Das menschliche Gehirn, ein komplexes Organ, das mit der Energie einer 60-Watt-Glühbirne arbeitet, ist ständig aktiv und verarbeitet Informationen, trifft Entscheidungen und steuert unseren Körper. Doch in der heutigen schnelllebigen und reizüberfluteten Welt kann es leicht zu einer Überlastung des Gehirns kommen, was zu einem Zustand führen kann, den man als "Gehirn ohne Energie" bezeichnen könnte. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen für diesen Zustand, untersucht die Auswirkungen von Multitasking und Stress und zeigt mögliche Lösungsansätze auf, einschließlich der Rolle von Comics und Improvisationstheater.
Die Ursachen für ein Gehirn ohne Energie
Stress und Reizüberflutung
In extremen Stresssituationen kann es vorkommen, dass Informationen gar nicht mehr abgerufen werden können, wie Hirnforscher herausgefunden haben. Die zunehmende Anzahl äußerer Reize und die stetig wachsende Arbeitsbelastung tragen dazu bei, dass unser Gehirn überfordert ist. Multitasking, das oft als Lösung für die steigende Arbeitslast angesehen wird, erweist sich zunehmend als eine Fähigkeit, die das Gehirn nicht leisten kann.
Multitasking: Ein Mythos der Produktivität
Ein Experiment der Universität Austin in Texas, das von Hirnforscher Martin Korte beschrieben wurde, verdeutlicht die negativen Auswirkungen von Multitasking. Studierende, die während einer Prüfung ihr Smartphone im Sichtfeld hatten oder sogar damit interagierten, schnitten schlechter ab als diejenigen, die ihr Smartphone abgeben mussten. Dies liegt daran, dass das Smartphone ein Ablenkungspotenzial darstellt und die Aufmerksamkeit der Studierenden beeinträchtigt.
Wenn man versucht, mehrere Gespräche gleichzeitig zu führen, verpasst man die Hälfte des eigenen Gesprächs. Das Gehirn ist lediglich in der Lage, grobe Informationen wie das Geschlecht der Sprecher oder das Erwähnen des eigenen Namens zu erfassen.
Der Preis für Multitasking sind Unaufmerksamkeiten, sogenannte "attentional blinks". Das Gehirn füllt diese Leerstellen auf, was zu Fehlern und einer insgesamt geringeren Effizienz führt.
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Der kognitive Flaschenhals
Das Arbeitsgedächtnis, das für das Erledigen mehrerer Aufgaben gleichzeitig zuständig ist, hat eine begrenzte Kapazität. Wenn ein zweiter Reiz kurz nach dem ersten auftritt, kommt es zu einer deutlichen Reaktionsverzögerung, da das Gehirn noch mit der Verarbeitung der ersten Aufgabe beschäftigt ist. Dieser Engpass in der Verarbeitung wird als kognitiver Flaschenhals bezeichnet.
In extrem stressigen Situationen kann es sogar zu Ausfällen im Hippocampus kommen, was dazu führt, dass Informationen nicht mehr abgerufen werden können.
Die Rolle des Hippocampus und der Sauerstoffversorgung
Stress führt zur Produktion großer Mengen Sauerstoffs und Sauerstoffradikale, was das Überschreiben von Informationen vom Hippocampus in die Großhirnrinde unterbrechen kann.
Der Gedächtnisexperte Martin Korte rät daher, Aufgaben nacheinander zu erledigen, da Multitasking zu 40 Prozent mehr Fehlern führt und die Bearbeitungszeit verdoppelt.
Die Grenzen der Evolution
Die Mechanismen von Mutation und Selektion laufen zu langsam ab, um auf kulturelle Phänomene wie die steigende Anzahl unterschiedlicher Reize und die zunehmende Arbeitsbelastung zu reagieren. Daher funktioniert Multitasking heute nicht besser als früher.
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Die Auswirkungen eines Gehirns ohne Energie
Chronische Erschöpfung und verminderte Leistungsfähigkeit
Die Kapazität unseres Gehirns ist begrenzt. Nach einem langen Tag fällt es schwer, sich zu konzentrieren, schwierige Entscheidungen zu treffen oder sich in andere hineinzuversetzen. Wir leben in einer chronisch erschöpften Gesellschaft. Bewegungsmangel, falsche Ernährung, schädliche Stoffe in der Umwelt, fehlende oder schädliche soziale Interaktion und digitale Dauerbeschallung führen dazu, dass die Leistung unseres Gehirns immer weiter abnimmt.
