Die Entwicklung des kindlichen Gehirns und der Sprache ist ein komplexer und faszinierender Prozess, der von einer Vielzahl von Faktoren beeinflusst wird. In diesem Artikel werden wir uns mit den wichtigsten Aspekten dieser Entwicklung auseinandersetzen, von den grundlegenden Strukturen des Gehirns bis hin zu den sensiblen Phasen des Spracherwerbs.
Die Grundlagen: Gehirnstruktur und -entwicklung
Das menschliche Gehirn ist ein komplexes Organ, das aus etwa 100 Milliarden Nervenzellen (Neuronen) besteht, die über 100 Billionen Synapsen (Kontaktstellen) miteinander kommunizieren. Es lässt sich grob in folgende Bereiche unterteilen:
- Großhirn: Der größte Teil des Gehirns, der in zwei Hälften (Hemisphären) unterteilt ist, die durch den Balken miteinander verbunden sind. Die linke Hemisphäre ist vor allem für Sprache, Logik und analytisches Denken zuständig, während die rechte Hemisphäre eher für räumliches Denken, Kreativität und emotionale Verarbeitung zuständig ist.
- Kleinhirn: Steuert unbewusst Muskulatur, Motorik und Körperhaltung (Gleichgewicht) und ermöglicht die Orientierung im Raum.
- Zwischenhirn: Umfasst den Thalamus (der Informationen an spezialisierte Teile des Gehirns weiterleitet) und den Hypothalamus (der lebenswichtige vegetative Funktionen steuert).
- Hirnstamm: Kontrolliert Atmung, Blutkreislauf, Aufmerksamkeit und Schlaf.
Die Entwicklung des Gehirns beginnt bereits im Mutterleib. Beim Fötus entwickelt sich zunächst eine Unmenge von Neuronen, von denen ein Großteil noch vor der Geburt wieder abgebaut wird. So startet ein Neugeborenes mit 100 Milliarden Neuronen, die aber noch klein und wenig vernetzt sind. Dementsprechend beträgt das Gewicht seines Gehirns nur ein Viertel von dem eines Erwachsenen.
In den ersten drei Lebensjahren nimmt die Zahl der Synapsen rasant zu - eine Gehirnzelle kann bis zu 10.000 ausbilden. Mit zwei Jahren entspricht die Menge der Synapsen derjenigen von Erwachsenen, mit drei Jahren hat ein Kind bereits doppelt so viel. Die Anzahl (200 Billionen) bleibt dann bis zum Ende des ersten Lebensjahrzehnts relativ konstant. Bis zum Jugendalter wird rund die Hälfte der Synapsen wieder abgebaut, bis die für Erwachsene typische Anzahl von 100 Billionen erreicht wird.
Verbunden mit diesem rasanten Wachstum von Synapsen ist eine rasche Gewichtszunahme des Gehirns: von 250 g bei der Geburt über 750 g am Ende des 1. Lebensjahrs bis 1.300 g im 5. Lebensjahr. In der Pubertät wird schließlich das Endgewicht erreicht.
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Die doppelt so hohe Zahl von Synapsen erklärt auch, wieso das Gehirn eines Dreijährigen mehr als doppelt so aktiv ist wie das eines Erwachsenen. Außerdem enthalten die Gehirne von (Klein-) Kindern größere Mengen bestimmter Neurotransmitter. Sie haben einen fast doppelt so hohen Glukoseverbrauch (Traubenzuckerverbrauch) wie die Gehirne von Erwachsenen, benötigen also mehr Energie.
Lernen und Gehirnentwicklung: Ein Wechselspiel
Die Ausbildung von doppelt so viel Synapsen wie letztlich benötigt werden, ist ein Zeichen für die große Plastizität des Gehirns - und die enorme Lern- und Anpassungsfähigkeit des Säuglings bzw. Kleinkinds. Das Neugeborene fängt geistig praktisch bei Null an: Abgesehen von ein paar Instinkten ist es weitgehend auf Wahrnehmung und Reaktion beschränkt. Die Regionen des Gehirns, die später für komplexe Funktionen wie Sprechen oder Denken zuständig sind, liegen weitgehend brach.
