Die Bedürfnisse des Gehirns: Was es wirklich braucht

Wir alle streben danach, unsere Bedürfnisse zu befriedigen, um positive Erfahrungen zu machen und unangenehme Dinge fernzuhalten. Professor Klaus Grawe postulierte vier Grundbedürfnisse des Menschen, die empirisch gut validiert sind: Bindung, Selbstwert, Kontrolle und Lust. Die Erfüllung dieser Bedürfnisse ist für unseren kognitiven, emotionalen und körperlichen Zustand unerlässlich. Werden sie über längere Zeit nicht befriedigt, fühlen wir uns unwohl, verlieren an Leistungsbereitschaft und Motivation oder werden sogar krank.

Die vier Grundbedürfnisse nach Klaus Grawe

1. Grundbedürfnis: Bindung

Das Bedürfnis nach Bindung ist wohl eines der grundlegendsten Bedürfnisse, denn Bindung sichert dem Menschen das Überleben. Sich zu jemandem oder etwas gebunden und zugehörig zu fühlen, und dies auch geistig, emotional und körperlich in der Realität zu sein, ist die wesentlichste Triebkraft des menschlichen Gehirns. Denn nur auf diesem Wege erlangt es an Bedeutung und wahrem Austausch. Deshalb ist auch das Versinken in Bedeutungslosigkeit und Einsamkeit eines der wesentlichen Schattenseiten des digitalen Zeitalters. Das Grundbedürfnis nach Bindung und Verbundenheit ist ein zutiefst Menschliches, welches auf Basis von 0-1-0-1-0 Lösungen, künstlicher Intelligenz und virtuellen Welten nicht ausreichend befriedigt werden kann.

Mit anderen Personen zusammen durch den Alltag zu gehen, sich aneinander zu reiben, zu reflektieren, zu fördern und zu fordern, ist essenziell für das Erkennen des wahren Kern-Ichs und für das sichere Überleben des eigenen Selbst-Ichs. Allein die Gewissheit und die Erfahrung, dass ein anderer Mensch bei Bedarf zuverlässig, prompt und adäquat da ist, wenn wir Hilfe, Unterstützung, Wärme, Sicherheit brauchen, gibt uns Vertrauen in das Leben. Schon die ersten Bindungserfahrungen prägen unsere spätere Beziehungsgestaltung. Eine Vielzahl von Studien zeigen, dass eine gute Eltern-Kind-Beziehung eine der wichtigsten Ressourcen für das ganze Leben darstellt. Unsere Eltern ermöglichen es ein Urvertrauen zu entwickeln und prägen, wie angenehm Beziehungen empfunden werden. Zudem leben uns unsere Eltern oder Erziehungsberechtigte ein Modell von Beziehungen vor. Sie zeigen wie Beziehungen funktionieren, wie wir miteinander umgehen, was in Ordnung ist im Umgang mit Anderen, wie Andere mit einem umgehen dürfen, wo Grenzen erreicht sind, wie wir uns respektvoll verhalten, wie wir auf andere zugehen können, was zu Sympathie und was eher zu Ablehnung führt. Durch all dies erhalten wir ein Repertoire an Strategien, um unser eigenes Bedürfnis nach Bindung zu befriedigen, auch im Erwachsenenalter.

Unser Bindungsbedürfnis bleibt vom Zeitpunkt der Geburt bis zum Zeitpunkt des Todes vorhanden. Die Interaktionspartner und die Art und Weise, wie wir dieses Bedürfnis befriedigen, verändern sich jedoch fortlaufend, auch noch im hohen Alter. Aufgrund der Neuroplastizität in unserem Gehirn können wir alle immer wieder neue Beziehungserfahrungen für uns selbst machen. Strategien des gegenseitigen Kennenlernens und Zusammenlebens können wieder und wieder verändert werden. Das ist spannend, aufregend und gesundheitsförderlich. Was wir dafür brauchen, ist eine ordentliche Portion an Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl. Was bleibt ist unser Selbst-Ich, dieses entsprechend den bestehenden Umständen und antreibenden Bedürfnissen zu entwickeln und zu pflegen, ist die Aufgabe eines jeden von uns! Gut, wenn wir uns gegenseitig dabei mit Respekt und Anstand unterstützen und begleiten.

2. Grundbedürfnis: Selbstwert

Das Bedürfnis nach Selbstwert ist eng mit dem Bedürfnis nach Bindung verbunden. Ein gesundes Selbstwertgefühl ermöglicht es uns, Beziehungen einzugehen und zu pflegen, unsere eigenen Bedürfnisse zu erkennen und zu vertreten, und uns selbst zu akzeptieren und zu lieben. Ein Mangel an Selbstwertgefühl kann zu Gefühlen von Unsicherheit, Minderwertigkeit und Isolation führen.

