Menschliches Gehirn vs. Reptiliengehirn: Ein Vergleich

Die Erforschung des menschlichen Gehirns und seiner evolutionären Wurzeln hat zu faszinierenden Erkenntnissen geführt. Ein besonders interessanter Aspekt ist der Vergleich des menschlichen Gehirns mit dem von Reptilien, da dieser Einblicke in die Entwicklung unserer kognitiven Fähigkeiten und Verhaltensmuster ermöglicht.

Die Grundlagen des Gehirns

Unser Gehirn ist kein Einheitsbrei, sondern setzt sich aus verschiedenen Teilen zusammen, die im Laufe der Evolution eine bemerkenswerte Entwicklung und Anpassung durchlaufen haben. Es ist wichtig zu verstehen, dass das Gehirn von Säugetieren und Menschen sich unterscheidet, insbesondere in Bezug auf die Anzahl der Informationskanäle.

Das Stammhirn: Unser uraltes Reptiliengehirn

Der älteste Teil unseres Gehirns, der Hirnstamm (auch Stammhirn genannt), hat sich bereits vor etwa 500 Millionen Jahren entwickelt. Es wird oft auch als "Reptilien- oder Krokodilhirn" bezeichnet. Dieses Stammhirn bedient sich unserer Programme und repräsentiert genetisch vorbestimmte Verhaltensweisen, die der Arterhaltung und dem Überleben dienen. Es kann mit einer Art Kontrollzentrum für unbewusste, gefühllose und roboterähnliche Programme verglichen werden, die eher einem Reptilienverhalten ähneln.

Der Hirnstamm ist der evolutionsgeschichtlich älteste Teil des menschlichen Gehirns und wird auch Reptilienhirn genannt. Er verarbeitet entscheidende Umweltreize, leitet unbewusste Reaktionen wie Blutdruck und Atmung und ist für instinkthafte Reaktionen verantwortlich. Der Hirnstamm macht also fit fürs Überleben.

Der Hirnstamm, der älteste und tiefstliegende Teil des Gehirns, steuert lebenswichtige Funktionen wie Atmung, Herzschlag, Nahrungsaufnahme und Darmtätigkeit. Er besteht aus der Medulla oblongata (verlängertes Mark), der Brücke (Pons), dem Mittelhirn (Mesencephalon) und der Formatio reticularis.

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Die Medulla oblongata ist eine wichtige Umschaltstation innerhalb des motorischen Systems und enthält Zentren für vegetative Funktionen wie Atmung und Brechen. Die Brücke enthält zahlreiche Kerngebiete, in denen Nervenbahnen zwischen Groß- und Kleinhirn verschaltet werden. Das Mittelhirn besteht aus der Vierhügelplatte (Tectum mesencephali) und dem Tegmentum mesencephali. Die Formatio reticularis ist ein netzartiges Gebilde, das sich über das gesamte Tegmentum bis hinunter zum Rückenmark zieht und für die Steuerung von Atmung, Schluckreflex, Kreislauf und Brechen verantwortlich ist. Sie enthält auch das "Weckzentrum", das aufsteigende retikuläre Aktivierungssystem (ARAS).

Aus dem Stammhirn entspringen die meisten Hirnnerven, die sensorische und gemischte Funktionen haben und mit römischen Ziffern von I bis XII bezeichnet werden.

Das Großhirn: Sitz des Denkens und der Intelligenz

Im Laufe der Evolution entwickelten sich in unserem menschlichen System neue Gehirnareale, die die Regie anstelle des Stammhirns hätten übernehmen sollen. Das Großhirn, auch Neocortex genannt, ist der Teil des Gehirns, mit dem wir denken. Es ist bei Säugetieren und insbesondere beim Menschen deutlich größer als bei Reptilien. Der Anteil des Großhirns ist beim Menschen deutlich größer als bei allen anderen Lebewesen, er macht 85 Prozent des Gesamtgehirns aus.

Das Großhirn ist der Teil des Gehirns, der für höhere kognitive Funktionen wie Denken, Planen und Problemlösen zuständig ist. Es ist bei Säugetieren deutlich größer als bei Reptilien und ermöglicht komplexere Verhaltensweisen.

Das limbische System: Emotionen und Gefühle

Das limbische System, welches sich im Zwischenhirn befindet, ist dem Gehirn angeschlossen und beeinflusst die Gefühle.

