Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche neurologische Erkrankung, die das zentrale Nervensystem betrifft und sich durch vielfältige Symptome und Verlaufsformen auszeichnet. Die Forschung in Spanien leistet einen wesentlichen Beitrag zum besseren Verständnis und zur Behandlung dieser komplexen Erkrankung. Dieser Artikel beleuchtet aktuelle Forschungsansätze, Projekte und Initiativen in Spanien, die darauf abzielen, die Lebensqualität von MS-Patienten zu verbessern und neue Therapieansätze zu entwickeln.
Systemmedizinische Ansätze zur Optimierung der MS-Behandlung
Das EU-Projekt "Sys4MS" ist ein Beispiel für einen internationalen Forschungsverbund, an dem auch spanische Partner beteiligt sind. Ziel dieses Projekts ist es, neuartige, auf Systemmedizin basierende Methoden zu entwickeln, um die Behandlung von MS-Patienten zu optimieren. Bis 2019 untersuchten fünf Projektpartner aus Spanien, Italien, Norwegen und Deutschland, wie mithilfe mathematischer Modelle eine Vorhersage über den individuellen Krankheitsverlauf und damit eine optimale Therapiewahl getroffen werden kann.
Bisher wurde der weitere Verlauf der MS anhand von Krankheitsschüben, ihrer Häufigkeit, Schwere und Symptomatik abgeschätzt. Auch die Wahl der Therapie basierte darauf. Das Forscherkonsortium möchte neue Vorgehensweisen zur Überwachung und Vorhersage des weiteren Krankheitsverlaufs finden. Dazu nutzten sie so genannte Omics-Daten (genomics, proteomics und metabolomics), klinische Informationen und mathematische Modelle der MS, um Algorithmen zu entwickeln, die in der medizinischen Praxis zur Vorhersage des Krankheitsverlaufs und zur Wahl der für den individuellen Fall am besten wirksamen Therapie dienen sollen. Dies soll ein Schritt in Richtung "personalisierte" Therapie sein.
Die Systemmedizin untersucht, wie verschiedene Faktoren, z.B. genetische Unterschiede, Umwelteinflüsse oder die Veränderung von Molekülen ineinandergreifen und wie sie zu beeinflussen sind. Damit schafft die Systemmedizin Grundlagen für die Entwicklung innovativer Verfahren für die Diagnostik, Therapie und Prävention von Krankheiten.
Das internationale Verbundprojekt Sys4MS, an dem fünf Partner aus Spanien, Italien, Norwegen und Deutschland beteiligt sind, beschäftigte sich mit Multipler Sklerose (MS), einer chronisch-entzündlichen Erkrankung des Zentralnervensystems. Die genaue Ursache der Krankheit ist bis heute unbekannt, der Krankheitsverlauf individuell sehr verschieden. Bei der Behandlung kommen verstärkt personalisierte Therapien zum Einsatz; dabei besteht die Herausforderung darin, eine möglichst präzise Prognose des weiteren Krankheitsverlaufes zu erstellen und die Therapie darauf abzustimmen. Im Rahmen von Sys4MS sollen mit Hilfe des systemmedizinischen Ansatzes neue Methoden entwickelt werden, um die individuelle Behandlung von Patientinnen und Patienten mit Multipler Sklerose zu verbessern. Es ist geplant, klinische und bildgebende Informationen mit verschiedenen „omics“-Daten in mathematischen Modellen zu verknüpfen und Unterstützungswerkzeuge für die Auswahl der individuell am besten geeigneten Therapie zu entwickeln. Diese sollen anschließend in kurzen klinischen Studien getestet werden. Zudem ist vorgesehen, die wichtigsten Profile für jeden MS-Phänotyp zu ermitteln sowie neue Möglichkeiten bei den Kombinationstherapien auszuloten. Die Ergebnisse des Projekts könnten künftig in der klinischen Praxis eingesetzt werden, um systematisch mögliche Ursachen der Multiplen Sklerose abzuklären sowie eine detaillierte Prognose des weiteren Krankheitsverlaufes zu erstellen. Damit wäre es künftig möglich, wesentlich schneller und besser als heute die effektivste Therapie für die einzelne Patientin oder den einzelnen Patienten zu identifizieren.
