Das Gefühl, nicht abschalten zu können, ist weit verbreitet. Im heutigen Alltag, der von Arbeit, Familie, Terminen und Social Media geprägt ist, steht unser Gehirn oft unter Dauerstress. Der Londoner Neurowissenschaftler Dr. Joseph Jebelli betont in seinem Buch „The Brain at rest“, dass Pausen für unser Gehirn essenziell sind. Nichtstun ist keine Faulheit, sondern aktiviert das sogenannte Ruhezustandsnetzwerk (Default Mode Network, DMN), das eine Schlüsselrolle für unsere mentale Gesundheit spielt.
Warum Nichtstun so wichtig ist
Das für unser Gehirn lebenswichtige Ruhezustandsnetzwerk (DMN) wird nur aktiv, wenn wir uns gedanklich vom ewigen Strudel lösen - also beim Tagträumen, Reflektieren oder einfach nur beim „in die Luft starren“. Es erstreckt sich über verschiedene Bereiche des Gehirns und hilft uns, Erlebtes zu verarbeiten, über die Zukunft nachzudenken und neue Ideen zu entwickeln. Wenn wir dagegen ständig beschäftigt sind und unser Gehirn nie zur Ruhe kommt, bleibt dieses Netzwerk inaktiv. Stattdessen übernimmt das exekutive Netzwerk - der Teil des Gehirns, der für zielorientierte und kognitive Aufgaben zuständig ist.
Dauerhafte Aktivierung des exekutiven Netzwerks bedeutet Stress pur. Ohne Pausen gerät unser Gehirn in einen Zustand ständiger Anstrengung. Das kann langfristig zu Burnout, Depressionen und sogar kognitiven Beeinträchtigungen führen. Studien zeigen, dass ein überlastetes Gehirn anfälliger für Krankheiten wie Demenz wird und das Immunsystem schwächt. Kurz gesagt: Ohne Pausen verkümmert das Gehirn - und das hat unangenehme Folgen für Körper und Geist.
Die Rolle des Ruhezustandsnetzwerks (DMN)
Das „Default Mode Network“ (DMN) ist eine Gruppe von Hirnregionen, die aktiv sind, wenn wir nicht mit unserer Umgebung interagieren - zum Beispiel beim Tagträumen. Beim Lösen von Aufgaben hingegen ist dieses Netzwerk weniger aktiv. Jülicher Forscher:innen haben die Struktur und Funktion dieses Netzwerks mit Hilfe von Gewebeanalysen und modernen bildgebenden Verfahren untersucht. Dabei konnten sie mikrostrukturelle Unterschiede identifizieren, die beeinflussen, wie das DMN mit anderen Hirnregionen kommuniziert.
Das DMN umfasst unter anderem den Parahippocampus, das Precuneus, den mittleren Temporallappen und Teile des Frontallappens - Hirnregionen, die an Gedächtnis, Selbstwahrnehmung und der Verarbeitung von Erinnerungen beteiligt sind. Es ermöglicht das so genannte reizunabhängige Denken (engl. stimulus-independent thought) - also kognitive Prozesse, die nicht durch äußere Sinnesreize ausgelöst werden. Dazu gehören neben Tagträumen auch Zukunftspläne oder das Nachdenken über Vergangenes, Zukünftiges, über die eigene Persönlichkeit und über soziale Interaktionen. Auch kreative Ideen entstehen oft in diesen Phasen der inneren Reflexion.
Lesen Sie auch: Faszination Nesseltiere: Wie sie ohne Gehirn leben
Die Forscher:innen vom Institut für Neurowissenschaften und Medizin (INM-1 und INM-7) fanden heraus, dass die Architektur des Gehirns nicht nur seine Struktur, sondern auch seine Funktion bestimmt - von einfachen Wahrnehmungsprozessen bis hin zu komplexen kognitiven Leistungen. Die Erkenntnisse liefern wertvolle Hinweise darauf, warum manche Gedanken stark von Sinneseindrücken beeinflusst werden - etwa wenn ein bestimmter Duft Erinnerungen weckt oder ein Lied Emotionen hervorruft - und wie das DMN solche Reize in unsere innere Gedankenwelt übersetzen kann.
