Zervikale Migräne: Ursachen und Zusammenhang mit Durchblutungsstörungen

Benommenheit und Schwindel sind weit verbreitete Erfahrungen. Die korrekte Diagnose ist entscheidend, um schwerwiegende Ursachen zu erkennen und geeignete Maßnahmen zu ergreifen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen zervikaler Migräne, insbesondere im Zusammenhang mit Durchblutungsstörungen.

Was ist zervikale Migräne?

Migräne wird klassisch als halbseitiger Kopfschmerz mit Übelkeit/Erbrechen, Licht-, Geräusch- und Geruchsempfindlichkeit beschrieben und kann mit oder ohne Aura auftreten. Die International Headache Society nennt unter anderem Schokolade und den Süßstoff Aspartam als mögliche Auslöser von Migräneattacken. Muskuläre und neurologische Dysfunktionen oder Traumata im Schulter-Nacken-Bereich sowie Durchblutungsstörungen können ebenfalls Kopfschmerzen verursachen. Zervikale Migräne ist eine spezielle Form, bei der die Ursache im Bereich der Halswirbelsäule (HWS) liegt.

Ursachen von Schwindel und Benommenheit

Schwindel und Benommenheit sind häufige Symptome, die viele Menschen im Laufe ihres Lebens erleben. Es ist wichtig, zwischen Schwindel und Benommenheit zu unterscheiden, um die Ursachen der Wahrnehmungsstörung besser zu verstehen.

  • Schwindel: Entsteht durch widersprüchliche Informationen, die verschiedene Sinnesorgane an das Gehirn senden. Ein Beispiel ist die Kopfdrehung in der Horizontalebene, bei der Auge und Gleichgewichtsorgan unterschiedliche Signale senden, was zu einem "Mismatch" führt. Schwindel ist in der Regel auf eine anatomisch zuordenbare Störung zurückzuführen und ist ein Symptom, keine eigenständige Diagnose. Betroffene haben oft das Gefühl, sich in einem anfahrenden Fahrstuhl zu befinden oder in einer Achterbahn zu sitzen.

    • Gutartiger Lagerungsschwindel (BPLS): Kurze Drehschwindelattacken, die durch Lageänderungen des Kopfes ausgelöst werden, z.B. beim Hinlegen oder Umdrehen im Bett. Ursache sind Kristalle (Otolithen), die sich aus dem Innenohr gelöst haben und fehlerhafte Signale verursachen.
    • Vestibuläre Migräne: Episodische Drehschwindelattacken, oft in Verbindung mit migränetypischen Symptomen wie Kopfschmerz und Licht-/Lärmempfindlichkeit.
    • Akute einseitige Vestibulopathie: Verursacht anhaltenden Drehschwindel über Tage, der sich bei Kopfbewegungen verstärkt.
    • Vertebrogener Schwindel: Bewegungsabhängiger Schwankschwindel, der durch muskuläre Verspannungen im Nacken verursacht wird, was zu einem Mismatch zwischen Input der Augen und der Mechanorezeptoren der Nackenmuskulatur führt.
  • Benommenheit: Im Gegensatz zum systematischen Schwindel ist Benommenheit eine diffuse Störung der Selbstwahrnehmung und der Wahrnehmung der Umgebung. Die Störung kann nicht anatomisch einem einzelnen Teil des Gehirns oder Sinnesorgans zugeordnet werden, da die globale Hirnfunktion als Ganzes gestört ist.

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    • Brain Fog: Eine Bewusstseinsstörung, die sich durch Körperlage, -bewegung oder -position nicht beeinflussen lässt. Ursachen können Störungen von Stoffwechselprozessen im Gehirn sein, wie Nährstoffmangel, Entzündungen der Blut-Hirn-Schranke, hoher Adrenalinspiegel oder Medikamente.
    • Herzrhythmusstörungen: Können eine wichtige Ursache für Benommenheit sein. Zu langsame (bradykarde) oder zu schnelle (tachykarde) Herzrhythmusstörungen können die Herzauswurfleistung beeinträchtigen.
    • Orthostatische Benommenheit: Die häufigste Bewusstseinsstörung, die von der Körperposition abhängig ist und typischerweise beim ruhigen Stehen auftritt.

Die Rolle der Halswirbelsäule bei zervikaler Migräne

Die Halswirbelsäule (HWS) spielt eine zentrale Rolle bei der Entstehung zervikaler Migräne. Funktionsbeeinträchtigungen in diesem Bereich können verschiedene Symptome auslösen, darunter Kopfschmerzen, Schwindel, Benommenheit und Kribbeln.

