Schulische Rehabilitation nach Schlaganfall: Ein umfassender Überblick

Ein Schlaganfall ist ein einschneidendes Ereignis, das nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder und Jugendliche treffen kann. Die Folgen eines Schlaganfalls können vielfältig sein und reichen von motorischen Einschränkungen und Sprachstörungen bis hin zu kognitiven Defiziten. Um Betroffenen die bestmögliche Rückkehr in den Alltag, die Ausbildung und den Beruf zu ermöglichen, ist eine bedürfnisgerechte Rehabilitation von entscheidender Bedeutung. Dieser Artikel gibt einen umfassenden Überblick über die schulische Rehabilitation nach einem Schlaganfall und beleuchtet verschiedene Aspekte, von den Rehabilitationsphasen bis hin zu spezifischen Therapieansätzen und Unterstützungsmöglichkeiten.

Das Hegau-Jugendwerk: Ein Kompetenzzentrum für neurologische Rehabilitation

Das Hegau-Jugendwerk ist eine neurologische Rehaklinik für Kinder und Jugendliche, die Patient*innen in den Rehaphasen B bis E behandelt, also von der Frührehabilitation bis zur beruflichen Rehabilitation. Im Rahmen einer Fachtagung befasst sich das Hegau-Jugendwerk intensiv mit dem Thema "Schlaganfall bei Kindern und Jugendlichen" und beleuchtet es aus unterschiedlichen Perspektiven.

Workshops zur beruflichen Integration und Rehabilitation

Die Fachtagung bietet neben Vorträgen auch die Möglichkeit, an verschiedenen Workshops teilzunehmen, die sich mit spezifischen Aspekten der Rehabilitation nach einem Schlaganfall befassen:

  • Workshop 1: BuS - Beruf und Sprache: Dieser Workshop beleuchtet die Auswirkungen von Aphasien und kognitiven Kommunikationsstörungen auf Schule und Beruf. Es wird das Konzept "BuS - Beruf und Sprache" vorgestellt, das sich mit der beruflichen Integration von Jugendlichen mit neurogenen Sprachstörungen befasst.
  • Workshop 2: Der lange Weg zurück: Anhand von Fallbeispielen werden neuropsychologische Teilleistungsstörungen und deren Auswirkungen auf die Teilhabe in allen Lebensbereichen sowie die Möglichkeiten der Unterstützung bei Restitution und Kompensation aufgezeigt.
  • Workshop 3: Gerätegestützte motorische Therapie nach Schlaganfall: Dieser Workshop stellt verschiedene Robotiksysteme vor, mit denen im Hegau-Jugendwerk erfolgreich gearbeitet wird, um die Therapieintensität zu steigern und die Patienten früher und intensiver in der motorischen Rehabilitation zu fördern.
  • Workshop 4: Pädagogik bei Krankheit: Es wird das schulische Angebot der Wilhelm-Bläsig-Schule für Kinder mit veränderten Lernvoraussetzungen in Folge eines Schlaganfalls vorgestellt. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der praxisnahen Vorstellung der Mittel und Möglichkeiten der "Unterstützten Kommunikation".

Medizinische Rehabilitation: Ein Überblick über Formen und Bereiche

Die medizinische Rehabilitation umfasst verschiedene Formen und Bereiche, die auf die individuellen Bedürfnisse der Betroffenen zugeschnitten sind. Ziel ist es, den Betroffenen die Rückkehr in sein bisheriges soziales und ggf. auch berufliches Umfeld zu ermöglichen. Durch geeignete Trainingsverfahren und zum Teil auch durch medikamentöse Unterstützung soll einerseits eine Rückbildung der körperlichen Funktionseinschränkungen (Schädigungen) erzielt werden. Andererseits geht es darum, die Alltagskompetenz des Schlaganfallbetroffenen wieder zu fördern. Das heißt seine Fähigkeit, sich alleine zu waschen, anzuziehen, sich Mahlzeiten zubereiten etc. soll wieder erlangt werden. Dies kann durch eine Verbesserung der körperlichen Funktionen (Schädigungen) erreicht werden. Möglich ist das aber auch durch das Erlernen von Strategien, wie man mit den körperlichen Einschränkungen besser zurechtkommen kann. Durch die Verordnung und das Erlernen des Umganges entsprechend geeigneter Hilfsmittel (z.B.

