Gedankenexperiment Gehirn-Nachbau: Forschung zwischen Realität und Fiktion

Die Forschung im Bereich des Gehirn-Nachbaus durch Gedankenexperimente ist ein faszinierendes und zugleich kontroverses Feld. Es berührt philosophische Fragen nach dem Bewusstsein, der Identität und der Möglichkeit, menschliche Intelligenz künstlich zu erschaffen. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte dieser Forschung, von den theoretischen Grundlagen bis hin zu den ethischen Implikationen.

Einleitung

Die Idee, ein menschliches Gehirn nachzubauen, sei es in Form einer Simulation oder eines physischen Nachbaus, ist ein zentrales Thema in der Philosophie, den Neurowissenschaften und der künstlichen Intelligenzforschung. Gedankenexperimente wie das "Chinesische Zimmer" von John Searle dienen dazu, die Grenzen und Möglichkeiten solcher Nachbildungen zu ergründen und grundlegende Fragen nach dem Wesen des Geistes und des Bewusstseins zu stellen.

Die Geschichte als Werkzeug: Storytelling in der Wissenschaft

Komplexe wissenschaftliche Themen werden zunehmend durch Storytelling verständlich gemacht. Geschichten übersetzen abstrakte Probleme in konkrete Handlungen und machen sie so zugänglicher. Bekannte Beispiele hierfür sind Schrödingers Katze, der Turing-Test und das Chinesische Zimmer.

Das Chinesische Zimmer: Ein Gedankenexperiment zur KI

Das "Chinesische Zimmer" ist ein berühmtes Gedankenexperiment, das die Frage aufwirft, ob Computer tatsächlich "verstehen" können oder lediglich Symbole manipulieren.

Die Geschichte: Stellen Sie sich eine Person in einem Raum vor, die kein Chinesisch spricht. Der Raum hat zwei Briefschlitze: einen für eingehende und einen für ausgehende Nachrichten. Die Person hat ein Handbuch mit chinesischen Schriftzeichen und Anweisungen, wie sie auf eingehende Fragen antworten kann, indem sie die Zeichen vergleicht und kombiniert. Ein Chinese außerhalb des Raumes würde annehmen, dass die Person im Raum Chinesisch versteht, obwohl die Person selbst nichts versteht.

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Die Interpretation: Searle argumentiert, dass das "Chinesische Zimmer" wie ein Computer funktioniert, der zwar in der Lage ist, Symbole zu verarbeiten, aber kein echtes Verständnis besitzt. Die Geschichte verdeutlicht die Schwierigkeit, Geist (Software) und Gehirn (Hardware) einfach nachzubauen.

Die Bedeutung: Das Chinesische Zimmer regt bis heute zu Diskussionen an und verdeutlicht, dass Intelligenz nicht nur im Befolgen von Regeln und im Vergleichen von Mustern besteht, sondern auch im inhaltlichen Verstehen.

Die philosophische Dimension: Was ist Bewusstsein?

Das Bewusstsein ist eines der größten ungelösten Rätsel der Wissenschaft und Philosophie. Während einige Philosophen wie Thomas Nagel die Möglichkeit einer vollständigen Erklärung bezweifeln, argumentieren andere wie Daniel Dennett, dass das Bewusstsein im Prinzip erklärbar ist.

Theorien des Bewusstseins

Es gibt eine Vielzahl von Theorien über das Bewusstsein, die sich grob in subjektive (Erste-Person-Perspektive) und objektive (Dritte-Person-Perspektive) einteilen lassen. Einige Theorien betonen die immaterielle Natur des Geistes (Dualismus), während andere ihn als materiell betrachten (Materialismus).

Ein Minimalkonsens: Die Realität subjektiver mentaler Zustände

Trotz der unterschiedlichen Theorien besteht ein Minimalkonsens darin, dass subjektive mentale Zustände real existieren. Dies ist die erste zentrale These: Bewusstsein als ein vom Körper verschiedenes immaterielles Phänomen existiert. Selbst wenn einige materialistische Ansätze dies bezweifeln, ist es unplausibel anzunehmen, dass sich unser Forschungsgegenstand eines Tages als nichtexistent herausstellen könnte.

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Die evolutionäre Rolle des Bewusstseins

Die Darwinsche Theorie der natürlichen Auslese erklärt die Herausbildung neuer biologischer Mechanismen durch Selektionsvorteile. Die These, dass Bewusstsein ebenfalls einen Selektionswert hat, führt jedoch zu einem starken Dualismus, der postuliert, dass Bewusstsein kausale Kräfte besitzt und auf das materielle Gehirn einwirken kann.

