Die Diagnose „Hirntumor“ ist für viele Betroffene ein Schock. Glücklicherweise sind viele der etwa 130 verschiedenen Arten von Geschwülsten im zentralen Nervensystem behandelbar. Sie können verkleinert, in ihrem Wachstum gehemmt oder sogar vollständig entfernt und geheilt werden. Die Neurochirurgie bietet hierfür verschiedene moderne Verfahren, darunter die endoskopische Hirntumor-Exstirpation. Dieser Artikel beleuchtet die Ziele, den Ablauf, die Erfolgsaussichten und mögliche Komplikationen dieser Operationsmethode.
Ziele der Operation
Das Hauptziel einer Hirntumoroperation ist die vollständige oder weitestgehende Entfernung der Geschwulst, unter bestmöglicher Erhaltung der Hirnfunktionen. Bei Tumoren, die von Hirnzellen selbst ausgehen und sich tief im Hirngewebe verteilen, ist eine vollständige Entfernung nicht immer möglich. Die Strategie muss immer sein, unter optimaler Erhaltung der Hirnfunktionen die Geschwulst vollständig oder weitestgehend zu entfernen und damit die Voraussetzung für eine unterstützende Nachbehandlung mit Strahlen- oder Chemotherapie zu verbessern.
Ein weiteres wichtiges Ziel ist die Gewinnung einer möglichst großen Tumorprobe für die feingewebliche Untersuchung. Dies ist von großer Bedeutung, da Hirntumoren heutzutage nach ihren biologisch-immunologischen Eigenschaften gezielt behandelt werden können.
Erfolgsaussichten der Operation
Die Erfolgsaussichten einer Hirntumoroperation hängen stark von der Art des Tumors ab. Bei gutartigen Geschwülsten, wie z.B. Meningeomen, gelingt meist eine vollständige und dauerhafte Entfernung. Wenn gutartige Tumoren wie Hypophysenadenome oder Kraniopharyngeome wichtige Hirngefäße oder Sehnerven umgreifen ist eine defensivere Strategie mit Belassung von kleinen Tumorresten besser zur Funktionserhaltung.
Bösartige, aus dem Hirngewebe selbst entstehende Tumoren, wie z.B. das Glioblastom, neigen trotz genauer Beachtung der operativen Tumorgrenzen zum Nachwachsen im umgebenden, bis dahin gesunden Hirngewebe. Deshalb benötigen sie eine gezielte Nachbehandlung mit Strahlentherapie, Chemotherapie und gelegentlich Alternativmethoden wie Therapiefeldern, Immuntherapien oder Behandlung mit Mistel- und Weihrauchextrakt. Gelegentlich sind auch Nachoperationen möglich, wenn der Tumor in einer erreichbaren Region verbleibt.
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Ablauf der Operation
Die Operation und Narkose werden individuell geplant und vorbereitet. In den Tagen vor der Operation werden zur Sicherheit weitere Erkrankungen und Tumoren anderer Körperregionen abgeklärt und hochauflösende Bilder zur Navigation während der Operation angefertigt. Am Operationstag beginnen wir morgens mit dem Hirneingriff, um bereits nachmittags Sicherheit zu haben, dass der Eingriff gut überstanden wurde. Bei hirneigenen Tumoren geben wir früh um 5.00Uhr Gliolan-Saft zu trinken. Die darin enthaltene Aminosäure reichert sich im Tumor an und führt zu einem fluoreszierenden Aufleuchten des Glioms unter Blaulichtbeleuchtung mit dem Mikroskop. Nach der Operation wird die Narkose im Aufwachbereich oder auf der Intensivstation ausgeleitet und der Frischoperierte 24 Stunden beobachtet. Bei Auffälligkeiten führen wir eine Computertomographie durch. Bei Gliomen sollte innerhalb von 48Std. eine Magnetresonanztomographie durchgeführt werden, um Tumorreste ausschließen oder für die Nachbehandlung erfassen zu können.
Neurochirurgische Feinstarbeit mit Mikroskop und Neuronavigation
Neurochirurgie ist Feinstarbeit. Ein immenser Vorteil ist daher die Kombination verfeinerter Operationsverfahren unter dem Mikroskop mit der computergestützten Zielpunktberechnung oder Neuronavigation. Vor einer geplanten Operation werden mit Hilfe der Computertomographie und der Kernspintomographie Daten vom Operationsgebiet (z. B. Gehirn) gewonnen und in einem Rechner gespeichert. Der Operateur kann die Position seines Instrumentes in drei Ebenen auf dem Monitor betrachten und kennt dessen genaue Position. Dadurch wird sicherer und präziser mit kleineren Wunden und kleineren Öffnungen des Schädels und der Wirbelsäule operiert. Hirneigene Tumore können bei der Operation mit einem Farbstoff markiert und unter Blaulichtbetrachtung genauer bis in den Randbereich entfernt werden.
