Nervenkrankheit: Definition, Ursachen, Symptome und Behandlung

Nervenkrankheiten sind ein komplexes und vielschichtiges Feld der Medizin. Sie umfassen eine Vielzahl von Erkrankungen, die das Nervensystem betreffen, welches sich in zentrales (Gehirn und Rückenmark) und peripheres Nervensystem unterteilt. Diese Krankheiten können unterschiedliche Ursachen, Symptome und Verläufe haben, was die Diagnose und Behandlung oft erschwert. Dieser Artikel soll einen Überblick über verschiedene Nervenkrankheiten geben, ihre Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten aufzeigen.

Amyotrophe Lateralsklerose (ALS)

Die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), auch bekannt als Lou-Gehrig-Syndrom oder Charcot-Krankheit, ist eine chronisch-degenerative Erkrankung des zentralen Nervensystems. Sie gehört zu den Motoneuron-Krankheiten und führt zu Muskelschwund (Atrophie) und Lähmungen am gesamten Skelettsystem.

Ursachen:Die genaue Ursache der ALS ist bisher unbekannt. Es gibt eine familiäre Häufung, aber viele Betroffene haben keine familiäre Vorbelastung. Genetische Tests haben Mutationen in bestimmten Genen gezeigt, aber ob dies die alleinige Ursache ist, ist noch unklar.

Symptome:Die ersten Symptome der ALS können unspezifisch sein. Häufige Anzeichen sind:

  • Muskelschwäche und -krämpfe
  • Schluckstörungen (Dysphagie)
  • Sprachstörungen (Dysarthrie)
  • Gangunsicherheiten
  • Atemprobleme

Im weiteren Verlauf breitet sich die Muskelschwäche über den ganzen Körper aus. Die Erkrankten erleben oft Muskelkrämpfe und steife, abgehackte Bewegungen. Das Gesicht kann ausdruckslos wirken, und es kann zu unkontrolliertem Weinen oder Lachen kommen.

Diagnostik:Die Diagnose ALS erfordert eine umfassende neurologische Untersuchung. Wichtig ist der Ausschluss anderer Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen. Zu den diagnostischen Maßnahmen gehören:

  • Klinische Untersuchung der Muskulatur, Sprache, Schluckakt und Atemfunktion
  • Elektromyographie (EMG) zur Beurteilung der Muskelaktivität
  • Messung der Nervenleitgeschwindigkeit (Elektroneurographie)
  • Magnetresonanztomographie (MRT) des Gehirns und Rückenmarks
  • Blut- und Urinuntersuchungen zum Ausschluss anderer Ursachen
  • Untersuchung des Nervenwassers (Liquor)

Behandlung:Bisher gibt es keine Heilung für ALS. Die Behandlung zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Zu den Behandlungsoptionen gehören:

  • Medikamentöse Therapie mit Riluzol zur Verlängerung der Lebenserwartung
  • Physiotherapie zur Erhaltung der Muskelkraft und Vorbeugung von Kontrakturen
  • Ergotherapie zur Unterstützung der Hand- und Feinmotorik
  • Logopädie zur Verbesserung der Schluckfunktion
  • Symptomatische Medikamente zur Linderung von Spastiken, Muskelkrämpfen und übermäßiger Speichelproduktion
  • Psychologische Betreuung zur Behandlung von Depressionen und Ängsten
  • Atemunterstützung durch nicht-invasive Beatmung (NIV) oder invasive Beatmung über eine Trachealkanüle
  • Anpassung der Ernährung bei Schluckstörungen, ggf. Anlage einer perkutanen endoskopischen Gastrostomie (PEG)

Prognose:Die Lebenserwartung bei ALS ist reduziert. Etwa 50 % der Betroffenen sterben innerhalb der ersten drei Jahre nach Auftreten der ersten Symptome, etwa 25 % überleben die ersten fünf Jahre, und etwa 10 % leben länger als zehn Jahre.

Stiff-Person-Syndrom (SPS)

Das Stiff-Person-Syndrom (SPS) ist eine seltene Autoimmunerkrankung, die durch eine erhöhte Muskelspannung mit Muskelverhärtungen und Steifigkeitsgefühl gekennzeichnet ist, insbesondere im Bereich der rumpfnahen Muskulatur.

Ursachen:Das SPS ist eine chronische Autoimmunerkrankung, bei der es im Rahmen einer fehlgeleiteten Reaktion der eigenen Körperabwehr zu einer gesteigerten Erregbarkeit der Muskulatur kommt. Diese wird durch Antikörper verursacht, die zentrale hemmende Bahnen blockieren. Am häufigsten sind Antikörper gegen Glutamat-Decarboxylase (GAD) nachweisbar.

