Rehabilitation und Training bei Myasthenia Gravis: Wege zu mehr Lebensqualität

Myasthenia gravis (MG) ist eine seltene, neuromuskuläre Erkrankung, die durch Muskelschwäche und schnelle Ermüdbarkeit gekennzeichnet ist. Diese Symptome können den Alltag der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Eine moderne Rehabilitation bietet individuelle Behandlungskonzepte, die darauf abzielen, die Lebensqualität und Selbstständigkeit der Patienten zu fördern. Dabei wird nicht nur auf die körperlichen Herausforderungen eingegangen, sondern auch das gesamte Wohlbefinden gestärkt.

Myasthenia Gravis: Eine Herausforderung im Alltag

Myasthenia gravis ist durch eine gestörte Signalübertragung zwischen Nerven und Muskeln gekennzeichnet. Dies führt zu Muskelschwäche, schneller Ermüdbarkeit und Einschränkungen beim Sprechen, Schlucken oder Bewegen. Unvorhersehbare Symptomschübe erfordern eine flexible und langfristige Unterstützung. Konventionelle Therapien stoßen oft an ihre Grenzen, wodurch der Bedarf an zusätzlicher, umfassender Hilfe entsteht.

Der Bedarf an Rehabilitation ergibt sich aus den individuellen Belastungen im Alltag. Fragen wie die Sicherheit beim Gehen, die Gewährleistung der Selbstversorgung und die Vermeidung von Überlastung bei gleichzeitiger Förderung der Mobilität stehen im Vordergrund. Ein gezielter Rehabilitationsprozess berücksichtigt diese Problembereiche und wirkt dem Risiko sozialer Isolation entgegen, indem er die Teilhabe an Familie und Gesellschaft stärkt.

Ziele der Rehabilitation bei Myasthenia Gravis

Eine ganzheitliche Rehabilitation bei Myasthenia gravis zur Steigerung der Lebensqualität verfolgt mehr als nur die Linderung von Symptomen. Zu den wichtigsten Herausforderungen zählt die Muskelschwäche, die Betroffene im Alltag beeinträchtigen kann. Neben dem körperlichen Training werden auch seelische und soziale Aspekte berücksichtigt.

Das vorrangige Ziel ist die nachhaltige Verbesserung der funktionellen Fähigkeiten. Alltägliche Tätigkeiten sollen wieder besser möglich werden, sei es Ankleiden, Haushalt oder Beruf. Patienten, die sich durch die Erkrankung sozial zurückziehen, erhalten in der Reha gezielte Unterstützung, um gesellschaftliche Kontakte neu zu knüpfen und depressive Verstimmungen zu verringern. Die Vorteile dieser Herangehensweise sind vielfältig und reichen von gesteigerter Muskelkraft und besserem Wohlbefinden bis hin zu mehr Autonomie im Alltag.

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Der Austausch mit anderen Betroffenen und die Integration von Angehörigen in Therapieeinheiten tragen entscheidend dazu bei, langfristige Motivation und Vertrauen in die eigene Körperwahrnehmung zu entwickeln.

Individuelle Therapieplanung

Jede Person mit Myasthenia gravis bringt unterschiedliche Voraussetzungen, Beschwerden und Lebensumstände mit. Daher basiert eine erfolgreiche Rehabilitation auf einer umfassenden Anamnese und einer fein abgestimmten Therapieplanung. Ärzte und Therapeutenteams stimmen medizinische Maßnahmen, physiotherapeutische Übungen und psychosoziale Angebote individuell ab.

Einschränkungen beim Treppensteigen oder Greifen von Gegenständen sowie die Belastbarkeit der Atemmuskulatur werden systematisch in die Planung einbezogen. Die Anpassung erfolgt kontinuierlich: Ziele werden regelmäßig überprüft und Therapieinhalte modifiziert, um flexibel auf Tagesform und Krankheitsverlauf reagieren zu können. Dieses Vorgehen erhöht die Zahl unmittelbar spürbarer Behandlungserfolge und fördert die Eigenverantwortung der Erkrankten.

Therapiebausteine der Rehabilitation

In der Umsetzung der Rehabilitation spielen verschiedene Therapiebausteine eine zentrale Rolle:

Physiotherapie

Die Physiotherapie konzentriert sich darauf, Muskelkraft und Koordination gezielt zu stärken, ohne Überforderung zu riskieren. Angepasstes Krafttraining, Atemübungen und gelenkschonende Bewegungsabläufe helfen, Mobilität und Sicherheit im Alltag zurückzugewinnen.

