Eine Depression ist viel mehr als nur Traurigkeit. Sie ist ein Zustand tiefer Verzweiflung und Ohnmacht, in dem sich Betroffene gefangen fühlen. Die normale Welt erscheint unerreichbar, die Energie ist verloschen und ein Ausweg scheint unmöglich. Ohne professionelle Hilfe ist es sehr schwer, sich aus einer Depression zu befreien. Glücklicherweise gibt es heutzutage eine Reihe von Medikamenten, die in der Lage sind, die Stimmung aufzuhellen. Wie diese Medikamente genau wirken, ist jedoch noch nicht vollständig geklärt.
Die Neurologie der Depression: Ein Blick ins Gehirn
Jedes Gefühl, jeder Gedanke, jede Wahrnehmung und jedes Verhalten gehen mit einem bestimmten Aktivitätsmuster der Nervenzellen im Gehirn einher. Die Aktivität, die innerhalb einer Nervenzelle entsteht, wird über Axone (Ausläufer der Nervenzelle) wie bei einem Kabel zu vielen anderen Nervenzellen weitergeleitet. Zwischen den Nervenzellen besteht jedoch keine direkte Verbindung. Um den Reiz zur nächsten Nervenzelle weiterzuleiten, werden über unzählige Synapsen (meist knopfartige Ausstülpungen an den Enden der Nervenzellausläufer) Botenstoffe (Neurotransmitter) in den synaptischen Spalt (den Raum zwischen zwei Nervenzellen) ausgeschüttet. Die vorgeschaltete Zelle leitet so die Aktivität an die nachgeschaltete Zelle weiter. Diese freigegebenen Botenstoffe aktivieren Kontaktstellen (Rezeptoren) an den nachgeschalteten Zellen.
Bei einer Depression spielen verschiedene Botenstoffe eine Rolle, insbesondere Serotonin. Viele Antidepressiva beeinflussen die Wirkung von Serotonin, was darauf hindeutet, dass eine Störung im Serotoninsystem an der Entstehung von Depressionen beteiligt sein könnte. Die Vorstellung, dass einfach ein Mangel an Serotonin vorliegt, ist jedoch zu simpel.
Stress und Nervenzellen: Ein Teufelskreis
Eine einzige Stresssituation kann dazu führen, dass neue Nervenzellen im Gehirn absterben. Wissenschaftler haben gezeigt, dass Stress bei jungen Ratten, die mit älteren, aggressiven Artgenossen zusammengebracht wurden, nicht die Entstehung neuer Nervenzellen im Gehirn stoppte, sondern das Überleben dieser Zellen verhinderte. Dadurch standen weniger neue Neuronen für die Verarbeitung von Gefühlen und Emotionen zur Verfügung.
Der Hippocampus, eine von zwei Gehirnregionen, die bei Ratten und Menschen lebenslang neue Nervenzellen bilden, ist für die Verarbeitung des Gelernten, das Gedächtnis und die Gefühle zuständig. Der Verlust von Zellen in dieser Region könnte eine mögliche Ursache für Depressionen sein. Interessanterweise starben die Zellen nicht sofort nach einem stressreichen Ereignis ab, sondern erst mit einer Verzögerung von 24 Stunden oder mehr. Dies eröffnet die Möglichkeit, in diesem Zeitraum einzugreifen und den Zellverlust zu verhindern.
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Antidepressiva und Neurogenese: Ein Hoffnungsschimmer
Antidepressiva können viele Veränderungen im Gehirn auslösen. Eine spannende Hypothese ist, dass die Wartezeit von vier bis sechs Wochen, bis sich die Stimmung verbessert, für das Wachstum von Nerven in einer Hirnregion, dem Hippocampus, benötigt wird. Professor Rene Hen von der Columbia Universität in New York hat diese These an einem Mäusestamm überprüft, der von Natur aus ängstlich ist.
Das Experiment lieferte für verschiedene Gruppen von Antidepressiva dasselbe Ergebnis: Ohne neue Nerven kein Effekt. Dabei greifen die Medikamente in ganz unterschiedliche chemische Regelkreise des Gehirns ein. Es scheint, dass diese verschiedenen Wirkpfade alle in die Bildung neuer Zellen münden und dass dann diese frisch geborenen Nerven die Stimmung der Mäuse bessern.