Wie Stille unser Gehirn beeinflusst
Im Alltag stehen wir häufig unter Dauerbeschallung. Erst wenn es richtig ruhig ist, spüren wir, wie gut das tut. Auch Hirnforscher haben den Nutzen akustischer Auszeiten entdeckt. Unser Gehirn reagiert sehr prompt auf Geräusche, und das sogar im Schlaf, wenn das Bewusstsein pausiert. Ungewohnter oder potenziell belastender Lärm aktiviert die Amygdala - ein Kerngebiet tief im Schläfenlappen, das bei Angst und anderen negativen Emotionen »anspringt«. Über die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse wird schließlich das Stresssystem des Körpers eingeschaltet, das große Mengen Kortisol ins Blut schwemmt. Das Hormon signalisiert dem Körper: Achtung, Gefahr droht!
Nun gehört das monotone Rauschen aus den Noisern wahrscheinlich nicht zu jenen Geräuschen, die die Amygdala in Alarmbereitschaft versetzen. Aber trotz seiner Eintönigkeit verwehrt es unserem Gehirn, was dieses dringend braucht: Momente der Stille. Solche kommen auch ohne Noiser in unserem Alltag kaum noch vor. Überlegen Sie einmal selbst: Wie oft am Tag hören Sie nichts?
Wie sehr unser Körper von akustischen Auszeiten profitiert, entdeckten Hirnforscher durch Zufall. Luciano Bernardi und sein Team von der Universität Pavia in Italien wollten herausfinden, welche Arten von Musik unserem Herz-Kreislauf-System guttun. Sie spielten ihren Versuchspersonen Musikstücke in sechs verschiedenen Stilen vor, von Beethoven über Techno bis hin zu den Red Hot Chili Peppers, während sie unter anderem Atmung, Blutdruck und Herzschlag maßen. Mitten in jedem Stück wurde - als Kontrollbedingung - eine zweiminütige Pause eingelegt, während der die Teilnehmer nichts hörten. Alle Musikstücke ließen die drei genannten Messgrößen über die vor Beginn des Experiments erhobenen Werte (Baseline) ansteigen, wobei die schnelle Musik sie besonders in die Höhe trieb. Das Überraschende: Während der kurzen Pausen fielen die Werte oft sogar noch unter die Baseline.
Die Musikstücke hatten offenbar die Wirkung der darauf folgenden Stille verstärkt. Die Versuchspersonen wurden quasi vom aufmerksamen Zuhören erlöst und konnten nun umso mehr entspannen. Ist es also immer ruhig, scheinen wir davon weniger zu profitieren, als wenn Trubel und Ruhephasen sich abwechseln.
Lesen Sie auch: Lesen Sie mehr über die neuesten Fortschritte in der Neurowissenschaft.
Zeiten ohne akustischen Input sind zu einer wertvollen Ressource geworden, für die immer mehr Menschen bereit sind zu zahlen. Sei es für Meditations-Camps im Wald, Stille-Retreats oder für geräuschreduzierende Kopfhörer, auch als Noise-Cancelling Headphones bekannt. Manche Klöster laden regelmäßig zu einem »stillen Wochenende« ein, an dem drei Tage lang geschwiegen wird.
Langeweile als Motor für Kreativität
Langeweile ist ein lästiges Gefühl, das wir gerne so schnell wie möglich loswerden möchten. Dabei hat auch diese Emotion ihre guten Seiten. Langeweile entsteht aus Unter- oder Überforderung oder wenn wir unsere aktuelle Tätigkeit für bedeutungslos halten. Menschen machen lieber etwas Anstrengendes als sich zu langweilen. Langeweile ist geprägt von einer stärkeren Aktivität im Ruhezustandsnetzwerk im Gehirn.
Der Psychologe Thomas Götz von der Universität Wien sagt, dass Langeweile entstehe, wenn sich Menschen entweder unterfordert oder überfordert fühlten, oder wenn einem das, was man gerade macht, als wenig sinnvoll erscheint. Langeweile wird von vielen als so drückend empfunden, dass sie einiges tun, um sie loszuwerden. Wir scheuen dann nicht einmal Anstrengungen, vor denen wir sonst eher zurückschrecken.
Langeweile hat aber auch positive Seiten. Sie signalisiere uns, dass unsere aktuelle Beschäftigung oder Situation für uns unwichtig oder sinnlos ist. „Dadurch, dass sich Langeweile unangenehm anfühlt, sendet sie uns den Impuls, etwas anderes zu machen“" Sie bringe uns dazu, darüber nachzudenken, ob man sich überfordert fühlt, unterfordert fühlt oder ob man die aktuelle Situation für nicht sinnvoll hält. „Dann kann man versuchen, die Tätigkeit dem eigenen Leistungsniveau anzupassen, der jetzigen Tätigkeit mehr Sinn zu verleihen oder eine andere Tätigkeit anzufangen.“ Langeweile könne aber auch unter Umständen kreativ machen, vor allem, wenn man sich aus Unterforderung langweilt, so Götz. So ging es wohl Albert Einstein, als er beim Berner Patentamt als Patentreferent tätig war. Während er monotoner Arbeit nachging, Akten ordnete und über drögen Papieren brütete, konnte sein Geist ungestört wandern, was ihn zu einigen seiner größten wissenschaftlichen Entdeckungen führte. Ein guter Grund also das Smartphone wegzupacken und die eigenen Ideen sprudeln zu lassen.