Symptome:Die Symptome des SPS können sehr vielgestaltig und im Verlauf wechselnd auftreten. Im Vordergrund steht eine in der Ausprägung wechselnde Steifigkeit der Muskulatur, oft mit schmerzhaften Krämpfen. Hiervon sind hauptsächlich der Rumpf und die Beine betroffen. Oft werden dadurch Gangstörungen mit Blockaden und Stürzen verursacht. Auch Fehlhaltungen und Skelettdeformitäten können entstehen. In selteneren Fällen ist nur eine Gliedmaße betroffen, dann spricht man vom „Stiff-Limb-Syndrom“ (SLS).

Diagnostik:Die Diagnose wird durch die neurologische Untersuchung sowie typische Veränderungen in der Elektromyographie (EMG) und dem Nachweis bestimmter typischer Antikörper im Blut bzw. Nervenwasser gestellt.

Behandlung:Die Behandlung stützt sich auf drei Säulen:

  1. Physiotherapie und muskelentspannende Maßnahmen
  2. Muskelentspannende Medikamente (z.B. Baclofen, Tizanidin, Diazepam)
  3. Ggf. Immuntherapie (z.B. Kortisonpräparate, Immunglobuline, Plasmapherese)

Wichtig zu beachten: Stress, äußere Reize und manche Medikamente können die Symptome verstärken.

Lesen Sie auch: Umfassender Leitfaden zur Huntington-Krankheit: Von Ursachen bis zur Therapie

Halswirbelsäulen-Syndrom (HWS-Syndrom)

Das Halswirbelsäulen-Syndrom (HWS-Syndrom) ist ein Sammelbegriff für Nackenschmerzen und begleitende Beschwerden, deren Ursachen in der Halswirbelsäule zu finden sind.

Ursachen:Die Ursachen für das HWS-Syndrom sind vielfältig. Häufiges Arbeiten im Sitzen und eine hohe Bildschirmnutzung können dazu beitragen, dass die Halswirbelsäule (HWS) immer längere Zeit in der gleichen Stellung verharren muss. Seltener sind Folgeschäden nach einer Wirbelsäulen-OP oder eine Erweichung des Knochens (Rachitis) durch Vitamin-D-Mangel die Ursache.

Symptome:Klassische Symptome sind Schmerzen und schmerzhaftes Ziehen im Nacken durch Verspannungen. Die Beschwerden können auch in Schultern und Arme ausstrahlen. In extremeren Fällen kann es zu Taubheitsgefühlen in Armen und Händen kommen.

Diagnostik:Bei Verdacht auf einen Bandscheibenvorfall ist es wichtig, diesen zum Beispiel mit Hilfe von bildgebenden Verfahren auszuschließen.

Behandlung:Die Behandlung des HWS-Syndroms hängt von der Ursache ab. In den allermeisten Fällen kommen konservative Therapien in Frage, da es sich um Probleme der Muskulatur handelt. Dazu gehören:

  • Physiotherapie
  • Übungen zur Entspannung und Kräftigung
  • Spritzen im Rahmen der Schmerztherapie (minimal-invasive Injektionstherapie)
  • Mehr Bewegung und Sport
  • Eine gesunde Haltung im Alltag
  • Reduktion von Stress

Dauer:Die Dauer der Schmerzen hängt stark von der Ursache ab. Ein gelegentlich auftretendes, akutes HWS-Syndrom verschwindet in der Regel nach ein bis zwei Wochen wieder. Ab einer Dauer von mehr als drei Monaten spricht man von einem chronischen HWS-Syndrom.

Demenz

Demenzerkrankungen sind durch einen fortschreitenden Verlust kognitiver Fähigkeiten gekennzeichnet. Rund 80 Prozent aller Demenzen werden durch Krankheiten des Gehirns hervorgerufen, bei denen Nervenzellen allmählich verloren gehen.

Ursachen:Die Alzheimer-Krankheit ist mit 60-70 Prozent aller Fälle die häufigste Ursache für Demenz. Daneben gibt es vaskuläre (gefäßbedingte) Demenzen, die Lewy-Körperchen-Krankheit, die Demenz bei Morbus Parkinson sowie die Frontotemporale Demenz.