  • Anatomische Besonderheiten: Das Genick besteht aus zwei Gelenksebenen zur Beugung und Drehung des Kopfes. Die Ebene zwischen Schädelbasis und erstem Halswirbel (Atlas) dient der Kopfbeugung nach vorn und hinten. Das Genick ist der am dichtesten benervte Abschnitt der gesamten Wirbelsäule und enthält mehr als eine Million Nervenenden.
  • Wirbelfehlstellungen: Migräne kann sich im Genick aus einer akuten Fehldrehung und Blockierung des ersten Halswirbels entwickeln. Dies führt durch Überdehnung bzw. Kompression der umliegenden Weichteile zu Nervenreizungen und schmerzhaften Entzündungen in den extrem dicht benervten, wirbelnahen Geweben.
  • Nervenreizungen und Entzündungen: Die erregten Ganglien drosseln sowohl die regionale Durchblutung in den Entzündungsgebieten als auch Teile der Hirndurchblutung. Die dadurch erzeugten Veränderungen der Blutverteilungsmuster innerhalb und außerhalb des Gehirns erzeugen die Schmerzen und Beschwerden der Migräne.
  • Schmerzmechanismen: Bei einem akuten Bewegungsverlust des Genicks infolge Verdrehung und Blockierung des ersten Halswirbels entstehen neurogene Entzündungen, die von schmerzleitenden Nerven aus der Umgebung des Genicks erzeugt werden. Das erregte Ganglion verändert die Durchblutung einzelner Hirnareale.
  • Blutverteilungsmuster: Im Migräneanfall verändert sich das Blutverteilungsmuster im Gehirn durch Störung seiner eigenständigen Regulation. Messungen beim Menschen im Migräne-Anfall haben ergeben, dass der Blutfluss in einzelnen Hirnarterienästen um mehr als die Hälfte sinken kann.

Durchblutungsstörungen als Ursache und Folge

Durchblutungsstörungen spielen eine doppelte Rolle bei zervikaler Migräne. Einerseits können sie Ursache für die Entstehung sein, andererseits sind sie oft eine Folge der durch die HWS-Probleme ausgelösten Mechanismen.

  • Ursächliche Rolle: Verspannungen in der Halswirbelsäule können zu Durchblutungsstörungen im Kopfbereich führen und Kribbeln verursachen. Auch Herzrhythmusstörungen können eine wichtige Ursache für Benommenheit sein, da sie die Herzauswurfleistung beeinträchtigen.
  • Folge von HWS-Problemen: Die durch Wirbelfehlstellungen und Nervenreizungen ausgelösten Entzündungen können die Durchblutung in bestimmten Hirnarealen drosseln. Dies führt zu einer veränderten Blutverteilung im Gehirn, die die typischen Migränesymptome verursacht.
  • Globale Durchblutungsstörungen: In seltenen Fällen kann die Durchblutungsstörung trotz normaler Blutdruckwerte so ausgeprägt sein, dass eine globale Amnesie (komplette Erinnerungsstörung) oder auch ein vorübergehendes fokal-neurologisches Defizit wie bei einem Schlaganfall auftritt.

Diagnose und Behandlung

Die Diagnose zervikaler Migräne erfordert eine sorgfältige Anamnese und körperliche Untersuchung. Dabei werden die Schmerzlokalisation, der Beginn, die Intensität, der Fortschritt und mögliche Auslöser erfasst. Warnsignale, die eine sofortige medizinische Hilfe erfordern, müssen ausgeschlossen werden.

  • Differenzialdiagnose: Es ist wichtig, zervikale Migräne von anderen Kopfschmerzarten wie Spannungskopfschmerzen und Migräne abzugrenzen. Neurologen und Hals-Nasen-Ärzte setzen bei den verschiedenen Formen des systematischen Schwindels gut standardisierte etablierte Tests ein.
  • Körperliche Untersuchung: Der Chiropraktiker führt eine gründliche körperliche Untersuchung durch, um die Kopfschmerzart festzustellen. Er entwickelt auf dieser Basis einen individuellen Behandlungsplan.
  • Bildgebende Verfahren: Bei Unklarheiten über Verletzungen der Halswirbelsäule können bildgebende Verfahren wie Röntgen, CT oder MRT herangezogen werden. Mit speziellen bildgebenden Verfahren, zum Beispiel mit der Einzelphotonen-Emissions-Computer-Tomografie (SPECT), kann die Hirndurchblutung dargestellt werden.
  • Kreislaufmessungen: Eine differenzierte Bewertung des Kreislaufs ist nur durch eine gleichzeitige Bestimmung von Blutdruck und Blutfluss sowie der Herzfrequenz in unterschiedlichen Körperlagen (Rückenlage vs. Stehen) möglich. In der Cardiopraxis® wird hierfür eine unblutige photoplethysmografische Methode, das Finapres®-System eingesetzt.

Die Behandlung zervikaler Migräne zielt darauf ab, die zugrunde liegende Ursache in der Halswirbelsäule anzugehen und die Durchblutung zu verbessern.

