Knochenentnahme aus dem Beckenkamm: Risiken, Komplikationen und Alternativen

Die Entnahme von Knochen aus dem Beckenkamm ist ein gängiges Verfahren in der rekonstruktiven Chirurgie, insbesondere zur Defektfüllung bei Pseudarthrosen oder in der Revisionskreuzbandchirurgie. Dabei werden Spongiosa oder kortikospongiöse Späne entnommen, um die Knochenheilung zu fördern. Wie jeder operative Eingriff birgt auch die Knochenentnahme aus dem Beckenkamm spezifische Risiken und Komplikationsmöglichkeiten, die sowohl für den behandelnden Arzt als auch für den Patienten von Bedeutung sind.

Indikationen für die Knochenentnahme aus dem Beckenkamm

Die Knochenentnahme aus dem Beckenkamm wird in verschiedenen Bereichen der Medizin eingesetzt, insbesondere in der:

  • Revisionskreuzbandchirurgie: Hier dient das Knochenmaterial zur Auffüllung von Bohrkanälen oder zur Verbesserung der Stabilität des Transplantats.
  • Behandlung von Pseudarthrosen: Bei ausbleibender Knochenheilung nach Frakturen kann die Transplantation von Knochen aus dem Beckenkamm die Heilung anregen.
  • Rekonstruktion von Knochendefekten: Nach Verletzungen, Tumorentfernungen oder bei angeborenen Fehlbildungen kann Knochen aus dem Beckenkamm verwendet werden, um fehlendes Knochengewebe zu ersetzen.
  • Implantologie: In der dentalen Implantologie wird Knochen aus dem Beckenkamm verwendet, um den Kieferknochen vor dem Einsetzen von Implantaten aufzubauen. Dies ist notwendig, wenn der Kieferknochen aufgrund von Knochenabbau zu schmal oder zu niedrig ist.

Vorteile der Knochenentnahme aus dem Beckenkamm

Gegenüber anderen Materialien für den Knochenaufbau, wie z.B. Knochenersatzmaterialien oder allogenen Knochen (Spenderknochen), bietet die Entnahme von autologem Knochen (körpereigenem Knochen) aus dem Beckenkamm einige Vorteile:

  • Gute Verfügbarkeit: Der Beckenkamm ist in der Regel gut zugänglich und bietet ausreichend Knochenmaterial.
  • Osteoinduktive Potenz: Autologer Knochen enthält lebende Zellen und Wachstumsfaktoren, die die Knochenneubildung fördern.
  • Kein Infektionsrisiko: Da es sich um körpereigenes Material handelt, besteht kein Risiko einer Krankheitsübertragung oder Abstoßungsreaktion.

Risiken und Komplikationen der Knochenentnahme aus dem Beckenkamm

Trotz der Vorteile birgt die Knochenentnahme aus dem Beckenkamm auch Risiken und Komplikationen, die im Vorfeld mit dem Patienten besprochen werden müssen.

Allgemeine operative Risiken

Wie bei jedem operativen Eingriff können auch bei der Knochenentnahme aus dem Beckenkamm allgemeine Komplikationen auftreten:

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  • Hämatom: Blutergüsse im Bereich der Entnahmestelle sind relativ häufig.
  • Infektion: Infektionen der Wunde können auftreten, sind aber selten.
  • Wundheilungsstörungen: In seltenen Fällen kann es zu Problemen bei der Wundheilung kommen.

Spezifische Risiken der Knochenentnahme aus dem Beckenkamm

Neben den allgemeinen operativen Risiken gibt es auch spezifische Komplikationen, die im Zusammenhang mit der Knochenentnahme aus dem Beckenkamm auftreten können:

  • Schmerzen an der Entnahmestelle: Schmerzen sind die häufigste Komplikation nach der Knochenentnahme aus dem Beckenkamm. Sie können stärker sein als die Schmerzen der eigentlichen Operation und in einigen Fällen chronisch werden.
  • Nervenverletzungen: Im Bereich des Beckenkamms verlaufen verschiedene Nerven, die bei der Entnahme verletzt werden können. Dies kann zu Sensibilitätsstörungen (z.B. Taubheitsgefühl, Kribbeln) oder Schmerzen im Bereich des Oberschenkels führen. Betroffen sein können der N. cutaneus femoris lateralis oder der N. genitofemoralis.
  • Fraktur des Beckenkamms: In seltenen Fällen kann es zu einer Fraktur des Beckenkamms kommen, insbesondere bei größeren Entnahmen.
  • Muskelverletzungen: Bei der Ablösung der Muskulatur vom Beckenkamm kann es zu Verletzungen oder Abrissen von Muskeln kommen, was zu Bewegungseinschränkungen führen kann.
  • Einziehung am Beckenkamm: Durch die Entnahme von Knochen kann es zu einer sichtbaren oder tastbaren Einziehung am Beckenkamm kommen.
  • Funktionseinschränkungen: In manchen Fällen kann es zu vorübergehenden oder dauerhaften Funktionseinschränkungen im Bereich der Hüfte oder des Beins kommen.