Aber das ist genau die große Chance des Menschen: Der Neugeborene ist praktisch für ganz unterschiedliche Kulturen und Milieus offen. Die Überproduktion von Synapsen in den ersten wenigen Lebensjahren ermöglicht das schnelle Erlernen ganz unterschiedlicher Verhaltensweisen, Sprachen, Lebensstile usw. Ein großer Teil der weiteren Gehirnentwicklung bei Kindern besteht dann darin, die für ihre Lebenswelt nicht relevanten Synapsen abzubauen und die benötigten Bahnen zwischen Neuronen zu intensivieren. So bestimmt letztlich die Umwelt - das in ihr Erfahrene, Gelernte, Erlebte, Aufgenommene - zu einem großen Teil die Struktur des Gehirns.
Die skizzierte Entwicklung setzt sich dann bis zum Tode des Menschen fort: Unbenötigte Synapsen werden eliminiert, häufig benutzte verstärkt. Zugleich werden aber immer wieder neue Synapsen gebildet, insbesondere im Rahmen von Gedächtnisprozessen.
Die Überproduktion und Selektion von Synapsen erfolgen in verschiedenen Regionen des Gehirns mit unterschiedlicher Geschwindigkeit und Intensität; sie erreichen ihren Höhepunkt zu jeweils anderen Zeiten. Beispielsweise wird in den Hinterhauptslappen, die für die visuelle Wahrnehmung zuständig sind, die höchste Dichte von Synapsen schon in den ersten Lebensmonaten erreicht. Hingegen ist das Wachstum in den Stirnlappen (Planen von Handlungen, Urteilsvermögen, Aufmerksamkeit) zwischen dem 3. und 6. Lebensjahr am größten.
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Sensible Phasen der Entwicklung
In diesem Zusammenhang wird oft von "Entwicklungsfenstern" oder "kritischen Phasen" gesprochen, in denen das Gehirn für bestimmte Lernerfahrungen besonders empfänglich sei, da dann die relevanten Synapsen ausgewählt und miteinander verknüpft, also die entsprechenden Regionen des Gehirns strukturiert würden. Werden diese Perioden verpasst, könnte ein Kind im jeweiligen Bereich kaum noch dieselbe Leistungsfähigkeit erreichen wie andere.
Beispielsweise dauert die "sensible Phase" für den Spracherwerb bis zum 6. oder 7. Lebensjahr. Das Baby kann schon alle Laute jeder Sprache dieser Welt unterscheiden, das Kleinkind alle Phoneme korrekt nachsprechen. Innerhalb weniger Lebensjahre werden aber die Synapsen eliminiert, die diese Leistung ermöglichen, aber nicht benötigt werden, da sich das Kind in der Regel ja nur eine Sprache mit einer sehr begrenzten Zahl von Phonemen aneignet. Deshalb kann ab dem Schulalter, insbesondere ab der Pubertät, eine neue Sprache nicht mehr perfekt erlernt werden.
Dieses Beispiel verdeutlicht aber auch, dass das Konzept der "kritischen Phasen" nicht überbetont werden darf. Sonst wird im jeweiligen Bereich die Lernfähigkeit des Menschen außerhalb der sensiblen Periode unterschätzt - das Schulkind oder der Erwachsene kann eben doch eine zweite, dritte oder vierte Sprache lernen, wenn auch zumeist nur mit einem (leichten) Akzent.
Allerdings fällt das Erlernen bestimmter Kompetenzen (neben der Sprache z.B.
Erst im Alter von drei, vier Jahren kann auf das Gedächtnis zurückgegriffen werden. Erfahrungen und Erlebnisse aus den ersten Lebensjahren können noch nicht so in das Langzeitgedächtnis abgespeichert werden, dass sie auch wieder aufgerufen werden können. So gibt es keine Erinnerungen an die ersten drei, vier Lebensjahre (infantile Amnesie) und nur wenige an das 5. und 6.
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Etwa ab vier Jahren verbessert sich allmählich die Kommunikation zwischen linker und rechter Hemisphäre. Dies ermöglicht die Integration der analytischen und der intuitiven Seite des Kindes. Mit sechs Jahren beginnt eine neue Phase intellektueller Reife: Da sich das Kind zunehmend selbst beherrschen, die eigenen Gefühle kontrollieren und die Bedürfnisbefriedigung herausschieben kann, kann es sich besser konzentrieren und zielgerichtet lernen.
