Die steigende Zahl von Demenzerkrankungen in Deutschland rückt Risikofaktoren wie Bluthochdruck in den Fokus. Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Zusammenhänge zwischen Bluthochdruck, Hirnschäden und den potenziellen Konsequenzen für die kognitive Gesundheit.
Bluthochdruck als unterschätzter Risikofaktor für Demenz
Ein bislang unterschätzter, aber entscheidender Risikofaktor für die Entstehung von Demenz ist offenbar Bluthochdruck. Studien weisen darauf hin, dass bereits geringfügig erhöhte Blutdruckwerte das Demenz-Risiko erhöhen können. Dauerhaft erhöhter Blutdruck kann zu chronischen Durchblutungsstörungen im Gehirn führen. Durch Gefäßveränderungen kann eine vaskuläre Demenz entstehen.
Die Mechanismen: Mini-Schlaganfälle und Mikro-Blutungen
Dauerhaft erhöhter Blutdruck kann zu chronischen Durchblutungsstörungen im Gehirn führen. Mini-Schlaganfälle und Mikro-Blutungen sind wesentliche Mechanismen, die zu Hirnschäden durch Bluthochdruck beitragen. Mini-Schlaganfälle ereignen sich in den Enden der kleinsten Blutgefäße. Wie bei einem großen Schlaganfall verstopft ein Pfropf aus Kalk oder geronnenem Blut das Gefäß. Mini-Schlaganfälle zerstören Verbindungen zwischen den Nervenzellen, die betroffene Hirnregion erhält immer weniger Sauerstoff und Gewebe stirbt ab. Bei Mikro-Blutungen treten winzige Blutmengen aus den Gefäßen aus.
Frühe Anzeichen von Hirnschäden bei jungen Erwachsenen
Eine Studie des Leipziger Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften (MPI CBS) hat überraschende Ergebnisse zutage gefördert. Forscher und Mediziner werteten Kernspintomografien der Gehirne von mehr als 400 Probanden aus. Keiner der Teilnehmer mit einem Durchschnittsalter von 28 Jahren hatte bis dahin einen diagnostizierten Bluthochdruck. Das Ergebnis überrascht: Schon bei Menschen mit niedrigen oder normalen Blutdruckwerten konnten die Experten Veränderungen sehen. Es gab ähnliche Muster auf den MRT-Bildern wie bei älteren Menschen, die schon länger Bluthochdruck haben. Die Forscher sahen dabei keine Verletzungen, sondern eine Reduzierung des Gehirns - auch in den Bereichen, in denen das Gedächtnis liegt.
Geringere graue Substanz bei erhöhtem Blutdruck
Wie die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am MPI CBS in Leipzig herausfanden, hatten Menschen mit Blutdruck über dem Normalwert in bestimmten Bereichen des Gehirns häufiger geringere graue Substanz als Personen mit normalem Blutdruck. „Zuvor war die Annahme, dass Hirnschäden im Zusammenhang mit einem über Jahre hinweg bestehenden Bluthochdruck eine offensichtliche Folge dieser Erkrankung sind, aber unsere Studie legt nahe, dass schon geringfügige Veränderungen in der grauen Substanz des Gehirns bei jungen Erwachsenen beobachtet werden können, bei denen noch nie ein Bluthochdruck diagnostiziert wurde.“, sagt Studienautor Arno Villringer.
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Die Bedeutung der Blutdrucküberwachung und -kontrolle bei jungen Erwachsenen
Villringer ergänzt, die Forschung könne auch dazu beitragen, festzustellen, ob, wann und wie der Blutdruck über dem Normalwert bei jungen Erwachsenen überwacht und gesteuert werden sollte. Lina Schaare, Erstautorin und Forscherin im Team von Arno Villringer, hat den umfangreichen Datensatz für die Studie ausgewertet. 423 Personen mit einem Durchschnittsalter von 28 Jahren haben daran teilgenommen, sie unterzogen sich mindestens einem MRT-Gehirnscan und einer Blutdruckwertmessung.
Bluthochdruck als "leiser Killer": Die Rolle der Prävention
Über 20 Millionen Menschen haben in Deutschland einen hohen Blutdruck, etwa jeder dritte Erwachsene. Allerdings wissen sehr viele nichts von ihrem Bluthochdruck. Dabei kann ein nur unzureichend oder nicht behandelter Bluthochdruck von mehr als 140/90 mmHg (mmHg: Millimeter-Quecksilbersäule) auf lange Sicht zu Herzerkrankungen wie Herzschwäche (Herzinsuffizienz) und Vorhofflimmern oder zu Komplikationen wie Gehirnblutung, Schlaganfall, Herzinfarkt oder Nierenversagen führen. Wie Studien zeigen, kann auch das Risiko für eine Demenz durch einen unbehandelten Bluthochdruck begünstigt werden.
