Der Zusammenhang zwischen Parodontitis und Parkinson: Eine umfassende Betrachtung

Einführung

Neurodegenerative Erkrankungen wie Parkinson und Alzheimer beeinflussen nicht nur die neurologische Gesundheit, sondern auch die Mundgesundheit. Zahlreiche Studien belegen den Zusammenhang zwischen diesen Erkrankungen und Parodontitis. Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Wechselwirkungen zwischen Parodontitis und Parkinson, wobei die Ursachen, Auswirkungen und Behandlungsmöglichkeiten betrachtet werden.

Parodontitis: Eine Entzündung des Zahnhalteapparates

Parodontitis, oft fälschlicherweise als Parodontose bezeichnet, ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des Zahnhalteapparates. Sie wird durch parodontalpathogene Bakterien verursacht, die zu einer Destabilisierung des oralen Mikrobioms führen.

Ursachen und Risikofaktoren

Entzündungen wie Gingivitis und Parodontitis entstehen primär durch eine Destabilisierung des oralen Mikrobioms. Veränderungen in der Zusammensetzung der komplexen oralen Mikroflora und deren Interaktion mit den Geweben der Mundhöhle führen zu einer Veränderung des oralen Mikroklimas und damit zu einem Switch in Richtung erheblicher Pathogenität des Keimspektrums. Konsumierende Grunderkrankungen, Störungen des Stoffwechsels und der lokalen und systemischen Immunabwehr sowie Nebenwirkungen notwendiger Dauermedikationen beeinflussen in vielfältiger Weise das orale Milieu, welches seinerseits in hohem Ausmaß auf den Gesamtorganismus zurückwirkt. Durch Atmung und Nahrungsaufnahme stellt die Mundhöhle eine exponierte und offene Verbindung zwischen Umwelt und Körper dar. Bei nachhaltiger Störung des ökologischen Gleichgewichts wird die Biofilmbildung potenziell pathogener Keime begünstigt.

Im Schutz einer extrazellulären Matrix finden diese in den Zahnfleischtaschen und an unregelmäßig konfigurierten Oberflächen wie rauem Zahnschmelz und der Zunge ideale Lebensbedingungen und geeignete ökologische Nischen vor. Gramnegative anaerobe und fakultativ anaerobe Keime sowie auch atypische Erreger wie Enterobakterien nehmen überhand und können mittels ihrer potenten Virulenzfaktoren inadäquate und überschießende Immunreaktionen auslösen, die sich letztlich gegen unsere körpereigenen Gewebe richten.

Auswirkungen auf den Körper

Die Auswirkungen parodontaler Entzündungen sind keineswegs nur auf die Mundhöhle begrenzt. Vulnerables, blutendes Zahnfleisch ermöglicht vielen Keimen, in tiefere Gewebsschichten und in kleine Gefäße einzudringen. Es kommt zu einer Bakteriämie mit gleichzeitiger Einschwemmung von Entzündungsmediatoren in das periphere Blut und damit in den restlichen Körper.

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Zusammenhang mit systemischen Erkrankungen

Parodontitis steht in Verbindung mit verschiedenen systemischen Erkrankungen, darunter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und rheumatoide Arthritis. Auch neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson werden durch chronische Entzündungen beeinflusst.

Morbus Parkinson: Eine neurodegenerative Erkrankung

Morbus Parkinson (MP) ist eine fortschreitende neurodegenerative Erkrankung, die durch den Verlust von Dopamin produzierenden Nervenzellen in der Substantia nigra des Gehirns gekennzeichnet ist. Dies führt zu den typischen Symptomen wie Muskelzittern, Steifheit, verlangsamte Bewegungen und Gleichgewichtsstörungen.

Auswirkungen auf die Mundgesundheit

Die Parkinson-Krankheit hat erhebliche Auswirkungen auf die Mundgesundheit. Die mangelnde Feinmotorik erschwert eine effektive Zahnreinigung, und psychische Symptome wie Depressionen und Apathie können die Motivation zur Mundhygiene beeinträchtigen. Viele Parkinson-Patienten leiden zudem an Xerostomie (Mundtrockenheit), was das Risiko für Karies und Entzündungen erhöht. Durch motorische Schluckstörungen und mangelnden Lippenschluss kommt es besonders in der Nacht zu unkontrolliertem Speichelaustritt aus dem Mund. Gleichzeitig wird aber als autonome Manifestation der Krankheit insgesamt zu wenig Speichel gebildet. Der niedrige Dopaminspiegel ist mit der Mundtrockenheit unmittelbar korreliert. Verstärkt wird die Hyposalivation durch Medikamente wie Antidepressiva und Anticholinergika, welche gegen die häufigen Komorbiditäten der Parkinsonkrankheit eingesetzt werden. Wenig Speichel bedeutet aber mangelnde Pufferwirkung mit Veränderungen des intraoralen pH-Werts und Mangel an immunologisch wirksamen Speichelinhaltsstoffen. Die Komposition des oralen Mikrobioms eines Parkinsonpatienten unterscheidet sich deutlich von jener bei neurologisch gesunden.

