Das Gedächtnis ist mehr als nur unsere persönlichen Erinnerungen. Es ist ein komplexes System, das es uns ermöglicht, Informationen zu speichern, zu erinnern und wieder abzurufen. Das Langzeitgedächtnis wird in verschiedene Gedächtnisformen unterteilt, die unterschiedliche Inhalte speichern. Zu diesen Formen gehören das deklarative Gedächtnis, das sich in das episodische und das semantische Gedächtnis unterteilt, und das nicht-deklarative Gedächtnis. Dieser Artikel beleuchtet den Unterschied zwischen dem episodischen und dem semantischen Gedächtnis und gibt Einblick in die Funktionsweise des Gedächtnisses.
Gedächtnis: Mehr als nur Erinnerungen
Die meisten Menschen verbinden mit dem Wort Gedächtnis persönliche Erinnerungen an einzelne Ereignisse und Erlebnisse. Forscher nennen diese Erinnerungen an einzelne Ereignisse und Erlebnisse das episodische oder autobiographische Gedächtnis. Hier ist der Film des Lebens abgespeichert, mit uns als Hauptdarsteller: Unsere peinlichsten Patzer, unsere glücklichsten Momente, Familienfeste, Schulabschluss, Hochzeitstag, Beerdigungen und alles dazwischen. Das Gedächtnis ist jedoch viel mehr als das. Es umfasst auch unser Faktenwissen, unsere Fertigkeiten und unsere Gewohnheiten.
Die verschiedenen Gedächtnisformen
Das Langzeitgedächtnis wird in mehrere Gedächtnisformen unterteilt, die unterschiedliche Inhalte abspeichern. Das deklarative Gedächtnis besteht aus persönlichen Erinnerungen, episodisches Gedächtnis genannt, und dem Faktenwissen des semantischen Gedächtnisses. Zum nicht-deklarativen Gedächtnis gehören Fertigkeiten wie Laufen, Schreiben oder Fahrradfahren, aber auch erlernte Ängste oder Konditionierungen. Neben dem Langzeitgedächtnis gibt es das Arbeitsgedächtnis, das Inhalte kurzzeitig speichert, etwa beim Lösen von Rechenaufgaben.
Deklaratives Gedächtnis: Episodisch vs. Semantisch
Das deklarative Gedächtnis, auch explizites Gedächtnis genannt, speichert bewusste, sprachlich abrufbare Inhalte. Es wird in zwei Hauptkategorien unterteilt:
- Episodisches Gedächtnis: Das episodische Gedächtnis speichert Erinnerungen an autobiographische Ereignisse. Dazu zählen Situationen, die man selbst erlebt hat, über die man dadurch ein hohes Detailwissen hat und meist Auskunft über Orte und Zeitangaben geben kann. Es umfasst unsere persönlichen Erinnerungen an einzelne Ereignisse und Erlebnisse mit einem klaren räumlichen und zeitlichen Bezug. Wir können sie mehr oder weniger genau in eine Zeitleiste einfügen. Es ist wie ein "Film des Lebens", in dem wir die Hauptrolle spielen.
- Semantisches Gedächtnis: Das semantische Gedächtnis umfasst das gesamte Faktenwissen, das ein Mensch im Laufe seines Lebens anhäuft, also sein Allgemeinwissen. Es speichert Fakten und Konzepte ohne spezifischen Kontext. Die meisten Menschen wissen, dass die Hauptstadt von Frankreich Paris ist. In der Regel erinnern sie sich aber nicht daran, wann, wo und von wem sie diese Tatsache das erste Mal gehört haben. Häufig handelt es sich auch gar nicht um ein einziges Lernereignis.
Der kanadische Psychologe Endel Tulving hat den Unterschied auf folgende Formel gebracht: Das episodische Gedächtnis seien Informationen, an die wir uns „erinnern“, das semantische Gedächtnis speichere Informationen, die wir „wissen“.
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Non-deklaratives Gedächtnis: Implizites Wissen
Das nicht-deklarative Gedächtnis, auch implizites Gedächtnis genannt, speichert implizite Inhalte, die dem Bewusstsein nicht direkt zugänglich und deshalb auch nicht sprachlich abrufbar sind. Es umfasst Fertigkeiten, Gewohnheiten und Konditionierungen. Ein wichtiges Beispiel hierfür ist das prozedurale Gedächtnis oder Fertigkeitsgedächtnis. So bezeichnen Wissenschaftler den Teil des Gedächtnisses, der Fähigkeiten, Gewohnheiten und Verhaltensweisen speichert. Also körperliche oder geistige Abläufe wie etwa das Fahrradfahren, das Zähneputzen oder schlicht, aufrecht auf zwei Beinen zu laufen. Doch auch erlernte Ängste oder der aufkommende Appetit beim Geruch eines guten Essens sind „Produkte“ des nicht-deklarativen Gedächtnisses.
