Botox®, vielen bekannt für seine Anwendung zur Glättung von Gesichtsfalten, hat sich auch als wirksame Therapie bei chronischer Migräne etabliert. Dieser Artikel beleuchtet die Anwendung von Botox® bei Migräne, die Injektionsstellen, die Wirkungsweise, sowie wichtige Aspekte der Behandlung und Nachsorge.
Migräne: Eine Übersicht
Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende, starke Kopfschmerzen gekennzeichnet ist, oft begleitet von Symptomen wie Übelkeit, Licht- und Geräuschempfindlichkeit. Die genauen Ursachen von Migräne sind noch nicht vollständig geklärt, aber es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischen und Umweltfaktoren eine Rolle spielt. Migräne kann in zwei Hauptformen auftreten:
- Episodische Migräne: Kopfschmerzen treten an weniger als 15 Tagen im Monat auf.
- Chronische Migräne: Kopfschmerzen treten an 15 oder mehr Tagen im Monat auf, wobei mindestens 8 Tage davon Migräneschmerzen sind.
Botox® als Therapieoption bei chronischer Migräne
Botox® ist seit 2011 in Deutschland zur Behandlung von chronischer Migräne zugelassen. Es kommt für Erwachsene infrage, bei denen vorbeugende Medikamente nicht ausreichend wirksam waren oder nicht vertragen wurden. Studien haben gezeigt, dass Botox® bei etwa 7 von 10 Menschen mit chronischer Migräne die Anzahl der Kopfschmerztage langfristig um mindestens die Hälfte reduzieren kann. Zudem kann es die Stärke der Kopfschmerzen verringern, die Migräneattacken kontrollierbarer machen und die Einnahme von Schmerzmitteln reduzieren.
Wirkungsweise von Botox® bei Migräne
Botox®, auch Botulinumtoxin Typ A genannt, ist ein Neurotoxin, das die Übertragung von Nervenreizen zum Muskel hemmt. Es wird angenommen, dass Botox® bei Migräne wirkt, indem es die Freisetzung von Botenstoffen wie Glutamat, Substanz P und Calcitonin-Gene-Related-Peptid (CGRP) reduziert. Diese Botenstoffe spielen eine Rolle bei der Schmerzentstehung und Entzündungsreaktionen im Gehirn. Durch die Hemmung der Freisetzung dieser Botenstoffe kann Botox® die Schmerzsignale reduzieren und die Erweiterung der Blutgefäße in der Hirnhaut hemmen.
Ablauf der Botox®-Behandlung
Die Behandlung mit Botox® gegen Migräne umfasst mehrere Schritte:
Lesen Sie auch: Botox in der Schmerztherapie
- Ausführliche Diagnostik und Beratung: Vor Beginn der Behandlung ist eine gründliche Diagnose der Migräne erforderlich. Ein Arzt wird die Krankengeschichte des Patienten erheben und eine körperliche Untersuchung durchführen, um andere mögliche Ursachen für die Kopfschmerzen auszuschließen. In einem ausführlichen Beratungsgespräch werden die Erwartungen an die Behandlung, mögliche Risiken und Nebenwirkungen sowie die Kosten besprochen.
- Festlegung der Injektionsstellen: Nach der Desinfektion der Haut werden die Injektionspunkte anhand des sogenannten PREEMPT-Schemas angezeichnet. Dieses Schema umfasst 31 festgelegte Punkte an Kopf, Nacken und Schultern. Je nach Schmerzmuster des Patienten können zusätzlich bis zu 8 weitere Injektionsstellen behandelt werden.
- Injektion von Botox®: Das Botox® wird mit feinen Nadeln in die zuvor markierten Injektionsstellen injiziert. Die Behandlung dauert in der Regel nur wenige Minuten.
- Nachsorge: Nach der Behandlung sollte der Patient den Kopf für einige Stunden aufrecht halten und sich für 1-2 Tage körperlich schonen. Sonnenbäder, Sauna- und Solariumgänge sollten vermieden werden. Die Behandlungsstellen sollten nicht massiert werden.
Injektionsstellen nach dem PREEMPT-Schema
Das PREEMPT-Schema ist ein standardisiertes Injektionsprotokoll, das bei der Botox®-Behandlung von chronischer Migräne verwendet wird. Es umfasst 31 Injektionspunkte, die sich auf sieben verschiedene Zonen verteilen:
- Stirn: 5 Injektionspunkte
- Schläfen: 4 Injektionspunkte (je 2 pro Seite)
- Hinterkopf: 6 Injektionspunkte
- Nacken: 6 Injektionspunkte
- Trapezmuskel: 4 Injektionspunkte (je 2 pro Seite)
- Suprascapular: 2 Injektionspunkte (je 1 pro Seite)
- Zervikal: 4 Injektionspunkte
Je nach Schmerzmuster des Patienten können zusätzlich bis zu 8 weitere Injektionsstellen behandelt werden, um eine individuelle Anpassung der Therapie zu ermöglichen. Zu den typischen Stellen, in denen das Botox® injiziert wird, gehören Stirn, Zornesfalte, Krähenfüße, Schläfen/Temporalregion und Nacken.
