Einführung
Das Sprichwort "Feuer und Flamme sein" beschreibt einen Zustand der Begeisterung und Leidenschaft. Doch das Feuer, sowohl im übertragenen als auch im wörtlichen Sinne, hat eine tiefere Bedeutung für die menschliche Entwicklung, Kultur und sogar für die Funktion unseres Gehirns. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Aspekte von "Feuer und Flamme sein" und seine Bedeutung in verschiedenen Kontexten.
Das Feuer in der Menschheitsgeschichte
Die Zähmung des Feuers: Ein Wendepunkt
Die Beherrschung des Feuers war ein entscheidender Moment in der biokulturellen Evolution des Menschen. Wissenschaftler debattieren seit Jahrzehnten, ob der Mensch ohne die Zähmung des Feuers Kälteperioden überstanden und ein vergleichbar komplexes Sozial-, Sprach- und Kulturvermögen entwickelt hätte. Feuer spielte eine wichtige Rolle bei der Jagd und später bei der Erschließung von Ackerland.
Richard Wrangham argumentierte in seinem Buch "Feuer fangen", dass erst das Braten und Kochen der Nahrung die schnelle Verarbeitung der Nahrung und die Entwicklung der kostenintensiven Gehirne ermöglichte. Gegrilltes Fleisch liefert mehr Energie und ist leichter verdaulich. Das Kochen ist eine der wenigen Tätigkeiten, die nur der Mensch nutzt. Die Vorverdauung des Essens beim Kochen hilft dem Menschen, beim Verdauen Energie zu sparen.
Feuer als sozialer Katalysator
Einst hätten sich die Menschen zum Schutz vor Dunkelheit und wilden Tieren am Feuer zusammengefunden. Sie wärmten sich dort, kochten, aßen und tauschten sich aus. Das Feuer weckt etwas Archaisches in uns. In mobilen und digitalen Zeiten sei das Feuer eine Art Gegenpol. Um ein Feuer entsteht schnell und ganz nebenbei ein Gemeinschaftsgefühl. Am Feuer wird geredet - und geschwiegen. Gedankenverloren wandert der Blick in die sich ständig verändernden Feuerzungen und die flackernde Glut - ein Sinnbild für Entschleunigung.
Feuer in Religion und Mythologie
Religiöse Traditionen
Feuer schmerzt und zerstört - und wärmt und schützt zugleich. Es ist und ist doch nicht greifbar. Es scheint gen Himmel zu streben, gierig um sich zu greifen, dann aber auch zu (ver-)glimmen. Ausnahmslos jede bekannte religiöse Tradition setzt sich daher mit dem Feuer auseinander und integriert die Flammen - gezähmtes Feuer - in die eigenen Rituale und Überlieferungen.
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Zoroastrismus: Die "Feueranbeter"
Der Zoroastrismus, auch Parsismus genannt, gehört zu den ältesten Weltreligionen. Das Feuer galt - und gilt - als höchste Schöpfung des guten Gottes, in das Ahura Mazda seinen eigenen Atem gelegt habe. Entsprechend wurden - und werden - Parsen im Orient auch als "Feueranbeter" bezeichnet.
Cherubim: Engel des Feuers
Aus zorastrischen, assyrischen und babylonischen Traditionen von geflügelten Göttern und Gottesdienern entwickelten sich die Überlieferungen biblischer Engel, an deren Spitze die Cherubim standen - verbunden mit der Macht des Feuers und Flammenschwertern.
Feuer in der Bibel und christlichen Traditionen
In der Bibel werden Feuer und Flammen unzählige Male verwendet: So im Bild des brennenden Dornbusches, in dem sich Gott selbst offenbart, wie auch auf dem Berg Sinai "die Herrlichkeit des Herrn wie ein verzehrendes Feuer" erscheint. Johannes der Täufer kündigt im Matthäus-Evangelium Jesus als jenen an, der "mit Heiligem Geist und Feuer taufen" wird. Und so wird das Pfingstfest als "Ausgießung des Heiligen Geistes" mit Erscheinungen nicht-verzehrender Flammen verknüpft und zum Gründungstag der bald globalen, christlichen Religionsgemeinschaft(en).
Feuer in säkularen Kontexten
Feuer als Symbol
Auch in modernen und (scheinbar) säkularen Mythologien haben die Themen von Feuern, Feuerengeln und Flammenschwertern nichts von ihrer Faszination verloren. Politisch-extremistische Gruppen wie die Nationalsozialisten griffen immer wieder auf Feuersymboliken zurück. Gegen Ende des zweiten Weltkrieges und in den folgenden Jahrzehnten wurde Napalm - das sogar unter Wasser brennt - zu einer furchtbaren Waffe und einem Symbol der Vernichtung. Der Feuerpilz der Atombombe wurde zum bleibenden Zeichen der drohenden Selbstauslöschung des Menschen.
Friedfertige Traditionen
Aber auch friedfertige Traditionen entfalteten sich - so das Olympiafeuer, das als Zeichen des Sports und der Völkerfreundschaft von Hand zu Hand getragen wird. Auch in Literatur, Kunst und Musik werden Themen des Feuers immer wieder aufgegriffen.
