Depressionen im Alter: Ursachen, Symptome und Behandlungsansätze

Depressionen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen weltweit und können in jedem Alter auftreten. Besonders im höheren Lebensalter stellen Depressionen eine ernstzunehmende Herausforderung dar, da sie oft übersehen oder fälschlicherweise als Begleiterscheinung des Alterns abgetan werden. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome und Behandlungsansätze von Depressionen im Alter, um Betroffenen und Angehörigen ein besseres Verständnis für diese Erkrankung zu ermöglichen.

Einführung

Depressionen im Alter, auch Altersdepressionen genannt, sind eine Form der Depression, die speziell bei älteren Menschen auftritt. Sie sind keine eigenständige Krankheit, sondern eine Depression mit alterstypischen Auslösern und Symptomen, die oft übersehen werden. Schätzungsweise sind 15 % aller Senioren von psychischen Erkrankungen betroffen, wobei Depressionen neben Demenz zu den häufigsten zählen. Es ist wichtig zu betonen, dass Altersdepressionen nicht als unvermeidlicher Teil des Alterns betrachtet werden sollten, sondern als behandlungsbedürftige Erkrankung.

Ursachen von Depressionen im Alter

Die Ursachen von Depressionen im Alter sind vielfältig und komplex. Wissenschaftliche Untersuchungen deuten darauf hin, dass psychosoziale und neurobiologische Faktoren eine Rolle spielen.

Psychosoziale Faktoren

  • Verlusterlebnisse: Der Tod von Angehörigen, Freunden oder des Partners, der Verlust von Erfolg und Anerkennung (z. B. durch den Eintritt in den Ruhestand), der Verlust von Zuwendung (z. B. durch Scheidung oder Auszug der Kinder) und der Verlust von Besitz können schwerwiegende Verlusterlebnisse darstellen, die das Entstehen einer Depression begünstigen.
  • Soziale Isolation: Der Verlust sozialer Kontakte durch Tod von Freunden, Umzug ins Altenheim oder eingeschränkte Mobilität kann zu Einsamkeit und Isolation führen, was das Depressionsrisiko erhöht.
  • Fehlende Anerkennung und Erfolgserlebnisse: Mangelnde Anerkennung und fehlende Erfolgserlebnisse können als demütigend wahrgenommen werden und sich negativ auf die Psyche auswirken.
  • Überforderung: Der Versuch, Höchstleistungen zu erbringen und alles zu 100 % erledigen zu wollen, kann zu Enttäuschung und Überforderung führen, wenn die eigenen Ansprüche nicht mehr erfüllt werden können.
  • Traumatische Erlebnisse: Traumatische Erlebnisse in der Kindheit oder Jugend können im Alter wieder aufbrechen und zu Depressionen führen.
  • Anhaltende Stressbelastungen: Armut, fehlende soziale Anerkennung und andere anhaltende Stressbelastungen können Depressionen begünstigen.
  • Verlust der sozialen Rolle: Der Verlust der sozialen Rolle als Mutter, Vater oder im Beruf kann eine Altersdepression begünstigen.
  • Wohnumfeld: Menschen, die in einer städtischen Umgebung und in einer Mietwohnung wohnen, sind statistisch gesehen stärker für eine Depression gefährdet als Menschen, die auf dem Land und in einem Eigenheim leben.
  • Frühe Stresserfahrungen: Frauen, die in ihrer Kindheit in hohem Maße Stress oder Trauma erlebten, wiesen im Blut vermehrt Biomarker für Entzündungen und Neurodegeneration auf, hatten ein geringeres Hirnvolumen und mehr kognitive Probleme.