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Ergotherapie

Ergotherapeutische Maßnahmen verfolgen das Ziel, alltägliche Handlungen möglichst selbstständig ausführen zu können. Dazu gehören das sichere Zubereiten von Mahlzeiten, Körperpflege oder der Umgang mit Hilfsmitteln. Gleichzeitig werden Bewältigungsstrategien erlernt, wie man mit plötzlich auftretender Erschöpfung oder motorischen Schwächen konstruktiv umgehen kann.

Alltagstraining

Das Alltagstraining schließt das Üben konkreter Abläufe wie Anziehen, Einkaufen oder das richtige Einteilen der verfügbaren Energie ein. Praktische Rollenspiele und das Trainieren kritischer Situationen machen fit für mehr Selbstbestimmung und verringern die Angst vor Rückschlägen.

Spezialisierte Einrichtungen

Zahlreiche Kliniken bieten gezielte Unterstützung für Muskelerkrankungen. Spezialisierte Einrichtungen verfügen über interdisziplinäre Teams mit Erfahrung in der Behandlung von seltenen neuromuskulären Erkrankungen. Entscheidende Kriterien bei der Auswahl sind etwa vorhandene Expertise in der Behandlung von MG, ein individuell abgestimmtes Therapieangebot und die Möglichkeit, auf Verschlechterungen schnell zu reagieren. Einige Kliniken bieten zudem multifaktorielle Reha-Programme an, die Medizin, Pflege und psychosoziale Begleitung verbinden. Diese Programme folgen dem Ansatz einer ganzheitlichen Versorgung.

Erfahrungsberichte ehemaliger Patientinnen und Patienten belegen, dass der Austausch mit anderen Erkrankten in der Reha nicht nur Mut macht, sondern auch wertvolle Praxistipps liefert. Wer in einer unterstützenden Umgebung praktische Fortschritte erlebt, gewinnt oft neues Selbstvertrauen und erhält wieder mehr Kontrolle über das eigene Leben.

Physiotherapie im Detail

Die Physiotherapie spielt eine wichtige Rolle bei der Behandlung von Myasthenia gravis, insbesondere in der langfristigen Betreuung und Rehabilitation. Sie dient dazu, die Muskelkraft zu verbessern, die Beweglichkeit zu erhalten und alltägliche Funktionsfähigkeiten zu stärken, ohne die Muskeln übermäßig zu belasten. Physiotherapeutische Ansätze bei MG müssen sorgfältig abgestimmt werden, da zu intensive körperliche Aktivitäten die Symptome verschlimmern können.

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Ziele der Physiotherapie

  • Verbesserung der Muskelkraft: Durch gezielte Übungen wird die allgemeine Muskelkraft erhalten oder verbessert, ohne eine Überanstrengung zu riskieren. Es wird darauf geachtet, dass die Patienten lernen, ihre Grenzen zu erkennen und Pausen einzulegen, wenn es notwendig ist.
  • Förderung der Atemmuskulatur: Atemübungen und Atemtherapien sind von großer Bedeutung, insbesondere bei Patienten, die eine Beeinträchtigung der Atemmuskulatur zeigen. Atemtechniken wie die diaphragmale Atmung oder die Nutzung von Atemtrainingsgeräten können helfen, die Atemfunktion zu unterstützen.
  • Verbesserung der Ausdauer: Mit leichten, aerobischen Übungen, wie z.B. Spazierengehen oder Schwimmen, kann die allgemeine Ausdauer verbessert werden. Hierbei ist eine moderate Intensität entscheidend, um Überanstrengung zu vermeiden.
  • Erhalt der Gelenkbeweglichkeit und Bewegungskoordination: Passive und aktive Dehnungsübungen sowie Koordinationstraining sind wichtig, um die Beweglichkeit der Gelenke zu fördern und die Koordination der Bewegungen zu verbessern.