Die Bedeutung der Blutdruckmessung und -regulation
„Bluthochdruck ist wie ein leiser Killer, weil sich seine Dauerbelastung auf Gefäße und Organe nicht unbedingt mit Beschwerden bemerkbar macht, aber lebenswichtige Organe möglicherweise bereits geschädigt sind“, warnt der Kardiologe Prof. Dr. med. Symptome wie Schwindel, Ohrensausen, Kopfschmerzen oder gar Nasenbluten können, müssen aber nicht auftreten. Umso wichtiger und ganz leicht im Alltag umzusetzen ist das frühzeitige und regelmäßige Messen des Blutdrucks. Somit kann der Blutdruck gegebenenfalls medikamentös und mit einem gesunden Lebensstil gut eingestellt werden, bevor es zu schwerwiegenden Komplikationen kommt. „Jeder kann selbst aktiv werden und seinen Blutdruck messen und bei zu hohen Werten mit ärztlicher Hilfe regulieren“, so der Kardiologe und Intensivmediziner Prof. Voigtländer.
Zielwerte und Therapieoptionen
Somit schützt ein normaler Blutdruck definitiv das Gehirn vor einem Schlaganfall und entsprechend wird versucht, erhöhte Werte konsequent unter 140/90 mmHg - am besten auf Werte zwischen 120-130 mmHg (systolisch) - zu senken. Als optimale Blutdruckzielwerte gelten aktuell für jüngere Patienten bis zum Alter von 65 Jahren weniger als 130 mmHg systolisch, sofern sie es vertragen. Patienten über 65 sollten auf systolische Werte unter 140 mmHg kommen, um Nebenwirkungen zu vermeiden. Die genannten Werte gelten auch für Patienten mit Nebenerkrankungen wie Diabetes, koronare Herzkrankheit (KHK) und nach einem Schlaganfall.
Der Einfluss von Blutdrucksenkung auf das Demenzrisiko
Die Ergebnisse mehrerer aktueller Studien sprechen inzwischen für einen positiven Effekt der Blutdrucksenkung auch auf das Demenzrisiko. „Es kommt durch chronisch hohen Blutdruck vermutlich auch zu strukturellen Veränderungen und zu einer Volumenreduktion im Gehirn. Die betroffenen Regionen sind mitverantwortlich für die kognitive Leistung“, erläutert der Kardiologe Prof. Dr. med. So haben australische Forscher in einer Auswertung von fünf Studien mit insgesamt über 28.000 Patienten aus den Daten von Patienten mit und ohne Demenz ermittelt, dass bereits das medikamentöse Absenken des Blutdrucks um 10 mmHg systolisch und 4 mmHg diastolisch das Demenzrisiko um über zehn Prozent verringern kann. Und: Je ausgeprägter die Blutdrucksenkung war, desto mehr wurde das Risiko einer Demenz vermindert. Dieser lineare günstige Effekt war bis zu einem Blutdruck von 100/70 mmHg nachweisbar. Es gab auch keinen Hinweis auf einen Schaden durch die Blutdrucksenkung. Eine chinesische Beobachtungsstudie bestätigt den positiven Effekt einer guten Blutdruckkontrolle auf geistige Fähigkeiten.
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Die Bedeutung eines gesunden Lebensstils
Erhöhte Blutdruckwerte lassen sich durch einen gesunden Lebensstil senken, allen voran mit Ausdauerbewegung, Abbau von Übergewicht und der konsequenten Einnahme der blutdrucksenden Medikamente. Regelmäßiges Ausdauertraining - wie Radfahren, Walken, Joggen oder Schwimmen - kann den Bluthochdruck sowie die Wahrscheinlichkeit, weitere Risikofaktoren für Herzkrankheiten zu entwickeln senken. Die Herzstiftung empfiehlt Bluthochdruckpatienten, sich mindestens dreimal pro Woche für 30 bis 45 Minuten bei moderater Intensität zu bewegen.
Langzeitstudien bestätigen den Zusammenhang zwischen Bluthochdruck und kognitiven Beeinträchtigungen
Eine arterielle Hypertonie schädigt in vielen Fällen die Organe, lange bevor Patienten ihre Erkrankung bemerken. Einer aktuellen US-Studie zufolge zeigen sich die negativen Auswirkungen von seit der Jugend erhöhten Blutdruckwerten in einem beeinträchtigten Gangbild und reduzierter kognitiver Leistung wie etwa Vergesslichkeit. Vor diesem Hintergrund weisen Experten der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin e.V. (DGIM) und der Deutschen Hochdruckliga DHL e. V.