Kurzzeitgedächtnis und Arbeitsgedächtnis
Neben dem Langzeitgedächtnis gibt es das Kurzzeitgedächtnis und das Arbeitsgedächtnis. Darin speichern wir zum Beispiel eine gerade nachgeschlagene Telefonnummer ab, bis wir sie ins Telefon eintippen. Nach der Theorie des britischen Psychologen Alan Baddeley besteht das Arbeitsgedächtnis aus einer Art Schaltzentrale - der zentralen Exekutive -, die auf auditive und visuelle Informationen anderer Hirnareale zurückgreift und diese wie ein Diktiergerät beziehungsweise einen Notizzettel nutzt. Ein Beleg dafür ist, dass die meisten Menschen die gleiche Methode anwenden, um sich zum Beispiel besagte Telefonnummer zu merken: Sie wiederholen die Zahlenreihe still im Kopf und initiieren so das, was Alan Baddeley die phonologische Schleife nennt. Nach seinem Modell gibt es einen zweiten Teil des Arbeitsgedächtnisses, den räumlich-visuellen Notizblock, welcher der kurzzeitigen Erinnerung an bestimmte Objekte oder Orte dient. Und außerdem den episodischen Puffer, der sowohl phonologische als auch visuelle Informationen in Form von Abfolgen - Episoden - kurzfristig speichern kann.
Wie funktioniert das Gedächtnis?
Etwa 10 Millionen Signale aus den Sinnesorganen erreichen unser Gehirn in jeder Sekunde, aber nicht alle sind es wert, gespeichert und später erinnert zu werden. Aus diesem Grund hilft nur eine Selektion der Signale, welche die Eindrücke in verschiedene Kategorien einteilt. Eine erste Unterscheidung erfolgt in die Kategorien: „bekannt“ und „unbekannt“. Danach entscheidet unser Gehirn, ob die Eindrücke es wert sind, dass wir sie uns einprägen und im Gedächtnis behalten, um sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder abrufen zu können.
Es gibt für das Gedächtnis keine klar abgrenzbare Struktur im Gehirn. Vielmehr ist für die Merk- und Erinnerungsfähigkeit ein Netzwerk von Nervenzellen zuständig, die sich über verschiedene Hirnbereiche erstrecken. Bei Gedächtnisprozessen sind daher verschiedene Gehirnbereich gleichzeitig aktiv. Für das prozedurale Gedächtnis beispielsweise sind die Basalganglien, (prä-)motorische und cerebelläre (Kleinhirn-) Strukturen zuständig. Für das semantische Gedächtnis und episodische Inhalte sind die Amygdala und der Hippocampus wichtig. Die Amygdala speichert Erinnerungen mit emotionalem Gehalt.
Enkodierung, Konsolidierung und Abruf
Gedächtnisinhalte müssen zunächst enkodiert, dann konsolidiert (gespeichert) und zuletzt abgerufen werden. Bei allen drei Prozessen können Fehler auftreten.
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- Enkodierung: Die Enkodierung ist die die Übersetzung der Informationen aus der Außenwelt (oder des Körpers) in einen neuronalen Code, so dass das Gehirn diese Informationen lesen kann. Informationen werden besser gespeichert, wenn sie bedeutungsvoll sind. Wenn wir ein Wort, welches gelernt werden soll, in eine Geschichte einbetten, so kann es später besser abgerufen werden.
- Konsolidierung: Unter Konsolidierung versteht man Prozesse im Gehirn, die zu einer dauerhaften Speicherung von Informationen führen. Dabei werden die Verbindungen zwischen den Nervenzellen, die die zu einer Episode gehörenden Informationen verarbeiten, verstärkt. Dadurch bilden sich Netzwerke von Nervenzellen aus, welche die zu einer Erinnerung gehörenden Informationen gespeichert haben.
