Der Symmetrisch Tonische Nackenreflex (STNR): Bedeutung, Auswirkungen und Integration

Der Symmetrisch Tonische Nackenreflex (STNR) ist ein frühkindlicher Reflex, der eine zentrale Rolle in der Entwicklung der Körperkoordination und Wahrnehmung spielt. Er ist ein fundamentaler Baustein in der Entwicklungskette eines Kindes. Dieser Artikel beleuchtet die Bedeutung des STNR, seine Auswirkungen bei unzureichender Integration und mögliche Lösungsansätze.

Einführung in frühkindliche Reflexe

Frühkindliche Reflexe sind angeborene Bewegungsmuster, die in den ersten Lebensmonaten eine entscheidende Rolle spielen. Sie bereiten das Kind auf ein gesundes Wachstum und Lernen vor. Jeder Reflex, von Palmar bis Moro, ist ein Schlüssel zum tieferen Verständnis, wie wir Bewegungen und Reaktionen von Geburt an entwickeln.

Die Rolle des Symmetrisch Tonischen Nackenreflexes (STNR)

Der STNR entsteht im sechsten bis neunten Monat nach der Geburt und wird etwa drei Monate später wieder gehemmt. Als Einstimmung auf die Krabbelphase, erfolgt durch ihn ein Auslösen eines Vor-Rück-Schaukelns auf Händen und Knien. Das Kleinkind wird zudem darauf vorbereitet, seine Schwerkraft zu überwinden. Das heißt, den Bauch vom Boden abzuheben, seinen Kopf im Raum aufrecht zu halten und sich dabei vorwärts zu bewegen.

STNR vorwärts und rückwärts

  • STNR vorwärts: Wenn der Kopf des Babys nach vorne gebeugt wird, reagiert der Körper mit einer Beugung der Arme und einer Streckung der Beine.
  • STNR rückwärts: Wenn der Kopf nach hinten überstreckt wird, führt dies zu einer Streckung der Arme und einer Beugung der Beine.

Bedeutung für die Entwicklung

Der STNR unterstützt nicht nur die motorischen Fähigkeiten wie das Krabbeln und Sitzen, sondern auch die sensorische Integration. Er trägt zur Entwicklung der Fernsicht, Raumwahrnehmung, des beidseitigen Hörens, des dreidimensionalen Sehens und der Zeitwahrnehmung bei. Diese Fähigkeiten sind entscheidend für die spätere schulische und sportliche Leistung des Kindes. Der STNR hilft dem Kind, die Schwerkraft zu überwinden und beide Körperhälften unabhängig voneinander zu benutzen.

Auswirkungen eines nicht integrierten STNR

Ein nicht vollständig integrierter STNR kann zu einer Vielzahl von Herausforderungen führen. Es wird geschätzt, dass etwa 75% der Kinder mit Legasthenie und anderen Lernstörungen einen noch aktiven STNR aufweisen. Frühe Unreife-Anzeichen, zeigt das Kleinkind bereits im ersten Lebensjahr. Dies wird zum Beispiel sichtbar, wenn unsauber gekrabbelt oder auf dem Po gerutscht oder der Bärengang benutzt wird. Wichtige Entwicklungsschritte wurden ausgelassen - es folgt ein zu frühes Aufrichten und Loslaufen. Bleiben starke Reste des STNR bestehen, so verhindern diese unter Umständen das Krabbeln.

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Motorische Auffälligkeiten

Kinder können das Krabbeln auslassen, was zu Koordinationsproblemen führen kann. Und da die Bewegung des Kopfes symmetrische Bewegungen in Armen und Beinen auslöst, führt dies zu motorischer Ungeschicklichkeit.

Posturale Probleme

Häufiges Umwickeln der Beine um Stuhlbeine und Schwierigkeiten bei der aufrechten Haltung können auftreten. Bleiben Restreaktionen des STNR, so hat dies häufig Auswirkungen auf die Sitzhaltung. Beim Arbeiten am Tisch ist eine gleichzeitige Beugung von Kopf, Armen und Beinen notwendig. Der STNR wirkt dieser Haltung jedoch entgegen. Beugen sich Kopf und Arme, so strecken sich Hüfte und Kniegelenk. Die Kinder lümmeln deshalb häufig am Tisch. Sie sitzen mit gestreckten Beinen auf der Stuhlkante oder unterdrücken den Reflex, indem sie die Beine fixieren. Sie schlingen sie entweder um die Stuhlbeine oder ziehen sie auf den Stuhl und setzen sich darauf. Eine „ordentliche“ Haltung ist für sie nur mit Anstrengung zu halten und erschwert damit jegliche intellektuelle Arbeit.