Fluoreszenzgesteuerte Resektion
Bei Patienten mit bösartigen hirneigenen Tumoren (Glioblastomen, anaplastischen Astrozytomen) ist die Radikalität und damit Qualität der operativen Entfernung (Resektion) der Tumoren von entscheidender prognostischer Bedeutung. Zu einem wesentlichen Fortschritt in der operativen Therapie dieser Tumoren führte die Einführung der routinemäßigen fluoreszenzgesteuerten Resektion. Dabei werden die Tumoren zum Leuchten angeregt und sind so bildlich gut darstellbar.
Patienten mit Glioblastomen oder anaplastischen Astrozytomen, welche operiert werden sollen, bekommen am frühen Morgen der Operation einige Milliliter von Gliolan® (5-Aminolävulinsäure, 5-ALA) als Flüssigkeit zu trinken. Dieses 5-ALA wird von Zellen mit einem sehr schnellen Stoffwechsel in eine autofluoreszierende Substanz umgewandelt. Mit speziellen Lichtquellen in den eigens dafür ausgerüsteten Operationsmikroskopen kann diese Fluoreszenz angeregt werden. Da im Gehirn nur Tumorzellen eine derartige Fluoreszenz aufweisen, können die Glioblastome direkt visuell dargestellt und somit wesentlich effizienter operativ entfernt werden.
Eine große Studie konnte nachweisen, dass mit Hilfe dieser fluoreszenzgesteuerten Resektion die Rate an weitestgehenden Resektionen von 35 Prozent auf 65 Prozent gesteigert und das Überleben der betroffenen Patienten - ohne dass sich der Krebs verschlimmert oder weiter ausbreitet - signifikant verlängert werden konnte.
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Intraoperatives neurophysiologisches Monitoring (IOM)
In der Neurochirurgie werden Patient*innen während einer Operation am Gehirn und der Wirbelsäule standardmäßig mittels intraoperativem Neuromonitoring (IOM) überwacht. Mit dem ständigen Blick auf die neurologischen Funktionen können präzisere und komplexere Eingriffe vorgenommen werden. Das Intraoperative neurophysiologische Monitoring (IOM) ist ein technisches Verfahren zur Überwachung der neurologischen Funktionen während operativer Eingriffe am Gehirn und der Wirbelsäule.
In erster Linie werden durch ihren Einsatz postoperative neurologische Komplikationen vermieden. Das IOM dient aber auch dazu, die Grenzen einer Operation bei maximaler Sicherheit auszuweiten und so vormals inoperable Tumor nun operabel zu machen. Somit erfolgt eine «funktionell gesteuerte Mikrochirurgie» mit Erhöhung der Patientensicherheit und des operativen Erfolges.
Das intraoperative neurophysiologische Monitoring lässt sich in zwei Bereiche aufteilen:
- Funktionsüberwachung mit IOM
- Intraoperatives Mapping mit IOM
Funktionsüberwachung mit IOM: Das IOM ist in der Lage, alle Bereiche bezüglich ihrer Funktion zu Überwachen. Dabei werden, je nach dem was überwacht werden soll, spezielle Elektroden auf der Kopfhaut platziert, wie auch in den Muskeln des Gesichts, der Arme und Beine etc. Die Anlage der Elektroden erfolgt in der Narkose und ist für Patient*innen weder schmerzhaft noch in aller Regel mit relevanten Risiken behaftet.