Lesen Sie auch: MS-Medikamente im Detail erklärt
Einsatz digitaler Technologien zur Verbesserung des Therapie-Monitorings
Im klinischen Alltag ist es meist nicht möglich, den MSFC (Multiple Sklerose Funktions Capacity) für das Monitoring regelmäßig durchzuführen. Grund sind Platz-, Zeit- und Personalengpässe (der MSFC kann nur mit einer geschulten Fachkraft durchgeführt werden). Diese Einschränkungen können mit dem MSPT, der digitalen Adaptation des MSFC, umgangen werden. Der MSPT bietet die Möglichkeit der Dokumentation von Basisdaten (z.B. Datum der ersten Symptome, Erstdiagnose, Schübe, Selbsteinschätzung bezüglich des Gehens), der subjektiven Beurteilung der Lebensqualität sowie Tests zur Überprüfung von Kognition, Feinmotorik der oberen Extremitäten und der Gehfähigkeit. Ein Raum ist zwar notwendig, damit Patientinnen in Ruhe ihre Tests durchführen können, aber sie können dies alleine tun (ein Support wäre im Bedarfsfall jedoch verfügbar). So können während der Zeit, in der ein MSFC mit einem/r Patientin durchgeführt wird, z.B. zeitgleich zehn MSPTs erfolgen (Beschränkung ist hier lediglich die Anzahl an Tablets). Damit ist zu jeder Visite ein MSPT möglich (im Schnitt alle drei Monate), was die Verlaufskontrolle qualitativ verbessert und die Aussagekraft von Veränderungen erhöht. Die gemeinsame Betrachtung der Ergebnisse im Anschluss jeder MSPT-Durchführung mit Patient*innen ermöglicht ein zeitnahes Reagieren auf Verschlechterungen bzw.
Das MS Zentrum Dresden nutzt diese Daten nicht nur für die Forschung. Wenige Monate nach Projektbeginn wurde der Nutzen des zu jeder Visite erhobenen MSPT sichtbar: die regelmäßige und standardisierte Testung von den bei MS häufig betroffenen Funktionssystemen, wie das Kontrastsehen, die Kognition, die Feinmotorik der oberen Extremitäten sowie die Gehfunktion, ermöglichte einen wesentlichen Zuwachs für das Therapie-Monitoring - und das sowohl zeit- als auch ressourcenschonend. Weiterer Vorteil für das MS Zentrum sowie seiner Patientinnen: die Ergebnisse können direkt im Anschluss angesehen, im Zeitverlauf dargestellt und beurteilt werden. Schnell etablierte sich ein Prozedere, bei dem Verschlechterungen einzelner Funktionssysteme direkt an den behandelnden Neurologen zurückgemeldet und gegebenenfalls eine weitere Diagnostik eingeleitet werden kann. Um dieses engmaschigere Monitoring nicht nur den Patientinnen zukommen zu lassen, die ihre Einwilligung zur Teilnahme an MS PATHS gegeben haben, beschloss man rasch, dass alle Patientinnen des MS Zentrum Dresden zu ihren Visiten den MSPT durchführen sollten. Somit fließen diese Daten zusammen mit den Befunden aus der klinischen Routine in das Therapie-Monitoring aller Patientinnen des MS Zentrum Dresden mit ein. Der Nutzen einer so großen Forschungsdatenbank zeigt sich daher nicht nur rein für die Wissenschaft, sondern kann gleichzeitig in der klinischen Routine seine Vorteile einfließen lassen.
