Epilepsie bei Tieren: Ursachen, Diagnose und Therapie – Ein umfassender Leitfaden

Epilepsie ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen bei Hunden und Katzen. Etwa 1% aller Hunde sind betroffen. Diese Erkrankung, die durch übermäßige elektrische Aktivität im Gehirn ausgelöst wird, manifestiert sich in Form von epileptischen Anfällen, die sich sehr unterschiedlich präsentieren können. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über Epilepsie bei Tieren, einschließlich der verschiedenen Anfallsformen, Diagnosemethoden, Behandlungsansätze und des Lebens mit einem an Epilepsie erkrankten Tier.

Was ist Epilepsie?

Epilepsie ist definiert als eine Funktionsstörung im Gehirn, bei der es zu unkontrollierten elektrischen Entladungen kommt. Dies führt zu einem "Gewitter im Kopf", bei dem Nervenzellenverbände sich unkontrolliert entladen und Stromstöße in verschiedene Hirnregionen abgeben. Im Allgemeinen unterscheidet man zwei Haupttypen von Epilepsie:

  • Idiopathische Epilepsie: Hierbei handelt es sich um eine genetisch bedingte, oft vererbte Erkrankung, bei der keine zugrunde liegende Ursache gefunden werden kann. Sie tritt meist zwischen dem 1. und 6. Lebensjahr auf. Bestimmte Rassen, wie der Golden Retriever, sind häufiger betroffen.
  • Strukturelle (Symptomatische) Epilepsie: Diese Form wird durch eine andere Erkrankung ausgelöst, wie z.B. Nieren- oder Lebererkrankungen, angeborene Fehlbildungen, Infektionen, Gehirntumore oder Vergiftungen.

Formen von epileptischen Anfällen

Epileptische Anfälle können sich in unterschiedlicher Intensität und Dauer äußern. Grundsätzlich lassen sich fokale und generalisierte Anfälle unterscheiden.

  • Fokale Anfälle: Bei dieser milderen Form ist nur eine Hirnhälfte betroffen. Symptome können Zucken des Mundwinkels oder Fliegenschnappen sein.
  • Generalisierte Anfälle: Dies ist die schwerste Form, bei der das Tier in der Regel das Bewusstsein verliert und unter Krämpfen zu Boden fällt. Unkontrollierter Harn- und Kotabsatz sowie übermäßiges Speicheln können ebenfalls auftreten.

Epileptische Anfälle können unterschiedlich lange dauern, von wenigen Sekunden bis zu mehreren Stunden. Ein Anfall, der länger als 5 Minuten andauert (Status epilepticus), oder das Auftreten von mehr als zwei Anfällen innerhalb von 24 Stunden (Clusteranfälle) stellen einen Notfall dar, der sofort tierärztlich behandelt werden muss.

Ablauf eines epileptischen Anfalls

Ein epileptischer Anfall verläuft typischerweise in drei Phasen:

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  1. Präiktale Phase (Aura): Vor dem eigentlichen Anfall zeigen Tiere oft Verhaltensänderungen wie Unruhe, Verwirrtheit, Speicheln oder besondere Anhänglichkeit.
  2. Iktale Phase (Anfall): Während des Anfalls kommt es zu einer Versteifung der Muskulatur, das Tier fällt zu Boden, zeigt Ruderbewegungen, speichelt, zittert, äußert Laute und verliert möglicherweise Harn und Kot.
  3. Postiktale Phase: Nach dem Anfall können Verhaltensänderungen wie Unruhe, Drangwandern oder Blindheit auftreten.