Ab dem 10. Lebensjahr gewinnt dann das Prinzip des "Use it or loose it" (Benutze es oder verliere es) eine überragende Bedeutung: Das Gehirn wird optimiert, d.h. diejenigen Synapsen, die häufig gebraucht werden, bleiben erhalten; die anderen werden eliminiert. Während in den ersten zehn Lebensjahren das Lernen leicht und sehr schnell vonstatten geht - insbesondere wenn es in die jeweiligen sensiblen Phasen fällt -, verlangt es in den folgenden Jahren immer mehr Anstrengung. Es gibt immer weniger überzählige, unbenutzte Synapsen; die Bahnen, in denen der Jugendliche oder Erwachsene denkt, sind in der Kindheit bereits grob festgelegt worden. Gänzlich neue Verbindungen zwischen Neuronen werden eher selten hergestellt. Das Gehirn hat eine bestimmte Struktur ausgebildet, von deren Art abhängt, in welchen Bereichen das Lernen leichter oder schwerer fällt. Ist z.B. ein Kind bilingual aufgewachsen, eignet es sich schneller eine dritte oder vierte Sprache an; hat es bereits im Kleinkindalter musiziert, wird es eher im Musikunterricht brillieren. Je vielfältiger und breiter die in der Kindheit ausgeprägte Struktur des Gehirns ist, umso mehr Bereiche gibt es, in denen der Jugendliche oder Erwachsene Fortschritte machen kann.
Erfolgreiches Lernen in späteren Lebensabschnitten setzt ferner voraus, dass man das Lernen gelernt hat. Kinder müssen erfahren haben, wie man Lernen plant und selbst überwacht, wie man sich Wissen aneignet und überprüft, welche Lernstrategien erfolgversprechend sind, wo die eigenen Stärken und Schwächen liegen, wie man das Gelernte durchdenkt und erinnert.
Wie das Gehirn lernt: Prozesse und Mechanismen
In jedem Augenblick strömt eine Unmenge an Eindrücken und Wahrnehmungen aus dem Körper und über die Sinne zum Gehirn. Die Impulse werden in viele kleine Einzelteile zerlegt, die in spezialisierten Teilregionen des Gehirns verarbeitet werden. Die von dort ausgehenden "Botschaften" werden in größeren Bereichen des Gehirns interpretiert und miteinander verknüpft. An dieser Weiterverarbeitung ist vielfach auch das Gedächtnis beteiligt: Erkennen ist vor allem Wiedererkennen von Gleichem und Ähnlichem. Ferner werden mit Hilfe des Gedächtnisses unvollständige Eindrücke ergänzt. Schließlich müssen Körper und/oder Geist reagieren, Veränderungen vornehmen, Handlungen planen und durchführen. Insbesondere an hoch komplexen Abläufen sind somit viele Bereiche des Gehirns beteiligt. Wer z.B.
Natürlich können nicht all die vielen Eindrücke und Wahrnehmungen, Lernerfahrungen und Informationen im Gehirn gespeichert werden. Vielmehr wird ausgewählt: Das Gehirn ignoriert bereits Bekanntes, unterscheidet Wichtiges von Unwichtigem, bildet Kategorien, Muster und Hierarchien, ordnet Ereignisse in sinnvollen Sequenzen, stellt Beziehungen zu anderen Daten her, fügt neu Gelerntes in bereits abgespeichertes Wissen ein. Ferner werden Eindrücke und Informationen leichter behalten, wenn sie mit Emotionen verknüpft sind, wenn sie neuartig, ungewöhnlich und besonders interessant wirken, wenn sie leicht in die vorhandenen Gedächtnisinhalte integriert werden können und wenn ein Lebens- bzw. Alltagsbezug gegeben ist. Dann wird die dem Gehirn inhärente "Faulheit" - das Bestreben, aufgrund des generell hohen Bedarfs (s.u.) Energie zu sparen - überwunden: Sind Informationen, Lernprozesse, Erinnerungen emotional bedeutsam, reizvoll und spannend, werden Botenstoffe wie Dopamin und Acetylcholin ausgeschüttet, verstärken die Aufmerksamkeit und intensivieren die Gedächtnisleistung. Emotional bedeutsames Wissen wird (bei Rechtshändern) in der rechten Gehirnhälfte, neutrales Fakten- und Weltwissen in der linken Hemisphäre gespeichert.