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Der präfrontale Cortex: Hightech im Hirn

Im Laufe der Evolution hat sich ein Gehirnteil entwickelt, der beispielsweise für den Mut, Neues auszuprobieren, für die Risikobereitschaft und Experimentierfreudigkeit, für die Fähigkeit, abzuwägen, und für Lösungen anstelle von Schwarzmalerei zuständig ist. Der präfrontale Cortex - ein »modernes« Stirnhirn. Hightech im Hirn, lebendige KI par excellence. Wissen und Lernfähigkeit pur.

Homo sapiens versus Reptil: Ein Konflikt der Instinkte

Der moderne Mensch versucht, die Zukunft aus der Vergangenheit herzuleiten. Doch das Stammhirn will sich nicht so recht zurückhalten. Homo sapiens versus Reptil.

In bestimmten Situationen übernimmt das Stammhirn die Kontrolle über uns, in deren Folge alle anderen Bereiche out of Control - gelähmt sind, quasi heruntergefahren werden. Unsere mentale Einstellung und unser Verhalten geraten immer dann unter den Einfluss unserer uralten Instinktareale im Gehirn, wenn unser den Gefühlen zugeordnetes limbisches System und unsere evolutionäre noch junge, mit bewussten Denkvorgängen verbundene Großhirnrinde in ihrer Leistungsfähigkeit beeinträchtigt werden.

Wie entsteht nun der Konflikt? Unser Stammhirn ist nun mal keine KI und kann kein Update durchführen. In der heutigen Zeit sind viele Dinge, die wir als Bedrohung empfinden, etwa Existenzsorgen, politische Entwicklungen, Fachkräftemangel, Einbruch der Wirtschaft, Klimawandel et cetera, für unser Stammhirn nicht mehr greifbar. Unser archaischer Hirnstamm hat für solche Situationen keine sinnvollen Lösungsansätze. Es gibt keinen sichtbaren Feind, der bekämpft werden könnte; vor dem wir folglich auch nicht davonlaufen können.

Die Anwesenheit des Dominanzgehabes unseres Stammhirns

Die Anwesenheit des Dominanzgehabes unseres Stammhirns können wir wunderbar an verschiedenen Signalen erkennen; beispielhaft seien hier einige genannt, wie Egoismus, Argwohn, Selbstsucht, Gefühllosigkeit, Starrheit, Intoleranz, Aggressivität, Gewaltbereitschaft, fehlende Fürsorglichkeit, kurzfristiges Nutzdenken, Oberflächlichkeit, Opportunismus, Eitelkeit, Suchtverhalten, psychopathisches Auftreten, Eifersucht. Führungskräften wird gerne nachgesagt, sich unter Kontrolle ihres Stammhirns zu befinden, sie lieben übertriebene Vorschriften und geben sich nur mit geordneten Verhältnissen zufrieden. Sie neigen zur Wissbegierigkeit, Kontrolle und übernehmen gerne das Kommando. Befehle wollen erteilt, Autoritäten schnell erkannt werden. Schließlich darf kein Alphatierchen neben einem sitzen. Was zählt sind Status- oder Rangsymbole, die Vermögen repräsentieren sollen. Dieser Hirntyp denkt in der Regel wenig zukunftsorientiert. Dadurch ist er einfach zu steuern, da alles außerhalb seines eigenen »Universums« Nebensache für ihn ist. Auf furchteinflößende Situationen reagiert dieser Typ unmittelbar. Ein Angriffspunkt für Autokraten und Lobbyisten. Die Eigenschaften unseres Stammhirns machen uns anfällig für die Einflüsse von Machthabern. Unser Gehirn greift beispielsweise bei der medialen »Dauerdarstellung« von Wirtschaftskrisen, Mangel-Illusionen oder Kriegen auf das Stammhirn zurück und wird dadurch unbewusst in eine Dauerangst hineinversetzt. Unser Stammhirn ist ein schlechter Schüler, es tut sich sehr schwer mit neuen, ihm unbekannten Situationen, fertig zu werden. Das lässt sich gut in unserem gegenwärtigen Alltag beobachten, wenn dramatische Meldungen in den Medien ihren Lauf nehmen und alternative Fakten und Emotionen die Realität verdrängen.

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Die Lösung: Hightech im Hirn und die Nutzung des Neocortex

Wenn wir lernen, von dieser Großhirnfunktion zeitnah Gebrauch zu machen, werden sich unsere Reaktionen auf negative Einflüsse neutralisieren. Wir würden nachhaltige, tragfähige Lösungen finden, Wirtschaft zu stabilisieren, Industrie und Produktion auf- und auszubauen, Personal zu beschaffen, Kriege niederzulegen, dem Klimawandel zu begegnen, Kapital gerechter zu verteilen. Schaffen wir es, diese alternative Option bewusst in Anspruch zu nehmen, ändert sich unsere Wahrnehmung und der Blickwinkel auf verschiedene wirtschaftliche, politische und soziale Situationen.