Der Zusammenhang zwischen Parodontitis und Parkinson

In ähnlicher Weise wie bei der Alzheimerkrankheit spielen auch beim Morbus Parkinson (MP) chronisch entzündliche Parodontalerkrankungen eine wichtige Rolle. Studien haben gezeigt, dass chronisch-entzündliche Parodontalerkrankungen eine wichtige Rolle spielen. Personen mit manifester, unbehandelter Parodontitis haben neuen Forschungen zu Folge ein 1,5-fach erhöhtes Risiko, an M. Parkinson zu erkranken.

Entzündungsmediatoren und die Blut-Hirn-Schranke

Ähnlich wie auch bei der Alzheimerkrankheit werden durch die Virulenzfaktoren der gramnegativen anaeroben Bakterien die Entzündungsmediatoren hochreguliert. Die Lipopolysaccharide in den Zellwänden dieser Keime führen zu einem Zusammenbruch der Blut-Hirn-Schranke. Es werden reaktive Sauerstoffradikale (ROS) gebildet, welche dann die dopaminergen Neurone angreifen und zerstören. Vorbestehende Parkinsonerkrankungen nehmen dadurch einen rascheren und fulminanteren Verlauf.

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Die negativen Auswirkungen der Parkinsonkrankheit auf die Mundgesundheit sind zum Teil auf diese Einschränkungen zurückzuführen. Die mangelnde Feinmotorik erschwert eine effektive Zahnreinigung und durch die zusätzlichen psychischen Symptome ist häufig auch der Antrieb gestört. Viele Parkinsonpatienten leiden an ausgeprägter Xerostomie mit massivem Brennen der Mundschleimhaut (Burning-Mouth-Syndrome).

Bakterielle Lipopolysaccharide und Neuroinflammation

Die Relevanz einer Neuroinflammation als potenzieller Schlüsselfaktor in der Pathogenese nimmt zunehmend an Bedeutung zu, insbesondere in Bezug auf den Pentose-Phosphat-Kreislauf. In diesem Kontext werden bakterielle Lipopolysaccharide als mögliche Ursache einer Dysfunktion der Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase diskutiert. Diese Toxine werden insbesondere durch anaerobe, Gram-negative Bakterien freigesetzt, die als Schlüsselkeime der Parodontitis gelten.

Forschungsergebnisse

In einer eigenen Vorarbeit konnte gezeigt werden, dass sowohl motorisch beeinträchtigte und schwer an Parkinson erkrankte Personen als auch solche mit geringer motorischer Beteiligung eine gestörte Glycose-6-Phosphatase-Dehydrogenase aufwiesen und Entzündung sowie parodontale Pathogene im Speichel nachgewiesen wurden. Kontrollen ohne entsprechende pathologische Befunde wiesen demgegenüber keine oralen Entzündungsmarker und parodontale Pathogene im Speichel auf und zeigten eine normale Enzymaktivität im Serum.

Oxidativer Stress

Oxidativer Stress, ein Ungleichgewicht zwischen freien Radikalen und Antioxidantien im Körper, spielt ebenfalls eine Rolle bei Entzündungen. Die natürliche Immunantwort kann vorübergehend oxidativen Stress auslösen, der den Alterungsprozess beschleunigen und zur Entstehung verschiedener Krankheiten beitragen kann. In der Mundhöhle wirkt Speichel durch seine Antioxidantien als erste Abwehrfront gegen freie Radikale. Bei einer Infektion übersteigt die erhöhte Produktion von freien Radikalen die Menge an Antioxidantien, was oxidativen Stress verursacht.

Diagnostik und Therapie

Bedeutung der Früherkennung

Eine frühzeitige Diagnosestellung von Parodontitis ist von größter Wichtigkeit, da die Schäden am Zahnhalteapparat unumkehrbar sind. Die Krankheit verläuft in der Regel schmerzfrei, was die Früherkennung erschwert. Symptome wie Zahnfleischbluten sollten jedoch ernst genommen werden.