Grundlage hierbei ist die Neurophysiologie: Es erfolgt eine Aktivierung der überwachten Nervenverbindungen und eine Echtzeit-Messung der hierbei erzeugten elektrischen Potenziale. Veränderungen dieser Potentiale dienen als Warnkriterien und führen zum Anpassen des chirurgischen Vorgehens. Die wichtigsten Techniken sind:
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- Transkraniell motorisch evozierte Potentiale (tMEP)
- Somatosensibel evozierte Potentiale (SSEP)
- Direkt kortikal evozierte Potentiale (DCS)
- Frei laufendes EMG (frEMG)
- Akustisch evozierte Potentiale (AEPs)
- Kontinenzüberwachung
- D-Wave Monitoring bei spinalen intramedullären Eingriffen
Intraoperatives Mapping mit IOM: Mit dem Mapping werden sogenannte „Landkarten“ auf dem Gehirn erstellt. Diese zeigen den Chirurg*innen die eloquenten Areale, d.h. die Bereiche, die funktionell wichtig sind und durch den chirurgischen Eingriff nicht beeinträchtigt werden dürfen. Diese Technik ist besonders dann wichtig, wenn Tumore die klassische Anatomie verändern oder bei Eingriffen im Schädelbasisbereich und nahe des Hirnstammes.
Das Mapping kommt zusätzlich zur „Überwachung“ zur Anwendung, wenn es darum geht, bestimmte Areale zu lokalisieren wie:
- Haupt-Bewegungsareal
- Haupt-Gefühlsareal
- Sprache (dann als „Wachoperation“)
- Funktion und Verlauf der wichtigsten Hirnnerven (z.B. Augenmuskelnerven, Gesichtsnerv, Schlucknerv)
Mit dem Mapping kann man die klassischen W-Fragen beantworten:
- Ist da WER?
- WO bist du genau?
- WIE WEIT bist du weg?
- WER bist du?
- WIE geht es dir?
Von den funktionell wichtigen Bereichen gehen „Leitungsbahnen“ ab, die wie Kabel die Steuerzentrale (Gehirn) mit dem Effektororgan (z.B. Muskel im Arm) verbinden. Auch diese Leitungsbahnen in der Tiefe werden durch das Mapping „abgetastet“ und während der Operation geschont. In Kombination mit verschiedenen präoperativen Untersuchungsmethoden, wie der navigierten transkraniellen Magnetstimulation, dem Fibertracking, dem PET/SPECT und dem fMRT, deren Daten in die intraoperative Neuronavigation implementiert werden, erreicht man somit eine maximal genaue „Kartierung“ der wichtigen Strukturen und deren Lage zum Tumor. Die wichtigsten Techniken sind:
- Direkte Nervenstimulation (DNS)
- Mapping der Hirnnervenkerne und der Hirnnerven
- Sprachmapping (als Wachoperation)
- Phasenumkehr
- Stimulierter Sauger
Für jeden Patientin wird vorab im Team ein individueller „IOM-Plan“ mit den jeweils relevanten Komponenten erstellt, sodass eine patienten- und befundgesteuerte intraoperative Überwachung mit maximaler Erhöhung der Sicherheit und des bestmöglich zu erzielenden operativen Ergebnisses erfolgt.
Transsphenoidale Operation bei Hypophysentumoren
Eine Hypophysenoperation kann prinzipiell wegen der besonderen Lage der Hypophyse auf zwei verschiedenen Zugangswegen erfolgen. In Zentimetern gemessen, ist es ja von fast jedem Punkt an der Oberfläche des Kopfes bis zur Hypophyse gleich weit. Man wählt daher für die Operationen die Routen, auf denen am wenigsten wichtige Strukturen geschädigt werden können. Die transsphenoidale Operation, also der Zugang zur Hirnanhangsdrüse durch die Keilbeinhöhle, ist um 1907-1910 entwickelt worden. Allerdings führte erst die Einführung des Operationsmikroskops und eines speziell entwickelten Instrumentariums für diesen Eingriff seit etwa 1975 dazu, dass sich die Methode in Deutschland durchsetzen konnte und weite Verbreitung fand.
Ihr Prinzip beruht darauf, dass die Nasengänge als Korridor zu der unter der mittleren Schädelbasis befindlichen Keilbeinhöhle benutzt wird, von wo aus auf den Hypophysentumor zugegangen wird. Die Operation wird in Vollnarkose ausgeführt, das heißt, der Patient schläft während der ganzen Zeit und hat keine Schmerzen. Heutzutage kann eine transsphenoidale Operation mit zwei unterschiedlichen optischen Hilfen durchgeführt, die mikrochirurgische und endoskopische Technik.