John Searle argumentiert jedoch, dass nicht jede biologisch ererbte Eigenschaft einen Auslesevorteil verschaffen muss. Es kann auch evolutionäre Merkmale geben, die neutral sind oder keine klare biologische Funktion erfüllen.

Gerald Edelman betont, dass jede Theorie des Bewusstseins außerphysikalische Grundsätze wie den Dualismus ablehnen und physikalisch begründet sowie evolutionsbiologisch schlüssig sein muss.

Epiphänomenalismus: Ein möglicher Kompromiss

Da Bewusstsein nach dieser Definition keine materielle Erscheinung ist, kann es keinem Ausleseprozess unterworfen sein und keinen Überlebensvorteil bieten. Der Vorteil wäre auf die Entwicklung des Gehirns zurückzuführen, nicht des Bewusstseins. Demzufolge muss das Mentale eine Begleiterscheinung des Materiellen sein.

Hier wird zugunsten des Epiphänomenalismus plädiert, d.h. der Auffassung, daß die Materie auf den Geist wirkt, aber nicht umgekehrt. Dabei wäre die Korrelation zwischen Gehirn und Geist folgendermaßen zu präzisieren: Die Materie - das Nervengewebe - bringt den Geist hervor und wirkt auf ihn, psychische Vorgänge jedoch determinieren weder physikalische noch psychische Ereignisse.

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Das Human Brain Project: Eine teure Illusion?

Das Human Brain Project (HBP) ist ein ambitioniertes Forschungsvorhaben, das die Voraussetzungen für die Simulation eines menschlichen Gehirns schaffen will. Kritiker sehen das Projekt jedoch als eine teure Illusion, da es bisher nicht einmal gelungen ist, ein Fliegengehirn zu simulieren.

Die ethischen Implikationen: Menschenrechte für Simulationen?

Wenn es gelingt, eine perfekte Simulation eines menschlichen Gehirns zu schaffen, stellt sich die Frage, ob diese Simulation Menschenrechte haben sollte. Dürfen solche Simulationen für Experimente verwendet werden, die ihnen Leid zufügen?

Die beteiligten Wissenschaftler müssen sich dieser ethischen Fragen stellen, bevor sie mit ihren Experimenten beginnen. Menschen im Computer perfekt nachzubilden, um sie anschließend ohne ihr Wissen krank zu machen, ist absolut inakzeptabel.

Leben im Simulator: Ein philosophisches Gedankenexperiment

Die Idee, dass wir in einer Simulation leben könnten, ist ein beliebtes Thema in Science-Fiction-Büchern und -Filmen. Der Zukunftsforscher Nick Bostrom hat abgeschätzt, dass mindestens eine der folgenden drei Annahmen richtig sein muss:

  1. Die Menschheit schafft es nicht, ein technisch sehr fortgeschrittenes Stadium zu erreichen.
  2. Sollte sie ein solches Stadium erreichen, wäre keine ihrer Kulturen daran interessiert, in einem größeren Maßstab Computersimulationen ihrer Vorfahren zu erzeugen.
  3. Wir leben in einer Simulation.

Bostrom argumentiert, dass künftige Computer so leistungsfähig sein werden, dass sie eine gigantische Zahl von Menschen gleichzeitig simulieren können. Die Anzahl von bewussten Wesen (Beobachtern) in der Simulation wäre deshalb sehr viel größer als die Anzahl der Beobachter in der Wirklichkeit. Also leben wir höchstwahrscheinlich in einer Simulation.

Verkörperung des Geistes: Die Rolle des Körpers

Die Kognitionswissenschaft versteht Wahrnehmung und Bewusstsein als ein Zusammenspiel zwischen Körper und Umwelt. Der Ansatz des "Embodiment" betont, dass alles Geistige nur zu verstehen ist, wenn man es als Produkt einer Wechselbeziehung zwischen Körper und Umwelt sieht.

Der Körper als Grundlage der Erfahrung

Shaun Galagher argumentiert, dass die Gestalt unseres Körpers die Erfahrungen determiniert, die wir mit ihm überhaupt machen können. Intelligenz, Bewusstsein und Denken leiten sich aus dem Handeln des Menschen in seiner Umwelt ab.

