Seit Jahrzehnten suchen Psychiater nach den neurobiologischen Ursachen von Psychopathie, auch unter Zuhilfenahme von Hirnscans. Die vorliegenden Studienergebnisse liefern wichtige Erkenntnisse über die Gehirnstruktur und -funktion von Gewaltverbrechern, insbesondere Psychopathen, und eröffnen möglicherweise neue Wege für die Diagnose und Therapie.
Neurobiologische Grundlagen von Psychopathie und Gewalt
Eine Studie des forensischen Psychiaters Nigel Blackwood am King's College in London untersuchte die Gehirne von 50 Männern, die wegen Gewalttaten wie Schlägereien, Mord oder Vergewaltigung verurteilt worden waren. Die Probanden hatten alle eine dissoziale Persönlichkeitsstörung, die durch Missachtung gesellschaftlicher Regeln, Reizbarkeit, Aggressivität und mangelndes Mitgefühl für ihre Opfer gekennzeichnet ist. Ein Teil der Gruppe wies sogar eine klinische Psychopathie auf, die sich durch gezielten und geplanten Einsatz von Gewalt zur Erreichung eigener Ziele, früheres Auftreten von Gewalt und mangelnde Therapierbarkeit auszeichnet.
Mithilfe von Kernspintomografen wurden die Gehirne der Probanden untersucht und mit denen von Gewaltverbrechern ohne Psychopathie sowie einer Kontrollgruppe ohne Vorstrafen verglichen. Dabei zeigte sich, dass Psychopathen deutlich weniger graue Substanz im präfrontalen Cortex und in den Schläfenlappen aufwiesen. Diese Hirnareale sind für die Einschätzung von Ängsten anderer, das Empfinden von Mitleid sowie die Entwicklung von Schuld- und Schamgefühlen verantwortlich - Fähigkeiten, die bei Psychopathen beeinträchtigt sind.
Die Ursachen für diesen Verlust an grauer Substanz sind noch nicht vollständig geklärt. Die Forscher vermuten jedoch, dass es sich bei Psychopathie um eine Entwicklungsstörung im Gehirn handelt, die bereits in der frühen Kindheit beginnt. Dies wird durch Hirnscans von verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen untermauert, die ähnliche Veränderungen in der grauen Substanz aufweisen.
Therapieansätze und ihre Grenzen
Die Ergebnisse der Hirnforschung könnten eines Tages dazu beitragen, Psychopathie schneller zu diagnostizieren und wirksamere Therapien für Gewalttäter zu entwickeln. Bislang müssen Psychiater die Täter sehr lange und intensiv befragen, um eine Diagnose zu stellen.
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Es gibt keine zuverlässige Therapie für Vergewaltiger und straffällige Pädophile. Die Hoffnung, Sexualstraftäter mit Testosteron-Hemmern wie Cyproteronacetat (CPL) vor Rückfällen zu bewahren, hat sich als illusorisch erwiesen. Heute ist klar: Es gibt keine effektive Therapie von Vergewaltigern per Pille. Die einzige Therapie-Studie, die empirischen Standards genügt, liefert keine überzeugenden Beweise, und auch die Psychotherapeutin Annika Gnoth kommt zu dem Ergebnis, dass die Studien zu kleine Fallzahlen aufweisen, um aussagekräftig zu sein. Dennoch könnten Sexualstraftäter von den Medikamenten profitieren, da sie die sexuellen Fantasien abschwächen.
Die Therapie eines Sexualstraftäters beginnt mit der Rekonstruktion seines Delikts. In einem Fragebogen wird erfasst, wie die Tat geplant und ausgeführt wurde und welche Gefühle der Täter damit verbindet. Der Therapeut fragt etwa: „War Ihr Opfer zufällig ‚verfügbar‘ oder bestand eine enge Beziehung zu ihm? Haben Sie das Kind durch Geschenke manipuliert oder durch Gewaltandrohungen gefügig gemacht?“ Fast alle Täter spielen ihre Verbrechen herunter. Sie reden das Geschehene klein oder stellen es verzerrt dar. Solche Verzerrungen in der Wahrnehmung soll der Therapeut korrigieren - aber nicht immer hat er dabei Erfolg.
Empathie-Trainings, die darauf abzielen, das mangelnde Mitgefühl der Täter zu stärken, haben bislang nur bescheidene Erfolge gezeigt. Studien belegen, dass Vergewaltiger ihr Mitgefühl für das Opfer gezielt herunterspielen und die negativen Gefühle ihrer Opfer missachten.
Das Empathie-Training wird meistens durch verhaltenstherapeutische Übungen ergänzt. Er wird beispielsweise aufgefordert, seine aggressiven oder pädophilen Fantasien durch „konventionelle“ sexuelle Vorstellungen zu ersetzen. Indem der Täter die Szenen laut verbalisiert, wird sichergestellt, dass er sich nicht insgeheim Gewaltbilder ausmalt.
