Rauchen ist ein vermeidbares Gesundheitsrisiko, das mit einer Vielzahl schwerwiegender Erkrankungen in Verbindung gebracht wird. Während der Zusammenhang zwischen Tabakkonsum und Krebs-, Atemwegs- sowie Herzkrankheiten gut dokumentiert ist, gibt es zunehmend Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Rauchen und chronischen Schmerzen, insbesondere Nervenschmerzen. Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Mechanismen, die diese Verbindung erklären, und untersucht, wie Rauchen sowohl die Entstehung als auch die Wahrnehmung von Schmerzen beeinflussen kann.
Chronische muskuloskelettale Schmerzen und Rauchen
Chronische muskuloskelettale Schmerzen (CMP), die in Gelenken, Knochen, Muskeln und Sehnen auftreten und länger als drei Monate anhalten, stellen eine erhebliche Belastung für das Gesundheitssystem dar. Studien zeigen, dass CMP bei Rauchern häufiger auftreten. Eine Metaanalyse von Yan Dai und Kollegen ergab, dass aktives Rauchen mit einem erhöhten CMP-Risiko verbunden ist, insbesondere bei jüngeren Personen unter 50 Jahren.
Es wird vermutet, dass Prozesse im Bereich der endogenen Schmerzregulierung eine Rolle spielen. Interessanterweise war die Häufigkeit von Knieschmerzen bei Rauchern geringer. Bei Ex-Rauchern war der Unterschied im CMP-Risiko geringer und nicht mehr signifikant, was darauf hindeutet, dass ein Rauchstopp positive Auswirkungen haben kann.
Rauchen als Risikofaktor für chronische Schmerzkrankheiten
Rauchen ist nicht nur ein Risikofaktor für CMP, sondern auch für die Entwicklung chronischer Schmerzkrankheiten im Allgemeinen. Dr. Winfried Häuser vom Zentrum für Schmerztherapie, Klinikum Saarbrücken, betont, dass die Bedeutung von Tabakrauchen für die Entstehung chronischer Schmerzsyndrome bisher in der Schmerztherapie vernachlässigt wurde. Wer als Schmerzpatient das Rauchen aufgibt, kann eine Verbesserung des Befindens erwarten, die in einigen Fällen so wirksam sein kann wie Medikamente.
Kopfschmerzen und Rauchen
Auch im Bereich von Kopfschmerzen gibt es Verbindungen zum Rauchen. Prof. Dr. Karl-Heinz Grotemeyer vom Klinikum für Neurologie, Klinikum Saarbrücken, erklärt, dass Rauchen bei Clusterkopfschmerz einen gesicherten Auslösemechanismus darstellt. Migränepatienten gaben Rauchen je nach Studie zwischen 1 % und 3,2 % als Kopfschmerz-Triggerfaktor an, während Spannungskopfschmerzpatienten Rauchen in 2,8 % der Fälle als Auslöser beschuldigten. Rauchende Kopfschmerzpatienten berichten in der Regel über mehr Kopfschmerzphasen als Nichtraucher. Zudem ist das Hirninfarktrisiko bei rauchenden Migränepatientinnen signifikant erhöht.
Lesen Sie auch: Hilft 5-HTP bei Migräne?
Rauchen und internistische Erkrankungen mit chronischen Schmerzen
Rauchen erhöht das Risiko für viele internistische Erkrankungen, die mit chronischen Schmerzen einhergehen können. Dazu gehören die Verengung der Herzkranz- und Beingefäße (koronare Herzkrankheit, periphere arterielle Verschlusskrankheit) sowie entzündliche Verengungen der Zehen- und Fingerarterien (Thrombangiitis obliterans). Auch das Risiko für chronische Bauchspeicheldrüsenentzündung, Bauchspeicheldrüsenkrebs und Entzündungen des Dünn- und Dickdarms (Morbus Crohn) wird durch Rauchen erhöht.
Dr. Häuser unterstreicht, dass die relative Risikoreduktion eines erneuten Herzinfarkts durch Tabakabstinenz zwischen 50 % und 70 % liegt, was vergleichbar mit der relativen Risikoreduktion durch die Kombination von vier Medikamenten ist. Ein Rauchstopp führt zudem zu einem Anstieg der schmerzfreien Gehstrecke bei peripherer arterieller Verschlusskrankheit. Amputationen bei Thrombangiitis obliterans sind fast ausschließlich bei Rauchern erforderlich. Das Risiko eines erneuten symptomatischen Rückfalls nach Operation bei Morbus Crohn wird durch einen Rauchstopp ähnlich stark reduziert wie durch die Gabe des Immunsuppressivums Azathioprin.