Da es bei der MS auch wichtig ist, Veränderungen zwischen den Visiten zu dokumentieren, diese aber nicht immer für Patientinnen wahrnehmbar und Symptome auch nicht immer vorhanden sein müssen, wurde das MS Zentrum Dresden als weltweit erstes Zentrum für die Substudie Konect-MS ausgewählt - eine App zur mobilen Selbstmessung. Patientinnen haben mittels der Konectom-App die Möglichkeit, sich mehrmals die Woche und wenn Einschränkungen auftreten, selbst zu messen. Die Ergebnisse sind sowohl für Patient*innen als auch für die behandelnden Neurologen einsehbar und fließen ebenfalls in das Monitoring der MS mit ein.
Bis Juni 2022 verzeichnete MS PATHS nun über insgesamt 20.000 eingeschlossene Patientinnen in den beteiligten Zentren, von denen neben MSPT unter anderem auch MRT-Daten, Blutproben sowie klinische Daten vorliegen. Eine Forschungsdatenbank, die großes Potential für weitere Erkenntnisse bezüglich der MS bietet! Sollten Sie die Diagnose Klinisch isoliertes Syndrom oder Multiple Sklerose erhalten haben und Interesse an der Teilnahme an MS PATHS haben, so können Sie bei Ihrer nächsten Visite am MS Zentrum Dresden Ihren Arzt darauf ansprechen oder sich direkt mit einem unserer Ansprechpartner in Verbindung setzen. Sollten Sie bisher kein/e Patientin des MS Zentrums Dresden sein, so können Sie dennoch an MS PATHS teilnehmen! Voraussetzung ist hierfür allerdings, dass Sie zumindest einmal im Jahr bei uns zu einer Untersuchung vorstellig werden. Kontroll-Proband*innen werden derzeit nicht gesucht.
Biomarker-Forschung und Bioprobendatenbanken
Die Etablierung einer Bioprobendatenbank fokussiert sich hauptsächlich auf das Neurofilament, eine Gerüstsubstanz der Nervenfaser. Dieses wird bei Zerstörungen von Nervenfasern in das Nervenwasser ausgeschwemmt, kann aber mittlerweile auch im Blut gemessen werden. Inwieweit das Neurofilament als Biomarker für MS genutzt werden kann, wird in derzeit vielen Studien erforscht. Aber auch alle anderen Zellen in den Blutproben stehen Wissenschaftlern für die Forschung zur Verfügung.
Lesen Sie auch: Cortison-Therapie bei Epilepsie im Detail
Da es nicht nur wichtig ist zu messen, welche Veränderungen bei MS-Patientinnen vorkommen, sondern auch, wie Blutwerte, MSPT und MRT-Aufnahmen bei nicht-MS-Patientinnen (sogenannte „gesunde Probanden“) aussehen, gibt es im Rahmen von MS PATHS eine eigene Substudie, die Ende dieses Jahres ihren Abschluss findet.
Erkenntnisse über benigne MS und neuropsychologische Aspekte
Eine Studie untersuchte benigne MS unter Berücksichtigung neuropsychologischer Aspekte. Die vorliegende Studie widmete sich einer bislang selten adressierten Frage: Bleiben Patienten mit benignem Verlauf auch nach 20 bzw. 30 Jahren klinisch stabil? Darüber hinaus wird untersucht, ob frühe klinische, radiologische oder demografische Parameter eine langfristige Prognose erlauben. Besonders relevant ist der Vergleich zwischen stabil benignen Verläufen und solchen, die im weiteren Verlauf in eine deutliche Behinderung übergehen. Zudem schließt die Studie eine zentrale Lücke: die systematische Erfassung von Fatigue, Depression und kognitiver Leistungsfähigkeit nach drei Jahrzehnten Erkrankungsdauer.