Seltene Komplikationen

In sehr seltenen Fällen können auch schwerwiegendere Komplikationen auftreten, wie z.B.:

  • Bauchwandhernie: Durch eine Schwächung der Bauchwand im Bereich der Entnahmestelle kann es zu einer Hernie kommen.
  • Verletzung von Bauchorganen: Bei unsachgemäßer Technik können Bauchorgane verletzt werden.
  • Gefäßverletzungen: Verletzungen von Blutgefäßen sind sehr selten, können aber zu Blutungen und Komplikationen führen.

Fallbeispiel: Appendizitis nach Knochenentnahme

Ein Fallbericht illustriert die Herausforderungen bei der Diagnosefindung nach einer Knochenentnahme aus dem Beckenkamm. Ein 16-jähriger Patient erlitt nach einer Knieoperation, bei der Knochen aus dem Beckenkamm entnommen wurde, zunehmende Schmerzen im Unterbauch. Zunächst wurden die Schmerzen auf die Entnahme zurückgeführt, jedoch deuteten weitere Untersuchungen auf eine akute Appendizitis hin, die dann laparoskopisch behandelt wurde. Obwohl ein direkter Zusammenhang zwischen der Knochenentnahme und der Appendizitis unwahrscheinlich ist, verdeutlicht dieser Fall, wie die vorangegangene Operation die Diagnosefindung erschweren kann.

Diagnostik und Behandlung von Komplikationen

Bei Auftreten von Komplikationen nach der Knochenentnahme aus dem Beckenkamm ist eineDifferentialdiagnostik erforderlich, um die Ursache der Beschwerden zu ermitteln. Dazu können verschiedene Untersuchungen gehören:

  • Körperliche Untersuchung: Eine sorgfältige körperliche Untersuchung kann Hinweise auf die Ursache der Beschwerden geben.
  • Laboruntersuchungen: Blutuntersuchungen können Entzündungszeichen oder andere Auffälligkeiten aufdecken.
  • Bildgebende Verfahren: Röntgenaufnahmen, Ultraschalluntersuchungen, Computertomographien (CT) oder Magnetresonanztomographien (MRT) können helfen, die Ursache der Beschwerden zu visualisieren.

Die Behandlung von Komplikationen richtet sich nach der jeweiligen Ursache. Schmerzen können mit Schmerzmitteln behandelt werden. Infektionen erfordern eine antibiotische Therapie. Nervenverletzungen können konservativ oder operativ behandelt werden. Frakturen müssen stabilisiert werden.

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Alternativen zur Knochenentnahme aus dem Beckenkamm

Obwohl die Knochenentnahme aus dem Beckenkamm in vielen Fällen die Methode der Wahl ist, gibt es auch Alternativen, die in bestimmten Situationen in Betracht gezogen werden können:

  • Lokale Knochenentnahme: Bei kleineren Defekten kann Knochen auch aus anderen Regionen des Körpers entnommen werden, z.B. aus dem Unterkiefer, dem Weisheitszahnbereich oder der körperfernen Speiche.
  • Knochenersatzmaterialien: Es gibt verschiedene synthetische oder natürliche Knochenersatzmaterialien, die zur Defektfüllung verwendet werden können. Diese Materialien haben jedoch nicht die gleichen osteoinduktiven Eigenschaften wie autologer Knochen.
  • Allogener Knochen (Spenderknochen): Allogener Knochen kann eine Alternative sein, birgt aber ein geringes Risiko einer Krankheitsübertragung oder Abstoßungsreaktion.
  • 3D-Technologie: Bei größeren Knochendefekten im Kieferbereich kann die 3D-Technologie eingesetzt werden, um ein passgenaues Titangitter zu drucken, das mit Spenderknochen aufgefüllt wird.

Knochenaufbau im Kieferbereich: Weitere Methoden

Neben der Knochenentnahme aus dem Beckenkamm gibt es weitere Methoden zum Knochenaufbau im Kieferbereich:

  • Sinuslift: Bei Knochenabbau im Oberkiefer kann ein Sinuslift durchgeführt werden, bei dem ein Teil der Nasennebenhöhle mit Knochenmaterial gefüllt wird.
  • Knochenspreizung (Bone-Spreading): Bei zu schmalem Kieferknochen kann dieser vertikal gespalten und mit Knochenmaterial aufgefüllt werden.
  • Knochenspaltung (Bone-Splitting): Eine ähnliche Methode wie die Knochenspreizung, bei der der Knochen gespalten und zusätzlich gedehnt wird.
  • Distraktionsosteogenese: Hierbei wird der Kieferknochen horizontal durchtrennt und mit einer Spezialschraube auseinandergezogen, um die Knochenneubildung anzuregen.
  • Socket-Preservation: Nach einer Zahnextraktion wird das Zahnfach mit Knochenmaterial aufgefüllt, um ein Einsinken des Zahnfleisches zu verhindern.
  • Knochenblock-Transplantation: Ein Knochenblock aus dem Unterkiefer oder dem Beckenkamm wird entnommen und im defekten Unterkiefer fixiert.
  • PRP-Methode: Plättchenreiches Plasma (PRP) wird zur Unterstützung der Wund- und Knochenheilung eingesetzt.

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