Hemiparese bei jungen Erwachsenen: Ursachen, Behandlung und psychische Aspekte

Die Hemiparese, oder Halbseitenlähmung, ist ein Zustand, der junge Erwachsene vor besondere Herausforderungen stellen kann. Sie beeinträchtigt nicht nur die körperliche Funktionalität, sondern auch das psychische Wohlbefinden. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Diagnose, Behandlungsmöglichkeiten und die psychologischen Aspekte der Hemiparese, um Betroffenen und ihren Angehörigen ein umfassendes Verständnis zu ermöglichen.

Was ist Hemiparese? Definition und Abgrenzung

Der Begriff "Hemiparese" stammt aus dem Griechischen. "Hemi" bedeutet halb oder einseitig, während "Parese" Erschlaffung, also eine unvollständige Lähmung, bedeutet. Hemiparese bezeichnet demnach eine unvollständige Lähmung einer Körperhälfte. Es ist wichtig, Hemiparese von Hemiplegie zu unterscheiden. Hemiplegie beschreibt eine vollständige Lähmung einer Körperhälfte. Die Halbseitenlähmung ist die Lähmung einer Körperhälfte, die vollständig (Hemiplegie) oder unvollständig (Hemiparese) ausgeprägt sein kann.

Ursachen der Hemiparese

Die Hemiparese ist keine eigenständige Krankheit, sondern ein Symptom einer Grunderkrankung. Sie entsteht aufgrund einer Schädigung in der linken oder rechten Gehirnhälfte. Die häufigsten Ursachen sind:

  • Schlaganfall: Jährlich erleiden etwa 120.000 Menschen in Deutschland einen Schlaganfall. Er ist eine der Hauptursachen für Hemiparese, insbesondere bei älteren Erwachsenen, kann aber auch junge Menschen betreffen.
  • Schädel-Hirn-Verletzungen: Unfallbedingte Schädel-Hirn-Verletzungen können ebenfalls zu Hemiparese führen.
  • Entzündungen des Gehirns: Bakterielle oder virale Gehirnentzündungen können in seltenen Fällen eine Hemiparese verursachen.
  • Tumore: Tumore im Gehirn können durch Druck auf bestimmte Hirnareale eine Hemiparese auslösen.
  • Genetische Erkrankungen: In seltenen Fällen kann eine Hemiparese aufgrund genetischer Erkrankungen angeboren sein.
  • Geburtsverletzungen: Verletzungen während der Geburt können ebenfalls zu einer Hemiparese führen.
  • Halbseitige Schädigung des Rückenmarks: Selten kann eine halbseitige Schädigung des Rückenmarks die Ursache sein.

Eine Schädigung der rechten Gehirnhälfte oder des rechten Stammhirns führt zu einer Lähmung der linken Körperhälfte. Ist die linke Gehirnhälfte oder das linke Stammhirn geschädigt, tritt die halbseitige Lähmung rechts auf.

Symptome der Hemiparese

Die Symptome einer Hemiparese können vielfältig sein und hängen von der Schwere der Lähmung und dem betroffenen Hirnareal ab. Einseitige Kraft- und Bewegungsstörungen (Motorik) sowie Muskelverkrampfungen im Gesicht oder an Armen und Beinen können den Alltag erheblich einschränken. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

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  • Eingeschränkte Beweglichkeit: Bestimmte Bewegungen des Arms und des Beins sind möglich, jedoch eingeschränkt.
  • Muskelspannung: Die unvollständige Halbseitenlähmung (Hemiparese) kann sich in einer schlaffen oder starken Muskelspannung äußern und zu unkoordinierten oder überschießenden Bewegungen (Spastiken) führen.
  • Gleichgewichtsstörungen: Häufig erschweren Gleichgewichts- und Koordinationsstörungen die eigenständige Fortbewegung.
  • Feinmotorische Schwierigkeiten: Schwierigkeiten bei der Ausführung präziser Bewegungen, z.B. beim Schreiben oder Knöpfe schließen.
  • Gesichtslähmung: Lähmungen einer Gesichtshälfte führen häufig zu eingeschränkter Mimik und Sprachstörungen. Bei einer vollständigen Halbseitenlähmung (Hemiplegie) sind häufig auch die Gesichts- und Zungenmuskulatur (Faszialparese) der gelähmten Seite betroffen.
  • Sensibilitätsstörungen: Die Wahrnehmung von Reizen (Temperatur, Schmerz, Berührung) ist gestört, vermindert oder nicht mehr vorhanden.
  • Spastiken: Stark ausgeprägte Spastiken können in bestimmten Fällen durch eine Operation gelindert werden.