Experimente zur Erweiterung der Wahrnehmung

Forscher an der Universität Osnabrück haben untersucht, ob der Mensch eine neue Form sinnlicher Wahrnehmung entwickeln kann, wenn sein Körper in besonderer Weise mit der Umwelt interagiert. Sie statteten Versuchspersonen mit einem vibrierenden Gürtel aus, der ihnen den magnetischen Norden anzeigte.

Die Ergebnisse zeigten, dass die Vibrationssignale des Gürtels einen tiefen und unbewussten Effekt auf das Körpergefühl ausübten und das subjektive Erleben der Testpersonen veränderten.

Die Ich-Identität: Verwurzelt im Körper

Shaun Galagher argumentiert, dass die Wurzel der Ich-Identität nicht im Geist selbst, sondern nur im Körper gefunden werden kann. Der Körper verändert sich nur sehr langsam und es gibt einige körperliche Eigenschaften, die immer gleich bleiben und die unsere Welterfahrung determinieren.

Körperimage und Körperschema

Es wird unterschieden zwischen einem "Körper-Image", einem meist bewusst wahrgenommenen Bild des eigenen Körpers, und einem "Körper-Schema", einem hauptsächlich unbewusst arbeitenden Mechanismus, der für die adäquate Bewegung in der Welt verantwortlich ist.

Die psychiatrische Perspektive: Gestörte Beziehung zwischen Körper und Umwelt

Der Magdeburger Psychiatrieprofessor Georg Northoff untersucht, wie psychische Leiden mit einer gestörten Beziehung zwischen Körper und Umwelt zusammenhängen könnten. Zum Beispiel, wenn es um depressive Patienten geht.

Depression: Ein Gefängnis der Psyche?

Georg Northoff geht davon aus, dass das Fühlen und Denken von Depressiven nicht mehr wie üblich funktioniert. Das Gehirn von Depressiven verstärkt die Emotionen so stark, dass sie mit ihrem rationalen Denken nur noch schwer dagegen ankommen. Dadurch wird der Körper von Depressiven sozusagen zum Gefängnis ihrer Psyche.

Was sind Gedanken? Eine Suche nach Definitionen

Die Frage, "Was sind Gedanken?", ist zentral für die Forschung im Bereich des Gehirn-Nachbaus. John-Dylan Haynes und Matthias Eckoldt widmen dieser Frage ein eigenes Kapitel in ihrem Buch "Fenster ins Gehirn", geben aber keine eindeutige Antwort.

Das Introspektionsproblem

Die Autoren sprechen das altbekannte Introspektionsproblem an, dass der Bericht über die Gedanken diese unweigerlich verändert. In der Philosophiegeschichte und auch der Gründerzeit der akademischen Psychologie war man sich des Problems bewusst, dass hier Subjekt und Objekt, Forscher und Forschungsgegenstand zusammenfallen.

Behavioristische Entsubjektivierung

Der Behaviorismus verachtete Introspektion als “mentale Gymnastik” und forderte, dass sich Psychologen an der Biologie orientieren und Reiz-Reaktionsmuster untersuchen.

Lücke in westlicher Wissenschaft

Mit der versuchten Entsubjektivierung von Psychologie und Hirnforschung entstand aber eine Lücke und Angriffsfläche, die sich bemerkbar macht, wenn man große Fragen wie: “Was ist ein Gedanke?”, oder: “Was ist Bewusstsein?”, beantworten will.

Kontemplative Forschung

Alan Wallace kritisiert den reduktionistischen Ansatz in Philosophie, Psychologie und Hirnforschung und arbeitet an einer neuen Wissenschaft des Bewusstseins. Er betont die Bedeutung von Meditationstraining, um die Bewusstseinszustände besser feststellen und aufrechterhalten zu können.

Mustererkennung statt Gedankenlesen

Hirnforscher können nicht den Inhalt von Gedanken auslesen, sondern nur Muster vergleichen. Um diesen eine Bedeutung zu geben, braucht es Introspektion oder Umweltwissen.

Das Chinesische Zimmer als Analogie

Das "Chinesische Zimmer" verdeutlicht, dass Computer und Hirnforscher nur Muster vergleichen, aber nicht die Bedeutung der psychischen Vorgänge verstehen.

Was ist also ein Gedanke?

Ohne zu wissen, was ein Gedanke ist, kann man wohl kaum sinnvoll vom Gedankenlesen sprechen. Es gibt Systeme mit Wahrnehmungsvorgängen. Das Erkennen als “weiß”, “blau” usw. und als “Fläche” sind Denkvorgänge, geprägt durch meine gelernte Sprache.

Denken scheint mir damit stark sprachlich geprägt und kulturell erlernt.

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