Symptome:Die Symptome von Demenz können je nach Ursache variieren. Häufige Anzeichen sind:

  • Gedächtnisprobleme
  • Orientierungsschwierigkeiten
  • Sprachstörungen
  • Denkschwierigkeiten
  • Verhaltensänderungen

Diagnostik:Die Diagnose von Demenz erfordert eine umfassende neurologische und neuropsychologische Untersuchung. Bildgebende Verfahren wie MRT oder CT können helfen, die Ursache der Demenz zu identifizieren.

Behandlung:Da die Schädigung des Gehirns bei den meisten Demenzformen nicht rückgängig gemacht werden kann, sind diese Demenzen nicht heilbar. Es gibt jedoch Medikamente, die die Symptome lindern und den Verlauf der Erkrankung verlangsamen können.

Prävention:Studien zeigen, dass ein gesunder Lebensstil mit Bewegung, geistiger Aktivität, sozialem Austausch und gesunder Ernährung das Risiko senken kann, an Alzheimer zu erkranken.

Polyneuropathie

Polyneuropathie ist eine Erkrankung, bei der mehrere periphere Nerven gleichzeitig geschädigt sind.

Ursachen:Es gibt mehr als 200 verschiedene Ursachen für Polyneuropathie. Die häufigsten sind:

  • Diabetes mellitus
  • Chronischer Alkoholmissbrauch
  • Vitamin-B12-Mangel
  • Nierenkrankheiten
  • Lebererkrankungen
  • Schilddrüsenerkrankungen
  • Infektionen
  • Autoimmunerkrankungen
  • Krebserkrankungen
  • Chemotherapie
  • Gifte

Symptome:Die Symptome der Polyneuropathie können je nach betroffenem Nerventyp variieren. Häufige Anzeichen sind:

  • Kribbeln, Taubheitsgefühle und Schmerzen in den Füßen und Händen
  • Muskelschwäche
  • Gleichgewichtsstörungen
  • Störungen der Verdauung, Blasenfunktion oder Sexualität

Diagnostik:Die Diagnose der Polyneuropathie erfordert eine neurologische Untersuchung, Elektromyographie (EMG) und Nervenleitgeschwindigkeitsmessung. Blutuntersuchungen können helfen, die Ursache der Polyneuropathie zu identifizieren.

Behandlung:Die Behandlung der Polyneuropathie zielt darauf ab, die Ursache zu behandeln und die Symptome zu lindern. Zu den Behandlungsoptionen gehören:

  • Einstellung des Blutzuckers bei Diabetes mellitus
  • Alkoholabstinenz bei chronischem Alkoholmissbrauch
  • Vitamin-B12-Substitution bei Vitamin-B12-Mangel
  • Schmerzmittel
  • Physiotherapie
  • Ergotherapie

Bardet-Biedl-Syndrom (BBS)

Das Bardet-Biedl-Syndrom (BBS) ist eine seltene, erblich bedingte Erkrankung, die durch eine Vielzahl von Symptomen gekennzeichnet ist.

Ursachen:Das BBS wird autosomal-rezessiv vererbt. Die am häufigsten betroffenen Gene sind BBS1 und BBS10.

Symptome:Das BBS ist durch sechs Hauptsymptome gekennzeichnet:

  • Retinitis pigmentosa (Netzhauterkrankung)
  • Polydaktylie (überzählige Finger oder Zehen)
  • Adipositas (Fettleibigkeit)
  • Lernschwierigkeiten
  • Nierenfunktionsstörungen
  • Hypogonadismus (Unterfunktion der Keimdrüsen)

Diagnostik:Die Diagnose des BBS kann schwierig sein, da die Symptome vielfältig und unterschiedlich ausgeprägt sein können. Eine klinische Diagnose sollte gestellt werden, wenn mindestens vier der Hauptsymptome vorliegen oder drei der Haupt- und zwei der Nebensymptome.

Behandlung:Eine ursächliche Therapie für das BBS gibt es bisher nicht. Die Behandlung zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und Komplikationen zu vermeiden.

Weitere Nervenkrankheiten

Neben den oben genannten gibt es noch viele weitere Nervenkrankheiten, wie z.B.:

Lesen Sie auch: Umfassende Informationen zur Parkinson-Krankheit

  • Multiple Sklerose (MS)
  • Parkinson-Krankheit
  • Epilepsie
  • Migräne
  • Schlaganfall
  • Hirntumore

Lesen Sie auch: Nervenkrankheit oder nicht? Demenz im Detail.

tags: #als #nervenkrankheit #wikipedia