik die Stimmung aufhellen und die Kreativität fördern kann.