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3. Grundbedürfnis: Kontrolle

Das Bedürfnis nach Kontrolle bezieht sich auf unser Bedürfnis, unser Leben und unsere Umwelt beeinflussen zu können. Das Gefühl, Kontrolle über unser Leben zu haben, gibt uns Sicherheit und Stabilität. Ein Mangel an Kontrolle kann zu Gefühlen von Hilflosigkeit, Angst und Stress führen.

4. Grundbedürfnis: Lust

Das Bedürfnis nach Lust bezieht sich auf unser Bedürfnis nach positiven Erfahrungen und Vergnügen. Lustvolle Aktivitäten können uns helfen, Stress abzubauen, unsere Stimmung zu verbessern und unsere Lebensqualität zu erhöhen. Ein Mangel an Lust kann zu Gefühlen von Langeweile, Frustration und Unzufriedenheit führen.

Die Rolle des Gehirns bei der Bedürfnisbefriedigung

Unser Gehirn spielt eine entscheidende Rolle bei der Befriedigung unserer Grundbedürfnisse. Es ist verantwortlich für die Verarbeitung von Informationen aus unserer Umwelt und die Steuerung unseres Verhaltens. Wenn unsere Bedürfnisse befriedigt sind, schüttet unser Gehirn Glückshormone wie Dopamin und Oxytocin aus, die uns ein Gefühl von Wohlbefinden und Zufriedenheit vermitteln. Wenn unsere Bedürfnisse nicht befriedigt sind, schüttet unser Gehirn Stresshormone wie Cortisol aus, die uns ein Gefühl von Unbehagen und Angst vermitteln.

Das Belohnungssystem des Gehirns

Das Belohnungssystem im Gehirn ist ein weit verzweigtes Netz aus Hirnarealen und Neuronen, das eine zentrale Rolle bei der Motivation und dem Verlangen spielt. Es funktioniert wie ein Schaltkreis: In der Großhirnrinde entsteht ein Verlangen. Gibt man ihm nach, gehen Signale unter anderem an das limbische System und den Hippocampus und zuletzt an die Großhirnrinde - als Rückmeldung, dass der Befehl ausgeführt wurde. Wichtigster Mitspieler im System ist das Dopamin. Es generiert Verlangen und Belohnungserwartung und ist damit ein wichtiger Motivator.

Die Bedeutung von Routinen für das Gehirn

Unser Gehirn verbraucht schon etwa 20% unseres Gesamtenergieumsatzes in Ruhe. Und das, obwohl dieses Organ nur etwa 2% unseres Körpergewichts ausmacht. Weil es ein Energiefresser ist, versucht es, nicht mehr Energie zu verbrennen, als es wirklich muss. Daher liebt unser Gehirn Routinen, die deutlich energiesparender als beispielsweise das Lösen neuer Aufgaben sind. Das führt dazu, dass Menschen eher dazu tendieren, bei altbewährtem zu bleiben.

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Die Auswirkungen von Stress auf das Gehirn

Grundsätzlich ist unser Gehirn als Organ darauf ausgelegt, seine Umgebung permanent nach Bedrohungen abzuscannen. Jede negative Erfahrung, die wir im Leben jemals gemacht haben, ist in der Amygdala gespeichert. Sobald eine solche Erinnerung hervorgerufen wird, entsteht Stress und unser Körper wird sofort in Alarmbereitschaft versetzt. Wir gehen also oftmals nicht in den Widerstand, weil wir ein vorgegebenes Ziel ablehnen, sondern vielmehr, weil die Art und Weise, wie ein Ziel kommuniziert wird und wie es erreicht werden soll für uns bedrohlich ist. Der wahre Grund für den Schritt in die Defensive könnte eben sein, dass wir uns in unseren Bedürfnissen womöglich nicht respektiert oder wertgeschätzt fühlen. Denn wird unser Bedürfnis nach Wertschätzung nicht erfüllt, werden dadurch Beziehungen in Frage gestellt und es vergeht auch der Spaß an der Arbeit.

