Corpus Callosum: Unterschiede zwischen Frauen und Männern

Die Unterschiede zwischen Frauen und Männern sind ein viel diskutiertes Thema, das sich nicht nur auf den Körperbau beschränkt, sondern auch das Gehirn betrifft. Neue Technologien in der Hirnforschung ermöglichen es, das Gehirn beim Denken zu belauschen und geschlechtsspezifische Unterschiede aufzudecken. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf dem Corpus callosum, dem Gehirnbalken, der die beiden Hirnhälften miteinander verbindet.

Anatomische und funktionelle Unterschiede im Gehirn

Das männliche Gehirn ist im Durchschnitt etwa 15 % größer und schwerer als das weibliche Gehirn, selbst unter Berücksichtigung der Körpergröße. Strukturelle Unterschiede zeigen sich auch in subkortikalen Strukturen wie dem Hypothalamus, der mit Unterschieden im sexuellen und reproduktiven Verhalten in Verbindung gebracht wird. Im Neokortex weisen Männer mehr Neurone auf, während die kortikale Komplexität bei Frauen stärker ausgeprägt ist.

Einige Studien deuten auf Unterschiede in kortikalen Substrukturen hin, wie dem Planum temporale, das mit Sprachfunktionen assoziiert ist. Die typische linksseitige Asymmetrie dieser Struktur scheint bei Frauen reduziert zu sein. Auch der Verlauf der Sylvischen Furche und Zentralfurche ist weniger asymmetrisch, und das kommissurale Fasersystem, insbesondere der hintere Teil des Corpus callosum, ist bei Frauen größer. Allerdings konnten diese strukturellen Unterschiede nicht immer repliziert werden.

Das Corpus Callosum im Fokus

Das Corpus callosum, auch Gehirnbalken genannt, verbindet die beiden Gehirnhälften miteinander. Einige Studien legen nahe, dass es bei Frauen bis zu 23 Prozent dicker sein kann als bei Männern. Dies führte zu der Annahme, dass die Hemisphären im männlichen Gehirn klar getrennt sind, während sie bei Frauen lebhafter kommunizieren. Dies könnte die überlegene weibliche Sprachintelligenz erklären.

Allerdings ist die Forschungslage hier nicht eindeutig. Für nahezu jede Untersuchung, die einen Geschlechterunterschied im Corpus callosum präsentiert, lässt sich eine andere finden, die keine Differenzen zeigt. Eine Metaanalyse von über 40 Studien mit mehr als 1000 Versuchspersonen zeigte, dass die Variabilität innerhalb der Geschlechtergruppen weitaus größer ist als die Differenzen zwischen Frauen und Männern.

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Funktionelle Unterschiede und Sprachverarbeitung

Experimente des Forscherehepaars Sally und Bennett Shaywitz von der amerikanischen Yale-Universität zeigten, dass bei Männern eine Region im Stirnlappen der linken Hirnhälfte aufleuchtete, während bei Frauen nicht nur dieses Areal, sondern auch eines in der rechten Hemisphäre aktiv war. Dies deutet darauf hin, dass Frauen sich beim Reden der Gefühle (rechte Hälfte) ebenso bedienen wie der links angesiedelten Vernunft.

Untersuchungen des Neurochirurgen Detlef B. Linke von der Universität Bonn bestätigen diesen Befund. Seine Ergebnisse zeigen, dass sich die Sprachzentren bei Frauen häufig über beide Hemisphären erstrecken. Wird ihr Linkshirn verletzt, regeneriert sich ihr Sprachvermögen daher besser als bei Männern.

Allerdings gibt es auch Studien, die keine Unterschiede in der Asymmetrie der Hirnaktivierung bei Sprachaufgaben finden konnten. Eine Metauntersuchung von Iris Sommer und KollegInnen aus dem Jahr 2004 konnte bei insgesamt 442 Frauen und 377 Männern keine übergreifenden Geschlechterunterschiede feststellen.

Geschlechterunterschiede im Denken und Fühlen

Neben der Sprachverarbeitung gibt es auch Hinweise auf geschlechtsspezifische Unterschiede im Denken und Fühlen. Ruben Gur und seine Frau Raquel fanden heraus, dass Frauen 90 Prozent der unglücklichen Gesichter erkannten, während Männer nur 70 Prozent der Frauenantlitze richtig wahrnahmen, die Trauer signalisierten.

Eine weitere Beobachtung des Neurologen-Duos könnte den Gefühlsmangel der Männer erklären: Seine PET-Sondierungen zeigten, daß ein Frauenhirn weniger hart arbeiten muß, um die Stimmung anderer Menschen zu erfühlen.

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Mark George vom National Institute of Mental Health fand heraus, dass bei Frauen die aktive Region im limbischen System achtmal größer war als bei Männern, als sie an erschütternde Ereignisse zurückdenken mussten. Dieser Unterschied könnte erklären, warum sie doppelt so häufig unter Depressionen leiden wie Männer.