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Zahnärztliche Behandlung und Prophylaxe

Patienten mit neurodegenerativen Krankheiten bedürfen intensiver und individuell angepasster zahnmedizinischer Prophylaxe und Behandlung. Nicht selten wird bei den betroffenen Personen sowohl von Angehörigen als auch in Pflegeeinrichtungen die Mundgesundheit stark vernachlässigt. Einschränkungen der Kaufunktion bedeuten aber eine weitere Minderung der Lebensqualität der Patienten. Durch die Muskelrigidität ist bei Parkinsonkranken die Kiefer- und Zungenbeweglichkeit eingeschränkt. Weiche und damit meist auch kohlenhydratreiche Nahrung wird der Einfachheit halber bevorzugt. Dies fördert aber die Selektion einer kariogenen Mikroflora. Ernährungsberatung und an die körperliche und kognitive Verfassung der Erkrankten angepasste Unterweisungen in Techniken der Zahnreinigung sollten sowohl den Patienten als auch den Pflegenden vermittelt werden.

Maßnahmen zur Verbesserung der Mundhygiene bei Parkinson-Patienten

Aufgrund der motorischen Einschränkungen bei Parkinson-Patienten sind spezielle Hilfsmittel und Techniken erforderlich, um eine effektive Mundhygiene zu gewährleisten. Dazu gehören:

  • Zahnbürsten mit großem Griff: Diese erleichtern das Festhalten und Führen der Zahnbürste.
  • Elektrische Zahnbürsten: Die automatischen Bewegungen der Bürste kompensieren die mangelnde Feinmotorik.
  • Interdentalbürsten: Diese sind hilfreich für die Reinigung der Zahnzwischenräume, wenn die Verwendung von Zahnseide schwierig ist.
  • Mundspülungen ohne Alkohol: Diese können zur zusätzlichen Desinfektion der Mundhöhle verwendet werden.
  • Regelmäßige professionelle Zahnreinigung: Diese entfernt hartnäckige Beläge und beugt Entzündungen vor.

Spezielle zahnärztliche Versorgung für Pflegebedürftige

Pflegebedürftige Patienten haben besondere Ansprüche auf zahnärztliche Vorsorgeleistungen. Dazu gehört die jährliche Erfassung des Mundgesundheitszustands, die Erstellung eines individuellen Behandlungsplans sowie Beratungsleistungen zur Mundhygiene. Zahnärzte sind jedoch nicht verpflichtet, Hausbesuche durchzuführen.

Die Rolle von Antioxidantien

Antioxidantien spielen eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung von oxidativem Stress und Entzündungen. Produkte, die Chlorhexidin in Kombination mit Antioxidantien enthalten, können Patienten helfen, schädliche Bakterien in der Mundhöhle zu reduzieren und die Mundgesundheit zu stabilisieren. Bioflavonoide, die in einigen Mundpflegeprodukten enthalten sind, wirken als Antioxidantien und können das Immunsystem stimulieren.

Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit

Die Behandlung von Parkinson-Patienten mit Parodontitis erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen Zahnärzten, Neurologen und Pflegepersonal. Nur so kann eine umfassende und individuelle Betreuung gewährleistet werden.

Präventive Maßnahmen

Regelmäßige zahnärztliche Kontrollen

Regelmäßige Besuche beim Zahnarzt, verbunden mit einer guten Zahn- und Mundhygiene, sind für alle Menschen wichtig. Für Parkinson-Patienten hat der Zahnarzt jedoch eine besondere Bedeutung.

Mundhygiene als wichtiger Schutzfaktor

Die Mundflora hat eine wichtige Schutzfunktion, indem sie uns vor schädlichen Umwelteinflüssen schützt, gefährliche Keime abwehrt und die Nahrungsverdauung unterstützt. Ein Ungleichgewicht in der Mundflora kann zu Karies, Zahnfleischentzündungen und Parodontitis führen.

Ernährung und Lebensstil

Eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Ballaststoffen und eine gesunde Lebensweise tragen zur Stärkung des Immunsystems und zur Reduzierung von oxidativem Stress bei. Rauchen sollte vermieden werden, da es ein wichtiger Risikofaktor für Parodontitis ist.

Aktuelle Forschung und zukünftige Perspektiven

Die Forschung zum Zusammenhang zwischen Parodontitis und neurodegenerativen Erkrankungen wie Parkinson ist weiterhin aktiv. Zukünftige Studien könnten neue Therapieansätze zur Behandlung von Parodontitis und zur Verlangsamung des Fortschreitens von Parkinson aufzeigen. Die Identifizierung spezifischer Bakterien und Entzündungsmediatoren, die an der Pathogenese beider Erkrankungen beteiligt sind, könnte zu gezielteren Behandlungsstrategien führen.

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