  • Physiotherapie: Spielt eine zentrale Rolle, da sie die Beweglichkeit der Halswirbelsäule verbessert und Muskelverspannungen löst. Übungen zur Stärkung der Nackenmuskulatur, Verbesserung der Haltung und Förderung der Beweglichkeit können zervikale Kopfschmerzen reduzieren und langfristig verhindern.
  • Manuelle Therapie: Eine manuelle Therapie als Teil einer physiotherapeutischen Behandlung besteht in erster Linie aus Massagen, die Blockaden mithilfe von Druck und Dehnung auflösen sollen. Verspannte Muskeln und Sehnen können so gedehnt und entspannt werden.
  • Chiropraktik: Eine spinale Manipulation ist eine effektive Methode, um zervikale Kopfschmerzen zu behandeln. Dabei wendet der Chiropraktiker eine kontrollierte Kraft an bestimmten Gelenken der Halswirbelsäule an. Zusätzlich hilft die Gelenkmobilisation, bei die Gelenke passiv bewegt werden und so wieder beweglicher sind.
  • Triggerpunkttherapie: Von Kopfschmerz und Migräne geplagte Patientinnen und Patienten können zudem durch neuromuskuläre Massage Linderung erfahren. Dabei arbeitet der Chiropraktiker mit bestimmte Triggerpunkten, die die Schmerzen auslösen. Sie befinden sich im Rücken, in der Schulter sowie im Nacken und Kopf. In der Folge entspannen sich die Muskeln.
  • Akupunktur: Triggerpunkt-Akupunktur kann bei zervikalen Kopfschmerzen eine hilfreiche Option sein. Durch die Stimulation bestimmter Punkte werden Muskeln entspannt, die Durchblutung gefördert und Schmerzsignale unterbrochen.
  • Okzipitalisblockade: Eine ultraschallgesteuerte Okzipitalisblockade kann sehr effektiv bei zervikogenem Kopfschmerz eingesetzt werden. Dabei wird unter Ultraschallkontrolle ein Betäubungsmittel in die Nähe der Okzipitalnerven injiziert.
  • Stoßwellentherapie: Die Behandlung mit Stoßwellen hat sich bei HWS Beschwerden als sehr erfolgversprechend erwiesen. Mit einer Stoßwellentherapie können Triggerpunkte für Schmerzempfindungen gezielt aufgelöst sowie Verspannungen und eventuelle Entzündungen reduziert werden.
  • Medikamentöse Therapie: Bei besonders starken Schmerzen können Injektionen mit schmerzstillenden Mitteln angezeigt sein. Diese werden entweder direkt in die Wirbelgelenke oder an die aus dem Spinalkanal herausragenden Nerven gesetzt.
  • Lifestyle-Anpassungen: Eine gute Körperhaltung ist entscheidend, insbesondere bei Tätigkeiten, die eine längere Sitzposition erfordern. Regelmäßige Pausen und eine ergonomische Arbeitsplatzgestaltung können Fehlhaltungen und Nackenbelastungen vorbeugen. Entspannungsübungen spielen eine wichtige Rolle, um zervikogene Kopfschmerzen möglichst zu verhindern.
  • Flüssigkeitszufuhr: Eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr ist wichtig für eine gute Durchblutung. Ein Fallbericht zeigt eindrücklich, wie eine einfache Maßnahme wie eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr die Lebensqualität und den klinischen Zustand eines älteren Patienten mit orthostatischer Hypotonie deutlich verbessern kann.

Prävention

Zervikogene Kopfschmerzen lassen sich oft durch gezielte Maßnahmen vorbeugen, die die Gesundheit der Halswirbelsäule fördern und Verspannungen reduzieren.

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  • Ergonomie: Eine gute Körperhaltung ist entscheidend, insbesondere bei Tätigkeiten, die eine längere Sitzposition erfordern, wie das Arbeiten am Computer. Regelmäßige Pausen und eine ergonomische Arbeitsplatzgestaltung können Fehlhaltungen und Nackenbelastungen vorbeugen.
  • Entspannung: Entspannungsübungen spielen eine wichtige Rolle, um zervikogene Kopfschmerzen möglichst zu verhindern. Techniken wie progressive Muskelentspannung, Atemübungen oder Yoga helfen, die Nacken- und Schultermuskulatur zu entspannen und Stress abzubauen.
  • Bewegung: Regelmäßige Bewegung fördert die Durchblutung und hilft, Verspannungen zu lösen.
  • Stressmanagement: Chronischer Stress kann zu Verspannungen in der Muskulatur führen, insbesondere im Nacken- und Schulterbereich. Stressmanagement-Techniken können helfen, das Kribbeln im Kopf zu reduzieren.

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