Zeichnen und Malen sind nicht nur Freizeitbeschäftigungen, sondern auch wirkungsvolle Werkzeuge zur Förderung der Kreativität, zur Verarbeitung von Erlebnissen und zur Schulung des Gehirns. Dieser Artikel bietet eine umfassende Anleitung zum Thema "Gehirn malen", wobei sowohl traditionelle Zeichentechniken als auch innovative Ansätze wie die Neurografik berücksichtigt werden. Ziel ist es, Ihnen verschiedene Wege aufzuzeigen, wie Sie durch das Malen Ihre kognitiven Fähigkeiten verbessern, Stress abbauen und Ihre innere Welt erkunden können.
Warum Malen für das Gehirn wichtig ist
Malen ist für Kinder und Erwachsene gleichermaßen von Bedeutung. Kinder verarbeiten durch das Malen Erlebnisse und Eindrücke und eignen sich eine weitere Ausdrucksform neben dem Sprechen an. Laut dem Neurowissenschaftler Professor Dr. Wolf Singer nimmt das Malen eine zentrale Rolle in nicht-sprachlichen Kommunikationsformen ein und fördert Bildungs- und Lernprozesse.
Der Vorgang des Malens selbst bewirkt auf mehreren Ebenen Fortschritte:
- Verbesserung der Auge-Hand-Koordination: Feinste Striche an der richtigen Stelle zu setzen, erfordert Konzentration und eine ruhige Hand.
- Förderung der Grob- und Feinmotorik: Das Halten eines Stifts und das kontrollierte Bewegen der Hand über das Papier sind wichtige Übungen für die Motorik.
- Entwicklung des kognitiven Denkens: Malen fördert die Realitätsbearbeitung, die Fantasie und das Gefühl für Räumlichkeit und Abstraktion.
- Stärkung der Selbstständigkeit: Kinder können sich auf Papier ausdrücken und sich als selbstwirksam, kreativ und kompetent erleben.
- Förderung der Konzentration: Kinder sind beim Malen oft höchst fokussiert, was die Konzentrationsfähigkeit schult.
Auch für Erwachsene bietet das Malen zahlreiche Vorteile. Es kann helfen, Stress abzubauen, die Achtsamkeit zu fördern und die Gedächtnisleistung zu verbessern. Studien zeigen, dass Gedächtnistraining durch kognitive Übungen wie Malen signifikante Verbesserungen in kognitiven Tests bewirken kann. Regelmäßiges Gedächtnistraining kann den Abbau der kognitiven Fähigkeiten verzögern und ist besonders wichtig, wenn die geistigen Herausforderungen im Alltag abnehmen.
Die Grundlagen des Zeichnens: Sehen lernen
Viele Anfänger sind unzufrieden, wenn sie versuchen, etwas aus dem Kopf oder aus der Fantasie zu zeichnen. Dies liegt daran, dass unser Gehirn Informationen filtert und Klischees abspeichert. Beim Zeichnen ist es wichtig, die Dinge unvoreingenommen zu betrachten, so als würde man sie zum ersten Mal sehen. Dies wird oft als "Sehen lernen" bezeichnet.
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Die Rolle der Gehirnhälften beim Zeichnen
Beim Zeichnen geht es darum, ein Motiv mit den Augen abzutasten und in Einzelteile zu zerlegen. Die rechte Gehirnhälfte ist für die Verarbeitung von bildlichen Daten zuständig, während die linke Gehirnhälfte begriffliches Denken und gespeicherte Informationen beisteuert. Die Schwierigkeit besteht darin, dass sich die linke Gehirnhälfte oft einmischt und es erschwert, das zu zeichnen, was man tatsächlich sieht.
Techniken, um die linke Gehirnhälfte auszutricksen
Um die linke Gehirnhälfte beim Zeichnen auszutricksen, gibt es verschiedene Techniken:
- Abpausen und Kopieren: Dies hilft, zu trainieren, das zu zeichnen, was tatsächlich zu sehen ist, ohne von gespeicherten Informationen beeinflusst zu werden.
- Vorlage auf den Kopf stellen: Dadurch erkennt die linke Gehirnhälfte keine typischen Symbole und überlässt die Arbeit der rechten Gehirnhälfte.
- Spiegel verwenden: Im Spiegel fallen Stellen auf, die noch nicht stimmig sind und überarbeitet werden sollten.
- Blindes Konturenzeichnen: Zeichnen Sie die Konturen Ihrer Hand, ohne auf das Papier zu schauen. Dies schaltet den L-Modus des Gehirns weitgehend aus.