- Abruf: Der Abruf von gespeicherten Informationen aus dem Gedächtnis kann bewusst oder unbewusst geschehen. Wird man nach der Hauptstadt von Frankreich gefragt und antwortet „Paris“, so ist das ein bewusster Abruf. Kommt man jedoch auf einen Hinweisreiz wie ein Bild des Eifelturms auf den Gedanken an Paris, so ist das ein unbewusster Abruf.
Die Rolle des Hippocampus
Für die Speicherung neuer episodischer Informationen ist jedoch der Hippocampus von entscheidender Bedeutung. So verlieren Menschen mit einer Schädigung des Hippocampus die Fähigkeit, neue autobiographische Gedächtnisinhalte in bleibende Erinnerungen zu überführen: Sie leiden unter einer Amnesie. In einzelnen Fällen zeigen Menschen mit einem beschädigten Hippocampus aber ein weitgehend unbeeinträchtigtes semantisches Gedächtnis, obwohl ihr episodisches Gedächtnis überhaupt nicht mehr funktioniert.
Langfristig abgelegt werden beide Arten von Informationen nach derzeitigem Kenntnisstand in der Hirnrinde, dem Cortex. Daran sind vor allem die Frontallappen und die Temporallappen beteiligt.
Gedächtnisstörungen
Störungen des Gedächtnisses werden als Amnesien bezeichnet. Anterograde Amnesie bedeutet, dass nach einer Hirnschädigung keine neuen Gedächtnisinhalten mehr aufgenommen werden während retrograde Amnesien mit einem Verlust der Abruffähigkeit älterer Gedächtnisinhalte einhergeht. Kombinationen sind möglich. Wenn etwa nach einem schweren Autounfall keine neuen Erinnerungen mehr gebildet werden - die Fahrt zum Unfall und der Unfall selbst jedoch auch nicht erinnert werden.
Gedächtnisstörungen sind aber nicht nur durch Verletzungen möglich, die von außen (Schädel-Hirn-Trauma) einwirken, sondern auch durch innere Verletzungen wie zum Beispiel Gefäßblutungen bei einem Schlaganfall. Degenerative Veränderungen wie die Alzheimer-Krankheit oder Demenz sind ebenfalls häufige Ursachen für ein gestörtes Gedächtnis. Und nicht zuletzt führen auch Medikamente (Neuroleptika) und Alkohol („Filmriss“ nach einer durchzechten Nacht, Korsakow-Syndrom) zu Gedächtnis-Störungen.
Faktoren, die das Gedächtnis beeinflussen
Verschiedene Faktoren können das Gedächtnis beeinflussen, sowohl positiv als auch negativ. Dazu gehören:
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- Alter: Das Kurzzeitgedächtnis nimmt im Alter zunehmend ab.
- Stress: Stress beeinträchtigt das implizite Gedächtnis, das deklarative Gedächtnis und das Arbeitsgedächtnis.
- Schlaf: Schlaf verbessert die Konsolidierung des deklarativen Gedächtnisses, indem er Erinnerungen stabilisiert und integriert.
- Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Flüssigkeit ist essenziell für das Funktionieren des Gehirns.
- Bewegung: Regelmäßige Bewegung unterstützt die Konsolidierung von Gedächtnisinhalten.
- Krankheiten: Bestimmte Krankheiten wie Depressionen, Angststörungen, Alzheimer und Demenz können das Gedächtnis negativ beeinflussen.
- Medikamente und Alkohol: Einige Medikamente und Alkohol können zu Gedächtnisstörungen führen.
Strategien zur Verbesserung des Gedächtnisses
Es gibt verschiedene Strategien, um das Gedächtnis zu verbessern und zu erhalten. Dazu gehören:
- Gedächtnistraining: Regelmäßiges Gedächtnistraining kann die Gedächtnisleistung verbessern.
- Mnemotechniken: Mnemotechniken wie Eselsbrücken und Reime können helfen, sich Fakten besser zu merken.
- Visualisierung: Das Erstellen lebendiger Bilder im Kopf von Informationen, die man abspeichern möchte, kann das Erinnern erleichtern.
- Wiederholung: Regelmäßiges Wiederholen von Informationen stärkt die Erinnerungsfähigkeit und unterstützt den Langzeiterhalt.
- Chunking: Informationen in kleinere, handhabbare Einheiten aufteilen, um das Erinnern zu erleichtern.
- Gesunder Lebensstil: Ausreichend Schlaf, eine ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung und Stressmanagement sind wichtig für ein gesundes Gedächtnis.
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