Im Gehirn schlagen sich Denken und Lernen auf verschiedene Weise nieder: Bei jeder Interaktion zwischen Säugling bzw. Kleinkind und Umwelt reagieren zunächst Tausende von Gehirnzellen. Bestehende Verbindungen zwischen ihnen werden intensiviert, neue ausgebildet. Treten nun wiederholt ähnliche Eindrücke, Wahrnehmungen und Erfahrungen auf, schleifen sich bestimmte Bahnen ein. Das heißt, ähnliche Signale folgen zunehmend demselben Weg, der durch bestimmte, bei wiederholter Stimulierung stärker werdende chemische Signale in den Synapsen zwischen den Neuronen markiert wird. Haben diese Signale eine von Gehirnregion zu Gehirnregion unterschiedlich große Stärke erreicht, wird diese Bahn auf Dauer (bis in das Erwachsenenalter hinein) beibehalten. Viele zuvor benutzte Verbindungen - und die an ihnen beteiligten Neuronen - verlieren an Bedeutung; viele der kaum oder überhaupt nicht benutzten Nervenzellen werden sogar in den ersten Lebensjahren abgebaut (s.o.). Die entlang der sich einschleifenden Bahnen liegenden Neuronen werden hingegen immer größer, d.h. sie bilden immer mehr Dendriten aus, die zudem länger werden und zu immer mehr anderen Nervenzellen führen. Zugleich wird das Gehirn auf eine bestimmte Weise organisiert - je nachdem, für welche Arten von Lernprozessen Neuronen und Nervenbahnen besonders oft aktiviert werden. Die Veränderungen in seiner Struktur können sogar stark ausgeprägt sein, wenn bestimmte Lernerfahrungen sehr häufig gemacht werden - z.B. ist bei Taxifahrern die Gehirnregion für das Ortsgedächtnis größer, wird bei tauben Menschen ein Bereich im Gehirn für die Gebärdensprache abgegrenzt.
Individuelle Unterschiede und Einflussfaktoren
Die vorangegangenen Abschnitte haben schon deutlich gemacht, wie stark die Gehirnentwicklung durch das Lernen geprägt wird - sie ist ein Prozess, der von Erbe und Umwelt gleichermaßen bestimmt wird. Rund 60% aller menschlichen Gene wirken auf die Gehirnentwicklung ein. Der IQ ist aber nur zu etwa 50% genetisch bedingt, der Schulerfolg sogar nur zu 20% (Eliot 2001).
Die Umgebung wirkt schon vor der Geburt auf die Gehirnentwicklung ein (z.B. die Stimme der Mutter, Musik und andere Geräusche), insbesondere über den Körper der Mutter: Negative Einflussfaktoren sind beispielsweise Fehlernährung, Rauchen, Alkohol- oder Drogenmissbrauch, Stress oder der Umgang mit giftigen Substanzen am Arbeitsplatz während der Schwangerschaft. Nach der Geburt wird die Gehirnentwicklung z.B. gehemmt durch längere Krankenhausaufenthalte oder Heimunterbringung, da dann Säuglinge bzw. Kleinkinder zu wenig Stimulierung erfahren. Dasselbe gilt für den Fall, dass die Mutter depressiv ist oder die Eltern ihr Kind vernachlässigen. Einen negativen Effekt können ferner frühkindliche Traumata oder Misshandlungen haben.