Handlettering: Buchstaben malen und das Gedächtnis trainieren
Handlettering ist die Kunst des händischen Gestaltens von Buchstaben oder Wörtern. Es hat seinen Ursprung in der Kalligrafie, der "Kunst des Schönen Schreibens". Im Gegensatz zur Kalligrafie, bei der es auf flüssige Handbewegungen ankommt, werden beim Handlettering die einzelnen Buchstaben eher gemalt und konstruiert als geschrieben.
Die Vorteile von Handlettering für das Gehirn
Handlettering ist nicht nur eine kreative Beschäftigung, sondern auch ein effektives Gedächtnistraining. Das Schreiben mit der Hand aktiviert verschiedene Hirnregionen stärker als das Tippen auf einer Tastatur. Dies fördert die Gedächtnisbildung, da die Verknüpfungen zwischen den Hirnregionen intensiver sind.
Handlettering-Stile und Techniken
Es gibt viele verschiedene Handlettering-Stile, von Monoline über Brush-Lettering bis zu Fake Calligraphy. Für den Einstieg eignet sich Fake Calligraphy sehr gut. Dabei wird mit einem Bleistift oder einem Fineliner der Effekt einer Feder imitiert. Die Basis für diese Schriftart ist ein in Schreibschrift geschriebenes Wort, dessen runde Formen eher oval gezeichnet und alle Abwärtsstriche verstärkt werden.
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Handlettering im Alltag
Handlettering lässt sich leicht in den Alltag integrieren. Man kann personalisierte Postkarten verschicken, Tassen und T-Shirts gestalten oder Grußkarten verzieren. Auch das Abzeichnen von Schriftzügen, die einem gefallen, ist eine gute Übung, um das Freihand-Zeichnen zu trainieren.
Neurografik: Malen mit dem Unterbewusstsein
Die Neurografik ist eine relativ neue Methode, die die Prinzipien des Zeichnens und Malens mit neurowissenschaftlichen Erkenntnissen über das Gehirn und die Wirkung von Kunst auf unsere Psyche kombiniert. Sie soll nicht nur die Kreativität fördern, sondern auch tiefe Einblicke in unser Unterbewusstsein ermöglichen.
Wie Neurografik funktioniert
Die Grundlage der Neurografik ist die Vorstellung, dass unser Gehirn in Bildern denkt und Informationen verarbeitet. Durch den Einsatz von Symbolen, Formen und Farben soll man auf tiefere Ebenen des Unterbewusstseins zugreifen und sich mit dem inneren Selbst verbinden können.
Ein Ziel der Neurografik ist es, belastende Gedanken und Gefühle in etwas Sinnvolles zu verwandeln. Dazu werden die negativen Gedanken und Gefühle in Form von Linien und Formen auf das Papier gebracht. Ein weiteres Ziel ist es, Wünsche und Ziele zu bearbeiten. Das neurografische Malen kann dazu führen, sich selbst und seine Ressourcen besser kennenzulernen.
Die Techniken der Neurografik
- Neurografische Linien zeichnen: Diese Linien sind nicht gerade und glatt, sondern der Natur nachempfunden und dadurch immer etwas ungleichmäßig.
- Verbindungen abrunden: Die Verbindungen zwischen den einzelnen Linien werden abgerundet.
- Felder ausmalen: Jede Farbe hat ihre eigene symbolische Bedeutung und kann unterschiedliche Emotionen und Stimmungen hervorrufen.
Anwendungsbereiche der Neurografik
- Problemlösung: Zeichnen Sie ein Problem, das Sie belastet, und färben Sie die Linien mit den Farben ein, die Sie mit dem Problem assoziieren.
- Zielsetzung: Zeichnen Sie ein Ziel, das Sie erreichen möchten, und färben Sie die Linien mit den Farben ein, die Sie mit dem Ziel assoziieren.
- Selbsterfahrung: Zeichnen Sie Ihre Gedanken und Gefühle und färben Sie die Linien mit den Farben ein, die Sie mit Ihren Gedanken und Gefühlen assoziieren.
Malen im Alltag: Tipps und Anregungen
- Schaffen Sie einen kreativen Raum: Richten Sie sich einen Platz ein, an dem Sie ungestört malen und zeichnen können.
- Experimentieren Sie mit verschiedenen Materialien: Probieren Sie Bleistifte, Filzstifte, Buntstifte, Wasserfarben und andere Malwerkzeuge aus.
- Lassen Sie sich inspirieren: Besuchen Sie Kunstausstellungen, stöbern Sie in Büchern und Zeitschriften oder suchen Sie online nach Inspirationen.
- Nehmen Sie an Kursen teil: Es gibt viele Zeichen- und Malkurse für Anfänger und Fortgeschrittene.
- Malen Sie regelmäßig: Nehmen Sie sich regelmäßig Zeit zum Malen, auch wenn es nur für ein paar Minuten ist.
- Haben Sie Spaß: Das Wichtigste ist, dass Sie Freude am Malen haben.
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