Ob Delikt-Rekonstruktion, Empathie-Übung oder Rollenspiel - der therapeutische Aufwand ist groß, und das Ergebnis ist wenig ermutigend. Nach den Erkenntnissen von Martin Schmucker berichten nur solche Autoren von positiven Therapieeffekten, die selbst an der Behandlung beteiligt waren. Das Rückfallrisiko eines Sexualstraftäters lässt sich durch derartige Psychotherapien kaum verringern.
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Risikofaktoren und Prognose
Die Psychiater Karl Hanson und Monique Brussière haben in einer Längsschnittstudie die Lebensläufe von 23 000 Straftätern analysiert und festgestellt: Von den Unbehandelten wurden innerhalb von 46 Monaten 17 Prozent rückfällig - und von den Behandelten immer noch 10 Prozent. Nach Auffassung der Psychologin Gunda Wößner vom Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg sinkt das Rückfallrisiko durch therapeutische Interventionen allenfalls um 10 bis 12 Prozentpunkte.
Besonders schlechte Zahlen ergaben die Studien des kanadischen Psychologen Vermon L. Quinsey: Hier lag die Rückfallquote behandelter Sexualstraftäter bei 40 Prozent - höher als die von unbehandelten Tätern. Allerdings wurden bei Quinsey nur Hoch-Risiko-Täter therapiert, während die nicht behandelten Täter von vornherein weniger rückfallgefährdet waren.
Für eine effiziente Behandlung sei es jedoch erforderlich, verschiedene Tätertypen zu identifizieren und sie individuell zu behandeln. Doch auch daran gibt es Zweifel. In einer Studie mit 228 in Nordrhein-Westfalen inhaftierten Sexualstraftätern testete der Kriminologe Rüdiger Ortmann die Wirkung sozialtherapeutischer Maßnahmen. Dabei ging es vor allem um den Aufbau zwischenmenschlicher Beziehungen. Sein Befund: Eine Einzeltherapie allein verringert die Rückfälligkeit eines Täters nicht signifikant.
Offenbar haben biografische Merkmale wie das Alter eines Täters, seine strafrechtliche Vorgeschichte und sein Sozialverhalten in der Kindheit tatsächlich eine hohe prognostische Aussagekraft. Mehrere Studien zeigen, dass die Prognose umso schlechter ausfällt, je früher ein Täter straffällig wurde und je länger sein Vorstrafenregister ist. Besonders schlecht sieht es für mehrfache Therapieabbrecher aus: Deren Taten werden in der Regel von Mal zu Mal grausamer.
Als hochgradig rückfallgefährdet gelten Täter, die unter einer sogenannten antisozialen Persönlichkeitsstörung leiden. In der „Psychopathy Checklist“, die diese Abweichungen misst, erreichen diese Sexualverbrecher hohe Werte. Sie sind trickreiche und wortgewandte Blender, die notorisch lügen, übermäßig selbstbewusst sind, keine Schuldgefühle kennen und sich nicht in andere Menschen einfühlen können oder wollen. Täter mit der Diagnose „Psychopathie“ weisen zudem neurobiologische Besonderheiten auf: Bei ihnen sind jene Hirnregionen weniger stark durchblutet, in denen Gefühle wie Angst oder Mitleid verarbeitet werden. Außerdem ist bei dieser Tätergruppe die graue Hirnsubstanz im präfrontalen Kortex um etwa zehn Prozent verringert.
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Statistische Prognosemodelle
Um das Verhalten von Tätern zu prognostizieren, setzen amerikanische Psychiater und Kriminologen häufig Statistikprogramme wie „Sexual Violence Risk Assessment“ (SVR-20) und „Static-99″ ein. Im Gegensatz zu ihren europäischen Kollegen vertrauen sie stärker auf mathematisch fundierte Prognosemodelle als auf erfahrungsbasierte Urteile einzelner Therapeuten.
Auswertungen mit dem Sexual Violence Risk Assessment legen nahe, dass das Rückfallrisiko steigt, wenn ein Sexualstraftäter bei seiner ersten Tat sehr jung war, in seiner Kindheit traumatisiert wurde und gegenwärtig über suizidale Gedanken berichtet. Leugnet er die Schwere seiner Taten im Gespräch und bevorzugt er Opfer, die ihm unbekannt sind, dann gilt er als Hoch-Risiko-Täter mit schlechter Prognose.
In Deutschland sind solche statistischen Methoden umstritten: Nach Ansicht des Psychologen Klaus-Peter Dahle von der Freien Universität Berlin ist es mithilfe von Prognoseinstrumenten wie dem Static-99 zwar möglich, generelles kriminelles Verhalten wie beispielsweise Raub und Diebstahl vorherzusagen. Er hält sie jedoch nicht für präzise genug, um das Risiko für sexuelle Delikte genau einzuschätzen.
Kindheitstraumata und ihre Auswirkungen auf das Gehirn
Die Biografien von Sexualstraftätern zeigen häufig traumatische Erfahrungen in der Kindheit, wie Vernachlässigung, Misshandlung oder sexueller Missbrauch. Diese Erfahrungen können langfristige Auswirkungen auf die Gehirnstruktur und -funktion haben und das Risiko für psychische Erkrankungen und Verhaltensstörungen im Erwachsenenalter erhöhen.