Diagnose von Epilepsie

Um die bestmögliche Behandlung für ein Tier mit Epilepsie zu gewährleisten, ist es wichtig, die Ursache und Form der Epilepsie zu kennen. Die Diagnose umfasst in der Regel folgende Schritte:

  1. Anamnese: Ein ausführliches Gespräch mit dem Tierbesitzer ist essenziell. Der Tierarzt benötigt genaue Informationen über Anfallsdauer, Häufigkeit, Ablauf und Begleitumstände. Ein Anfallstagebuch und Videoaufnahmen können sehr hilfreich sein.
  2. Allgemeine und neurologische Untersuchung: Eine gründliche Untersuchung des Tieres ist notwendig, um andere Erkrankungen auszuschließen.
  3. Blutuntersuchungen: Ein großes Blutbild, Organwerte und gegebenenfalls Funktionstests werden durchgeführt, um Stoffwechselstörungen oder andere organische Ursachen auszuschließen.
  4. Bildgebung: Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) sowie Ultraschall können eingesetzt werden, um strukturelle Veränderungen im Gehirn oder andere Anomalien zu erkennen.
  5. Untersuchung des Hirnwassers (Liquor): Diese Untersuchung dient zum Ausschluss von Entzündungen oder Infektionen des Gehirns.
  6. Gentest: Bei Verdacht auf primäre Epilepsie kann ein Gentest durchgeführt werden, um eine genetische Veranlagung festzustellen.

Die Diagnose "idiopathische Epilepsie" wird erst gestellt, wenn alle anderen möglichen Ursachen ausgeschlossen wurden (Ausschlussdiagnose).

Behandlung von Epilepsie

Die Behandlung von Epilepsie zielt darauf ab, die Anfallshäufigkeit zu reduzieren und die Lebensqualität des Tieres zu verbessern.

  • Behandlung der Grunderkrankung: Bei struktureller Epilepsie steht die Behandlung der zugrunde liegenden Erkrankung im Vordergrund.
  • Antikonvulsive Medikamente: Bei idiopathischer Epilepsie werden in der Regel antikonvulsive (antiepileptische) Medikamente eingesetzt. Die Therapie sollte begonnen werden, wenn das Tier mehr als zwei Anfälle in sechs Monaten hat oder Clusteranfälle bzw. ein Status epilepticus aufgetreten sind.

Es ist wichtig zu beachten, dass Epilepsie in der Regel nicht heilbar ist und eine lebenslange Behandlung erforderlich sein kann. Dennoch können viele Tiere mit Epilepsie ein normales Leben führen.

Medikamentöse Therapie

In Deutschland stehen verschiedene Medikamente zur Behandlung von Epilepsie bei Tieren zur Verfügung:

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  • Phenobarbital: Oft die erste Wahl, wird in der Regel zweimal täglich verabreicht. Regelmäßige Blutuntersuchungen sind erforderlich, um den Wirkspiegel zu überwachen und die Leberwerte zu kontrollieren.
  • Imepitoin (Pexion): Ein speziell für Hunde entwickeltes Medikament mit wenigen Nebenwirkungen. Es ist jedoch nicht wirksam bei Clusteranfällen. Die Einstellung erfolgt anhand der Anfallshäufigkeit.
  • Kaliumbromid: Wird oft als Zusatzmedikation eingesetzt, wenn ein Medikament allein nicht ausreichend wirksam ist. Ein stabiler Wirkspiegel wird erst nach etwa drei Monaten erreicht. Auf einen gleichbleibenden Salzgehalt im Futter ist zu achten.
  • Levetirazetam: Ein Medikament aus der Humanmedizin, das bei unzureichender Wirksamkeit der genannten Medikamente oder bei Kontraindikationen eingesetzt werden kann. Es hat wenige Nebenwirkungen, muss aber alle acht Stunden verabreicht werden und ist relativ teuer.

Die Auswahl des geeigneten Medikaments hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie z. B. der Art der Epilepsie, dem Alter des Tieres, Begleiterkrankungen und den individuellen Bedürfnissen des Tieres und seines Besitzers.