Die CARDIA-Studie: Langzeitbeobachtung von Risikofaktoren
Die CARDIA-Studie (Coronary Artery Risk Development in Young Adults) erforscht die Entwicklung von Risikofaktoren für die koronare Herzkrankheit bei jungen Erwachsenen. In diese Studie wurden zwischen 1985 und 1986 mehr als 5000 Teilnehmer zwischen 18 und 30 Jahren aufgenommen und über 30 Jahre nachverfolgt. Dabei erfolgten im Laufe der Beobachtungszeit mehrfach klinische Untersuchungen, bei denen unter anderem die systolischen und diastolischen Blutdruckwerte bestimmt wurden. Die Forscher testeten zudem die kognitiven Fähigkeiten wie Gedächtnisleistung oder Aufmerksamkeit von 191 Teilnehmern und maßen ihre Gehgeschwindigkeit, Schrittlänge und Gangvariabilität.
Die Auswirkungen von erhöhtem Blutdruck auf kognitive Fähigkeiten und Gangbild
Die Wissenschaftler stellten fest, dass Patienten, deren Blutdruckwerte über den gesamten Beobachtungszeitraum hinweg - also bereits seit ihrer Jugend - erhöht waren, bei den kognitiven Fähigkeiten schlechter abschnitten. Zudem zeigten diese auch bei der Ganganalyse eine langsamere Gehgeschwindigkeit, kleinere Schrittlänge und höhere Gangvariabilität. Die Autoren der Studie führen dies auf Schäden an bestimmten Gefäßstrukturen des Gehirns, sogenannte White Matter Lesions, zurück. Diese zeigten sich vor allem in den MRT-Scans der Patienten mit einer auffälligen Beeinträchtigung des Gehens.
Die Bedeutung der frühzeitigen Behandlung von Bluthochdruck
„Diese Studie zeigt, dass Bluthochdruck, der im frühen Erwachsenenalter beginnt und über Jahre unbehandelt bleibt, erhebliche Schäden an den Nervenverbindungen des Gehirns nach sich zieht“, sagt Professor Dr. Sebastian M. Schellong, Vorsitzender der DGIM. Der Gefäßmediziner weist vor diesem Hintergrund darauf hin, dass die arterielle Hypertonie gerade bei sportlichen jüngeren Menschen die häufigste internistische Erkrankung ist. Daher sei es besonders wichtig, dass auch junge Menschen Warnzeichen für Bluthochdruck ernst nehmen, so Schellong. Zu diesen Warnzeichen zählen etwa Schlafstörungen, Kopfschmerzen oder Schwindel. „Ist der Blutdruck stark erhöht, kann sich dies in Symptomen wie Atemnot unter körperlicher Belastung, plötzlichen Schmerzen im Oberkörper oder starkem Herzklopfen äußern“, so der Chefarzt der II. Medizinischen Klinik am Städtischen Klinikum Dresden. Es sei wichtig, dass gerade junge Menschen diese Symptome ernst nehmen, sagt der Experte.
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Die Rolle des Immunsystems bei Bluthochdruck und Hirnschäden
Entzündungsreaktionen im Körper tragen zum Bluthochdruck bei und ziehen Organe in Mitleidenschaft. Um den verantwortlichen biologischen Mechanismen auf den Grund zu gehen, untersuchte Sawamiphak zusammen mit ihrem Team am Max Delbrück Center und Kolleg*innen aus Italien und der Schweiz Larven des Zebrafisches. Um nun die Rolle des Immunsystems bei Bluthochdruck zu analysieren, haben die Forschenden Zebrafischlarven im Wasser mit niedriger Ionenkonzentration aufgezogen. Dadurch entsteht bei den Tieren ein Ionenungleichgewicht im Körper, das vergleichbar ist mit übermäßigem Salzkonsum beim Menschen und das zu Bluthochdruck führt. Nach den Beobachtungen der Forschenden führt Bluthochdruck zu mehr Makrophagen und Mikroglia, spezielle Immunzellen des Gehirns, die vermehrt auf Gefäßoberflächen treffen können. Sie treten dort mit dem Endothel in Kontakt, der Zellschicht, die die Blutgefäße von innen auskleiden, und schwächen die Gefäßwände zunehmend. Auch die Blut-Hirn-Schranke, die das Gehirn vor schädlichen Substanzen und Krankheitserregern schützt, nimmt Schaden.