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Die Anziehungskraft des Feuers und seine Auswirkungen auf das Gehirn
Instinktive Anziehungskraft
Menschen fühlen sich instinktiv zum Feuer hingezogen. Es schafft ein Gefühl der Gemütlichkeit und wenn wir uns um die tanzenden Flammen versammeln, passiert etwas Magisches. Über Jahrtausende hinweg hat das Feuer einen schützenden und wärmenden Effekt auf den Menschen gehabt. Ursprünglich diente Feuer als Lichtquelle, als Schutz vor Raubtieren und es gab dem Mensch die Möglichkeit Essen zuzubereiten und sich warm zu halten. Wenn wir heute Feuer machen, spüren wir deshalb ein Gefühl von Geborgenheit und Intimität.
Kognitive Evolution
Laut einer Studie zur kognitiven Evolution weist Feuer in der menschlichen Entwicklung nicht nur eine praktische Funktion auf. Es hat ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des menschlichen Gehirns gespielt. Da das Feuer die Raubtiere fernhielt, war es für den Menschen sicherer, sich mehr REM-Schlaf zu gönnen, in welchem Träume lebendiger sind und das Gehirn langfristige „prozedurale Erinnerungen“ stärkt, die es dem Menschen ermöglichen, Fähigkeiten zu speichern und zuvor gelernte Aufgaben zu wiederholen. Darüber hinaus gibt es Hinweise darauf, dass Feuer unsere Fähigkeit gestärkt hat, über mehrere Dinge gleichzeitig nachzudenken und sie miteinander zu verknüpfen, wodurch wir uns komplizierte Pläne vorstellen und ausführen können.
Neurowissenschaftliche Erkenntnisse
Naturcoach Andre Lorino verweist auf Erkenntnisse von Neurowissenschaftlern. Demnach führt der Blick in die Flammen zu einer Art Leerlauf im Gehirn. Dabei wird das sogenannte Default Mode Network - ein Ruhestandsnetzwerk - im menschlichen Nervensystem aktiviert. Eine ähnliche Wirkung habe das absichtslose Betrachten von Sternen, Tagträumen oder auch das “Löcher in die Luft starren”.
"Feuer und Flamme" im übertragenen Sinne: Begeisterung und Leidenschaft
Die Psychologie der Begeisterung
"Feuer und Flamme sein" bedeutet, von etwas begeistert und leidenschaftlich zu sein. Es ist ein Zustand, in dem unsere Emotionen und unser Interesse voll und ganz auf eine Sache oder Person gerichtet sind. Diese Begeisterung kann uns motivieren, unsere Ziele zu verfolgen und unsere Träume zu verwirklichen.
Die Rolle von Oxytocin
Oxytocin spielt eine große Rolle, denn er motiviert uns, uns auf andere Menschen einzulassen und unsere Aufmerksamkeit auf soziale Aspekte zu lenken. Das Ausmaß der Oxytocin Funktion wird zum einen durch die individuelle genetische Ausstattung beeinflusst, zum anderen durch die Erfahrungen in den ersten Lebensjahren, also beispielsweise durch die Feinfühligkeit der Eltern. Oxytocin wird mehr freigesetzt, wenn es in Gruppen synchrone Abläufe gibt, also Dinge gleich ablaufen, das heißt zum Beispiel in der Kita, wenn es Klatschspiele gibt, Abzählreime, wenn man gemeinsam singt, oder tanzt, und das trägt dann zur Kooperation in Gruppen bei und steigert das Wohlbefinden.
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Die Herausforderungen der Begeisterung
Es kann aber auch eine Herausforderung sein, wenn man zu schnell "Feuer und Flamme" für jemanden ist. Es ist wichtig, ein gesundes Gleichgewicht zu finden und sich nicht von seinen Emotionen überwältigen zu lassen.
Autoimmun-bedingte Gehirnentzündung: "Feuer im Kopf"
Unter dem Titel „Feuer im Kopf“ erschienen die Autobiografie der kanadischen Journalistin Susannah Cahalan und der darauf basierende Film in Deutschland, im Original „Brain on fire“. Die Kritiker fanden den Film nicht überragend, aber er rückte eine erst seit einem guten Jahrzehnt bekannte Krankheit in das Licht der Öffentlichkeit: eine seltene, autoimmun-bedingte Gehirnentzündung. Ausgelöst durch bestimmte Tumoren oder Virusinfektionen, werden Antikörper gegen Neurotransmitter-Rezeptoren im zentralen Nervensystem produziert. In Susannah Cahalans Fall gegen den NDMA-Rezeptor, was zu Verwirrtheit, Psychosen, Koma und Atemstörungen führt.
Eine Forschergruppe aus Jena, Barcelona, Würzburg, und Leipzig konnte jetzt die Mechanismen der Autoimmunerkrankung aufklären, bei der der AMPA-Rezeptor zur Zielscheibe wird. Er zählt wie der NDMA-Rezeptor zu den Glutamatrezeptoren und steuert die Übertragung von Nervenimpulsen im Gehirn, ist also unerlässlich für Lern- und Gedächtnisprozesse.