Die Rolle der Geschlechtshormone

Neurologen kennen nur eine Kraft, die das Neuronengewimmel des Gehirns formieren kann: Geschlechtshormone. Ihre Menge und Zusammensetzung bestimmt - neben dem Geschlecht - bereits im Mutterleib die Gehirnentwicklung des heranreifenden Menschen. Später beeinflussen Hormonveränderungen das Denken und Fühlen - lebenslang.

Kanadische Forscher testeten 150 Frauen zu verschiedenen Zeiten ihres Zyklus. Das Ergebnis: Kurz vor dem Eisprung, also mit hohem Östrogenspiegel, schnitten sie in Sprachtests am besten ab. Dafür ließen ihre Fähigkeiten zur räumlichen Wahrnehmung nach. Überdies können Neuronen ihre Schaltstellen - die Synapsen - nach Bedarf auf- oder abbauen. „Denkbar ist“, sagt die Neurologin Marie-Christine de Lacoste von der Yale Medical School, „daß ein steigender Östrogenspiegel die Neuverknüpfung von Nervennetzen fördert.“

Die Plastizität des Gehirns

Die Theorie der von Geburt an unterschiedlich verdrahteten und zeitlebens unveränderten Frauen- und Männergehirne ist nicht die einzige, die in der Wissenschaft diskutiert wird. Die Theorie der Hirnplastizität liefert inzwischen viele Beispiele, wie dynamisch sich unser Gehirn beständig an Erfahrungen anpasst.

Die Arbeitsgruppe um Cordula Nitsch an der Universität Basel konnte beispielsweise zeigen, dass sich Sprachareale im Gehirn überlappen, wenn eine Person sehr früh zwei Sprachen gleichzeitig erlernt. Wird die zweite Sprache dagegen erst später erworben, bilden sich getrennte Sprachareale aus.

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Eleanor Maguire und ihr Team zeigten, dass sich Areale der räumlichen Verarbeitung im Hippocampus bei Taxifahrern aufgrund des intensiven Navigationstrainings stärker vernetzen. MusikerInnen, die vom Kindesalter an intensiv beidhändig trainierten, entwickeln ein dickeres Corpus Callosum in den Bereichen, welche die Hirnareale für Motorik verbinden.

Die Bedeutung der Genderforschung

Die Genderforschung trennt die Kategorien Sex (biologisches Geschlecht) und Gender (soziales Geschlecht). So konnte gezeigt werden, dass Weiblichkeit und Männlichkeit eben keine rein natürlichen Bestimmungen sind. Geschlechterzuschreibungen und Geschlechterrollen, ihre Bewertungen und Hierarchien werden in der Gesellschaft ausgehandelt und durch ihre Strukturen verfestigt.

Die Genderforschung kann den Blick öffnen, wie vielfältig Geschlechter tatsächlich sind, und zwar sowohl was ihre Körper als auch was ihre gesellschaftlichen Rollen betrifft. Sie kann zeigen, wie sich gesellschaftliche Vorstellungen und die Wissenschaft, insbesondere die naturwissenschaftliche Forschung, gegenseitig beeinflussen.

Kritik an der Hirnforschung

Es ist wichtig zu betonen, dass die Hirnforschung nicht neutral ist, wenn es um die Erkenntnisproduktion und Wissensverbreitung geht. Auch sie ist geprägt von der grundsätzlichen Annahme, dass Frau und Mann zwei getrennte Kategorien sind. Und so werden zwischen ihnen vorwiegend Unterscheide gesucht.

Die neuen Bilder aus dem Innern des lebenden Gehirns bei der Arbeit sind faszinierend, aber sie sind keine direkten Abbilder. Erst mit Hilfe von komplizierten mathematischen, informatischen und computergraphischen Berechnungsverfahren werden aus den Daten, die im Scanner erhoben werden, Bilder konstruiert.

Übergewicht und das Gehirn

Studien haben gezeigt, dass Übergewicht Veränderungen im Gehirn verursachen kann. Menschen mit stark erhöhtem Gewicht haben ein geringeres Gehirnvolumen und eine verringerte Gewebedichte in der grauen Substanz. Eine Studie untersuchte die Gehirne von normalgewichtigen bis stark übergewichtigen Frauen und Männern mithilfe diffusionsgewichteter Magnetresonanztomographie (MRT).

Die Beweglichkeit des Wassers war bei zunehmendem BMI sowohl entlang der Nervenfasern als auch senkrecht zu ihnen verändert. Dabei stellten die Forscher bei beiden Geschlechtern eine verlangsamte Diffusion in Faserrichtung fest. Nur bei den Frauen zeigte sich zudem auch eine erhöhte Beweglichkeit senkrecht zur Faserrichtung. Die Diffusionsunterschiede, die ähnlich auch im Zusammenhang mit vorzeitiger Alterung des Gewebes zu beobachten sind, waren bei den weiblichen Versuchspersonen ausgeprägter und betrafen größere Teile des Corpus callosum.

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