Ergänzende Behandlungsansätze

Neben der medikamentösen Therapie können auch andere Maßnahmen zur Unterstützung der Behandlung von Epilepsie eingesetzt werden:

  • Ernährung: Eine ausgewogene, getreidefreie Ernährung mit hochwertigen Proteinen und Fetten kann sich positiv auf die Anfallskontrolle auswirken. Einige Tierärzte empfehlen spezielle Diäten mit mittelkettigen Triglyceriden (MCT). Es ist wichtig, auf künstliche Zusatzstoffe, Geschmacksverstärker und Konservierungsmittel zu verzichten, da diese Anfälle auslösen können. Bei Tieren, die Kaliumbromid erhalten, sollte der Salzgehalt im Futter konstant gehalten werden.
  • Stressmanagement: Stress kann Anfälle auslösen. Daher ist es wichtig, Stressfaktoren zu minimieren und für eine ruhige, reizarme Umgebung zu sorgen.
  • Homöopathie: Einige Tierbesitzer setzen auf homöopathische Mittel zur Unterstützung der konventionellen Therapie. Die Anwendung sollte jedoch unbedingt mit einem Tierheilpraktiker oder Tierarzt mit homöopathischer Erfahrung besprochen werden.
  • Nahrungsergänzungsmittel: Einige Studien deuten darauf hin, dass bestimmte Nahrungsergänzungsmittel wie Omega-3-Fettsäuren, Vitamin B12 und Antioxidantien die Anfallskontrolle verbessern können.

Leben mit Epilepsie

Das Leben mit einem an Epilepsie erkrankten Tier kann eine Herausforderung sein, da es sich um eine unheilbare Erkrankung handelt, die lebenslang therapiert werden muss. Es ist wichtig, Ruhe zu bewahren und sich über die Erkrankung zu informieren, um dem Tier bestmöglich helfen zu können.

Was tun bei einem Anfall?

  • Ruhe bewahren: Das Tier bekommt in der Regel nichts von dem Anfall mit, da es nicht bei Bewusstsein ist.
  • Umgebung sichern: Entfernen Sie Gegenstände, an denen sich das Tier verletzen könnte.
  • Sinnesreize reduzieren: Dunkeln Sie den Raum ab und sorgen Sie für Ruhe.
  • Nicht festhalten: Versuchen Sie nicht, das Tier festzuhalten, da dies zu Verletzungen führen kann.
  • Dokumentation: Notieren Sie die Dauer und den Ablauf des Anfalls oder machen Sie eine Videoaufnahme.
  • Tierarzt kontaktieren: Bei einem Status epilepticus oder Clusteranfällen ist sofortige tierärztliche Hilfe erforderlich.

Anfallstagebuch

Ein Anfallstagebuch ist ein wichtiges Werkzeug, um die Anfallshäufigkeit zu dokumentieren und mögliche Auslöser zu identifizieren. Notieren Sie Datum, Uhrzeit, Dauer, Art des Anfalls, Verhalten vor und nach dem Anfall sowie mögliche Auslöser wie Stress, Futterumstellung oder Medikamenteneinnahme.

Zusammenarbeit mit dem Tierarzt

Eine enge Zusammenarbeit mit dem Tierarzt ist entscheidend für eine erfolgreiche Behandlung von Epilepsie. Regelmäßige Kontrolluntersuchungen sind wichtig, um die Medikamentendosierung anzupassen und mögliche Nebenwirkungen zu erkennen.

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Wichtige Informationen für Tierbesitzer

  • Epilepsie ist eine häufige neurologische Erkrankung bei Hunden und Katzen.
  • Es gibt verschiedene Formen von Epilepsie, die unterschiedliche Ursachen haben können.
  • Die Diagnose umfasst Anamnese, allgemeine und neurologische Untersuchung, Blutuntersuchungen, Bildgebung und gegebenenfalls eine Untersuchung des Hirnwassers.
  • Die Behandlung zielt darauf ab, die Anfallshäufigkeit zu reduzieren und die Lebensqualität des Tieres zu verbessern.
  • Eine enge Zusammenarbeit mit dem Tierarzt ist entscheidend für eine erfolgreiche Behandlung.
  • Ein Anfallstagebuch hilft, die Anfallshäufigkeit zu dokumentieren und mögliche Auslöser zu identifizieren.
  • Auch wenn Epilepsie nicht heilbar ist, können viele Tiere mit Epilepsie ein normales Leben führen.

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