Die Bedeutung von Entzündungsbotenstoffen
„Das Interessante ist, dass Makrophagen und Mikroglia bei gesundem Blutdruck normalerweise die Gefäße schützen“, sagt Sawamiphak. Eine wichtige Rolle spielen dabei Entzündungsbotenstoffe wie IFN-Gamma, die unter Bluthochdruckbedingungen vermehrt ausgeschüttet werden. Um diesen Zusammenhang experimentell zu untermauern, schalteten sie das Gen für einen Rezeptor aus, an den IFN-Gamma normalerweise bindet. Bei diesen Fischen hinterließ der Bluthochdruck keine Schäden in Blutgefäßen und Bluthirnschranke. Auch bei Mäusen gelang dem Team der Nachweis, dass Wirkstoffe, die IFN-Gamma hemmen, typische Begleiterscheinungen von Bluthochdruck - darunter Schäden der Blut-Hirn-Schranke, Abbau der Blutgefäße im Gehirn sowie kognitive Defizite - verhindern können.
Neue Therapieansätze durch die Erforschung des Immunsystems
„Unsere Ergebnisse eröffnen eine völlig neue Perspektive auf die Rolle von Entzündungsvorgängen bei der Entstehung von Bluthochdruck“, unterstreicht Sawamiphak die Bedeutung ihrer Arbeit. Nun gelte es, die beteiligten Immunzellen und Immunmodulatoren genauer zu charakterisieren und ihre Rolle bei höheren Tieren bis hin zum Menschen zu überprüfen. Sollte sich dies bestätigen, hätte das Team mit dieser Studie neue Angriffspunkte für die Therapie bei Bluthochdruck gefunden.
Weiße Flecken im Gehirn als Folge von Bluthochdruck
Ein langjähriger und/oder schlecht eingestellter Bluthochdruck schädigt das Gehirn über verschiedene Mechanismen wie zum Beispiel Minderdurchblutung und Entzündungsprozesse. Weiße Flecken im Gehirn (engl.: White Matter Hyperintensities = WMH) sind häufig auf Magnetresonanztomographie-Aufnahmen älterer Menschen zu sehen. WMH werden heutzutage oft als Indikator für Kleingefäßerkrankungen angesehen. Eine neue Studie zeigt nun: WMH treten bei Bluthochdruck auf und sind besonders stark ausgeprägt, wenn der Bluthochdruck zwar medikamentös behandelt wird, aber trotzdem nicht gut eingestellt ist.
Die Bedeutung der Blutdruckeinstellung zur Vermeidung von Hirnschäden
„Ein hoher und vor allem ein schlecht eingestellter Blutdruck verursacht Schäden im Gehirn und kann somit auch die Funktion des Gehirns schädigen“, so Dr. Janine Gronewold, Erstautorin der neuen Studie. „WMH sind offensichtlich späte Folgen von Bluthochdruck. In zukünftigen Studien wollen wir daher frühere Marker für strukturelle und funktionelle Hirnschäden durch Bluthochdruck untersuchen, um schwerwiegende späte Folgen wie zum Beispiel Demenz zu verhindern“, fasst Prof. Dr. Dirk M.
Die SPRINT-MIND-Studie: Intensive Blutdrucksenkung und ihre Auswirkungen auf das Gehirn
Eine Analyse der SPRINT MIND kommt zu dem Ergebnis, dass Schäden an der weißen Hirnsubstanz vermindert werden - während sich die Hirnatrophie paradoxerweise beschleunigte. Bei Hypertonie-Patienten kommt es im Verlauf des Lebens zu einer Zunahme von Läsionen der weißen Hirnsubstanz („white matter lesions“, WML), die in der Magnetresonanztomografie als Hyperintensitäten (in der FLAIR und T1-Bildgebung) sichtbar werden. Sie gelten als Manifestation einer zerebralen Mikroangiopathie („Small Vessel Disease“), die zu Schlaganfällen, aber auch zu Demenzen führen kann.
Die Auswirkungen der intensiven Blutdrucksenkung auf die Hirnmasse
Normalerweise hätte man erwartet, dass die intensivere Blutdrucksenkung auch die allmähliche Abnahme der Gesamthirnmasse im Alter („Atrophie“) verlangsamt. Das Gegenteil war der Fall. Das mittlere Gesamthirnvolumen verringerte sich unter der intensiven Blutdrucksenkung von 1134,5 auf 1104,0 cm3 (Differenz 30,6 cm3), während es unter der Standardbehandlung nur zu einem Rückgang von 1134,0 auf 1107,1 cm3 kam (Differenz 26,9 cm3).
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