Wie man die Bedürfnisse des Gehirns befriedigt

Es gibt viele Möglichkeiten, die Bedürfnisse unseres Gehirns zu befriedigen. Hier sind einige Tipps:

  • Achte im Alltag auf die Befriedigung deiner vier wesentlichen Grundbedürfnisse und mache täglich etwas dafür. Dies ist eine wesentliche Quelle für ein glückliches, zufriedenes und erfülltes Leben. Selbstverständlich kannst du nicht 24/7 an allen gleichzeitig arbeiten und es gibt Situationen im Leben, da lässt sich das ein oder andere nicht so leicht umsetzen.
  • Pflege gute soziale Beziehungen. Gute soziale Beziehungen sind wichtig für unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit. Sie geben uns das Gefühl von Verbindung und Zugehörigkeit, und sie helfen uns, Stress abzubauen.
  • Achte auf deine Ernährung. Eine ausgewogene Ernährung ist wichtig für eine optimale Gehirnfunktion. Sie sollte reich an Obst, Gemüse, Vollkornprodukten, Proteinen und gesunden Fetten sein.
  • Sorge für ausreichend Schlaf. Ausreichend Schlaf ist wichtig für eine optimale Gehirnfunktion. Während wir schlafen, arbeitet unser Gehirn daran, Erinnerungen zu konsolidieren und neue Verbindungen zwischen Neuronen zu bilden.
  • Fordere dein Gehirn heraus. Das Gehirn braucht Herausforderungen, um sich zu entwickeln und zu wachsen. Durch geistige Stimulation, wie z.B. das Lernen neuer Fähigkeiten, das Lösen von Rätseln und das Lesen anspruchsvoller Bücher, kann das Gehirn auf neue und interessante Weise herausgefordert werden.
  • Baue Stress ab. Chronischer Stress kann die Funktion des Gehirns beeinträchtigen. Hier gilt es, Wege zu finden, um Stress abzubauen. Dazu beitragen können z.B. Meditation, Yoga, Entspannungstechniken und Zeit in der Natur.
  • Schaffe Routinen der Selbstfürsorge. Integriere kleine Routinen im Alltag, die guttun, um eine wichtige Grundlage für eine insgesamt positivere Gestaltung des Lebens zu schaffen. Diese Routinen schaffen einen kleinen Raum der Sicherheit und erlauben es uns auch außerhalb dieses sicheren Raumes offener und flexibler werden.

Glücklichsein und das Gehirn

Das Thema Glück beschäftigt auch Forscher: Sie sprechen von einem subjektiven Wohlbefinden, das für jeden etwas anderes bedeuten kann. Im Kontext der Positiven Psychologie ist es gekennzeichnet vom häufigen Auftreten positiver Gefühle und seltenem Auftreten negativer Emotionen. Forscher warnen uns beim Thema Glück aber auch vor einer "toxischen Positivität": Gefühle wie Trauer oder berechtigte Unzufriedenheit sollten nicht übertüncht werden.

Wenn etwas geschieht, das wir besser als erwartet finden, setzt ein chemischer Prozess im Gehirn ein: Die Neuronen im Mittelhirn werden aktiv. Sie stoßen den Glücksstoff Dopamin aus und leiten ihn ins untere Vorderhirn sowie ins Frontalhirn weiter. Im Vorderhirn treibt das Dopamin die dortigen Neuronen dazu an, opiumähnliche Stoffe zu produzieren, die uns euphorisch machen. Im Frontalhirn führt das Dopamin dazu, dass unser Gehirn besser funktioniert und auch gleich zum Empfinden von Glück geschärft wird: Es steigert unsere Aufmerksamkeit, wir merken uns dieses glücklichmachende Ereignis. So lernen wir, was uns gut tut. Eigentlich ist das Glücksgefühl also nur ein Nebenprodukt unseres Lernvermögens.

Tipps zum Glücklichsein

  • Suche das Glück auch in kleinen Momenten: z.B. bei einer zweiminütigen Kaffeepause
  • Praktiziere Meditation & Achtsamkeitsübungen: z.B. Kleinigkeiten im Alltag ganz bewusst ausführen
  • Schreibe Positives auf und teile es vielleicht sogar, z.B. als Post-it an der Wand
  • Mache dir abends bewusst, was du tagsüber gut gemacht hast
  • Übe Yoga, Bewegung & (Outdoor-) Sport
  • Koche & Esse bewusst
  • Lies
  • Tagträume
  • Singe laut
  • Lächle jeden Tag eine Minute
  • Mache jemandem ein Kompliment
  • Tausche dich mit guten Freunden aus
  • Schenke anderen etwas
  • Gehe nach einem stressigen Tag Spazierengehen
  • Schlage beim Spazierengehen neue Wege ein oder solche, die mit positiven Gefühlen besetzt sind
  • Höre dein Lieblingslied
  • Verleugne Sorgen nicht und häufe sie nicht an, sondern gehe sie Stück für Stück an und suche dir evtl. Hilfe.

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