Rauchen und muskoloskelettale Beschwerden
Raucher klagen häufiger als Nichtraucher über unspezifische muskoloskelettale Beschwerden, insbesondere im Rückenbereich. Obwohl viele Studien zu diesem Thema durchgeführt wurden, konnte ein kausaler Zusammenhang zwischen Rückenschmerzen und Nikotinkonsum bisher nicht gesichert werden. Es ist jedoch empirisch belegt, dass Raucher auch bezüglich weiterer morbiditätsrelevanter Faktoren ein Risikoerhöhendes berufliches und psychosoziales Profil aufweisen.
Die schädigende Wirkung von Nikotin
Der Konsum von Tabak stellt ein erhebliches Gesundheitsrisiko dar. Während die Forschungslage bezüglich des Zusammenhangs zwischen orthopädischen Erkrankungen und Tabakkonsum noch widersprüchlich ist, ist die schädigende Wirkung von Nikotin unumstritten. Nikotinkonsum führt kurzfristig zu einer Vasokonstriktion und langfristig zu Arteriosklerose. Dies führt nicht nur zur Mangelversorgung der inneren Organe, sondern auch zur Mangelernährung des Knochens und damit zu einem verminderten Knochenaufbau. Eine eingeschränkte Perfusion von Wirbelsäulenstrukturen kann degenerative Veränderungen fördern.
Nervenschmerzen: Ursachen und Symptome
Nervenschmerzen, auch neuropathische Schmerzen genannt, entstehen durch eine Erkrankung oder Läsion von Nervenstrukturen. Diese können verschiedene Ursachen haben, darunter Krebserkrankungen, Diabetes, Infektionen, Medikamentennebenwirkungen und genetische Erkrankungen. Die Symptome von Nervenschmerzen sind vielfältig und können sich als brennende, elektrisierende oder stechende Schmerzen äußern. Auch Taubheitsgefühle, Kribbeln oder eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit sind möglich.
Lesen Sie auch: GdB-Überblick bei Polyneuropathie
Nervenschmerzen im Zusammenhang mit Tumorerkrankungen und Bestrahlungen
Tumore können Nervenschmerzen verursachen, wenn sie auf Nervenfasern drücken oder diese schädigen. Im Rahmen von Bestrahlungen kann es zu Bindegewebsneubildungen kommen, die ebenfalls Nerven einengen und Schmerzen verursachen können.
Diabetische Neuropathie
Bei der diabetischen Neuropathie führen erhöhte Blutzuckerspiegel zu Veränderungen im Bereich der Nervenfasern, die Schmerzen auslösen können.
Engpasssyndrome
Engpasssyndrome entstehen durch die Einengung von Nervenfasern in anatomischen Strukturen. Dies kann durch Flüssigkeitseinlagerungen, wiederholte Bewegungen oder Vibrationen verursacht werden.
Vitaminmangel und Nervenschmerzen
Ein Mangel an bestimmten Vitaminen, insbesondere Vitamin B12, kann zu Nervenschmerzen führen. Dies ist besonders bei veganer oder vegetarischer Ernährung zu beachten, da Vitamin B12 vorwiegend in tierischen Produkten vorkommt.
Alkoholismus und Nervenschmerzen
Im Rahmen von Alkoholismus treten häufig Nervenschmerzen auf, typischerweise beidseitig in den Beinen und Füßen, begleitet von brennenden Schmerzen.
Lesen Sie auch: Anwendung von Tilidin
Der Einfluss von Rauchen auf Nervenschmerzen
Rauchen selbst führt nicht direkt zu Nervenschmerzen. Allerdings führt Rauchen zu Erkrankungen des Gefäßsystems und Durchblutungsstörungen, die Nervenschädigungen verursachen können, da die Nerven nicht mehr ausreichend durchblutet werden. Diese Schädigungen sind oft irreparabel.
Akute und chronische Auswirkungen des Rauchens auf die Schmerzwahrnehmung
Eine Studie im „Journal of Pain“ deutet darauf hin, dass Rauchen die wahrgenommenen Schmerzen akut abschwächen kann, insbesondere kurz nach dem Rauchvorgang. Bei Personen mit einer starken Verbindung zwischen Rauchen und Schmerzen kann der Drang zu rauchen die Schmerzintensität erhöhen und umgekehrt. Die Studie ergab, dass der Drang zu rauchen mit einer erhöhten Schmerzintensität verbunden war, während der Nicht-Rauch-Wunsch mit einer geringeren Schmerzintensität assoziiert war als der Rauchvorgang selbst.