Methoden in der Physiotherapie

  • Individuelle Übungsprogramme: Da die Symptomatik von Patient zu Patient unterschiedlich ist, wird ein maßgeschneidertes Programm erstellt. Dabei werden die aktuellen Muskeldefizite und die allgemeine Fitness des Patienten berücksichtigt.
  • Elektrische Muskelstimulation (EMS): Bei stark geschwächten Muskeln kann die elektrische Muskelstimulation zum Einsatz kommen. Diese soll die Muskulatur aktivieren und zu stärken, ohne die Gelenke und Muskeln übermäßig zu belasten.
  • Hydrotherapie: Wasserbasierte Übungen, wie sie in der Hydrotherapie verwendet werden, bieten eine gelenkschonende Möglichkeit, die Muskelkraft und Ausdauer zu verbessern, da das Wasser den Körper unterstützt und gleichzeitig sanften Widerstand bietet.
  • Posturales Training: Da viele Patienten mit MG unter Haltungsstörungen aufgrund der Muskelschwäche leiden, wird ein spezielles posturales Training durchgeführt, um die Körperhaltung zu verbessern und Fehlbelastungen zu vermeiden.

Rolle des Physiotherapeuten

Der Physiotherapeut arbeitet eng mit dem Patienten zusammen, um eine Balance zwischen körperlicher Aktivität und Ruhephasen zu finden. Eine genaue Überwachung der Fortschritte ist entscheidend, um das Therapieprogramm kontinuierlich anzupassen und die Belastung optimal zu steuern. Der Patient wird auch im Umgang mit den alltäglichen Herausforderungen geschult, z. B. wie man Tätigkeiten wie Treppensteigen, Gehen oder das Heben von Gegenständen energiesparend durchführt.

Sport und Myasthenia Gravis

Lange Zeit wurde von Sport bei Myasthenia gravis abgeraten. Mittlerweile hat sich die Meinung geändert. Mit der richtigen medikamentösen Therapie können Entzündungsprozesse bekämpft und Muskelkraft durch gezieltes Training wieder aufgebaut werden.

Prinzipien für das Training

  • Sportart nach Spaßfaktor wählen: Wer sich nur widerwillig bewegt, bleibt zumeist nicht dabei.
  • Belastbarkeit beachten: Im Gegensatz zu gesunden Menschen sollten Myasthenie-Patienten nicht in die Erschöpfung trainieren.
  • Grenzen finden und anpassen: Trainingseinheiten sollten an die individuelle Belastbarkeit angepasst werden.
  • Kraft-Ausdauer-Training: Übungen zur Erhöhung der Muskelkraft mit Pausen kombinieren.
  • Tagesform berücksichtigen: An schlechten Tagen sollte das Training ausfallen dürfen.
  • Trainingsphasen abstimmen: Trainingseinheiten auf die Einnahme von Pyridostigmin abstimmen.
  • Gefahren vermeiden: Bei Betroffenheit der Atemmuskulatur bestimmte Sportarten (Tauchen, Bergklettern) vermeiden.

Physiotherapie als Unterstützung

Bei einem schweren Erkrankungsverlauf und unzureichender medikamentöser Einstellung ist eine Physiotherapie ratsam. Gemeinsam mit einem Physiotherapeuten kann sehr dosiert und kontrolliert an Kraft und Kraft-Ausdauer gearbeitet werden.

Ernährung bei Myasthenia Gravis

Eine ausgewogene Ernährung ist wichtig, um kein massives Übergewicht entstehen zu lassen. Bei manchen Betroffenen kann es hilfreich sein, die Ernährung unter die Lupe zu nehmen, insbesondere bei Unverträglichkeiten oder Kortison-Therapie. Es gibt jedoch keine besonderen Ernährungsempfehlungen bei Myasthenia gravis.

Ergänzende Maßnahmen

Ein gesunder Lebensstil kann die medikamentöse Therapie sinnvoll ergänzen, aber nicht ersetzen.

Belastungsintensitäten im Ausdauer- und Krafttraining

Eine Studie untersuchte die Belastbarkeit von medikamentös gut eingestellten MG-Patienten anhand einer Leistungsdiagnostik. Die Ergebnisse zeigten, dass MG-Patienten im Osserman II Stadium unter medikamentöser Einstellung vergleichbare neuromuskuläre Ermüdungserscheinungen und Lungenvolumina bei einer reduzierten Ausdauerleistungsfähigkeit gegenüber einer gesunden Kontrollgruppe aufweisen.

Trainingsempfehlung

Ein Ausdauertraining bis 4 mmol/L Laktatkonzentration und ein Kraftausdauertraining im 60 % Intensitätsbereich kann als Trainingsempfehlung dienen.

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