Die Auswertung basiert auf Daten von 485 MS-Patienten eines universitären Zentrums in Barcelona, die seit 1996 prospektiv dokumentiert wurden. 82 Personen erfüllten zu diesem Zeitpunkt die Kriterien einer benignen MS. Nachuntersuchungen erfolgten nach 20 und 30 Jahren. Zusätzlich wurden neuropsychologische Tests (MFIS [Modified Fatigue Impact Scale], PHQ-9 [Patient Health Questionnaire], SDMT [Symbol Digit Modalities Test]) bei den nach 30 Jahren weiterhin benignen Betroffenen erhoben. Zum Vergleich diente eine alters- und geschlechtsangepasste Kontrollgruppe mit kürzerer Krankheitsdauer.
Die Ergebnisse zeigen eine bemerkenswerte Stabilität der körperlichen Funktionen: Nach 20 Jahren erfüllten 75 % der ursprünglich benignen Gruppe weiterhin den EDSS-Grenzwert ≤ 3. Nach 30 Jahren lag dieser Anteil noch bei 60 %. Damit bestätigt die Studie, dass der milde Verlauf bei einem erheblichen Teil der Betroffenen über Jahrzehnte erhalten bleibt. Die Ergebnisse decken sich teilweise mit früheren Untersuchungen, erweitern das Wissen jedoch aufgrund des außergewöhnlich langen Beobachtungszeitraums.
Trotz niedriger EDSS-Werte zeigte sich eine hohe Belastung durch nicht-motorische Symptome: Fatigue betraf 50 % der untersuchten Patienten. Depressive Symptome lagen bei 22 % vor. Besonders auffällig war die kognitive Beeinträchtigung: 83 % erreichten im SDMT Werte ≤ 49, was auf eine kognitive Beeinträchtigung hinweist. Im Vergleich zur alters- und geschlechtsangepassten Kontrollgruppe zeigte sich ein signifikanter Unterschied im mittleren SDMT-Wert, was auf eine klar höhere kognitive Belastung bei langer Krankheitsdauer verweist.
Lesen Sie auch: Präventive Maßnahmen gegen Demenz
Trotz umfangreicher Datenauswertung konnten keine belastbaren frühen Prädiktoren eines dauerhaft benignen Verlaufs identifiziert werden. Weder frühe Schubaktivität, Art der Erstsymptome noch initiale MRT-Muster nach Barkhof waren prognostisch wegweisend. Die einzige signifikante Assoziation war ein häufigerer Einsatz immunmodulatorischer Therapien in der später nicht-benignen Gruppe.
Die Daten der Studie zeigen: Auch nach 30 Jahren behält ein Großteil der Betroffenen einen milden körperlichen Verlauf. Gleichzeitig weisen viele Patienten relevante kognitive Einschränkungen auf, die durch den EDSS nicht erfasst werden.
Bedeutung von MS-Zentren und Experten
Professor Dr. Xavier Montalban aus Barcelona ist ein anerkannter Experte auf dem Gebiet der Multiplen Sklerose. Er leitete eine der größten MS-Kliniken Europas, die Vall d´Hebron Universitätsklinik in Barcelona. Seine Forschung konzentriert sich auf Immun-Mechanismen in der Multiplen Sklerose, kognitive Fehlfunktionen bei MS, neue Behandlungsstrategien und die genetische Charakterisierung. Montalban hat in der Entwicklung und Durchführung mehrerer klinischer Phase II- und III-Studien mitgewirkt.
Medikamentöse Therapie in Spanien
In Spanien stehen die gleichen Medikamente wie in den anderen EU-Staaten zur Verfügung. Allerdings erfolgt die Auslieferung in der Regel ausschließlich über Krankenhausapotheken; diese bedürfen einer ärztlichen Verordnung und eines Berichts über die Indikationsstellung. Einzelne Beschwerden, die bei einer multiplen Sklerose auftreten, können durch verschieden Maßnahmen positiv beeinflusst werden, z.B. Medikamente, Intrathekale Behandlung oder Botox gegen spastische Symptome, Schmerzen, Blasenentleerungsstörungen und Müdigkeit. Bei Spastik und Bewegungsstörungen steht Ihnen auch unsere Abteilung für Physiotherapie zur Verfügung.