Raucherentwöhnung als therapeutische Maßnahme
Die Effektivität von Rauchstopp als therapeutische Maßnahme bei einigen chronischen Schmerzsyndromen aus der Inneren Medizin ist eindeutig belegt. Dr. Häuser betont, dass Raucherentwöhnung kostengünstig und nebenwirkungsarm ist im Vergleich zu medikamentösen, invasiven oder psychotherapeutischen Schmerztherapien. Ärztliche Maßnahmen der Raucherentwöhnung, einschließlich Nikotinsubstitutionstherapie, sind in Metaanalysen nachgewiesen. Auch Schmerztherapeuten sollten sich mehr in der Raucherentwöhnung engagieren, insbesondere bei Patienten mit chronischen Schmerzen und Nikotinabhängigkeit.
Raucherentwöhnung in der multimodalen Schmerztherapie
Eine Raucherentwöhnung sollte ein obligater Bestandteil einer multimodalen Schmerztherapie bei chronisch viszeralen Schmerzsyndromen, koronarer Herzerkrankung, peripherer arterieller Verschlusskrankheit, Morbus Crohn und chronischer Pankreatitis sein.
Diagnose und Behandlung von Nervenschmerzen
Wenn der Eindruck besteht, dass ein Nervenschmerz vorliegt, sollte sofort ein Arzt aufgesucht werden. Der Hausarzt ist der primäre Ansprechpartner. Nervenschmerzen werden nicht mit herkömmlichen Schmerzmedikamenten behandelt. Es sind spezielle Medikamente erforderlich, um die Symptome zu lindern. Bei oberflächlichen Nervenschmerzen können auch Pflaster zur Schmerzlinderung eingesetzt werden.
Anamnese und körperliche Untersuchung
Der erste und wichtigste Schritt in der Diagnostik von Nervenschmerzen ist das Anamnesegespräch mit dem Patienten. Dabei werden Informationen über die Art des Schmerzes, die Lokalisation, Triggerfaktoren und Begleiterkrankungen erfasst. Eine körperliche Untersuchung dient dazu, neurologische Ausfälle festzustellen und die Schmerzempfindlichkeit zu überprüfen.
Elektrophysiologische Untersuchungen und Nervenbiopsie
Eine Elektroneurografie dient zur Überprüfung der Erregbarkeit des Nerven, während bei der Elektromyografie die Funktionalität des Muskels untersucht wird. Eine hochauflösende Ultraschall-Untersuchung kann in Kombination mit einer Elektroneurografie durchgeführt werden. Die Nervenbiopsie ist die Standarduntersuchung für das Feststellen einer Erkrankung von dünnen Nervenfasern und wird bei Verdacht auf eine Small-Fiber-Neuropathie eingesetzt.
Schmerzprotokollierung
Es kann erforderlich sein, ein Schmerztagebuch zu führen, um die Schmerzen zu protokollieren. Dabei werden die Schmerzintensität (auf einer Skala von 0 bis 10), die Art des Schmerzes, Triggerfaktoren und die Wirkung der Therapie dokumentiert.
Prävention und Bewältigung von Nervenschmerzen
Neben der medizinischen Behandlung gibt es verschiedene Maßnahmen, die Patienten selbst ergreifen können, um Nervenschmerzen vorzubeugen und zu bewältigen:
- Rauchstopp: Ein Rauchstopp ist essenziell, um die Durchblutung zu verbessern und Nervenschädigungen vorzubeugen.
- Gesunde Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Vitaminen, insbesondere Vitamin B12, ist wichtig für die Nervengesundheit. Bei veganer oder vegetarischer Ernährung sollte Vitamin B12 supplementiert werden.
- Regelmäßige Bewegung: Regelmäßige Bewegung fördert die Durchblutung und stärkt die Muskulatur, was sich positiv auf Nervenschmerzen auswirken kann.
- Stressmanagement: Stress kann Nervenschmerzen verstärken. Entspannungstechniken wie Yoga, Meditation oder autogenes Training können helfen, Stress abzubauen.
- Vermeidung von Risikofaktoren: Risikofaktoren wie Alkoholmissbrauch und Diabetes sollten vermieden oder behandelt werden, um Nervenschädigungen vorzubeugen.
tags: #verschlimmert #rauchen #nervenschmerzen