Die Hirnnerven sind ein essenzieller Bestandteil des menschlichen Nervensystems. Sie verbinden das Gehirn direkt mit verschiedenen Bereichen des Kopfes, des Halses und des Rumpfes. Im Gegensatz zu den Spinalnerven, die aus dem Rückenmark entspringen, entspringen die zwölf Hirnnervenpaare direkt aus dem Gehirn, genauer gesagt, hauptsächlich aus dem Hirnstamm. Diese Nerven steuern lebenswichtige Funktionen wie sensorische Wahrnehmung, motorische Kontrolle und vegetative Prozesse.
Einführung in die Hirnnervenkerne
Hirnnervenkerne sind die Ursprungsorte der motorischen Nerven und die Projektionsorte sensibler Nerven. Die Hirnnerven lassen sich in sieben Kategorien einteilen, je nach der Qualität, die ein Nerv leitet. Da einige Hirnnerven verschiedene Qualitäten besitzen, haben sie auch mehrere Kerne. Die Hirnnervenkerne liegen hauptsächlich im Hirnstamm, der sich aus Mittelhirn, Brücke und verlängertem Mark zusammensetzt.
Die Rolle des Großhirns
Das Großhirn, bestehend aus zwei Hemisphären, die durch den Balken (Corpus callosum) verbunden sind, spielt eine zentrale Rolle bei höheren kognitiven Funktionen. Die Oberfläche der Hemisphären ist durch Furchen (Sulci) und Windungen (Gyri) vergrößert. Die graue Substanz bildet die Großhirnrinde, während die weiße Substanz das Marklager bildet. Die Großhirnrinde ist in 52 Rindenfelder (Brodmann-Areale) eingeteilt, die die Endstätten aufsteigender Nervenbahnen darstellen.
Funktionelle Bereiche der Großhirnrinde
Die motorische Rinde (Areal 4 und 6) steuert Muskelaktivitäten, während das motorische Sprachzentrum (Broca-Areal, Areal 44 und 45) für die Sprachproduktion verantwortlich ist. Das Sehzentrum befindet sich in Areal 17. Das Marklager enthält Nervenfasermassen, die von Nervenzellen der Großhirnrinde abgehen oder zu ihr ziehen. Projektionsfasern verbinden die Hirnrinde mit subkortikalen Zentren, während Kommissurenfasern die Rindenbereiche der beiden Hemisphären miteinander verknüpfen. Die Basalganglien, Gruppen von Nervenzellkernen in der Tiefe der weißen Substanz, sind ebenfalls wichtige Funktionseinheiten.
Bewusstsein ist an die Großhirnrinde geknüpft, und nur Sinnesreize, die bis zur Großhirnrinde weitergeleitet werden, werden bewusst wahrgenommen. Die Fähigkeit zur Sprache ist an bestimmte Rindengebiete der dominanten Hemisphäre gebunden. Schädigungen im Frontallappen können zu Persönlichkeitsveränderungen führen, während Schädigungen im Scheitellappen verschiedene Formen der Agnosie verursachen können. Im Schläfenlappen befinden sich die Hör- und Sprachregionen sowie der Hippocampus, der für die Gedächtnisbildung zuständig ist. Der Hinterhauptslappen enthält die Sehregion, und Schädigungen können zu Rindenblindheit führen.
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Der Hirnstamm: Schaltzentrale der Hirnnerven
Der Hirnstamm, bestehend aus Mittelhirn, Brücke und verlängertem Mark, ist der Ursprungsort der meisten Hirnnerven. Die anatomische Organisation des Hirnstamms ähnelt der des Rückenmarks, wobei sensible Kerne aus der Flügelplatte und motorische Kerne aus der Grundplatte entstehen.
- Mittelhirn (Mesencephalon): Begrenzt durch Zwischenhirn und Brücke, enthält es Nervenzellkörper für Muskelaktivitäten (Substantia nigra, Nucleus ruber) und die Kerne des III. und IV. Hirnnervs.
- Brücke (Pons): Liegt zwischen verlängertem Mark und Mittelhirn, enthält die Nervenzellkörper für den V. bis VIII. Hirnnerv sowie Teile des Atem-, Kreislauf- und Aktivitätszentrums.
- Verlängertes Mark (Medulla oblongata): Geht in das Rückenmark über und enthält die Ursprungsorte für den IX. bis XII. Hirnnerv. Hier verdickt sich auch die Pyramidenbahn.
Die Hirnnerven enthalten afferente (sensible) und efferente (motorische) Fasern mit somatischer und viszeraler Qualität. Im Hirnstamm gibt es zusätzlich spezielle afferente und efferente Nerven für Strukturen, die im Rückenmark nicht vorhanden sind, wie Abkömmlinge des Kiemendarms und Sinnesorgane.