Visuelle und kognitive Beeinträchtigungen

Probleme mit der Augen-Hand-Koordination, der Anpassung der Augen von Nah- zu Fernsicht und Gedächtnisschwierigkeiten sind möglich. In der Schule zeigt sich die mangelnde Hand-Augen-Kopf-Koordination u.a. - erschwert z.B. das Abschreiben und der Heft-Tafel-Heft-Wechsel ist mühsam - Zeilen werden ausgelassen oder doppelt geschrieben. Beim genauen Hinschauen fällt die langsame oder nur mangelhaft ausführbare Nah-Fern-Blickeinstellung auf. Symmetrische Figuren zu zeichnen gelingt mehr schlecht als recht. Ein konzentriertes Arbeiten über einen längeren Zeitraum hinweg ist kaum möglich - die dazu nötige Ausdauer kann nicht aufgebracht werden. Diese Kinder werden, oft zu Unrecht, als unmotiviert und faul abgestempelt.

Probleme im Alltag

  • Schule: Die betroffenen Kinder haben häufig Probleme im Unterricht - und sie nehmen auch hier auffällige Haltungen ein, um den STNR unter Kontrolle zu bringen.
  • Sport: Im Sport haben diese Kinder Schwierigkeiten die Rolle vorwärts und rückwärts auszuführen, sie können Entfernungen und Geschwindigkeiten nur schlecht einschätzen, Bälle werden nicht mit der richtigen Kraftdosierung geworfen und beim Fangen greifen sie zu spät oder zu früh zu. Um einen Ball zu fangen nehmen sie den Oberkörper zu Hilfe. Im Stehen haben sie einen Rundrücken und knicken mit den Knien ein, wenn sie sich mit den Fingerspitzen zum Boden dehnen sollen.
  • Sozialverhalten: In der Gruppe kann das Kind nur schwer abwarten bis es dran ist. Es fällt auch auf durch seine Impulsivität und sein Trotzverhalten - es wirkt unerzogen und vorlaut.
  • Alltag: Auffallend ist auch die Ungeschicklichkeit im Alltag.

Weitere mögliche Auswirkungen

  • Schwierigkeiten, die Hände und Füße still zu halten und auf dem Stuhl ruhig sitzen zu bleiben.
  • Beim Schreiben, Lesen oder Essen am Tisch sinkt der Kopf immer tiefer, als könne das Kind seinen Kopf nicht halten oder als sei es kurzsichtig.
  • Manche Kinder arbeiten gerne stehend, ein Bein angewinkelt auf dem Stuhl abgelegt oder möchten auf dem Bauch liegend lernen.
  • Schwimmen: Kinder mit einem aktiven STNR können Schwierigkeiten haben, eine horizontale Schwimmhaltung beizubehalten, da die Beine nach unten sacken.

Integration des STNR

Obwohl der STNR normalerweise im frühen Kindesalter integriert wird, gibt es Möglichkeiten, die Integration auch später noch zu fördern. Dies kann durch gezielte Übungen und Therapien geschehen, die darauf abzielen, die Körperkoordination und Wahrnehmung zu verbessern. Die frühzeitige Erkennung und Behandlung eines nicht integrierten STNR kann dazu beitragen, die negativen Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes zu minimieren.

Andere wichtige frühkindliche Reflexe

Neben dem STNR gibt es eine Vielzahl weiterer frühkindlicher Reflexe, die für die Entwicklung eines Kindes von Bedeutung sind. Einige dieser Reflexe sind:

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  • Furcht-Lähmungs-Reflex (FLR): Ein Schutzmechanismus, der bereits im Mutterleib entsteht und das Baby in potenziell gefährlichen Situationen schützt.
  • Moro-Reflex: Ein Reflex, der durch plötzliche Reize ausgelöst wird und dem Neugeborenen hilft, den ersten Atemzug bei drohender Erstickungsgefahr zu machen.
  • Tonische Labyrinth Reflex (TLR): Ein Reflex, der die Körperhaltung und Muskelspannung beeinflusst und in TLR vorwärts und TLR rückwärts unterteilt wird.
  • Landau Reflex: Ein Reflex, der die Koordination und Stärkung der Muskeln fördert.
  • Asymmetrisch Tonische Nackenreflex (ATNR): Ein Reflex, der die Entwicklung der Motorik unterstützt.
  • Spinale Galant-Reflex: Ein Reflex, der während der Geburt eine wichtige Rolle spielt.
  • Saugreflex: Ein Reflex, der für die Nahrungsaufnahme und die Entwicklung der Mundmuskulatur entscheidend ist.
  • Bonding-Reflex: Ein Reflex, der die emotionale und psychische Entwicklung des Neugeborenen fördert.
  • Spinaler Perez Reflex: Ein Reflex, der die Stimulierung des Kreislaufs, die Entgiftung des Körpers und die Regulation des Muskeltonus unterstützt.
  • Greifreflex: Ein Reflex, der die Grundlage für spätere Greifbewegungen und die Entwicklung der Hand-Augen-Koordination bildet.
  • Palmarreflex: Ein Reflex, der die ersten Greifversuche ermöglicht und die Entwicklung feinmotorischer Fähigkeiten unterstützt.
  • Babinski-Reflex: Ein Reflex, der bei der neurologischen Untersuchung von Säuglingen eine Rolle spielt.

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