Das Operationsmikroskop ermöglicht dem Operateur, das relativ kleine OP-Feld stark vergrößert und ausreichend hell beleuchtet darzustellen. Der Beginn der OP kann leicht variieren. Einerseits kann ein kleiner Schleimhautschnitt in der Nase, seltener ein Schleimhautschnitt unter der Oberlippe zum Aufsuchen der knorpeligen Nasenscheidewand benutzt werden. Dabei müssen kleine Teile der knöchernen Nasenscheidewand entfernt werden. Andere Teile werden auf eine Seite geklappt. Dieser Schleimhauttunnel (transseptal = durch das Nasenseptum, also die Nasenscheidewand) muss durch ein rohrförmiges Halteinstrument offen gehalten werden (Spekulum), weil er sonst zusammenfallen würde wie ein Zelt, aus dem die Zeltstangen entfernt werden. Durch diesen langen und schmalen Kanal kann der Operateur/die Operateurin im hellen Lichtkegel des Operationsmikroskops auf den Boden der Keilbeinhöhle blicken, diesen eröffnen und durch die nur von Luft erfüllte und von Schleimhaut ausgekleidete Keilbeinhöhle die unteren Konturen der mittleren Schädelbasis sehen. Man erkennt den Türkensattel („Sella turcica”), der die Hirnanhangsdrüse bzw. das Hypophysenadenom enthält.
Transkranielle Operation bei Hypophysentumoren
Sie ist dann notwendig, wenn ein Hypophysentumor auf transsphenoidalem Wege nicht erreicht oder entfernt werden kann. Bei der transkraniellen Operation wird nach einem bogenförmigen Hautschnitt, der üblicherweise unter dem Haaransatz oder der Augenbraue verläuft, über ein oder mehrere Bohrlöcher im Schädeldach ein kleiner Knochendeckel herausgesägt, der etwa die Größe einer Streichholzschachtel hat. Die Wahl des Hautschnittes soll sicherstellen, dass ein möglichst günstiges kosmetisches Resultat nach der Operation erzielt wird, das heißt, dass man es einem Patienten nicht ansehen soll, dass er operiert worden ist. Dazu dient auch das heute üblicherweise praktizierte Herausklappen des Knochendeckels, der mit dem Kaumuskel verbunden bleibt, sodass eine Ernährung dieses Knochenteils und eine beibehaltene Fixierung des Muskels gewährleistet sind. Er wird am Ende der Operation wieder in die durch die Schädeleröffnung entstandene Knochenlücke eingesetzt und befestigt.
Nach Eröffnung der harten Hirnhaut, die das Gehirn zunächst noch schützt, kann man in dem Spaltraum zwischen dem Stirn- und Schläfenlappen des Gehirns sowie zwischen Hirn und Schädelbasis vordringen. Durch Absaugen von Nervenwasser ist es dann möglich, so viel Platz zu schaffen, dass wiederum durch einen schmalen Spalt unter Zuhilfenahme des Operationsmikroskops bis in den Bereich, in dem der Hypophysentumor gewachsen ist, eingesehen werden kann. Dabei wird kaum Druck auf das Hirngewebe ausgeübt. Man kann bei dieser Operation die großen, das Hirn versorgenden Blutgefäße, die Sehnervenkreuzung und die Riechnerven erkennen und schonen.
Üblicherweise sind die Sehnerven bzw. die Sehnervenkreuzungen bei derartigen Operationen durch die aus ihrer Nische in die Schädelbasis herauswachsende Geschwulst angehoben. Durch sorgfältige Präparation mit dem speziell dafür geschaffenen Instrumentarium unter dem Operationsmikroskop wird die Geschwulst dann schrittweise verkleinert und von den umgebenden Strukturen abgelöst. In manchen Fällen erlauben es Verwachsungen des Tumors mit den umgebenden wichtigen Strukturen nicht, den Tumor vollkommen zu entfernen, ohne dass Gefahr für den Patienten bestünde.
Am Ende der Operation wird die harte Hirnhaut zugenäht, der Knochendeckel in die Knochenlücke wieder eingepasst und schichtweise der Kaumuskel, das Unterhautgewebe und die Haut vernäht, wobei im Bereich des Knochendeckels möglicherweise für 1-2 Tage eine Ableitung belassen wird, durch die nachsickerndes Blut abgesaugt werden kann. Nach dieser Operation ist immer eine Intensivstationsbehandlung erforderlich, die allerdings in den meisten Fällen nur 1-2 Tage dauert. Es bestehen zwar Kopfschmerzen, diese sind jedoch erträglich. Man kann allerdings auch nach so einer Operation relativ rasch wieder aufstehen.
