Gehirnheilung durch Photonentherapie: Fortschritte und Perspektiven

Die Behandlung von Hirntumoren stellt eine besondere Herausforderung dar, da das Gehirn ein hochsensibles Organ ist, dessen Funktionen während der Therapie so gut wie möglich erhalten werden müssen. In den letzten Jahren hat die Forschung auf dem Gebiet der Strahlentherapie bedeutende Fortschritte erzielt, insbesondere im Hinblick auf die Präzision und Schonung des umliegenden Gewebes. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Photonentherapie und die Protonentherapie, wobei letztere als besonders gewebeschonend gilt. Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Entwicklungen und Forschungsergebnisse im Bereich der Gehirnheilung durch Photonentherapie und verwandte Verfahren.

Grundlagen der Strahlentherapie bei Hirntumoren

Bei der Behandlung bösartiger Hirntumoren kommen heutzutage in der Regel Bestrahlung oder eine Kombination aus Operation und anschließender Strahlentherapie zum Einsatz. Ziel ist es, die Krebszellen zu zerstören oder ihr Wachstum zu stoppen, während gleichzeitig das gesunde Hirngewebe geschont wird.

Photonentherapie: Der aktuelle Standard

Die Photonentherapie ist eine Form der Strahlentherapie, bei der Röntgen- oder Gammastrahlen, sogenannte Photonen, eingesetzt werden. Diese Methode ist heute der am häufigsten eingesetzte Standard in der Krebstherapie. Allerdings gibt es auch Tumoren, die gegenüber Photonenstrahlung fast völlig unempfindlich sind. Zudem kann die Photonentherapie bei Tumoren, die tief im Körper liegen oder sich in der Nähe strahlenempfindlicher Organe befinden, an ihre Grenzen stoßen.

Protonentherapie: Eine präzisere Alternative

Die Protonentherapie ist eine spezielle Form der Strahlentherapie, bei der Protonen, also positiv geladene Kerne von Wasserstoffatomen, verwendet werden. Diese Therapieform bietet im Vergleich zur Photonentherapie einige Vorteile. Die Reichweite der Protonen kann über ihre Geschwindigkeit variiert und so der individuellen Tiefe des Tumors angepasst werden. Dadurch wird das umliegende Normalgewebe mit einer deutlich geringeren Strahlendosis belastet. Die Protonentherapie wird in Deutschland derzeit nur an wenigen Zentren angeboten, darunter auch in Dresden und Essen.

Aktuelle Forschungsergebnisse und Studien

Die Forschung auf dem Gebiet der Strahlentherapie von Hirntumoren konzentriert sich darauf, die Wirksamkeit der Behandlung zu verbessern und gleichzeitig die Nebenwirkungen zu minimieren. Im Fokus stehen dabei sowohl die Photonentherapie als auch die Protonentherapie.

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Veränderungen im Kleinhirn nach Bestrahlung

Am OncoRay, dem Nationalen Zentrum für Strahlenforschung in der Onkologie in Dresden, untersuchen Wissenschaftler Veränderungen im Gehirn anhand von Magnetresonanztomographiedaten (MRT), die nach einer Bestrahlung bei Patienten mit Gliomen auftreten können. Eine Studie unter der Leitung von Dr. Felix Raschke hat die Auswirkungen von Photonen- und Protonenbestrahlung auf das Kleinhirn von Hirntumorpatienten untersucht. Dabei wurden über einen Zeitraum von bis zu fünf Jahren insgesamt 91 Patienten mit einem Gliom analysiert.

Die Ergebnisse zeigten, dass das Ausmaß des Gewebeschwundes (Atrophie) im Kleinhirn sowohl vom Alter des Patienten als auch von der eingesetzten Strahlendosis abhängig ist. Je älter der Patient und je höher die Dosis, desto mehr nimmt das Volumen des Kleinhirns ab. Interessanterweise war die mediane Dosis im Kleinhirn bei Patienten, die eine Photonenbehandlung erhielten, bedeutend höher als bei Patienten, die mit Protonen behandelt wurden. Da das Kleinhirn vor allem für die Steuerung der Bewegungsabläufe und das Gedächtnis zuständig ist, könnten Beeinträchtigungen in diesen Bereichen die Folge sein.

Biologische Wirksamkeit der Protonentherapie

Eine weitere Studie des OncoRay hat sich mit der biologischen Wirksamkeit der Protonenstrahlen befasst. Die Forscher um Martina Palkowitsch haben herausgefunden, dass die biologische Wirksamkeit der Protonen je nach Beschaffenheit des Gewebes und Lage des Tumors variieren kann. Bisher wurde in der klinischen Praxis ein pauschaler Faktor von 1,1 für die relative biologische Wirksamkeit von Protonen angesetzt. Die Studie zeigte jedoch, dass die tatsächliche Wirkung lokal erheblich höher liegen kann, insbesondere am hinteren Ende des Strahls, wo die Teilchen ihre Energie schlagartig abgeben.

Um die Nebenwirkungsrisiken besser abzuschätzen und zu senken, entwickelten die Forscher neuartige Planungsverfahren, die die variable biologische Wirksamkeit der Protonen berücksichtigen. Dabei wurde die Bestrahlungsplanung so optimiert, dass besonders wirksame Anteile der Strahlung nicht in empfindlichen Gewebestrukturen liegen. Die Ergebnisse dieser Studie zeigen, dass biologische Unterschiede in der Wirksamkeit der Protonenstrahlen nicht nur berechenbar, sondern auch aktiv nutzbar sind, um Therapien sicherer zu gestalten.