Neurobiologische Faktoren

  • Ungleichgewicht von Neurotransmittern: Ein Mangel an bestimmten Hormonen und Botenstoffen im Gehirn (z. B. Noradrenalin, Serotonin) kann zu einem Ungleichgewicht führen, das die Signalübertragung stört und Depressionen begünstigt.
  • Genetische Veranlagung: Manche Menschen werden mit Genen geboren, die das Risiko, an einer Depression zu erkranken, erhöhen.
  • Körperliche Erkrankungen: Bestimmte körperliche Erkrankungen wie Parkinson, Schlaganfall, hormonelle Störungen (insbesondere Schilddrüsenunterfunktion) und Herz-Kreislauf-Erkrankungen können die Entstehung einer Depression begünstigen.
  • Medikamente: Bestimmte Medikamente können depressive Symptome verursachen oder verstärken.
  • Vitamin D-Mangel: Ein Mangel an Vitamin D kann das Entstehen einer Depression begünstigen, da Vitamin D ein wichtiger Baustein für einen ausgewogenen Dopamin- und Serotoninspiegel ist.
  • Schilddrüsenunterfunktion: Eine Schilddrüsenunterfunktion kann zu wenig Schilddrüsenhormone produzieren, was das Entstehen einer Depression begünstigen kann.
  • Nebennierenschwäche: Eine Nebennierenschwäche kann ebenfalls zu den Symptomen einer Altersdepression beitragen.
  • Verminderte synaptische Plastizität: Die Fähigkeit des Gehirns, die Übertragung zwischen Nervenzellen an neue Reize anzupassen (synaptische Plastizität), ist bei depressiven Menschen gemindert. Dies könnte eine Ursache der Depression sein, da synaptische Plastizität ein grundlegender Prozess im Gehirn ist und Veränderungen einen Großteil der Symptome einer Depression erklären könnten.

Symptome von Depressionen im Alter

Die Symptome einer Depression im Alter entsprechen im Wesentlichen den klassischen Symptomen einer Depression, können sich aber in ihrer Ausprägung und Wahrnehmung unterscheiden.

Hauptsymptome

  • Niedergeschlagenheit: Anhaltende Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit und depressive Stimmung.
  • Antriebslosigkeit: Starke Antriebslosigkeit und Verlust von Energie, selbst kleine Aufgaben fallen schwer.
  • Interessenverlust: Verlust von Freude und Interesse an Aktivitäten, die früher Spaß gemacht haben.

Nebensymptome

  • Schlafstörungen: Ein- und Durchschlafstörungen, frühmorgendliches Erwachen.
  • Appetitveränderungen: Wenig bis gar kein Appetit oder Fressattacken, was zu Gewichtsverlust oder Gewichtszunahme führen kann.
  • Konzentrationsstörungen: Schlechte Aufmerksamkeit und Konzentrationsschwierigkeiten, was sich negativ auf die kognitiven Fähigkeiten auswirken kann.
  • Entscheidungsprobleme: Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen, Angst vor Fehlern.
  • Schlechtes Selbstwertgefühl: Wenig Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen, Gefühl der Wertlosigkeit.
  • Schuldgefühle: Gefühl, eine Belastung für andere zu sein, Schuldgefühle bei Fehlern.
  • Pessimismus: Pessimistische Lebenseinstellung, Gefühl, dass sich an der Situation nichts ändern wird.
  • Angstzustände: Angst und Angstzustände, die je nach Schweregrad der Depression auftreten können.
  • Gefühllosigkeit: Gleichgültigkeit gegenüber Partner, Kindern oder Enkelkindern, Gefühl, von allen missverstanden zu werden.
  • Körperliche Beschwerden: Schmerzen und Verdauungsprobleme, die sich als körperliche Manifestation der Depression zeigen können.
  • Suizidgedanken: Gedanken an den Tod oder Suizidgedanken, die bei Nichtbehandlung zu einem Suizidversuch führen können.

Alterstypische Besonderheiten

  • Ältere Menschen sprechen die "charakteristischen" Symptome einer Depression wie Traurigkeit oder den Verlust von Interessen oft nicht spontan an oder bagatellisieren diese Symptome.
  • Psychosomatische Symptome wie Schmerzen oder Schwindelgefühl treten häufiger auf.
  • Kognitive Probleme wie Konzentrations- und Gedächtnisstörungen können stark ausgeprägt sein und den Symptomen einer Demenz ähneln.
  • Depressionen können sich bei Männern zu Beginn der Erkrankung anders auswirken als bei Frauen. Viele Männer unterdrücken Gefühle wie Niedergeschlagenheit oder Traurigkeit und zeigen stattdessen Gereiztheit oder Aggressivität.

Diagnose von Depressionen im Alter

Die Diagnose einer Depression im Alter kann eine Herausforderung darstellen, da die Symptome oft durch altersbedingte Krankheitsbilder überdeckt werden oder fälschlicherweise als Begleiterscheinung des Alterns interpretiert werden. Es ist daher wichtig, dass Ärzte und Angehörige aufmerksam sind und die Symptome ernst nehmen.