Die End- und Ursprungskerne sind in Zellsäulen angeordnet, wobei die Hirnnervenkerne medio-lateral in sechs Längssäulen gruppiert sind, entsprechend ihrer Funktion.
Funktionelle Gruppen der Hirnnerven
Die Hirnnerven lassen sich nach ihren funktionellen Komponenten in verschiedene Gruppen einteilen:
- Allgemein somatoafferent (GSA): Diese Nervenfasern leiten sensorische Informationen von der Haut, den Muskeln und den Gelenken zum Gehirn. Ein Beispiel ist der N. trigeminus (V), der die Oberflächensensibilität aus der Gesichtshaut vermittelt.
- Speziell somatoafferent (SSA): Diese Fasern sind für spezielle Sinnesmodalitäten wie Sehen (N. opticus, II), Hören und Gleichgewicht (N. vestibulocochlearis, VIII) zuständig.
- Allgemein viszeroafferent (GVA): Diese Fasern leiten sensorische Informationen von den inneren Organen zum Gehirn. Ein Beispiel ist der N. vagus (X), der Informationen von Herz, Lunge und Verdauungstrakt übermittelt.
- Speziell viszeroafferent (SVA): Diese Fasern sind für den Geschmack (N. facialis, VII; N. glossopharyngeus, IX; N. vagus, X) und den Geruch (N. olfactorius, I) zuständig.
- Allgemein somatoefferent (GSE): Diese Fasern innervieren die Skelettmuskulatur. Beispiele sind die Augenmuskelnerven (N. oculomotorius, III; N. trochlearis, IV; N. abducens, VI) und der N. hypoglossus (XII), der die Zungenmuskulatur steuert.
- Allgemein viszeroefferent (GVE): Diese Fasern innervieren die glatte Muskulatur, die Herzmuskulatur und die Drüsen. Ein Beispiel ist der N. vagus (X), der parasympathische Funktionen in Brust und Bauch steuert.
- Speziell viszeroefferent (SVE): Diese Fasern innervieren die Muskeln, die sich aus den Kiemenbögen ableiten, wie die Kaumuskulatur (N. trigeminus, V) und die mimische Muskulatur (N. facialis, VII).
Die Kiemenbogennerven (V, VII, IX, X)
Die Kiemenbogennerven (N. trigeminus, N. facialis, N. glossopharyngeus, N. vagus) zeigen aufgrund der phylogenetischen Entwicklung einen gemeinsamen Bauplan. Jeder Kiemenbogennerv (N. branchialis) zeigt ursprünglich die typische Einteilung in ein epibranchiales Ganglion (sensibel), einen Ramus dorsalis (somatosensibel) und einen Ramus ventralis mit:
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- Ramus posttrematicus (viszerosensibel, somatosensibel, viszeromotorisch): Hauptast, führt stets die motorischen Fasern und enthält außerdem auch sensible Fasern.
- Ramus praetrematicus (viszerosensibel): führt ursprünglich nur viszerosensible Fasern.
- Ramus pharyngeus dors. (viszerosensibel): Versorgung der Schleimhaut in den dorsalen KB-Bezirken.
Im Laufe der Entwicklung wird dieses Einteilungsschema zugunsten einer Spezialisierung und Umgestaltung stark modifiziert.
Einzelne Hirnnerven und ihre funktionellen Gruppen
Im Folgenden werden einige wichtige Hirnnerven und ihre zugehörigen funktionellen Gruppen detaillierter beschrieben:
N. oculomotorius (III)
- Funktion: Steuert die meisten äußeren Augenmuskeln (M. rectus superior, inferior, medialis, M. obliquus inferior) und den M. levator palpebrae superioris (Hebemuskel des oberen Augenlids). Innerviert viszeroefferent den M. ciliaris (Akkommodation) und den M. sphincter pupillae (Pupillenverengung).
- Funktionelle Gruppen: GSE, GVE
- Kerngebiete: Im Mittelhirn
- Verlauf: Verlässt das Gehirn am Vorderrand der Brücke in der Fossa interpeduncularis und zieht an der seitlichen Wand des Sinus cavernosus zur Fissura orbitalis superior, durch welche er in die Augenhöhle gelangt.
- Äste: R. superior (nur motorische Fasern) und R. inferior (motorische und parasympathische Fasern). Die parasympathischen Fasern spalten sich als Radix oculomotoria ab und ziehen zum Ganglion ciliare, wo die Fasern vom prä- auf das postganglionäre Neuron umgeschaltet werden. Aus dem Ggl. ciliare gehen die etwa 10 15 Nerven (Nn. ciliares breves) ab, die dann den Ciliarmuskel für die Akkommodation der Linse sowie den M. sphincter pupillae für die Verengung des Sehlochs innervieren.