Vergleichsstudie Photonen- und Protonentherapie

An der Universitätsmedizin Essen läuft derzeit die NOA-25-Studie (GliProPh), in der erstmals in Europa die Wirkung der Photonenbestrahlung und der Protonenbestrahlung bei schwer zu behandelnden Gliomen verglichen wird. In dieser Studie werden 80 Patientinnen und Patienten mit niedrig bösartigen bis mäßig bösartigen Gliomen (WHO-Grade II und III) teilnehmen. Eine Hälfte der Teilnehmer wird mit Photonen bestrahlt, die andere Hälfte mit Protonen.

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Im Fokus der Studie steht die Frage, ob die Strahlentherapie mit Protonen aufgrund ihrer physikalischen Unterschiede schonender und weniger belastend für das das Gliom umgebende, gesunde Hirn-Gewebe ist im Vergleich zu einer optimierten Form der intensitätsmodulierten Photonentherapie. Untersucht wird, inwieweit die jeweilige Strahlung und deren Nebenwirkungen Einfluss auf die Hirnleistung der Patienten haben und welchen messbaren Nutzen und Mehrwert die Protonentherapie hat.

Innovative Technologien und Verfahren

Neben den Fortschritten in der Protonentherapie gibt es auch innovative Technologien und Verfahren, die die Behandlung von Hirntumoren verbessern sollen.

ZAP-X: Radiochirurgie mit hochdosierten Röntgenstrahlen

Das ZAP-X ist ein medizinisches Robotersystem, das hochdosierte Röntgenstrahlen zur Behandlung von Hirntumoren einsetzt. In etwa 30 Minuten kann das Gerät krankes Gewebe zerstören und gleichzeitig das gesunde Umfeld schonen. Das ZAP-X arbeitet ohne Messer und Skalpell. Die hochenergetische Strahlung hat die Kraft, Tumorgewebe zu zerstören, während das gesunde Gewebe im Umfeld geschont wird. Dabei werden mehr als 100 Photonenstrahlen aus verschiedenen Positionen auf den Tumor gerichtet und in einem genau abgegrenzten Gebiet gebündelt.

Im Vergleich zum Cyberknife arbeitet das ZAP-X mit einer Strahlung, die nicht so tief in den Körper eindringt. Daher eignet sich das Verfahren vor allem zur Behandlung von Hirnmetastasen und gutartigen Tumoren, die klar umrissen sind. Die Behandlung dauert zwischen einer halben und einer Stunde, und die Patienten sind während der gesamten Zeit bei Bewusstsein. Die Nebenwirkungen sind in der Regel gering.

Ionenstrahlung: Eine vielversprechende Option

Die Ionenstrahlung, auch Partikeltherapie genannt, ist eine weitere vielversprechende Option zur Behandlung von Hirntumoren. Dabei werden hochbeschleunigte, geladene Atomkerne, wie Protonen oder Schwerionen, eingesetzt. Die Ionenstrahlung hat eine definierte und exakt einstellbare Reichweite. Die geladenen Teilchen werden auf über drei Viertel der Lichtgeschwindigkeit beschleunigt und dann zielgenau in Richtung Tumor geschickt. Je nach Geschwindigkeit bzw. Energie können die Ionen bis zu 30 Zentimeter tief ins Gewebe eindringen.

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Mit Ionenstrahlung können höhere Strahlendosen verabreicht werden, da die Strahlen so genau treffen und gesundes Gewebe verschont bleibt. Zudem ist die Reparaturfähigkeit des bestrahlten Gewebes nach einer Schwerionenbestrahlung deutlich geringer als nach einer Photonenbestrahlung gleicher Dosis. Am Heidelberger Ionenstrahl-Therapiezentrum (HIT) kommt die Ionenstrahlung bereits erfolgreich zum Einsatz.

Herausforderungen und zukünftige Perspektiven

Trotz der erheblichen Fortschritte auf dem Gebiet der Gehirnheilung durch Photonentherapie und verwandte Verfahren gibt es noch einige Herausforderungen zu bewältigen.

Langzeitwirkungen der Strahlentherapie

Eine der größten Herausforderungen ist die Minimierung der Langzeitwirkungen der Strahlentherapie auf das Gehirn. Studien haben gezeigt, dass die Bestrahlung zu Veränderungen im Gehirn führen kann, wie z.B. Gewebeschwund im Kleinhirn. Es ist daher wichtig, die Strahlendosis so gering wie möglich zu halten und gleichzeitig die Wirksamkeit der Behandlung zu gewährleisten.

Personalisierte Therapieansätze

Ein weiterer wichtiger Schritt ist die Entwicklung personalisierter Therapieansätze, die die individuellen Eigenschaften des Tumors und des Patienten berücksichtigen. Durch die Berücksichtigung der variablen biologischen Wirksamkeit der Protonen und anderer Faktoren können die Bestrahlungspläne so optimiert werden, dass die Nebenwirkungen minimiert und die Heilungschancen maximiert werden.

Klinische Studien undTranslation

Um die vielversprechenden Ergebnisse aus der Forschung in die klinische Praxis zu überführen, sind weitere klinische Studien erforderlich. Diese Studien sollten die Wirksamkeit und Sicherheit neuer Technologien und Verfahren untersuchen und dazu beitragen, die Behandlung von Hirntumoren weiter zu verbessern.

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