Mögliche Komplikationen
Eine Hirnoperation ist immer mit besonderen Risiken verbunden: Hirnschwellung, Blutung, Infarkt können zu Funktionsstörungen des Hirns wie Wachheitsstörungen, Persönlichkeitsveränderungen, Lähmungen, Störungen von Sinneswahrnehmungen oder epileptischen Anfällen führen. Vermeidung und Beherrschung dieser Probleme sind zentrale Aufgabe des OP-Teams. Mit Erfahrung, Sorgfalt und zuverlässiger, moderner Technik im OP und auf der Intensivstation sind die meisten Komplikationen zu beherrschen.
Bei allen Operationen von Hypophysentumoren bestehen zunächst einmal die sogenannten allgemeinen Operationsgefahren, die mit der Tatsache, dass eine Operation stattgefunden hat und nicht speziell mit der Behandlung des Hypophysentumors zu tun haben. Darüber hinaus können prinzipiell bei der OP eines Hypophysentumors auch alle Strukturen in Mitleidenschaft gezogen werden, die sich um den Tumor herum befinden bzw. auf dem operativen Zugangsweg liegen. In vielen Fällen dient der Eingriff zwar einer Verbesserung des Sehvermögens, jedoch ist die bestehende, aber sehr seltene Möglichkeit der Sehverschlechterung nicht ausgeschlossen. Auch kann es durch Irritationen der Hirnnerven, die die Augenmuskeln versorgen, zu Doppelbildern kommen. Schließlich ist eine Verschlechterung der Hypophysenfunktion möglich, eine Hypophyseninsuffizienz, die eine oder mehrere Funktionen des Hypophysenvorderlappens bzw. des Hypophysenhinterlappens betreffen kann.
Die transkranielle Operation kann außerdem zu einer Abstoßung des Knochendeckels mit einer daraus resultierenden Knochenlücke führen. Wegen der Nähe des Tumors zu den in der Schädelbasis liegenden großen hirnversorgenden Blutgefäßen ist sowohl eine Verletzung dieser Gefäße im Rahmen des Eingriffs als auch eine Irritation der Gefäßwand mit einer Engerstellung und dadurch verminderten Blutversorgung abhängiger Hirnabschnitte möglich. Auch kann es nach der transsphenoidalen Operation zum Abtropfen von Nervenwasser durch die Nase kommen, einer sogenannten Liquorfistel, die eine erneute OP zum Verschluß der Undichtigkeit notwendig macht. Bei der transkraniellen Operation ist dies extrem selten. Hier besteht die Möglichkeit einer Liquoransammlung unter der Haut, eines sogenannten Liquorkissens. Man muss sich allerdings im Klaren sein, dass (schwere) Komplikationen insgesamt selten sind.
Wichtige Hinweise
Die operative Entfernung eines Hirntumors ist bei bestimmten Tumorarten nicht ausreichend, um ein Weiterwachsen oder Wiederauftreten des Tumors zu vermindern. Aus diesem Grund ist eine intensive Zusammenarbeit der Neurochirurgie mit der Strahlentherapie und der internistischen Chemotherapie erforderlich. Die Fälle werden in Tumorkonferenzen besprochen, einvernehmlich weiterbehandelt und über Monate und Jahre hin immer wieder mit Magnetresonanztomographien kontrolliert und in der Nachsorge ambulant im Medizinischen Versorgungszentrum der Neurochirurgie oder des Cancer-Centers betreut. So können verdächtige Neubildungen zeitnah und effektiv weiterbehandelt werden. Mittlerweile gibt es Patientinnen und Patienten mit schwierig zu behandelnden Tumoren, die wir bereits seit über 20 Jahren beobachten und betreuen.
Rehabilitation und Nachsorge
Nach der Operation wird der Patient in die neurochirurgische Überwachungsstation verlegt, wo er aufwacht. Normalerweise erfolgt eine MR- oder CT-Kontrolle am nächsten Tag oder spätestens 48 Stunden nach der Operation, um das Ergebnis der Operation festzustellen. Der Patient geht am 1. Tag nach der Operation bei komplikationslosem Verlauf auf die Allgemeinstation zurück und kann mit Unterstützung der Physiotherapie schrittweise mobilisiert werden, sodass der Patient nach etwa 7 bis 10 Tagen die Klinik wieder verlassen kann (nach Hause, Heimatkrankenhaus, Rehaklinik etc.). Eine Cortisongabe für 3 bis 7 Tage nach der Operation wird allgemein durchgeführt, die Reduktion erfolgt schrittweise in Abhängigkeit von dem klinischen und radiologischen Befund. In Abhängigkeit von dem feingeweblichen Untersuchungsergebnis wird eine zusätzliche Therapie, z.B. Strahlen- und Chemotherapie, angeschlossen. Die klinische und MRT-Kontrolle erfolgt ca. 4 Wochen nach Abschluss der Strahlentherapie, danach je nach Tumor alle 2-3 Monate.