N. trochlearis (IV)
- Funktion: Steuert den M. obliquus superior (Augenbewegung nach unten und außen).
- Funktionelle Gruppe: GSE
- Kernareal: Im kaudalen Bereich des Mittelhirns.
- Verlauf: Tritt als einziger Hirnnerv dorsal, unterhalb der Vierhügelplatte aus dem Gehirn heraus, wendet sich in der Cisterna ambiens um den Hirnschenkel nach vorn und erscheint dann am lateralen und vorderen Rand der Brücke an der Hirnbasis. Er zieht neben dem N. oculomotorius an der lateralen Wand des Sinus cavernosus nach vorn und tritt durch die Fissura orbitalis superior in die Augenhöhle ein, wo er den M. obliquus superior innerviert.
N. abducens (VI)
- Funktion: Steuert den M. rectus lateralis (Augenbewegung nach außen).
- Funktionelle Gruppe: GSE
- Kerngebiet: In der hinteren Brückenhaube im Boden der Rautengrube.
- Verlauf: Tritt medial zwischen Brücke und Pyramide aus. Er zieht über dem Clivus nach vorn, taucht in Höhe der Pyramidenspitze durch die Dura mater in den Sinus cavernosus und gelangt durch die Fissura orbitalis superior innerhalb des Anulus tendineus zum M. rectus lateralis.
N. trigeminus (V)
Funktion: Vermittelt Oberflächensensibilität aus der Gesichtshaut, den oro-nasalen Schleimhäuten, der Orbita und den Zähnen. Leitet propriozeptive Information aus der mimischen Muskulatur. Versorgt die Kaumuskulatur.
Funktionelle Gruppen: GSA, SVE
Ganglion: Ganglion trigeminale (Gasseri)
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Hauptäste: N. ophthalmicus (V1), N. maxillaris (V2) und N. mandibularis (V3)
- N. ophthalmicus (V1): Verläuft entlang der seitlichen Wand des Sinus cavernosus und teilt sich vor dem Eintritt in die Orbita in seine drei Endäste (N. lacrimalis, N. frontalis, N. nasociliaris). Versorgt die Haut des oberen Augenlids, der Stirn und der Nase sowie die Schleimhaut der Nasenhöhle.
- N. maxillaris (V2): Verläuft in der Seitenwand des Sinus cavernosus und gelangt durch das For. rotundum in die Fossa pterygopalatina. Versorgt die Haut des unteren Augenlids, der Wange und der Oberlippe sowie die Schleimhaut der Nasenhöhle und des Gaumens.
- N. mandibularis (V3): Der stärkste Hauptast des N. V. Verlässt die Schädelhöhle durch das For. ovale und teilt sich in der Fossa infratemporalis in eine vordere (vorwiegend motorische) und eine hintere (vorwiegend sensible) Astgruppe. Die vordere Astgruppe (N. masticatorius) versorgt die Kaumuskeln, den M. tensor tympani und den M. tensor veli palatini. Die hintere Astgruppe versorgt die Haut von Unterlippe, Kinn und Wange sowie die Schleimhaut der Wange und des Mundhöhlenbodens.
N. facialis (VII)
- Funktion: Versorgt die mimische Muskulatur, den M. stapedius, den M. stylohyoideus und den hinteren Bauch des M. digastricus. Vermittelt Geschmacksempfindungen im vorderen Drittel der Zunge. Steuert die Tränen- und Speichelsekretion.
- Funktionelle Gruppen: SVE, SVA, GVE, GSA
- Kerngebiete: Ncl. n. facialis (motorisch), Ncl. salivatorius superior (parasympathisch), Ncl. tractus solitarii (sensorisch)
- Verlauf: Verlässt den Hirnstamm am Kleinhirnbrückenwinkel und tritt mit dem N. VIII durch den Meatus acusticus internus in das Felsenbein. Verläuft im Canalis n. facialis und tritt durch das Foramen stylomastoideum aus der Schädelbasis aus.
- Äste: N. petrosus major (parasympathische Fasern zum Ganglion pterygopalatinum), Chorda tympani (Geschmacksfasern und parasympathische Fasern zum Ganglion submandibulare), R. stapedius (motorisch zum M. stapedius), Rr. terminales (motorisch zur mimischen Muskulatur).
N. glossopharyngeus (IX)
- Funktion: Versorgt die Schleimhaut des Oropharynx, die Tonsillen, das hintere Drittel der Zunge und die Tuba auditiva. Vermittelt Geschmacksempfindungen im hinteren Drittel der Zunge. Steuert die Speichelsekretion der Glandula parotidea. Innerviert den M. stylopharyngeus.
