Die Stadt Berlin, pulsiert mit einer ganz eigenen Energie, die sich tief in das Leben ihrer Bewohner einschreibt. Der tägliche Kampf um den besten Platz in der U-Bahn, der unaufhörliche Strom an Reizen und die ständige Konfrontation mit einer Vielzahl von Menschen prägen das Denken, Fühlen und Handeln der Berliner. Doch was genau bewirkt diese urbane Umgebung in unserem Gehirn?
Die Eigenlogik der Städte
Die Soziologin Martina Löw von der Technischen Universität Berlin hat die Theorie der "Eigenlogik der Städte" entwickelt. Sie ist überzeugt, dass Städte uns prägen, verändern und sich in unsere Köpfe und Körper einschreiben. Der sinnlose U-Bahn-Sprint ist für sie immer noch Ausdruck des „Tempomythos der Berlin-Alexanderplatz-Welt der 20er Jahre“, der auch knapp 100 Jahre später sein Eigenleben in den Alltagspraktiken der Berliner führt. Entziehen kann man sich der Eigenlogik Berlins nicht. „Menschen verändern sich, je nachdem, in welche Stadt sie ziehen“, sagt Martina Löw. „Städte sind kleine Universen, die Spezifika entwickeln.“ Diese Besonderheiten müsse man zwar nicht zwangsläufig übernehmen, „aber wir müssen uns auf sie einstellen, uns mit ihnen auseinandersetzen, uns in ihre Regeln einfügen“.
Berlin macht wach - und krank?
Die Wissenschaft hat erste Antworten auf die Frage gefunden, wie Berlin unser Gehirn beeinflusst. Die Großstadt kann stressen, nerven, einsam, traurig und aggressiv machen, uns buchstäblich in den Wahnsinn treiben. Berlin kann aber auch glücklich machen und uns helfen, uns zu verwirklichen.
Bereits im Jahr 1902 berichtete Albert Eulenburg, Professor für Neurologie in Berlin, von den "überreizten, übermüdeten, erschöpften Nerven" der Stadtmenschen. Er argumentierte, dass Berlin nicht nur nervös macht, sondern auch eine besondere Art von Menschen formt.
Das Gehirn als Stadt
Um die komplexen Zusammenhänge besser zu verstehen, kann man sich das Gehirn wie eine Stadt vorstellen. Auch unser Gehirn besteht aus vielen Bezirken, die sich stark unterscheiden und zu unterschiedlichen Zeiten entstanden sind. Psychiater Mazda Adli spricht deshalb oft über Parallelen zwischen Hirn und Stadt. „Im Gehirn gibt es ein irrsinniges Verbindungsnetzwerk aus Straßen und Gassen, durch die Blut und elektrische Impulse fließen“, sagt er. „Aber obwohl es so voll und so betriebsam ist, gibt es eine unfassbare Ordnung im Gehirn, weil eben doch alles nach bestimmten Regeln funktioniert.“
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Viele der Reaktionsmuster, die in unserem Gehirn ablaufen, sind vor Zehntausenden von Jahren entstanden und im modernen Berlin fehl am Platz. Als Berliner ist man permanent in Gefahr. Jedenfalls nimmt unser Gehirn das so wahr. Vormittags gibt es im Büro Druck vom Chef, nachmittags wird sich im Supermarkt vorgedrängelt, abends hört der Nachbar laut Musik - das alles stresst uns, wird vom Hirn als Bedrohung erkannt und löst eine unvermeidliche Reaktion aus. Unser Gehirn versetzt den Körper in Alarmbereitschaft und bereitet reflexartig die beiden grundlegenden Handlungsmöglichkeiten vor, die der Menschheit seit ihrer Entstehung treue Dienste geleistet haben: Flucht oder Kampf.
Chronischer Stress und seine Folgen
Im Berliner Alltag geht es jedoch selten um Leben und Tod. Trotzdem versetzt das Gehirn uns in permanente Alarmbereitschaft. Diese Reaktion hat sich vor Zehntausenden von Jahren in 120 000 Generationen entwickelt, die der Mensch als Jäger und Sammler verbrachte.
Psychiater Mazda Adli formuliert es so: „Unsere Hirne scheinen nicht optimal designt zu sein für das Leben in unseren wachsenden Metropolen.“ Unser archaisch funktionierendes Gehirn ist in vielerlei Hinsicht nicht für die Stressfaktoren der Stadt gemacht, sondern noch aufs Jagen und Sammeln programmiert.
Berlin lässt das Gehirn schrumpfen
Das Gehirn eines Berliners sieht anders aus als das eines Menschen vom Land. Bestimmte Areale der evolutionär jüngeren Großhirnrinde im präfrontalen Kortex hinter der Stirn weisen bei in der Stadt aufgewachsenen Menschen aber ein geringeres Volumen auf als bei Landbewohnern. Unwissenschaftlich formuliert: Berlin lässt unser Hirn schrumpfen.