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Diagnostische Verfahren

  • Anamnese: Der Arzt befragt den Patienten ausführlich zu seinen aktuellen Beschwerden, seiner Krankengeschichte und seinen Lebensumständen.
  • Körperliche Untersuchung: Um körperliche Erkrankungen auszuschließen, die depressive Symptome verursachen können, wird eine körperliche Untersuchung durchgeführt.
  • Psychologischer Test: Es gibt spezielle Fragebögen und Tests, die zur Diagnose einer Depression eingesetzt werden können, z. B. die Geriatrische Depressionsskala (GDS).
  • Blutuntersuchungen: Blutuntersuchungen können durchgeführt werden, um Erkrankungen der Schilddrüse und andere Krankheiten auszuschließen, die ein hormonelles Ungleichgewicht verursachen können.
  • Gehirnuntersuchung (MRT/EEG): In manchen Fällen kann eine Gehirnuntersuchung durchgeführt werden, um andere Erkrankungen auszuschließen.

Differenzialdiagnose

Es ist wichtig, eine Depression sorgfältig von anderen Erkrankungen abzugrenzen, insbesondere von Demenz. Während sich eine Altersdemenz langsam und schleichend ankündigt, kann eine Depression über Nacht auftreten. Senioren, die an einer Demenz leiden, sind sich ihrer Situation oft nicht bewusst und leugnen ihre Erkrankung.

Kriterien für die Diagnose

In der Psychotherapie hat sich etabliert, dass erst beim Auftreten von 3 Haupt- und 2 Nebensymptomen die Diagnose "Altersdepression" gestellt wird. Eine depressive Episode liegt vor, wenn die Symptome mindestens zwei Wochen lang auftreten.

Behandlung von Depressionen im Alter

Die Behandlung von Depressionen im Alter beruht auf verschiedenen Ansätzen, die in den meisten Fällen in Kombination den größten Erfolg versprechen.

Psychotherapie

Eine Psychotherapie ist auch im Alter eine wichtige Säule der Behandlung von Depressionen. Sie kann helfen, neue Selbstsicherheit zu gewinnen, den Alltag wieder besser zu bewältigen, soziale Kontakte zu verbessern und zu lernen, stabil auf mögliche Rückschläge zu reagieren.

  • Kognitive Verhaltenstherapie: Diese Therapieform ist gut untersucht und besteht aus zwei Bausteinen: Im kognitiven Teil soll der Patient sich über seine Situation, Überzeugungen und Erwartungen klar werden. Im Verhaltensteil geht es darum, problematische Verhaltensweisen zu ändern.
  • Interpersonelle Psychotherapie: Diese Kurzzeittherapie stellt den Patienten in Beziehung zu Problemfeldern in seinem sozialen Umfeld, z. B. Verlust eines Menschen oder Konflikte mit dem Partner oder den Kindern.
  • Übende Verfahren: Ergänzend können übende Verfahren wie autogenes Training und progressive Muskelrelaxation eingesetzt werden, die dazu beitragen können, sich zu entspannen und Stress abzubauen.

Die Therapiesitzungen sollten auf die Belastbarkeit und Aufnahmefähigkeit des Patienten ausgerichtet sein. Eine verkürzte Dauer, stärkere Strukturierungen und häufigere Wiederholungen können vorteilhaft sein.

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Medikamentöse Therapie

Antidepressiva können bei der Behandlung von Depressionen im Alter eingesetzt werden, insbesondere bei schwereren Depressionen. Es ist wichtig, dass der Arzt die Medikamente sorgfältig auswählt und niedrig dosiert, da ältere Menschen empfindlicher auf Nebenwirkungen reagieren können. Moderne selektive Serotoninwiederaufnahme-Hemmer (SSRI), selektiv noradrenerg und serotonerg wirksame Antidepressiva (SSNRI) oder Mirtazapin werden häufig eingesetzt. Trizyklische Antidepressiva sollten aufgrund potenzieller Nebenwirkungen vermieden werden.

Die Wirksamkeit eines Antidepressivums beginnt in der Regel nach etwa 10 bis 14 Tagen und sollte nach spätestens sechs Wochen vollständig erreicht sein. Sollte sich der Erfolg nach vier bis sechs Wochen nicht einstellen, wird der Arzt die Einnahmetreue sowie die Dosierung überprüfen und ggf. einen anderen Wirkstoff ausprobieren.