In manchen Fällen sind vor allem das Gesicht und/oder der Arm und weniger das Bein betroffen, sodass es noch möglich ist, selbstständig mit oder ohne Hilfsmittel zu gehen.

Diagnose der Hemiparese

Eine plötzlich auftretende Halbseitenlähmung ist immer ein Notfall und muss umgehend untersucht werden, um die ursächliche Erkrankung festzustellen. Auch bei einer Halbseitenlähmung, die sich schleichend über einen längeren Zeitraum entwickelt, suchen unsere Experten der Neurologie zunächst nach der Ursache. Die Diagnose der Hemiparese umfasst in der Regel folgende Schritte:

  1. Anamnese: In einer ausführlichen Untersuchung ermitteln wir mit Ihrer Hilfe die Vorgeschichte (Anamnese).
  2. Körperliche Untersuchung: Prüfung von Kraft, Reflexen und Spannung einzelner Muskelgruppen sowie der Feinmotorik.
  3. Laboruntersuchungen: Blutbild und eine Untersuchung des Nervenwassers (Lumbalpunktion) geben uns weitere Hinweise.
  4. Bildgebende Verfahren:
    • Computertomografie (CT): Darstellung der normalen Struktur und krankhafter Veränderungen oder Verletzungen im Schädelbereich
    • Magnetresonanztomografie/Kernspintomografie (MRT): Darstellung von Struktur und krankhaften Veränderungen im Hirngewebe und im Schädelbereich
    • Funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT): Darstellung der Durchblutung und Stoffwechselaktivität in bestimmten Gehirnregionen während einer Aufgabe
    • Elektroenzephalografie (EEG): Darstellung der elektrischen Hirnaktivität mit hoher zeitlicher Auflösung

Mit bildgebenden Verfahren wie der Computer (CT)- oder der Magnetresonanztomografie (MRT) können wir die Hirnschädigung detailliert darstellen.

Behandlung der Hemiparese

Da eine Halbseitenlähmung immer als Folge einer anderen Erkrankung auftritt, behandeln wir zunächst die Grunderkrankung. Dabei kommen je nach Auslöser medikamentöse sowie operative Verfahren infrage. Die Behandlung der Hemiparese zielt darauf ab, die Symptome zu lindern, dieFunktionalität zu verbessern und die Lebensqualität der Betroffenen zu erhöhen. Sobald wie möglich folgt dann die individuelle Behandlung Ihrer Halbseitenlähmung, nach einem Schlaganfall in der Regel bereits innerhalb der ersten 24 Stunden noch auf unserer Schlaganfallstation (Stroke Unit). Je früher wir mit der Therapie beginnen können, desto besser stehen die Chancen, Ihre Lähmung zu lindern und den weiteren Verlauf positiv zu beeinflussen. Die Therapie umfasst in der Regel ein multidisziplinäres Team aus Ärzten, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden und Psychologen. Im Anschluss an die Akutbehandlung beginnen wir so früh wie möglich mit der Behandlung Ihrer Halbseitenlähmung. Dabei arbeiten unsere Spezialisten der Neurologie, Physio- und Ergotherapie, Logopädie und Pflege eng zusammen. Zu den wichtigsten Behandlungsansätzen gehören:

  • Physiotherapie: Mit einem individuell auf Ihre Beeinträchtigungen angepassten Rehabilitationsprogramm trainieren wir mit Ihnen Beweglichkeit, Gleichgewichtssinn und Koordination mit und ohne orthopädische Hilfsmittel wie Orthesen sowie Ihre Feinmotorik.
  • Ergotherapie: Ergotherapeuten helfen den Betroffenen,Alltagsaktivitäten wieder selbstständig auszuführen.
  • Logopädie: Ist auch Ihre Gesichtsmuskulatur betroffen, ist das Training der Lippen- und Zungenmuskulatur besonders wichtig, um Ihre Schluck- und Sprechfunktion zu verbessern.
  • Forced-Use-Therapie: Bei der Forced-Use-Therapie handelt es sich um ein intensives Trainingsprogramm für Patient:innen mit einer Hemiparese. Sie ist auf drei Schwerpunkte aufgeteilt.
    • Forced-Use-Therapie - Arm- und Handfunktion (klassisch): Dieses Therapieangebot richtet sich ausschließlich an Patient:innen, bei denen Restfunktion im Arm und in der Hand erhalten sind. Während der Therapie wird der nicht betroffene Arm mit einer Schiene ruhiggestellt und dadurch „erzwungen“, dass bis zu 90% des Tages ausschließlich der betroffene Arm eingesetzt wird. Zusätzlich erfolgt während der Therapiezeit von zwei Wochen täglich ein mehrstündiges motorisches Training mit vielen Wiederholungen. So kann der „erlernte Nichtgebrauch“ der betroffenen Seite wieder rückgängig gemacht werden. Außerhalb der Therapie sollen alle möglichen und scheinbar unmöglichen Aktivitäten mit der betroffenen Hand ausgeführt werden. Für einige wenige Aktivitäten darf die Schiene abgelegt werden.
      • Kriterien für die Teilnahme: Folgende Bewegungen von Arm und Hand müssen möglich sein, um an der Therapie teilnehmen zu können. Setzen Sie sich auf einen Stuhl mit Armlehnen. Der betroffene Unterarm soll so auf der Armlehne aufliegen, dass die Hand am Ende frei herunter hängt. Anheben der Hand, ohne Mitbewegung des Unterarmes, ca. 20° Streckung der Finger (Hand öffnen), ca.
    • Forced-Use-Therapie - Arm- und Handfunktion (modifiziert): Auch Patienten, die nicht die oben genannten Funktionen in der Hand und im Arm haben, können an der Forced-Use Therapie teilnehmen. Diese modifizierte Therapie richtet sich an Patient:innen, die bisher noch wenig Funktion in der Hand haben. Deshalb wird der nicht betroffene Arm auch nicht mit einer Schiene ruhiggestellt. Es erfolgt ebenfalls wie bei der klassischen Forced-Use Therapie an 10 Tagen ein mehrstündiges motorisches Training mit dem betroffenen Arm mit vielen Wiederholungen. Es wird ein intensives Training von Funktionen des Armes, der Hand und des Rumpfes durchgeführt.Sehr wichtig ist dabei, dass man zum Anfang realistische Ziele auswählt.
    • Forced-Use-Therapie der unteren Extremität: Bei der Forced-Use-Therapie der unteren Extremität, handelt es sich um ein intensives Trainingsprogramm für Bein- und Rumpffunktionen bei Patienten mit einer Halbseitenlähmung und/oder Gleichgewichtsstörungen. Es erfolgt, wie bei der klassischen Forced-Use Therapie, an 10 Tagen ein mehrstündiges motorisches Training in 1-1 Betreuung, mit vielen Bewegungswiederholungen.Die Forced-Use Therapie der unteren Extremität richtet sich an Patient:innen, die im Alltag mehr Sicherheit, Selbstständigkeit und einen größeren Bewegungsradius erlangen wollen. Wir trainieren im Therapieraum, auf dem Flur, im Gelände, an der Treppe und im Fitnessraum.
  • Botulinumtoxin-Injektionstherapie: Wenn Sie unter Spasmen leiden, kann eine unterstützende Botulinumtoxin-Injektionstherapie für Sie infrage kommen, um die Muskulatur zu entspannen, spastische Schübe zu lindern und ergotherapeutische Maßnahmen zu erleichtern.
  • Medikamentöse Therapie: Das Gehirn ist in der Lage, sich nach einem Schlaganfall teilweise oder ganz funktionell zu erholen. Dabei können nicht nur Physiotherapie, sondern offenbar auch solche Medikamenten helfen, die gezielt in den Neurotransmitter-Stoffwechsel eingreifen. So ließ sich in einer Placebo-kontrollierten Studie mit 53 Patienten mit Hemiparese nach Schlaganfall die motorische Funktion mit L-Dopa verbessern. In beiden Gruppen besserte sich die motorische Leistung. Gemessen mit motorischen Punktskalen war die Leistung in der L-Dopa-Gruppe jedoch signifikant besser als bei Patienten, die nur Physiotherapie erhalten hatten. Vielversprechend seien auch Therapieversuche mit dem Antidepressivum Nortriptylin und mit dem ADHS-Medikament Methylphenidat. Nortriptylin hemmt die Noradrenalin- und Serotoninwiederaufnahme aus dem synaptischen Spalt. Methylphenidat stimuliert die Ausschüttung von Dopamin und Noradrenalin und hemmt die zerebrale Wiederaufnahme von Katecholaminen.
  • BATRAC (Bilateral Arm Training with Rhythmic Auditory Cueing)-Therapie: Die BATRAC (Bilateral Arm Training with Rhythmic Auditory Cueing)-Therapie beruht ebenfalls auf aktivem Training, stützt sich aber auf die Erkenntnis, daß ein Mitführen des gesunden Armes den kranken Arm stärkt, da beide neurophysiologisch eine Einheit bilden. Nach sechs Wochen Training hatten sich bei den Patienten mit chronischer Hemiparese die sensomotorischen Funktionen des gelähmten Armes signifikant gebessert. Die Erfolge waren auch zwei Monate nach Abschluß der Übungen noch vorhanden. "Der Clou daran ist, daß die Besserung nicht etwa von Muskeln, Herz oder peripherem Nervensystem ausgeht, sondern vom Gehirn", sagte Dr. "Denn mit der funktionellen Kernspintomografie hat sich bestätigt, daß dort Veränderungen angeregt wurden." Nun soll BATRAC beim frischen Schlaganfall erprobt werden.
  • Operative Behandlung: Manchmal können wir die Ursache Ihrer Halbseitenlähmung operativ behandeln, zum Beispiel einen Schlaganfall, eine Schädel-Hirn-Verletzung oder einen Tumor. Darüber hinaus können wir stark ausgeprägte Spastiken in bestimmten Fällen durch eine Operation lindern.