Leben nach der Operation: Ein Patientenbericht
Georg, 50 Jahre alt, berichtet von seinen Erfahrungen mit einem Hypophysentumor: "Vor gut einem Jahr machten sich bei mir verschiedene gesundheitliche Störungen bemerkbar, die ich nicht einzuordnen wusste. Ich hatte tagsüber eine bisher nicht gekannte Müdigkeit, Benommenheit und Schwindelgefühl. Außerdem litt ich unter einem Druck hinter den Augen, die vorwiegend morgens glasig waren und brannten."
Nachdem ein Kernspintomogramm angefertigt worden war, war am Vorliegen eines Hypophysenadenoms, das auf die Sehnervenkreuzung drückte, kein Zweifel mehr. Plötzlich mit der Gewissheit konfrontiert zu sein, einen Hirntumor zu haben, war für mich anfangs sehr schwer zu verkraften. Auch hatte ich Angst vor einer eventuell notwendigen Operation.
"Aber schon bei einer ambulanten Vorstellung in der Neurochirurgischen Klinik sagte man uns, dass der Tumor relativ gut operierbar sei und ein Patient hinterher gute Chancen habe, ein normales Leben führen zu können. Diese Aussagen stimmten uns etwas hoffnungsvoller."
Von der Operation selbst habe ich nicht viel mitbekommen. Als ich aus der Narkose aufgewacht bin, konnte ich nicht durch die Nase atmen, weil Tamponaden diese versperrten. Auch tat mir der rechte Oberschenkel weh, an der Entnahmestelle des Muskelhauttransplantats. Weil der Schleimhautschnitt unter der Oberlippe gelegt worden war, musste ich eine Woche lang passierte Kost essen. Meine Flüssigkeitsausscheidung war zunächst gestört. Ich musste ein halbes Jahr Desmopressin, einen Wirkstoff zur Hemmung der Wasserausscheidung, schnupfen. Dann waren Trinkmenge und Ausscheidung wieder in Ordnung. Bei der Nachuntersuchung wurde im Kernspintomogramm kein Hinweis auf einen Tumorrest festgestellt, doch wurde mir wegen häufig auftretender Übelkeit eine Vorstellung in der Endokrinologie empfohlen. Im Augenblick erhalte ich alle drei Wochen eine Spritze mit dem männlichen Geschlechtshormon Testosteron.
Manche Patienten brauchen nach einer Operation Hormonpräparate, die eingesetzt werden, wenn durch den Ausfall der Hypophyse bestimmte Hormondrüsen nicht mehr ausreichend funktionieren (Schilddrüsen, Nebenniere, Hoden, Eierstöcke). Alle diese Medikamente, die zur Dauerbehandlung einer Hypophyseninsuffizienz eingesetzt werden, werden durch die Krankenkasse bezahlt. Sie werden in der Regel vom Endokrinologen/-in bzw. vom Hausarzt/-ärztin verschrieben. Medikamente, die zur Behandlung einer hormonellen Überfunktion oder zur Behandlung eines Anfallsleidens dienen, müssen regelmäßig oder dauernd eingenommen werden.
Grundsätzlich besteht nach transsphenoidaler Operation eines Hypophysenadenoms keine Einschränkung zum Führen eines Kraftfahrzeugs, sofern keine Störungen des Sehvermögens vorliegen. In diesen Fällen braucht auch die Führerscheinstelle nicht informiert zu werden. Beim Vorliegen von Sehstörungen müssen Sie nach Rücksprache mit Ihrem Augenarzt Ihre Führerscheinstelle informieren und das Lenken von Kraftfahrzeugen unter Umständen unterlassen. Nach einer transkraniellen Operation ist generell für 3 Monate das Führen eines Kraftfahrzeugs zu unterlassen. Das gilt auch beim Vorliegen eines Anfallsleidens. Das Lenken von Kraftfahrzeugen ist zu unterlassen, wenn nicht mindestens zwei Jahre Anfallsfreiheit besteht, wobei eine Anfallsfreiheit unter Medikamenten auch berücksichtigt wird. In der Regel ist nach Operation eines Hypophysenadenoms eine Berentung nicht notwendig.
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