Soziale Unterstützung

Soziale Unterstützung ist ein wichtiger Faktor bei der Behandlung von Depressionen im Alter. Angehörige oder Sozialarbeiter können konkrete Hilfestellungen im Alltag organisieren, z. B. eine Reinigungshilfe oder "Essen auf Rädern". Sie können bei der Suche nach einer geeigneten Seniorengruppe oder bei anderen Möglichkeiten sozialer Kontaktaufnahme helfen. Es ist wichtig, dass Angehörige und Freunde die Erkrankung und damit die negative Stimmungslage sowie die Ängste des Patienten ernst nehmen und nicht herunterspielen.

Weitere Behandlungsansätze

  • Elektrokrampftherapie (EKT): Bei schweren Depressionen oder falls die bisherigen Therapieversuche erfolglos waren, kann die Elektrokrampftherapie eingesetzt werden.
  • Lichttherapie: Eine Lichttherapie kann helfen, den Gemütszustand sowie den Antrieb zu verbessern, insbesondere bei älteren Menschen, die wenig an die frische Luft und in die Sonne gehen.
  • Schlafentzug: In manchen Fällen kann ein Schlafentzug in der zweiten Nachthälfte die Stimmung verbessern.
  • Sportliche Betätigung: Sportliche Betätigung hat eine positive Wirkung auf die synaptische Plastizität und kann die Stimmung aufhellen.
  • Medizinisches Cannabis: Medizinisches Cannabis kann bei Altersdepressionen zu therapeutischen Zwecken in Frage kommen, indem es Symptome wie Stimmungsschwankungen, Schlafstörungen und Angstzustände lindert.

Was können Angehörige tun?

  • Nehmen Sie die Beschwerden der betroffenen Person ernst.
  • Unterstützen Sie Ihren Angehörigen dabei, passives und inaktives Verhalten zu überwinden.
  • Aktivieren Sie die Person, indem Sie positive Erfahrungen steigern.
  • Helfen Sie Ihrem Angehörigen dabei, seinen Tag zu strukturieren.
  • Bauen Sie für Ihren depressiven Angehörigen ein funktionierendes Versorgungs- und Unterstützungssystem auf.
  • Bemühen Sie sich, den familiären und partnerschaftlichen Austausch zu verbessern.
  • Helfen Sie der Person dabei, Vergangenes besser zu bewältigen.
  • Machen Sie deutlich, worauf man stolz sein kann und stellen Sie Veränderungen, die ohne eigenes Wollen erforderlich wurden, heraus.
  • Vermeiden Sie Phrasen wie "Du musst positiv denken".
  • Versuchen Sie nicht, krampfhaft die Stimmung aufzuhellen.
  • Suchen Sie Adressen von Therapeuten in ihrer Nähe heraus und stellen Sie diese Ihrem Angehörigen zur Verfügung.

Prävention von Depressionen im Alter

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, das Risiko, an einer Depression im Alter zu erkranken, zu senken.

  • Soziale Kontakte pflegen: Regelmäßige soziale Kontakte und die Teilnahme an Aktivitäten können Einsamkeit und Isolation verhindern.
  • Körperliche Aktivität: Regelmäßige körperliche Aktivität kann die Stimmung verbessern und das Depressionsrisiko senken.
  • Gesunde Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung kann die körperliche und psychische Gesundheit fördern.
  • Stressbewältigung: Techniken zur Stressbewältigung wie Yoga, Meditation oder Autogenes Training können helfen, Stress abzubauen und das Depressionsrisiko zu senken.
  • Frühzeitige Behandlung von körperlichen Erkrankungen: Eine frühzeitige Behandlung von körperlichen Erkrankungen kann verhindern, dass diese zu Depressionen führen.
  • Aufarbeitung von traumatischen Erlebnissen: Die Aufarbeitung von traumatischen Erlebnissen kann helfen, das Risiko, im Alter an einer Depression zu erkranken, zu senken.
  • Förderung der Resilienz: Die Förderung der Resilienz, also der Widerstandsfähigkeit gegenüber Stress und Belastungen, kann helfen, mit schwierigen Lebenssituationen besser umzugehen und das Depressionsrisiko zu senken.

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