Bei der Wahl der geeigneten Therapiemöglichkeit berücksichtigen wir neben der Ausprägung Ihrer Lähmung weitere Faktoren wie Ihren allgemeinen Gesundheitszustand und Vorerkrankungen. Ein besonderes Augenmerk gilt auch der Vermeidung oder Linderung von Folgeerkrankungen. Dabei stimmen sich unsere Spezialisten aus den beteiligten Fachbereichen in den Schön Kliniken eng miteinander ab, um das bestmögliche Behandlungsergebnis für Sie zu erzielen und Ihnen zu mehr Selbstbestimmung und Lebensqualität zu verhelfen.

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Psychische Aspekte der Hemiparese

Eine Halbseitenlähmung kann den Alltag erheblich einschränken und Betroffene psychisch enorm belasten. Die Bewältigung der körperlichen Einschränkungen, der Verlust vonUnabhängigkeit und die Angst vorKomplikationen können zu Ängsten, Depressionen und sozialer Isolation führen. Eine psychotherapeutische Begleitung durch unsere Spezialisten kann sinnvoll sein, um Ängste oder Unsicherheiten abzubauen, Selbstvertrauen aufzubauen und Depressionen vorzubeugen oder zu behandeln.

Es ist wichtig, dass junge Erwachsene mit Hemiparese psychologische Unterstützung erhalten, um ihre Emotionen zu verarbeiten und Strategien zur Bewältigung der Herausforderungen zu entwickeln. Eine positive Einstellung, soziale Unterstützung und der Fokus auf die eigenen Stärken können helfen, die Lebensqualität trotz der Einschränkungen zu verbessern.

Perspektiven für junge Erwachsene mit Hemiparese

Trotz der Herausforderungen, die mit einer Hemiparese einhergehen, gibt es viele Möglichkeiten für junge Erwachsene, ein erfülltes und selbstbestimmtes Leben zu führen. Eine frühzeitige Behandlung unserer jugendlichen Patienten in einem spezialisierten und störungsspezifischen Rahmen ist essentiell, um eine dauerhafte Genesung und Vermeidung einer Chronifizierung der Probleme gewährleisten zu können. Die Fortschritte in der Rehabilitation und die Entwicklung neuer Therapien eröffnen immer wieder neue Perspektiven. Wichtig ist, dass Betroffene aktiv an ihrer Behandlung teilnehmen, sich realistische Ziele setzen und sich nicht entmutigen lassen.

Persönliche Erfahrungen

"Früher ging ich davon aus: „Ich muss mich mit diesen Einschränkungen abfinden. Ich bin und bleibe behindert.“ Aber falsch gedacht: Denn mit 21 Jahren habe ich herausgefunden: Das stimmt überhaupt nicht! Ich habe angefangen, meine Hemiparese aktiv zu verbessern; und das mit jeder Menge Spaß, Motivation und vielen Erfolgen!"

Diese Aussage einer Betroffenen zeigt, dass es möglich ist, die Lebensqualität trotz Hemiparese deutlich zu verbessern. Mit der richtigen Therapie, Unterstützung und einer positiven Einstellung können junge Erwachsene mit Hemiparese ein erfülltes Leben führen.

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