Die Krawatte, ein traditionelles Accessoire der Herrenmode, steht im Fokus aktueller Forschungsergebnisse. Eine Studie des Universitätsklinikums Kiel unter der Leitung des Neurologen Robin Lüddecke wirft ein neues Licht auf die potenziellen Auswirkungen des Krawattentragens auf die Hirndurchblutung. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine zu eng geschnürte Krawatte die Blutzufuhr zum Gehirn beeinträchtigen kann, was Anlass zur Diskussion über den Nutzen und die Risiken dieses Kleidungsstücks gibt.
Die Kieler Studie: Methodik und Ergebnisse
Im Rahmen der Kieler Studie wurden 15 gesunde, junge Männer mittels Magnetresonanztomografie (MRT) untersucht. Die Probanden wurden aufgefordert, eine Krawatte mit einem Windsorknoten so fest zu binden, dass sie sich leicht unwohl fühlten. Vor, während und nach dem Tragen der Krawatte wurden MRT-Scans des Gehirns angefertigt, um die Hirndurchblutung zu messen.
Die Ergebnisse zeigten, dass sich die Hirndurchblutung nach dem Anlegen der Krawatte um durchschnittlich 7,5 Prozent verringerte. Bei einigen Probanden sank die Durchblutung sogar um 10 Prozent oder mehr. In einer Kontrollgruppe ohne Krawatte wurde keine Veränderung der Hirndurchblutung festgestellt. Die Forscher führen den Rückgang der Hirndurchblutung auf die Einschränkung der Durchblutung am Hals durch die Krawatte zurück, was zu einem erhöhten Hirndruck führen kann.
Das Team um den Schmerzforscher Robin Lüddecke vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein untersuchte 30 gesunde Männer mit einem Durchschnittsalter von 25 Jahren. Die Hälfte der Studienteilnehmer trug während der Untersuchung eine Krawatte mit typischem Windsor-Knoten. Von jedem Probanden fertigten die Forscher in 3 aufeinanderfolgenden Phasen von jeweils 15 Minuten Dauer eine Magnetresonanztomografie (MRT) des Gehirns an und ermittelten die Hirndurchblutung, den so genannten zerebralen Blutfluss (CBF). In Phase 1 trug die Krawattengruppe den Schlips mit offenem Hemdkragen locker um den Hals. In Phase 2 mussten die Teilnehmer mit Krawatte den Knoten so weit zuziehen, dass sie sich ein wenig unbehaglich fühlten und in Phase 3 lockerten die Probanden die Krawatte wieder und öffneten das Hemd wie in der ersten Phase. Bei den Krawattenträgern reduzierte sich der CBF nach Zuziehen des Knotens deutlich, im Mittel um 4,3 Milliliter pro Minute. Dies entsprach einer Abnahme um 7,5 Prozent. Sogar in Phase 3, also mit bereits wieder gelockertem Knoten, nahm die Hirndurchblutung um weitere 3,1 Milliliter pro Minute ab. In der Kontrollgruppe blieb der zerebrale Blutfluss in allen Phasen im Mittel konstant. Den reduzierten Blutfluss in der Phase mit eng sitzendem Schlips erklären die Forscher damit, dass die Krawatte die Durchblutung am Hals einschränkt und dadurch den Hirndruck erhöht. Für das weitere Absinken der Hirndurchblutung in Phase 3 vermuten Lüddecke und Kollegen einen Gewöhnungseffekt oder den verstärkten Abfluss von Blut aus dem Gehirn, nachdem die Engstelle in Form des Knotens wieder geöffnet wurde.
"Sozial erwünschte Strangulation": Die Interpretation der Ergebnisse
Die Forscher sprechen im Fachjournal „Neuroradiology“ von „sozial erwünschter Strangulation“, um die potenziellen Auswirkungen des Krawattentragens zu beschreiben. Sie betonen, dass die beobachteten Veränderungen der Hirndurchblutung zwar statistisch signifikant sind, aber innerhalb der physiologischen Grenzen bleiben. Allerdings fordern sie weitere Studien, um die klinische Bedeutung des Phänomens zu untersuchen.
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Risikogruppen und mögliche Folgen
Die Kieler Forscher weisen darauf hin, dass ältere Männer, starke Raucher oder Menschen mit Gefäßkrankheiten möglicherweise stärker unter den Auswirkungen einer zu eng geschnürten Krawatte leiden könnten. Bei diesen Risikogruppen könnten die Folgen gravierender sein als bei den jungen Probanden der Studie. Enge Krawatten könnten dann Kopfschmerzen, Schwindel und Übelkeit auslösen. Eine frühere Studie hatte zudem bemerkt, dass Krawatten den Augeninnendruck erhöhen, was wieder das Risiko für grünen Star steigert.
Alternativen und Empfehlungen
Angesichts der potenziellen Risiken einer zu eng geschnürten Krawatte stellt sich die Frage nach Alternativen und Empfehlungen. Einige Unternehmen wie Bosch haben den Schlipszwang bereits abgeschafft. Andere greifen auf die Methode Peter Altmaier zurück, Hemden immer ein, zwei Nummern größer zu kaufen, um sicherzustellen, dass der Schlips korrekt am Hemdkragen anliegt, ohne die Blutzirkulation zu behindern.
Die Sinnfrage der Krawatte
Die Erkenntnisse aus Kiel werfen auch die Sinnfrage der Krawatte auf, insbesondere im Hinblick auf traditionelle Kontexte wie die soldatische Tradition. Ein klarer Nutzen des Kleidungsstücks ist nicht erkennbar, während ein Schaden für Gesundheit und Volkswirtschaft nicht auszuschließen ist.
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