Frühkindliche Reflexe sind angeborene Bewegungsmuster, die eine entscheidende Rolle in den ersten Lebensmonaten eines Kindes spielen. Sie sind essenziell für die Entwicklung von Motorik, Sensorik und Kognition. Auf unserer Informationsseite über frühkindliche Reflexe bieten wir dir einen Überblick über die wichtigsten Reflexe und ihre Bedeutung. Einer dieser wichtigen Reflexe ist der Symmetrisch Tonische Nackenreflex (STNR).
Was ist der Symmetrisch Tonische Nackenreflex (STNR)?
Der Symmetrisch Tonische Nackenreflex (STNR) ist ein frühkindlicher Reflex, der eine zentrale Rolle in der Entwicklung der Körperkoordination und Wahrnehmung spielt. Wie bei anderen frühkindlichen Reflexen wie dem Furcht-Lähmungs-Reflex (FLR), dem Moro-Reflex und dem Asymmetrisch Tonischen Nackenreflex (ATNR) wird die motorische Aktion über das Gleichgewicht ausgelöst.
Der STNR wird im Vierfüßlerstand ausgelöst. Er besteht aus zwei Komponenten:
- STNR vorwärts: Wenn der Kopf des Babys nach vorne gebeugt wird, reagiert der Körper mit einer Beugung der Arme und einer Streckung der Beine.
- STNR rückwärts: Wenn der Kopf nach hinten überstreckt wird, führt dies zu einer Streckung der Arme und einer Beugung der Beine.
Dieser Reflex unterstützt nicht nur die motorischen Fähigkeiten wie das Krabbeln und Sitzen, sondern auch die sensorische Integration. Er trägt zur Entwicklung der Fernsicht, Raumwahrnehmung, des beidseitigen Hörens, des dreidimensionalen Sehens und der Zeitwahrnehmung bei. Diese Fähigkeiten sind entscheidend für die spätere schulische und sportliche Leistung des Kindes.
Funktion des STNR
Eine der Hauptaufgaben des STNR ist es, den Tonischen Labyrinth Reflex (TLR) aufzubrechen. Der TLR besteht aus zwei Komponenten: TLR vorwärts und TLR rückwärts.
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- TLR vorwärts wird durch die Neigung des Kopfes nach vorne ausgelöst und führt zu einer allgemeinen Tonuserschlaffung. Dieser Reflex hilft Neugeborenen und Babys dabei, ihre Beugehaltung zu entwickeln, die notwendig ist, um den Körper im Mutterleib kompakt zu halten.
- TLR rückwärts wird durch eine Rückneigung des Kopfes aktiviert und ist entscheidend für die Streckung des Körpers. Dieser Reflex bereitet das Kind auf das Krabbeln und später auf das Stehen und Gehen vor, indem er die Streckmuskulatur des Rückens und der Beine stärkt.
Der STNR ermöglicht es dem Kind, die Schwerkraft zu überwinden, in den Vierfüßlerstand oder den Katzensitz zu gelangen und beide Körperhälften unabhängig voneinander zu benutzen. Der STNR stärkt den Muskeltonus der Nacken- und Rückenmuskeln und ist somit wichtig für die richtige Körperhaltung.
Zusätzlich trainiert der STNR das Sehvermögen. Beim gebeugten Kopf nach unten schaut das Kind nah, und wenn es den Kopf hebt und nach vorne schaut, wird die Fernsicht trainiert. Dies ist ganz wichtig, um von der Tafel abzuschreiben und sich dann wieder auf sein Heft zu konzentrieren.
Entwicklung des STNR
Der STNR entwickelt sich ab der 18. Schwangerschaftswoche und ist ab dem 6. Lebensmonat aktiv. Normalerweise wird er im Alter von etwa 10 bis 11 Monaten integriert. Das bedeutet, dass der Reflex nicht mehr automatisch ausgelöst wird und die Bewegungen des Kindes willkürlicher und koordinierter werden.
Auswirkungen eines nicht integrierten STNR
Ein nicht vollständig integrierter STNR kann zu einer Vielzahl von Herausforderungen führen. Es wird geschätzt, dass etwa 75% der Kinder mit Legasthenie und anderen Lernstörungen einen noch aktiven STNR aufweisen.
