Die Faszination für das menschliche Gehirn ist ungebrochen. Museen, Sammlungen und sogar private Kuriositätenkabinette zeigen konservierte Gehirne und andere menschliche Überreste. Doch woher stammen diese Präparate, und welche ethischen Fragen werfen sie auf? Dieser Artikel beleuchtet die Geschichte und die Hintergründe dieser Sammlungsobjekte, von den wissenschaftlichen Anfängen bis zu den ethischen Bedenken der heutigen Zeit.
Die makabre Faszination: Ekel und Neugier
Museen, die sich mit dem Ekligen beschäftigen, ziehen ein breites Publikum an. Der Duden definiert "eklig" als etwas, das "in seinem Auftreten unangenehm" ist. Diese subjektive Wahrnehmung führt zu einer kuriosen Anziehungskraft auf Exponate wie Spinnen, Würmer, Gehirne und Geschwülste. Das Mütter Museum in Philadelphia beispielsweise, zeigt einen Teil von Albert Einsteins Gehirn und die Geschwulst von Abraham Lincolns Attentäter, John Wilkes Booth.
Ursprünge der Sammlung: Wissenschaftliche Notwendigkeit und dunkle Machenschaften
Die Geschichte der Gehirnsammlungen ist eng mit dem Fortschritt der Medizin und den damit verbundenen ethischen Dilemmata verbunden. Schon Leonardo da Vinci stahl Leichen von Friedhöfen, um anatomische Studien durchzuführen. Im 19. Jahrhundert versorgten Anatomien in Europa sich mit den Leichen Hingerichteter. Als die Zahl der Hinrichtungen zurückging, entstanden kriminelle Machenschaften, wie im Fall von William Burke und William Hare in Edinburgh, die Menschen ermordeten, um ihre Körper an anatomische Institute zu verkaufen.
Auch die NS-Euthanasie trug zur Sammlung menschlicher Präparate bei. Allein aus Hamburger Kliniken wurden über 6000 Menschen ermordet, und ihre Leichen wurden der Anatomie des Universitätskrankenhauses Eppendorf zugeführt. Der Kolonialismus spielte ebenfalls eine Rolle beim Raub von menschlichen Körperteilen. In Hamburger Schulen fanden sich Aufzeichnungen von "N****schädeln", die dem Lehrinstitut gespendet wurden.
Kuriositätenkabinette und der Handel mit menschlichen Überresten
Neben den wissenschaftlichen Sammlungen gab es auch einen florierenden Handel mit menschlichen Überresten. In "Harrys Hafenbasar" in Hamburg wurden Schrumpfköpfe verkauft, die von Seeleuten angekauft wurden. Im Konzentrationslager Buchenwald wurden aus menschlichen Körperteilen "Geschenkartikel" hergestellt. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen US-Soldaten Knochen aus dem Krematorium in Buchenwald als Souvenirs mit.
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Auch nach der NS-Zeit suchte man Ethik und Pietät im Umgang mit menschlichen Präparaten vergebens. Einsteins Gehirn und Augen wurden nach seinem Tod gestohlen, um seine Genialität zu erforschen. Das Gehirn der ermordeten Rosemarie Nitribitt zierte den Schreibtisch des Frankfurter Polizeipräsidenten, und das Gehirn von Ulrike Meinhof wurde nach ihrer Autopsie untersucht.
Ethische Überlegungen und der Wandel im Umgang mit menschlichen Überresten
Heute ist der Umgang mit menschlichen Überresten deutlich sensibler. Das Medizinhistorische Museum der Uniklinik Hamburg spricht sich gegen das Zurschaustellen menschlicher Präparate aus, um Voyeurismus zu vermeiden. Viele Universitäten lehren im Anatomiekurs die ethischen Aspekte und den pietätvollen Umgang mit den Körpern.
Seit den 1960er Jahren gibt es die freiwillige Körperspende, bei der Menschen vorab verfügen können, dass ihr Leichnam der Medizin zur Verfügung steht. Die anatomischen Institute betreiben auf den Friedhöfen eigene Gräberfelder und nehmen an den Trauerfeiern für die Angehörigen teil.
Rechtliche Grauzonen: Was ist erlaubt?
In Deutschland gibt es keine gesetzliche Regelung, die den privaten Besitz von menschlichen Schädeln verbietet. Solange die Organe entfernt wurden, ist der Besitz legal. Diese rechtliche Grauzone wirft ethische Fragen auf und zeigt, dass es ein Bedürfnis nach einer klaren Regelung gibt.
"Blood Diner": Geschmacklosigkeit als Unterhaltung
In der Welt des Trash-Films gibt es Beispiele für den Umgang mit menschlichen Überresten, die bewusst auf Geschmacklosigkeit setzen. Der Film "Blood Diner" ist ein Beispiel dafür, wie eine Mixtur aus Splatter, Kannibalismus und Randgruppenwitzen als Unterhaltung inszeniert wird.
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Der Welttag des Gehirns: Bewusstsein für neurologische Erkrankungen
Der Welttag des Gehirns, der jährlich am 22. Juli stattfindet, soll das Bewusstsein für neurologische Erkrankungen schärfen und die Vorsorge betonen. Die World Federation of Neurology (WFN) hat diesen Aktionstag ins Leben gerufen, um Menschen mit neurologischen Erkrankungen eine breitere Öffentlichkeit zu verschaffen. Jedes Jahr steht der Welttag des Gehirns unter einem anderen Motto, um spezifische Schwerpunkte dieses medizinischen Feldes in den Fokus zu rücken.
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