Stationäre neurologische Rehabilitationsbehandlung

Die Behandlung kann in Spezialkliniken für neurologische Rehabilitationsbehandlung durchgeführt werden. Dies entspricht einer stationären Behandlung wie in einem Akutkrankenhaus.

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Ambulante/teilstationäre Rehabilitation

Das Angebot entspricht dem der stationären neurologischen Behandlung (interdisziplinäre Behandlung durch ein Team von Therapeuten).

Ambulante Rehabilitation

Sind die körperlichen Beeinträchtigungen soweit zurückgebildet, dass kein interdisziplinärer Ansatz mehr erforderlich ist, aber in bestimmten Bereichen weiterhin körperliche Funktions-einschränkungen vorliegen, so erfolgt von zu Hause aus eine ambulante Behandlung durch die jeweils sachkompetenten Therapeuten (z. B.

Phasen der neurologischen Rehabilitation

Die neurologische Rehabilitation wird in verschiedene Phasen unterteilt, die jeweils auf die spezifischen Bedürfnisse der Patienten zugeschnitten sind:

  • Frührehabilitation (Phase B): Findet möglichst schnell nach der Akutbehandlung statt. Neurologische Frührehabilitationsmaßnahmen der Phase B kommen infrage für Patienten mit schwersten neurologischen Krankheitsbildern, die überwiegend bettlägerig sind.
  • Phase C: In der neurologischen Früh-Rehabilitation der Phase C werden Patienten mit neurologischen Krankheitsbildern behandelt, die zumindest sitzen können und keiner intensivmedizinischen Überwachung mehr bedürfen. Ziel ist hier insbesondere die Selbständigkeit bei den grundlegenden Aktivitäten des täglichen Lebens (z.B.
  • Phase D (Anschlussrehabilitation/Anschlussheilbehandlung): Ist für Patienten vorgesehen, die zumindest bei Benutzung von Hilfsmitteln bereits wieder bei den Verrichtungen des täglichen Lebens selbständig geworden sind.

Therapiekonzepte in der neurologischen Rehabilitation

Im Rahmen der neurologischen Rehabilitation kommen verschiedene Therapiekonzepte zum Einsatz, die auf die individuellen Bedürfnisse der Patienten abgestimmt werden. Einige der gängigsten Konzepte sind:

  • Bobath-Konzept: Das Bobath-Konzept ist ein 24-Stunden-Konzept, das den Betroffenen, das multidisziplinäre Team (Pflege, Physiotherapie, Ergotherapie, Ärzte, Logopädie, Neuropsychologie, Hol- und Bringdienste etc.) und die Angehörigen mit einbezieht. So wird die „Therapie“ jeden Tag bei jeder Aktivität im Alltag über 24 Stunden fortgeführt.
  • PNF (Propriozeptive Neuromuskuläre Facilitation): Ziel der Behandlung mit PNF ist die Koordinierung und Wirtschaftlichkeit von Bewegungsabläufen zu verbessern. Dies kann durch die Normalisierung des Muskeltonus (Spannungszustand des ruhenden Muskels), Kräftigung und Dehnung der Muskulatur und Umgestaltung von kraftraubendem und krankheitsbedingtem Bewegungsverhalten erreicht werden.
  • Kognitiv Therapeutische Übungen nach Perfetti: Man will in der Behandlung keine Aktivitäten fördern, bei denen bestimmte Bewegungsabläufe wiedererlernt werden, da angenommen wird, dass diese zu abnormalem kompensatorischen Bewegungsverhalten führen. Stattdessen sollen dem zentralen Nervensystem (ZNS) bestimmte Grundfähigkeiten wieder vermittelt werden (z.B.
  • Arm-Fähigkeits-Training nach von Platz: Ziel der Therapie ist es, die geschädigte Funktion wiederherzustellen. Das von Platz entwickelte Arm-Fähigkeitstraining trainiert bei den Betroffenen spezifische Bewegungen, z.B. die Fähigkeit, schnelle Wechselbewegungen mit den Fingern auszuführen, die Zielbewegungsfähigkeit, die Fähigkeit den Arm präzise zu führen.
  • Elektromyographisch getriggerte Elektrostimulation: Patienten mit einer Lähmung können zum Teil schon gering die gelähmte Muskulatur aktivieren, ohne dass dies von außen als Bewegung sichtbar werden muss. Elektroden, die über dem Muskel angebracht sind, können diese geringe Aktivität aber registrieren. Der Muskel wird immer dann elektrisch stimuliert, wenn der Patient eine auch nur geringe Aktivität im Muskel erzeugt.
  • Constraint Induced Movement Therapy (CIMT): Bei der Therapie wird dafür gesorgt, dass der Patient den betroffenen Arm möglichst viel benutzt. Während der Trainingsphase trägt der Patient den gesunden, nicht gelähmten Arm während des größten Teils des Tages in z.B. einer Schlinge.
  • Aufgaben-spezifisches Training: Für das Laufen hieße das, dass man Laufen am ehesten beim Laufen oder dem Laufen ähnlichen Bewegungen fördern kann. Dieser Ansatz ist in der Physiotherapie ohne weiteres anwendbar bei Patienten, die zumindest mit Hilfestellung (oder Hilfsmittel) in der Therapie schon etwas laufen können.
  • F.O.T.T. (Facio-Orale Trakt Therapie): Die Therapieform hat einen multidisziplinären Ansatz. Das heißt, das Programm kann von verschiedenen Berufsgruppen „genutzt“ werden (Ergo-, Physiotherapie, Logopädie, Pflege). Die Therapie ist so konzipiert, dass die Betroffenen möglichst zu normaler, physiologischer Haltung, Bewegung und Funktion verhilft. Die Therapie nutzt sinnvolle, alltägliche Aktivitäten und weniger „Übungen“.
  • Affolter-Konzept (Geführte Interaktionstherapie): Handlungsabläufe, die von den Betroffenen mit Wahrnehmungsproblemen nicht ausführbar sind, werden gemeinsam mit dem Therapeuten ausgeführt. Das heißt der Therapeut (oder Angehörige oder Pflegekräfte) führen mit dem Körper des Patienten die Handlung so aus, dass gemeinsam eine Beziehung zwischen Patient und Umwelt hergestellt wird.

Spezifische Beeinträchtigungen und Therapieansätze

Ein Schlaganfall kann zu verschiedenen Beeinträchtigungen führen, die jeweils spezifische Therapieansätze erfordern.

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Schluckstörungen (Dysphagien)

Schlaganfälle sind die häufigste Ursache für Störungen dieser komplexen Fähigkeit. Nach einem Schlaganfall tritt bei etwa 50% aller Patienten eine akute Schluckstörung auf und ca. 25% aller Betroffenen leiden an einer chronischen Dysphagie (Schluckstörungen/ Schluckbeschwerden). Die Therapie von Schluckstörungen gehört in die Hände von Fachleuten (Hals-Nasen-Ohren-Ärzte, Logopäden).

Sprech- und Sprachstörungen

Sprech- und Sprachstörungen treten oft im Zusammenhang mit einem Schlaganfall auf. Von Bedeutung sind dabei vor allem die Dysarthrien, Sprechapraxien und Aphasien. Das allgemeine Behandlungsziel ist es dem Betroffenen sprachliche Kommunikation im Alltag wieder zu ermöglichen, bzw.

Kognitive Defizite

Während eine Lähmung der Arme oder der Beine für den Patienten selbst und für die Umwelt sichtbar ist, werden viele kognitive Defizite nur durch veränderte Verhaltensweisen deutlich. Ziel der neuropsychologischen Rehabilitation ist die Reduzierung dieser durch die Hirnschädigung eingetretenen Behinderung, die ohne Intervention chronisch werden würde.

Der Rehabilitationsprozess: Von der Akutklinik bis zur ambulanten Versorgung

Ein großer Teil der Schlaganfall-Patienten absolviert nach der Akutklinik eine Rehabilitation. Die Rehabilitation findet meistens stationär, also in einer Rehabilitationsklinik, statt und wird in der Regel vom zuständigen Kostenträger für drei Wochen bewilligt. Nach einer Eingangsuntersuchung und einem Aufnahmegespräch werden Therapieziele formuliert und ein Therapieplan erstellt. Die Ziele sollten sich jedoch immer am Lebensalltag des Patienten orientieren, d.h.