Studien haben gezeigt, dass Misshandlungen die Zellen des Hippocampus, der Schaltstelle unserer Gefühle und Erinnerungen, verändern können. Bei Missbrauchsopfern wurde eine veränderte chemische Hülle um die Gene festgestellt, die dazu führt, dass wichtige Erbanlagen im Gehirngewebe abgeschaltet werden. Dies kann zu einer unkontrollierten Ausschüttung des Stresshormons Cortisol führen, was langfristig Gehirn und Geist schaden kann.
Auch die Wahrnehmung von sozialen Reizen kann durch traumatische Erfahrungen in der Kindheit dauerhaft verändert sein. Wissenschaftler haben festgestellt, dass bei Menschen mit traumatischen Erlebnissen in der Kindheit bestimmte Gehirnregionen auf schnelle Berührungen stärker reagieren, während der Hippocampus bei langsamen Berührungen schwächer aktiviert ist. Dies deutet darauf hin, dass Berührungen bei traumatisierten Menschen weniger beruhigend wirken als bei Personen ohne Misshandlungserfahrung.
Darüber hinaus haben Studien gezeigt, dass sexuell missbrauchte und emotional misshandelte oder vernachlässigte Kinder langfristig spezifische strukturelle Veränderungen in der Architektur ihres Gehirns ausbilden, in Abhängigkeit davon, welche Misshandlungsform erlebt wurde. So ist beispielsweise der somatosensorische Kortex in dem Bereich, in welchem die weiblichen Genitalien repräsentiert werden, signifikant dünner bei Frauen, die in ihrer Kindheit Opfer sexuellen Missbrauchs waren. Opfer emotionaler Misshandlung hingegen zeigen eine spezifische Reduktion der Hirnrinde in den Bereichen, denen eine wesentliche Funktion bei der Etablierung des Selbstbewusstseins, der Selbsterkennung und der emotionalen Regulation zugeschrieben wird.
Geschlechtsspezifische Aspekte von Gewalt
Statistiken zeigen, dass über 80 Prozent der Gewaltstraftaten in Deutschland von Männern begangen werden, während Frauen vor allem als Opfer in der Statistik auftauchen. Diese geschlechtsspezifische Verteilung wirft die Frage auf, ob es biologische oder gesellschaftliche Ursachen für dieses Phänomen gibt.
Der Neurobiologe Gerald Hüther weist auf biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen hin, die möglicherweise eine Rolle spielen. So führt die Wirkung des Testosterons bei Jungen dazu, dass die Pauken und Trompeten im Orchester des Gehirns mehr in die erste Reihe kommen, was bedeutet, dass Jungs tendenziell mehr Muskelmasse und ein ausgeprägteres Durchsetzungsvermögen haben. Allerdings betont Hüther auch, dass Männer aufgrund ihres Chromosomensatzes anfälliger für genetische Defekte sind, was zu einer gewissen Schwäche führen kann, die sie durch den Einsatz von Körperkraft zur Durchsetzung eigener Interessen kompensieren müssen.
Andere Experten betonen die Bedeutung gesellschaftlicher Prägung und Erwartungshaltungen bei der Entwicklung von Gewaltbereitschaft. Almut Schnerring und Sascha Verlan weisen darauf hin, dass Jungen in der Erziehung oft mehr Bewegungsfreiheit zugestanden wird und dazu ermutigt werden, sich durchzusetzen, während Mädchen eher zur Vorsicht gemahnt werden. Auch die mediale Darstellung von Männlichkeit, die oft auf Wettbewerb, Härte und Dominanz ausgerichtet ist, kann zur Verfestigung gewaltbereiter Verhaltensmuster beitragen.
Präventionsansätze und Therapie
Angesichts der komplexen Ursachen von Gewalt ist es wichtig, sowohl biologische als auch gesellschaftliche Faktoren in den Blick zu nehmen und umfassende Präventions- und Therapieansätze zu entwickeln. Dazu gehören:
- Frühzeitige Förderung von Empathie und sozialer Kompetenz bei Kindern und Jugendlichen.
- Geschlechtsreflektierende Bildungsarbeit in Kindertagesstätten und Schulen, die stereotype Rollenbilder hinterfragt und Jungen und Mädchen gleichermaßen darin unterstützt, ihre Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken.
- Therapeutische Angebote für Gewaltopfer, die ihnen helfen, ihre traumatischen Erfahrungen zu verarbeiten und neue Bewältigungsstrategien zu entwickeln.
- Spezifische Therapieprogramme für Gewalttäter, die darauf abzielen, ihr Risikoverhalten zu reduzieren und ihre soziale Kompetenz zu verbessern.
- Körperbasierte Therapien in einem sicheren Umfeld, die ein Umlernen der Reizverarbeitung ermöglichen können.
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