- Funktionelle Gruppen: GSA, GVA, SVA, GVE, SVE
- Kerngebiete: Ncl. ambiguus (motorisch), Ncl. salivatorius inferior (parasympathisch), Ncl. tractus solitarii (sensorisch)
- Verlauf: Begleitet den N. vagus durch das Foramen jugulare und verläuft dann nach vorn, um gemeinsam mit dem M. stylopharyngeus in den Oropharynx zu gelangen.
- Äste: R. tympanicus (sensorisch zum Trommelfell), N. petrosus minor (parasympathische Fasern zum Ganglion oticum), Rr. pharyngei (sensorisch zum Pharynx), Rr. tonsillares (sensorisch zu den Tonsillen), Rr. linguales (sensorisch und sensorisch zur Zunge).
N. vagus (X)
- Funktion: Versorgt zahlreiche Organe im Kopf-, Hals-, Brust- und Bauchbereich. Steuert die Herzfrequenz, die Atmung und die Verdauung. Vermittelt sensorische Informationen von den inneren Organen.
- Funktionelle Gruppen: GSA, GVA, SVA, GVE, SVE
- Kerngebiete: Ncl. dorsalis n. vagi (parasympathisch), Ncl. ambiguus (motorisch), Ncl. tractus solitarii (sensorisch)
- Verlauf: Verlässt die Schädelhöhle durch das Foramen jugulare und verläuft im Halsbereich abwärts in den Brust- und Bauchraum.
- Äste: R. meningeus (sensorisch zur Dura mater), R. auricularis (sensorisch zum äußeren Gehörgang), Rr. pharyngei (motorisch und sensorisch zum Pharynx), N. laryngeus superior (motorisch und sensorisch zum Kehlkopf), N. laryngeus recurrens (motorisch und sensorisch zum Kehlkopf), Rr. cardiaci (parasympathisch zum Herzen), Rr. pulmonales (parasympathisch zur Lunge), Rr. oesophagei (parasympathisch zur Speiseröhre), Rr. gastrici (parasympathisch zum Magen), Rr. intestinales (parasympathisch zum Darm).
N. hypoglossus (XII)
- Funktion: Steuert die Zungenmuskulatur (mit Ausnahme des M. palatoglossus).
- Funktionelle Gruppe: GSE
- Kerngebiet: Ncl. nervi hypoglossi im kaudalen Teil des verlängerten Marks.
- Verlauf: Tritt mit etwa einem Dutzend Wurzelfäden zwischen der Oliva inferior und der Pyramide aus der Medulla oblongata und dann durch den Canalis hypoglossi aus dem Schädel heraus.
- Äste: Rr. linguales (motorisch zur Zungenmuskulatur), Rr. meningei (sensible Äste aus der Ansa cervicalis zur Dura der hinteren Schädelgrube), R. geniohyoideus (motorisch zum M. geniohyoideus).
Klinische Bedeutung
Schädigungen der Hirnnerven können zu einer Vielzahl von neurologischen Ausfällen führen, abhängig davon, welcher Nerv betroffen ist und welche funktionellen Gruppen betroffen sind.
- N. oculomotorius (III): Schädigung führt zu Ptosis (Herabhängen des Augenlids), Diplopie (Doppelbilder), Mydriasis (Pupillenerweiterung) und eingeschränkter Augenbewegung.
- N. trochlearis (IV): Schädigung führt zu Diplopie, insbesondere beim Blick nach unten und innen.
- N. abducens (VI): Schädigung führt zu Strabismus convergens (Einwärtsschielen) und Diplopie.
- N. trigeminus (V): Schädigung führt zu Sensibilitätsverlust im Gesicht, Schmerzen (Trigeminusneuralgie) und Schwäche der Kaumuskulatur.
- N. facialis (VII): Schädigung führt zu Fazialisparese (Lähmung der Gesichtsmuskulatur), Geschmacksverlust im vorderen Drittel der Zunge, verminderter Tränen- und Speichelsekretion.
- N. glossopharyngeus (IX): Schädigung führt zu Schluckbeschwerden, Geschmacksverlust im hinteren Drittel der Zunge und verminderter Speichelsekretion.
- N. vagus (X): Schädigung führt zu Heiserkeit, Schluckbeschwerden, Herzrhythmusstörungen und Verdauungsstörungen.
- N. hypoglossus (XII): Schädigung führt zu Zungenlähmung und Schwierigkeiten beim Sprechen und Schlucken.
Untersuchung der Hirnnerven
Die Untersuchung der Hirnnerven ist ein wichtiger Bestandteil der neurologischen Untersuchung. Dabei werden die Funktionen jedes einzelnen Nervs systematisch geprüft, um eventuelle Schädigungen festzustellen.
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