Tipps für mehr Nichtstun im Alltag
Die gute Nachricht: Es ist eigentlich gar nicht so schwer, dem Gehirn einfach etwas Gutes tun. Mit Regelmäßigen Pausen, ausreichend Schlaf und kleinen Auszeiten im Alltag - die dabei helfen, das Ruhezustandsnetzwerk zu aktivieren und Stress abzubauen. Ob ein kurzer Mittagsschlaf, ein Spaziergang ohne Handy oder einfach mal fünf Minuten Tagträumen - all das gibt deinem Kopf die Chance, sich zu regenerieren.
Lesen Sie auch: Tinnitus und Gehirnaktivität: Ein detaillierter Einblick
Hier sind einige Tipps, wie Sie Nichtstun wohltuend im Alltag integrieren können:
- Machen Sie sich keinen Druck: Nichtstun soll sich natürlich und angenehm anfühlen. Wenn es beim ersten Versuch nicht klappt, versuchen Sie es erneut.
- Schaffen Sie sich Raum und Zeit für Nichtstun: Blocken Sie einen festen Abschnitt Ihres Tagesablaufs für eine kurze „Nichts-Pause“. Manchmal reichen schon ein paar Minuten oder ein paar Atemzüge, in denen Sie wirklich nichts tun.
- Akzeptieren Sie auch das Nichtstun anderer: Gönnen Sie anderen das Nichtstun, und es wird Ihnen leichter fallen, selbst einmal Nichts zu tun.
- Definieren Sie sich nicht nur über Arbeit: Arbeiten Sie immer wieder am nicht arbeiten, so dass der Weg vom Nichtstun, zum nicht Tun vielleicht einfach auch zum Sein führen kann.
- Handy beiseitelegen: Gönnen Sie sich regelmäßig bildschirmfreie Zeiten. Und Schluss mit Doomscrolling!
- Vermeiden Sie Multitasking: Ihr Gehirn wird es Ihnen danken.
- Schwarzstifttest: Schreiben Sie alle Aufgaben auf und streichen Sie die, die nicht wirklich notwendig sind. Weniger ist oft mehr!
- Nichtstun üben: Überwinden Sie das Unwohlsein, einfach mal nichts zu tun, und schaffen Sie längere Zeiträume ohne Verpflichtungen.
- Tagträumen erlaubt: Probieren Sie positiv-konstruktives Tagträumen aus - lassen Sie Ihre Gedanken schweifen und entdecken Sie neue Ideen.
- Neues wagen: Versuchen Sie einmal pro Woche etwas Ungewohntes, wie einen anderen Weg zur Arbeit oder handschriftliches Schreiben.
- Traurige Musik hören: Klingt paradox, kann aber helfen, die Stimmung zu verbessern und Emotionen zu verarbeiten.
- Spaziergänge und zielloses Fahren: Gehen Sie spazieren oder fahren Sie ohne Ziel mit Bus oder Bahn - und genießen Sie den Blick aus dem Fenster.
- Baden statt duschen: Ein warmes Bad entspannt nicht nur den Körper, sondern lässt auch die Gedanken schweifen und fördert besseren Schlaf. Aber ohne Ablenkung liegen bleiben!
Die Vorteile des Nichtstuns
Einer der Gründe, warum wir mehr Nichtstun sollten, ist der Abbau von Stress. Nichtstun ist eine perfekte Möglichkeit für all jene Meditations-Muffel und Achtsamkeits-Amateure, um dennoch Stress wirkungsvoll und in akuten Situationen herunter zu regulieren. Der zweite Vorteil ist die Steigerung der Kreativität. Wenn Sie nichts tun, helfen Sie Ihrem Gehirn umso besser, im Anschluss ins Tun zu kommen.
In ihrem Buch schreibt Olga Mecking: „Niksen ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit“. Unser Gehirn brauche diese Ruhepause, um überhaupt korrekt arbeiten zu können.