Was fangen wir jetzt an mit der Erkenntnis?

Was deprimierend klingt, birgt auch große Chancen, wenn wir verstehen, dass unser Gehirn nicht mehrere Krisen zeitgleich bewältigen kann. Diese Welt befindet sich im Umbruch, sie fordert uns, bisweilen überfordert sie uns und erhitzt unsere Gemüter. Überlassen wir an diesen zukunftsweisenden Stellen unserem Stammhirn die Regie, würde jede weitere Entwicklung auf der Welt verhindert werden. Mehr noch brächte es neues Leid in Form von Kriegen, politischen Anfeindungen, Rückbau von Demokratie, wirtschaftlichen Umbrüchen, Insolvenzen und noch mehr Krisen auf unserem wunderbaren Planeten. Die Realität auf dieser Welt hat uns alle eingeholt. Umso wichtiger sind Besonnenheit, ein aufrichtiges, vernünftiges, ich möchte bald formulieren behutsames Miteinander, das von gegenseitigem Respekt und Verständnis geprägt ist. Diese Welt braucht Inhalt, Präzision, Stil, Takt, Pietät, die Bereitschaft zur Kurskorrektur und eine verantwortungsvolle Führungskultur.

Evolutionäre Einblicke: Reptilien, Vögel und Säugetiere

Die Forschung am Gehirn der australischen Bartagame Pogona vitticeps zeigt, dass die Gehirne von Reptilien, Vögeln und Säugetieren eine ähnliche Grundarchitektur aufweisen. Entgegen der landläufigen Meinung, dass ein Säugetiergehirn aus einem alten "Reptilien"-Gehirn besteht, das mit neuen Säugetiermerkmalen ergänzt wurde, haben sowohl Reptilien- als auch Säugetiergehirne ihre eigenen schichtspezifischen Neuronentypen und Schaltkreise aus einer gemeinsamen Vorfahrengruppe entwickelt.

Transkriptom-Vergleiche haben gezeigt, dass Neuronen transkriptomisch in gemeinsamen Familien gruppiert werden können, die wahrscheinlich die Vorfahren der Neuronen repräsentieren. Dies deutet darauf hin, dass die neuronale transkriptomische Identität zumindest teilweise die weitreichende Konnektivität einer Region mit ihren Zielregionen widerspiegelt.

Auch die Analyse von Fossilien und lebenden Arten hat gezeigt, dass die Theropoden, zu denen zweibeinig laufende Saurier vom Baumuster Oviraptor bis T-Rex gehörten, viele Merkmale mit Vögeln teilten, darunter Hohlknochen und ein Gefieder. Einige Maniraptoren erreichten sogar vogelähnliche Werte im Verhältnis von Hirnvolumen zu Körpermasse.

Die Entwicklung des Krokodilgehirns

Die Entwicklung des Krokodilgehirns ist ein entscheidender Fortschritt in der Evolution der Lebewesen. Wir Menschen haben wichtige graue Zellen von den Krokodilen geerbt, die bis heute einen Teil unseres Hirnstamms bilden. Im Vergleich zum Menschen haben Krokodile ein verschwindend kleines Gehirn. Bei den meisten Arten ist es kaum größer als eine Nussschale. Dennoch ist es höher entwickelt als bei allen anderen Reptilienarten. Im Gegensatz zu vielen anderen Reptilien sind Krokodile lernfähig und sollen sogar Menschen voneinander unterscheiden können.

Die Dichte der Nervenzellen im Gehirn

Die Dichte der Nervenzellen im Gehirn von Landwirbeltieren stieg viermal sprunghaft an. Zwei dieser Sprünge führten zum Gehirn von Primaten; unabhängig davon entstand das ebenfalls sehr leistungsfähige Gehirn der Landvögel in zwei solchen Schüben. Säugetiere und Vögel haben rund 20-mal so viele Nervenzellen im Gehirn wie gleich große Reptilien. Die höchste Neuronendichte unter allen untersuchten Gruppen haben Papageien und Singvögel. Als Hintergrund der ersten großen Entwicklungssprünge bei den Gehirnen von Vögeln und Säugetieren vermuten die Fachleute die Fähigkeit beider Gruppen, eine hohe Körpertemperatur aufrechtzuerhalten.

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