Eine positive Wirkung wird hingegen beispielsweise dem Stillen zugesprochen, da hier das Gehirn besonders gut mit Vitaminen, Mineralien und Spurenelementen versorgt wird. So schnitten gestillte Kinder beim IQ-Test mit acht Jahren um durchschnittlich 8 Punkte besser ab - der Vorsprung war umso größer, je…
Die Entwicklung der Sprache: Ein komplexer Prozess
Sprache ist eine grundlegende Eigenschaft des Menschen, deren Besitz uns von allen anderen Lebewesen unterscheidet. Kinder erlernen dieses komplexe System von Zeichen und deren Bedeutungen scheinbar mühelos. Eine spannende Frage bleibt dabei, wie das Gehirn von Kindern die vielschichtigen Aufgaben zu bewältigen lernt, die bei der Verarbeitung von Sprache erforderlich sind.
Wenn ein Säugling beginnt, seine Muttersprache zu lernen, muss er schon im ersten Lebensjahr eine Reihe komplexer Aufgaben bewältigen. Denn bereits lange bevor ein Kind anfängt zu sprechen, arbeitet das Gehirn daran, Sprache zu entdecken. Um im Alter von etwa zwölf Monaten die ersten Wörter zu sprechen, muss ein Kind zunächst einmal gelernt haben, Sprache als solche wahrzunehmen und den einströmenden Sprachfluss sinnvoll zu zerlegen. Dabei besteht das Problem unter anderem darin, einzelne Bedeutungseinheiten wie Wörter oder Wortgruppen als solche zu erkennen und zu verarbeiten.
Die Ergebnisse mehrerer Studien konnten zeigen, dass Säuglinge für diese Aufgaben insbesondere die sprechmelodischen Eigenschaften (Prosodie) ihrer Muttersprache nutzen, also Betonungsmuster, Variationen der Tonhöhe oder die Sprechgeschwindigkeit. Bereits Säuglinge sind in der Lage, die für ihre Muttersprache typischen Betonungsmuster zu identifizieren. Beispielsweise ist eine typische Akzentuierung für zweisilbige Wörter im Deutschen die Betonung der ersten Silbe („Pápa“), im Französischen hingegen die Betonung der zweiten Silbe („Papá“). In einer Studie wurden französische und deutsche Säuglinge im Alter von vier bis fünf Monaten untersucht, denen solche unterschiedlichen Betonungsmuster mit Akzentuierung der ersten oder zweiten Silbe vorgespielt wurden. Dabei zeigte sich, dass das Gehirn schon in diesem frühen Alter deutlich zwischen der bekannten muttersprachlichen und der unbekannten Betonung von Wörtern zu unterscheiden vermag.
Einen genaueren Einblick in die Hirnstrukturen, in denen sprachliche Informationen verarbeitet werden, bietet die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT). Um zu erforschen, welches die Hirnareale sind, die an der Verarbeitung syntaktischer und semantischer Information beteiligt sind und welche Rolle diese Areale während der Sprachentwicklung bei Kindern spielen, wurden Vorschulkinder und Erwachsene untersucht. Sie hatten in einem fMRT-Experiment die Aufgabe, die Korrektheit gehörter Sätze einzuschätzen. Diese Sätze waren normale, korrekte Sätze („Die Biene summt“) oder aber sie waren inkorrekt, entweder hinsichtlich ihrer Semantik („Das Haus malt“) oder ihrer Syntax („Das Eis am schmeckt“). Die Studie machte deutlich, dass Vorschulkinder und Erwachsene dasselbe Netzwerk von Hirnregionen nutzen, wenn sie gesprochene Sprache verarbeiten. Kinder jedoch zeigen eine insgesamt stärkere Aktivierung, die außerdem weniger zwischen den verschiedenen Aspekten der Sprache unterscheidet. Mit anderen Worten: Kinder nutzen sowohl für die Verarbeitung syntaktischer als auch semantischer Informationen das gesamte Netzwerk, wohingegen im Sprachnetzwerk von Erwachsenen eher bestimmte Hirnregionen auf Syntax- beziehungsweise Semantikverarbeitung spezialisiert sind. Darüber hinaus ist bei Kindern eine Hirnregion, die für aufwendigere Sprachverarbeitungsprozesse wichtig ist, stärker in das Netzwerk eingebunden, nämlich das Broca-Areal.