Behandlungsintervalle und Dosierung
Im ersten Jahr der Botox®-Therapie sollte die Behandlung in der Regel alle drei Monate wiederholt werden, um eine Linderung der Beschwerden zu erzielen. Bei gutem Ansprechen auf das Medikament kann der Behandlungszyklus gegebenenfalls auf 4 Monate erweitert werden. Die aktuelle Standarddosierung beträgt pro Behandlung zwischen 155 und 195 sogenannten „Allergan-Einheiten“ (AE). Die Erstbehandlung erfolgt dabei regelmäßig mit 155 AE, verteilt über die 31 Injektionspunkte des PREEMPT-Schemas. Sollte sich nach der Erstbehandlung kein Erfolg einstellen, so sollte in einer zweiten Sitzung die Erhöhung auf 195 AE erwogen werden. Die zusätzlichen Einheiten werden dann auf die Zonen verteilt, in denen der Patient das intensivste Schmerzempfinden verspürt.
Was ist vor und nach der Behandlung zu beachten?
Vor der Behandlung sollten Patienten ihren Arzt über alle eingenommenen Medikamente und bestehenden Erkrankungen informieren. Es ist ratsam, am Behandlungstag keine Schminke zu tragen und das Gesicht nicht einzucremen. Falls Botox® selbst zum Termin mitgebracht wird, ist darauf zu achten, dass das Medikament gekühlt (bei maximal 2 - 8 °C) transportiert wird.
Nach der Behandlung sollten Patienten den Kopf für etwa 3 Stunden aufrecht halten, um eine gleichmäßige Verteilung des Botox® zu gewährleisten. Für 1-2 Tage sollten körperliche Anstrengungen, Sonnenbäder, Sauna- und Solariumgänge vermieden werden. Die Behandlungsstellen sollten nicht massiert werden.
Lesen Sie auch: Die Risiken von Botox für das Gehirn
Mögliche Nebenwirkungen
Botox® ist im Allgemeinen gut verträglich. Wie bei jeder medikamentösen Behandlung können jedoch Nebenwirkungen auftreten. Meist sind diese nur leicht bis mittelschwer ausgeprägt und treten vorübergehend auf. Zu den häufigsten Nebenwirkungen zählen:
- Kopfschmerzen, Migräne und Verschlimmerung der Migräne
- Nacken- und Muskelschmerzen
- Muskelverspannungen und -schwäche
- Schmerzen an der Injektionsstelle
- Hängendes Augenlid
- Schwäche der Gesichtsmuskeln
- Hautausschlag und Juckreiz
Seltener können Schluckbeschwerden, Hautschmerzen oder Kieferschmerzen auftreten.
Kontraindikationen
Es gibt einige Erkrankungen, bei denen Botox® generell nicht angewendet werden sollte:
- Neuromuskuläre Erkrankungen
- Schluckstörungen oder chronische Atembeschwerden
- Akute Infekte und Entzündungen der vorgesehenen Injektionsstellen
- Gleichzeitige Einnahme bestimmter Medikamente, die die muskuläre Transmission beeinflussen sowie bestimmter Antibiotika (Aminoglykosid-Antibiotika, Spectinomycin)
- Nachgewiesene Überempfindlichkeit gegen einen der Bestandteile von Botox®
- Schwangerschaft und Stillzeit
Kosten und Kostenübernahme
Die Kosten für eine Botox®-Behandlung gegen Migräne variieren je nach Menge des benötigten Medikaments und dem behandelnden Arzt. In der Regel liegen die Kosten pro Behandlung zwischen 300 und 1.500 Euro. Die Kosten für die Behandlung werden von den gesetzlichen Krankenkassen in der Regel nicht übernommen, es sei denn, es liegen bestimmte Voraussetzungen vor. Dazu gehört eine chronische Migräne, die den Kriterien der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft (International Headache Society) entspricht, sowie der Nachweis, dass andere vorbeugende Behandlungen der chronischen Migräne mit Medikamenten aus der Gruppe der Blutdrucksenker, Antiepileptika, Antidepressiva oder CGRP-Antagonisten keine Wirkung gezeigt haben oder nicht vertragen wurden. Es ist ratsam, vor Beginn der Therapie mit Botox® gegen Migräne Kontakt zur Krankenkasse aufzunehmen und dort einen Behandlungsplan einzureichen.
Alternativen zu Botox® bei Migräne
Neben Botox® gibt es verschiedene andere Behandlungsoptionen für Migräne, darunter:
Lesen Sie auch: Anwendung von Botox bei Neuralgien
- Medikamentöse Prophylaxe: Verschiedene Medikamente wie Betablocker, Antidepressiva, Antiepileptika und CGRP-Antagonisten können zur Vorbeugung von Migräneattacken eingesetzt werden.
- Akutbehandlung: Schmerzmittel wie Triptane und NSAR können zur Linderung akuter Migräneattacken eingesetzt werden.
- Nicht-medikamentöse Therapien: Entspannungstechniken, Biofeedback, Akupunktur und Physiotherapie können ebenfalls zur Behandlung von Migräne eingesetzt werden.