Mögliche Auswirkungen von Restreaktionen des STNR bei Fortbestehen über die eigentliche Zeit hinaus sind:
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- Motorische Auffälligkeiten: Kinder können das Krabbeln auslassen, was zu Koordinationsproblemen führen kann. Sie können tollpatschig und ungeschickt wirken durch mangelnde Koordination.
- Posturale Probleme: Häufiges Umwickeln der Beine um Stuhlbeine und Schwierigkeiten bei der aufrechten Haltung können auftreten. Die Kinder haben Schwierigkeiten, die Hände und Füße still zu halten und ruhig auf dem Stuhl sitzen zu bleiben. Beim Schreiben, Lesen oder Essen am Tisch sinkt der Kopf immer tiefer, als könne das Kind seinen Kopf nicht halten oder als sei es kurzsichtig. Dabei werden die Beine häufig lümmelnd ausgestreckt oder das Kind fesselt seine Beine, indem es die Füße um die Stuhlbeine schlingt oder sich auf die eigenen Füße setzt. Manche Kinder arbeiten gerne stehend, ein Bein angewinkelt auf dem Stuhl abgelegt oder möchten auf dem Bauch liegend lernen.
- Visuelle und kognitive Beeinträchtigungen: Probleme mit der Augen-Hand-Koordination, der Anpassung der Augen von Nah- zu Fernsicht und Gedächtnisschwierigkeiten sind möglich. In der Schule zeigt sich die mangelnde Hand-Augen-Kopf-Koordination u.a. beim Abschreiben von der Tafel. Den betroffenen Kindern fällt es schwer von der Tafel abzuschreiben, denn dabei muss das Kind ständig den Kopf heben und senken. Der Schreibende muss diese reflektorische Haltungsveränderung unterdrücken, was einerseits unnötige Energie kostet und andererseits zu Verkrampfungen in den Armen und Händen führt sowie zu dem starkem Aufdrücken beim Schreiben.
- Lernstörungen: Es kann zu Problemen beim Lesen und Schreiben kommen.
- Schwimmen: Kinder mit einem aktiven STNR können Schwierigkeiten haben, eine horizontale Schwimmhaltung beizubehalten, da die Beine nach unten sacken.
Zusammenfassend kann man also sagen, dass der STNR für den Muskeltonus in Rücken und Nacken, die Körperhaltung und auch das Sehvermögen wichtig ist.
Integration des STNR
Wenn der STNR nicht integriert wurde, ist er weiterhin aktiv, und es können sich eine Reihe von Symptomen zeigen, die mit Muskeltonus, Haltung, Sehvermögen und Kopfbewegung zusammenhängen.
Spezielle Übungen können helfen, den Symmetrisch Tonischen Nackenreflex zu integrieren und so Symptome zu lindern. Die Ergotherapie macht sich Übungen zur Reflexintegration zunutze.
Ein Beispiel ist die Übung „Katze“, bei der das Kind auf einer Matte die Vierfüßlerposition einnimmt - Hände und Knie sind auf der Matte, Rücken ist gerade. Jetzt bringt das Kind den Kopf nach unten, der Blick geht zwischen die Beine. Der Körper bleibt währenddessen unbewegt. Es ist eine einfache Kopfbewegung, das Kind bringt sein Kinn dabei zur Brust. Diese Position wird 5 Sekunden gehalten. Dann streckt das Kind den Kopf wieder so weit wie möglich nach oben, der Blick geht zur Decke. Auch diese Position wird 5 Sekunden gehalten.
Oder Sie lassen ihr Kind, das vielleicht schon aus dem Alter raus ist, wieder krabbeln und nutzen dabei einen Hindernisparcours. Zusätzlich sind Augenübungen, die sich auf den Nah-Weit-Fokus konzentrieren, eine gute Hilfe.
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Reflexintegration holt das nach, was während der selbständigen Entwicklung des Kindes nicht stattgefunden hat. Reflexintegration beinhaltet gezielte Bewegungsübungen (Reflexintegration Übungen), die die Reize an das Gehirn senden, die früher im Gehirn nicht ausreichend angekommen sind, weil der Reflex entweder nicht oft genug ausgelöst wurde oder unterentwickelt war. Dies wiederum sorgt dafür, dass sich die entsprechenden Verknüpfungen entwickeln, die dafür sorgen, dass der Reflex vom Frontallappen unterdrückt wird, bzw. „integriert wird“, also Reflexintegration stattfindet.
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