Die Rolle der Elternsprache
Elternsprache prägt die Hirnstruktur von Babys und Kleinkindern, zeigt eine Studie. Wenn du viel mit deinem Baby oder Kleinkind sprichst, prägt das die Gehirnstruktur deines Kindes. Das fanden Wissenschaftler:innen der britischen Universität von East Anglia heraus. Die von ihnen veröffentlichte Studie im "Journal of Neuroscience" sei eine der ersten, die zeige, dass die Gehirnentwicklung schon früh mit dem sprachlichen Input zusammenhänge, hieß es in einer Pressemitteilung. "Mit Kindern zu sprechen, ist in der frühen Entwicklung sehr wichtig, denn es hilft dabei, das Gehirn zu formen", sagte Psychologie-Professor John Spencer, der die Studie leitete.
Untersucht wurden 87 Babys im Alter von sechs Monaten und 76 Kleinkinder im Alter von zweieinhalb Jahren. Mit tragbaren Aufnahmegeräten zeichneten die Wissenschaftler:innen drei Tage lang bis zu 16 Stunden täglich alles auf, was die Kinder an Sprache zu hören bekamen und was sie selbst an Äußerungen produzierten. Insgesamt wurden mehr als 6.200 Stunden Sprachdaten erfasst. Anschließend visualisierten MRT-Scans die Gehirne der Kinder. Betrachtet wurde vor allem die Substanz Myelin. Das ist eine wichtige Biomembran, die isolierend um Nervenzellen herum wächst und dadurch Gehirnsignale effizienter macht. Das ist ähnlich wie bei einem löchrigen Schlauch - Myelin ist das Klebeband, das den Schlauch abdichtet und einen guten Durchfluss ermöglicht.
"Wir haben herausgefunden, dass Kleinkinder, die in ihrer Alltagsumgebung mehr Sprache hörten, auch mehr Myelin im Gehirn hatten", sagte Spencer. Die erhöhten Myelinmengen seien in den sprachbezogenen Gehirnteilen nachweisbar gewesen. Bei Babys zeigte sich ein umgekehrtes Ergebnis. Bei ihnen sei durch viel Erwachsenensprache weniger Myelin nachgewiesen worden. Spencer erklärt das mit den unterschiedlichen Stufen der Gehirnentwicklung. "Im ersten Lebensjahr ist das Gehirn damit beschäftigt, neue Zellen zu bilden", schreibt er in einem Beitrag für "The Conversation". Viel Sprache zu hören, könne das Gehirnwachstum beschleunigen. Man kann also sagen: Das Gehirn ist in diesem Alter mit anderem beschäftigt. Ist das Kind zwei bis drei Jahre alt, ist die Myelinbildung dran - und viel Sprachinput kann diese erhöhen. Erwachsenensprache zu hören, sei aber im Alter von sechs Monaten genauso wichtig wie mit 30 Monaten, so Spencer, es wirke sich lediglich anders auf das Gehirn aus, weil es sich in unterschiedlichen Entwicklungszuständen befinde. Es bleiben also noch einige Fragen offen und auch Studienleiter Spencer hält weitere Untersuchungen für nötig. "Obwohl es noch viel über diese Prozesse zu lernen gibt, ist die Botschaft an die Eltern klar: Sprecht mit eurem Baby, eurem Kleinkind, eurem Kind. Studienleiter Spencer empfiehlt Eltern, sich möglichst oft direkt mit dem Kind zu "unterhalten". Das mag vor allem bei Babys für manche ungewohnt erscheinen, habe aber eine ganz andere Qualität, als wenn dein Kind nur den Unterhaltungen anderer zuhöre. Benenne die Objekte, mit denen dein Kind spielt. Reagiere auf dein Baby oder Kleinkind und tritt in Interaktion - hält es dir einen Zug hin, sage "Zug!"Benenne die Farben und Formen in der Umgebung.Mache lustige Laute, spiele mit Wörtern und Silben.
Praktische Tipps für Eltern und Erzieher
- Sprechen Sie viel mit Ihrem Kind: Dies ist der wichtigste Faktor für eine gesunde Sprachentwicklung. Benennen Sie Gegenstände, beschreiben Sie Handlungen und beantworten Sie die Fragen Ihres Kindes.