Wie sich die Reaktion auf Stressfaktoren bei Stadtmenschen im Vergleich zum Landmenschen verändert, hat Neurowissenschaftler Andreas Meyer-Lindenberg untersucht. „Wir haben herausgefunden, dass bei Menschen, die in einer Großstadt wohnen, unter sozialen Stressbedingungen die Aktivität der Amygdala erhöht ist“, sagt Meyer-Lindenberg. „Je länger man in der frühen Kindheit in der Stadt lebt, desto größer ist der Effekt“, sagt Meyer-Lindenberg.
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Eine übererregbare Amygdala finde man auch bei Menschen mit Depressionen und Angsterkrankungen. Die Reaktion auf den Großstadtstress wäre dann aggressives Verhalten.
Das Risiko, als Erwachsener an einer Depression zu erkranken, ist für Menschen, die in der Großstadt wohnen, um etwa 30 bis 40 Prozent erhöht, und für in einer Großstadt aufgewachsene Kinder ist das Schizophrenie-Risiko sogar zwei- bis drei Mal höher als für ihre Altersgenossen auf dem Land. Und es gibt Daten, die zeigen, dass Gewaltverbrechen in Städten deutlich häufiger vorkommen als auf dem Land.
Berlin macht misstrauisch
Berlin macht uns zu Einzelkämpfern. „Die geistige Haltung der Großstädter zueinander wird man in formaler Hinsicht als Reserviertheit bezeichnen dürfen“, schrieb bereits im Jahr 1903 Georg Simmel, der Begründer der Stadtsoziologie.
In Berlin herrscht Schweigen in der U-Bahn. Darin könnte sich eine extreme Individualisierung der Berliner ausdrücken, entstanden in einer tief verwurzelten Teilungserfahrung der Stadt.
„Spaltung war schon immer ein starkes Narrativ in Berlin“, sagt die Stadttheoretikerin Martina Löw. „Es gibt wenig Vertrauen in das, was uns verbindet in Berlin. Es gibt keinen Sinn dafür, was das Gemeinsame ist.“
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Klimawandel und neurologische Auswirkungen
Die Neurowissenschaftlerin Yoko Nomura hat herausgefunden, dass Kinder, die während des Hurrikans Sandy im Mutterleib waren, ein überdurchschnittlich hohes Risiko für psychiatrische Erkrankungen haben. Ihre Forschung zeigt, dass ein sich veränderndes Klima nicht nur unsere Umwelt beeinflusst, sondern auch zu spürbaren Veränderungen in unseren Gehirnen führt.
Extreme Hitze und steigende CO₂-Werte beeinträchtigen die Entscheidungsfindung und verringern die Problemlösungsfähigkeit. Forscher haben aufgezeigt, auf welche Weise demenzbedingte Krankenhausaufenthalte mit der Temperatur steigen.
Die fortgesetzte Verbrennung fossiler Brennstoffe führt also zu mehr Demenz. Forscher haben bereits aufgezeigt, auf welche Weise demenzbedingte Krankenhausaufenthalte mit der Temperatur steigen. Die Exposition gegenüber extremer Hitze in der frühen Schwangerschaft ist mit einem höheren Risiko für die Entwicklung neuropsychiatrischer Erkrankungen wie Schizophrenie und Magersucht verbunden.
Die hirnfressende Amöbe breitet sich immer weiter aus. Wenn es sich Naegleria fowleri erst einmal im Gehirn gemütlich gemacht hat, ist der Parasit zu 97 Prozent tödlich und wird seinen Wirt innerhalb einer Woche umbringen. Vor allem Kinder, die in Seen schwimmen, sind gefährdet.
Chronische Schmerzen und neurologische Ursachen
Diabetes, Alkoholmissbrauch oder Chemotherapien können Nervenschmerzen auslösen. Auch bei Gürtelrose oder dem Phantomschmerz nach Amputationen sind kaputte Nerven die Ursache für die Schmerzen. Die Grunderkrankung greift die Nerven im Körper an und zerstört einzelne Fasern. Die Folge: Die Zellen entwickeln ein Eigenleben. Sie fangen an, ständig elektrische Signale an das Gehirn zu senden, obwohl sie nicht von außen gereizt werden. Diese fehlerhafte Kommunikation nennt sich neuropathischer Schmerz. Etwa sieben Prozent der europäischen Bevölkerung leiden an chronischen Nervenschmerzen.
Bei entzündlichen Polyneuropathien greifen Zellen des Immunsystems fälschlicherweise die Myelinscheide der peripheren Nervenzellen an und zerstören sie. Die Nervenschädigungen führen zu langsameren Reizleitungsgeschwindigkeiten und letztendlich zum Untergang von Nerven.
Autismus und Spiegelneuronen
Autismus ist eine Entwicklungsstörung und hat viele Gesichter. Betroffene haben meist wenig Interesse an sozialen Kontakten und es fällt ihnen schwer, mit anderen zu interagieren. Bei einigen ist die Sprachentwicklung gestört.