Bilder aus dem Gehirn von depressiven Menschen zeigen, dass bei lang anhaltender Krankheit der Hippocampus deutlich verkleinert ist. Eine Dauerbehandlung mit Antidepressiva lässt ihn aber wieder anwachsen. Zumindest für einen Teil der Symptome einer Depression scheint also das Versiegen des Nervenjungbrunnens im Hippocampus verantwortlich zu sein.
Die Rolle des Hippocampus: Mehr als nur Gedächtnis
Der Hippocampus galt immer als eine Region, die für Lernen und Gedächtnis zuständig ist. Neue Forschungsergebnisse zeigen jedoch, dass er auch für Gefühle und die Stimmungslage wichtig ist. Eine Möglichkeit besteht darin, dass diese neu entstandenen Nerven im erwachsenen Gehirn ähnliche Eigenschaften haben wie Nerven während der Hirnentwicklung, dass sie leichter Verbindungen eingehen, dass sie flexibler sind.
Eine Depression könnte so erklärt werden: Am Anfang steht ein Übermaß an Stress, der letztlich den Nachschub neuer Nervenzellen blockiert. Dem Hippocampus fehlt es damit an der nötigen Flexibilität, um sich auf neue Gegebenheiten einzustellen. Das Gehirn bleibt sozusagen in einer Trauerphase stecken, auch wenn der eigentliche Anlass längst vergangen ist. Die Depression löst sich erst, wenn neue Nerven den Weg frei machen für neue Verknüpfungen, neue Gefühle.
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Entzündungen im Gehirn: Ein unterschätzter Faktor
Eine Studie kanadischer Wissenschaftler hat gezeigt, dass eine unbehandelte Depression im Gehirn Entzündungen hervorruft und dass die betroffenen Stellen im Laufe der Zeit immer mehr werden. Das Gehirn der Probanden, die länger als zehn Jahre an einer unbehandelten Depression litten, hatte rund 30 Prozent mehr Entzündungsherde im Kopf als Kranke, deren psychisches Leiden weniger als zehn Jahre unbehandelt geblieben war.
Solche Entzündungen sind bisher bei Hirnverletzungen oder Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson bekannt. Die Studienleiterinnen betonen, dass eine Depression nicht als statische Erkrankung gesehen werden darf, sondern mehrere Phasen durchläuft. Denen müsste die aktuelle Depressionstherapie angepasst werden.
Auswirkungen auf Gehirnstrukturen und Schlaf
Eine Untersuchung an der Universität Edinburgh mit 3400 Probanden fand heraus, dass sich bei einer Depression Verbindungen in Teilen des Gehirns lösen, die als weiße Substanz bekannt sind. Störungen darin sind mit Problemen der Gefühlsverarbeitung und des Denkvermögens verbunden. Eine andere Studie von Forschern der Universität in Sydney mit 1700 Depressionspatienten hatte gezeigt, dass bei wiederkehrenden Depressionen der Hippocampus schrumpft.
Depressionen können auch mit Medikamenten behandelt werden, die den REM-Schlaf unterdrücken. Wissenschaftler der Charité - Universitätsmedizin Berlin haben jedoch festgestellt, dass die Unterdrückung des REM-Schlafes gleichzeitig das Lernen beeinträchtigt und Gedächtnisstörungen hervorrufen kann.
Weitere Faktoren und Behandlungsansätze
Neben psychosozialen Auslösern gibt es auch immer körperliche Ursachen für das Entstehen einer Depression, d.h. Veränderungen im Körper und insbesondere neurobiologische Veränderungen im Gehirn. Hierzu zählen z.B. vererbte Faktoren, die das Risiko zu erkranken beeinflussen. Es gibt jedoch kein einzelnes "Depressionsgen", das hauptverantwortlich für die Erkrankung ist.
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Antidepressiva wirken auf den Glucocorticoidrezeptor, an den das Stresshormon Cortisol bindet. Antidepressiva beeinflussen die Phosphorylierung dieses Rezeptors, wodurch Gene mobilisiert werden, welche die Zelldifferenzierung anregen und somit neue Nervenzellen entstehen lassen.
Forscher vermuten, dass auch chronische, also länger andauernde Störungen des Glutamat-Stoffwechsels im Gehirn schädliche Effekte haben könnten. So werden Zusammenhänge zwischen Glutamat und Depression, Angststörungen, ADHS, Parkinson, Demenz oder Multipler Sklerose diskutiert.
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