- Lesen Sie Ihrem Kind vor: Vorlesen fördert nicht nur die Sprachentwicklung, sondern auch die Fantasie und die kognitiven Fähigkeiten.
- Singen Sie mit Ihrem Kind: Singen macht Spaß und hilft Ihrem Kind, den Rhythmus und die Melodie der Sprache zuInternalisieren.
- Spielen Sie mit Ihrem Kind: Spielen ist eine großartige Möglichkeit, die Sprachentwicklung zu fördern. Benennen Sie die Spielzeuge, beschreiben Sie die Handlungen und ermutigen Sie Ihr Kind, zu sprechen.
- Schaffen Sie eine anregende Umgebung: Eine Umgebung mit vielen Büchern, Spielzeugen und Möglichkeiten zum Entdecken und Experimentieren fördert die Gehirnentwicklung Ihres Kindes.
- Seien Sie geduldig: Jedes Kind entwickelt sich in seinem eigenen Tempo. Seien Sie geduldig und unterstützen Sie Ihr Kind auf seinem Weg.
- Fördern Sie Bewegung und körperliche Aktivität: Wenn dein Kind krabbelt, müssen die Bewegungen der Arme und Beine synchronisiert werden, damit der Körper dabei nicht die Balance verliert. Dein Kind trainiert dabei seine Fähigkeit, seine Beine und Arme über die Körpermittellinie zu koordinieren. Das Gehirn besitzt zwei Hemisphären bzw. Hälften. Die Entwicklung der Verbindungen zwischen den verschiedenen Gehirnfunktionen ist enorm wichtig. Unser Gedächtnis, unsere Fähigkeiten wie z. B. Um eine Handlung oder Aktivität durchzuführen, müssen wir eine Vorstellung davon haben, auf welche Weise wir dabei unseren Körper einsetzen müssen - und die erforderlichen motorischen Teilhandlungen planen können. Daher ist die Kreuzkoordination so wichtig - damit unsere Gehirnhälften gut zusammenarbeiten können. Arme und Beine werden beim Krabbeln diagonal zueinander bewegt. Doch nicht nur beim Krabbeln finden Kreuzbewegungen statt. Auch wenn dein Kind rollt, robbt oder sich um die eigene Achse dreht, macht es Kreuzbewegungen. Wenn kleine Kinder einen großen Schritt in ihrer Entwicklung machen, zeigt sich dies auch in ihrer Gehirnentwicklung - das bezeichnen wir dann als Meilensteine der Entwicklung oder als Entwicklungssprung. Anfänglich ist das Erlernen von neuen Fähigkeiten noch anstrengend, doch mit der Zeit bringen die neuen Kompetenzen eine Entspannung mit sich. Die großen Entwicklungssprünge hören irgendwann auf, doch die fantastische Eigenschaft der Plastizität unseres Gehirns bleibt bestehen. Dadurch kann sich das Gehirn unser ganzes Leben lang entwickeln. Sensorische Eindrücke prägen fortwährend unser Gehirn, neue Routinen werden geschaffen und es gibt immer wieder neue Möglichkeiten zur Entwicklung. Vereinfacht gesagt kümmert sich unsere rechte Gehirnhälfte um das Greifen, während die linke Gehirnhälfte für das Be-Greifen zuständig ist. Im ersten Lebensjahr deines Kindes ist die rechte Gehirnhälfte am aktivsten. Hier entwickelt es seine Reaktionsfähigkeit. Später wird auch die linke Gehirnhälfte mehr aktiviert und hilft Babys, die Welt besser zu verstehen. Sprache spielt dabei eine große Rolle. Unsere beiden Gehirnhälften arbeiten konstant zusammen, wenn wir uns in unserer Welt bewegen, erleben, handeln, reagieren und erfahren. Alle Eindrücke werden über unsere Sinne an unser Gehirn geschickt, das diese verarbeitet und darauf reagiert. Unsere beiden Gehirnhälften hängen und arbeiten eng zusammen - mit Bewegungsspielen wie Ballspielen können wir daher die sprachliche Entwicklung positiv unterstützen. Indem wir die eine Gehirnhälfte stärken, fördern wir auch die andere Gehirnhälfte, da die beiden in einer kausalen Beziehung zueinander stehen.