Anfänglich sahen Wissenschaftler wie Vilayanur Ramachandran in Spiegelneuronen einen Schlüssel für viele offene Fragen in der Autismusforschung. Die Spiegelzellen waren auch dann aktiv, wenn der Affe den Griff in die Schale zwar beobachtete, das Ergreifen der Nüsse aber durch einen Sichtschutz verdeckt war. Auch im menschlichen Gehirn fanden Forscher in der Folge Spiegelzellen in allen Zentren des Gehirns, die das Erleben und Verhalten steuern. Ihre zentrale Funktion scheint zu sein, das zu reflektieren, was in unseren Mitmenschen vor sich geht. Nervenzellen im Gehirn könnten also dafür verantwortlich sein, dass wir intuitiv Handlungen vorausahnen, noch bevor sie geschehen.
Mithilfe der Spiegelzellen lassen sich aber nicht alle Aspekte von Autismus erklären, wie zum Beispiel das typische Vermeiden von Blickkontakt, das stereotype Wiederholen von Bewegungen oder eine allgemeine Überempfindlichkeit, insbesondere gegen bestimmte Geräusche.
Synapsen und mentale Erkrankungen
Hirnforscher vermuten seit längerem, dass eine Entwicklungsstörung der Synapsen eine mögliche Ursache für schwere mentale Erkrankungen wie die Schizophrenie ist. Eine Studie belegt, dass Störungen der Synapsen eine mögliche Ursache von mentalen Erkrankungen sind. Dies bedeutet allerdings nicht, dass sich alle psychiatrischen Erkrankungen auf Funktionsstörungen der Synapsen zurückführen lassen.
Somatoforme Störungen und chronische Muskelverspannungen
Bei zahlreichen urologischen Funktionsstörungen handelt es sich um sog. somatoforme Störungen des Urogenitalsystems. Ein Großteil der somatoformen urologischen Funktionsstörungen geht mit chronischen Muskelverspannungen im Unterbauch und Beckenbereich einher. Dies gilt für den chronischen Beckenschmerz bei Mann und Frau, für die Reizblasensymptomatik, für das Urethralsyndrom, für die psychogenen Miktionsstörungen, die psychogene Harninkontinenz sowie für die psychogene Harnverhaltung.
Affekte wie Wut, Ärger, Enttäuschung und insbesondere Angst erzeugen ein Gefühl der inneren Anspannung. Diese Anspannung wird auf die Körpermuskulatur übertragen. Mit der Zeit entwickelt sich eine chronische Muskelverspannung bis hin zur Ausbildung schmerzhafter Myogelosen.
Salzreiche Ernährung und Hirnfunktionen
Eine sehr salzreiche Ernährung kann die Hirnfunktionen beeinträchtigen. Das Gehirn wird schlechter durchblutet. Damit nimmt die Gedächtnisleistung ab - bis hin zur Demenz. Das gilt zumindest für Mäuse.
Unter der salzreichen Kost stieg die Zahl der sogenannten TH17-Immunzellen an. Diese können Entzündungsprozesse anstoßen. Unter anderem schütten sie dazu Interleukin-17 aus. Der Botenstoff gelangt über das Blut auch ins Gehirn. Dort behindert er die Versorgung der Gefäße mit Stickstoffmonoxid, das für die Weitstellung der Blutgefäße nötig ist. In der Folge wird das Gehirn nicht ausreichend durchblutet.
Schläge gegen den Kopf und langfristige Folgen
Schläge gegen den Kopf können schwerwiegende Folgen für das Gehirn haben. Bei Gehirnerschütterungen werden die Sportlerinnen und Sportler trotz einer Gehirnerschütterung nach kurzer Pause wieder auf das Feld geschickt. Das bedeutet für die Betreffenden ein zusätzliches massives Risiko: das Second-Impact-Syndrom, also der Zweitschlag-Effekt. Dieser besagt: Wenn auf eine nicht abgeklungene Erschütterung eine weitere trifft, drohen oft bleibende Schäden.
Alle Patient:innen dieser neurodegenerativen Erkrankung haben eines gemein: Ein bestimmtes Protein namens Tau lagert sich im Gehirn dauerhaft an den falschen Stellen ein. Die Folgen von Veränderungen der Gehirnstruktur durch Schädel-Hirn-Trauma können vielfältig sein. Viele Boxerinnen und Boxer entwickeln bereits während ihrer aktiven Zeit zumindest leichte kognitive Störungen. Zehn bis 20 Prozent der Profiboxer:innen leiden ihr Leben lang unter anhaltenden neuropsychiatrischen Erkrankungen. Ihre motorischen Fähigkeiten lassen nach und sie haben ein erhöhtes Risiko, am Parkinson-Syndrom sowie an Alzheimer zu erkranken.