Ambulante Rehabilitationszentren

Neben der stationären Rehabilitation gibt es ambulante Rehabilitationszentren. Diese haben den Vorteil, dass Patienten abends und am Wochenende Zuhause sind und im heimischen Umfeld erproben können, ob das Training mit den Therapeuten sie gut auf die Aktivitäten ihres täglichen Lebens vorbereitet.

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Schulische Rehabilitation bei Kindern und Jugendlichen

Kinder, die von klein auf mit Behinderungen infolge eines Schlaganfalls leben, kommen damit im Vergleich zu Erwachsenen oft besser zurecht. Sie brauchen neben einer kindgerechten Reha oft spezifische Unterstützung, die ihnen einen kind- und jugendgerechten Alltag und die Teilnahme an Schule und Ausbildung ermöglichen (Kasten). Dazu gehören zum einen bedürfnisgerechte Therapien, die etwa Sprechstörungen oder motorische Probleme adäquat behandeln, zum anderen aber auch Hilfsmittel wie Spezialtastaturen, die bei körperlichen Einschränkungen erforderlich sein können. Beratungseinrichtungen unterstützen bei der Auswahl einer geeigneten Schulform. Bei der Suche nach einer Ausbildungsstelle sollten junge Erwachsene auch darauf achten, ob der Arbeitsplatz für sie barrierefrei eingerichtet ist oder entsprechend umgestaltet werden kann.

Unterstützungsmöglichkeiten für junge Menschen mit Schlaganfall

Für junge Menschen mit Schlaganfall gibt es verschiedene Unterstützungsmöglichkeiten, um die schulische und berufliche Integration zu fördern:

  • Berufliche Eignungsabklärung/Arbeitserprobung (AE/AP) -Neuro: Ein spezialisiertes Angebot für Menschen mit neurologischen/ neuropsychiatrischen Beeinträchtigungen, z.B. nach Schädelhirntrauma, Schlaganfall oder anderen Erkrankungen des Zentralen Nervensystems.
  • Basis-Assessment und berufliches Rehatraining (Bas-AR-Neuro): Ein niedrigschwelliges Leistungsangebot für Menschen mit neurologischen/neuropsychiatrischen Beeinträchtigungen und mit aktuell noch bestehender Minderbelastbarkeit.
  • Berufliches Training (BT) - Neuro: Ein spezialisiertes Angebot für Menschen mit neurologischen/ neuropsychiatrischen Beeinträchtigungen, z.B. nach Schädelhirntrauma, Schlaganfall oder anderen Erkrankungen des Zentralen Nervensystems.
  • Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme (BvB-Reha): Richtet sich an Jugendliche und junge Erwachsene ohne berufliche Erstausbildung, die das 25. Lebensjahr noch nicht erreicht haben und aufgrund ihrer psychischen Erkrankung oder seelischen Behinderung der Unterstützung einer Spezialeinrichtung bedürfen.
  • Individuelle Unterstützte Beschäftigung: Eröffnet Ihnen speziell zugeschnittene Wege, einen passenden Arbeitsplatz zu finden.

Nachsorge und langfristige Perspektiven

Viele Patienten fühlen sich jedoch nach dem durchstrukturierten Versorgungspaket in der Klinik im Alltag allein gelassen. Für den individuellen Beschwerdekomplex des Patienten sei ein umfassender Therapieansatz mit Medikamenten, Hilfs- und Heilmitteln nötig, der in der Praxis häufig nicht erreicht wird. Willkommene Unterstützung bietet ein Apotheker, der ermutigt und Kontakte zu geeigneten Ärzten, speziellen Beratungseinrichtungen oder Selbsthilfegruppen vermitteln kann.

Schlaganfall-Lotsen: Unterstützung in der häuslichen Nachsorge

Die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe entwickelte deshalb ihr Modell der Schlaganfall-Lotsen. Lotsen nehmen Patienten bereits auf der Stroke Unit der Akutklinik in ihr Programm auf und betreuen sie ein Jahr lang, bis sie ihre Versorgung selbst organisieren können.

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