Fehleranfälligkeit und verminderte Produktivität
Wer versucht, Dinge parallel zu erledigen und nicht der Reihe nach, macht 40 Prozent mehr Fehler und benötigt am Ende des Tages doppelt so lange für die Aufgaben.
Beeinträchtigung der Realitätswahrnehmung
Alles, was wir wahrnehmen, ist die Folge einer Interpretation durch das Gehirn. Das Gehirn sortiert Informationen und filtert weniger wichtige Informationen heraus, was dazu führt, dass jeder Mensch seine eigene Realität hat und die Welt auf seine eigene Weise wahrnimmt.
Lösungsansätze für ein Gehirn ohne Energie
Brainprov: Gehirnhack für ein flexibleres Leben
Um der Überforderung entgegenzuwirken, können neue soziale Praktiken entstehen, zum Beispiel durch Auslagerung an kuratierende Gadgets oder künstliche Intelligenz.
Brainprov ist ein Gehirnhack für ein flexibleres Leben, der auf der Erkenntnis basiert, dass das Gehirn sich nach Lernen, Verbindung und Wandlung sehnt.
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Improvisationstheater als Training für das Gehirn
Improvisationstheater kann dem Gehirn helfen, sich von alten Realitäten zu lösen und neue zu erforschen. Es schleudert das Gehirn in ein anderes Jetzt mit anderen Regeln und anderen Konsequenzen. Der Körper wird mitgeschleudert und unterstützt die neue Welt.
Durch Improvisation lernen wir, alte Geschichten loszulassen und neue zu akzeptieren. Wir hinterfragen unsere Glaubenssätze und unsere Realität und werden gleichzeitig gnädiger bei Fehlern unserer Mitmenschen. Wir machen uns hier also die Formbarkeit des Gehirns zu nutze. Zusätzlich überwinden wir die Angst davor, etwas nicht zu verstehen. Wir wandeln die Angst in Neugier um, gehen durch sie hindurch und erfahren, dass Veränderung zwar nicht einfach, aber möglich ist.
Comics und die emotionale Reaktion des Gehirns
Studien haben gezeigt, dass Menschen kurzfristig emotionale Beziehungen zu Comicfiguren empfinden können. Obwohl die Hirnreaktionen auf realistische und extrem comichafte Bilder ähnlich intensiv sind, gibt es einen entscheidenden Unterschied: die aktiven Hirnbereiche bei der Wahrnehmung. Echte Fotos werden in einem Areal des visuellen Cortex verarbeitet, das für die Wahrnehmung von Menschen zuständig ist, während auf sehr künstliche Bilder ein Bereich reagiert, der für die Wahrnehmung von Objekten zuständig ist.
Figuren mit comicartigem, stereotypem Aussehen eignen sich demnach vor allem, wenn es um kurzfristige Interaktionen mit Menschen geht, wenn zum Beispiel ein Roboter Besucher in einem Restaurant zum Tisch führt. Wenn eine persönliche Beziehung erforderlich ist, ist ein menschenartiger Charakter geeigneter.
Ernährung und Lebensstil
Eine moderat kalorienreduzierte Ernährung kann die Muster der Ubiquitylierung im Gehirn älterer Mäuse deutlich verändern und einige Markierungen wieder in Richtung eines jüngeren Zustands bewegen.
Bewegungsmangel, falsche Ernährung, schädliche Stoffe in der Umwelt, fehlende oder schädliche soziale Interaktion und digitale Dauerbeschallung führen dazu, dass die Leistung unseres Gehirns immer weiter abnimmt. Es ist daher wichtig, auf einen gesunden Lebensstil zu achten, um die mentale Energie zu erhalten.
Achtsamkeit und Entspannung
Achtsamkeitstraining und Entspannungstechniken können helfen, Stress abzubauen und die Konzentration zu verbessern.
Die Rolle der Hirnforschung
Die Hirnforschung hat ein hohes Ansehen in der Öffentlichkeit, da man glaubt, dass sie uns der Wahrheit über das Gehirn näherbringt. Allerdings wird oft nicht reflektiert, ob sich eine Forschungsfrage überhaupt eignet, mit neurowissenschaftlichen Methoden untersucht zu werden. Die Hirnforschung wird in der Öffentlichkeit als harte, streng faktengestützte Naturwissenschaft wahrgenommen, aber neurowissenschaftliche Daten sind oft schlecht, kaum reproduzierbar und oft irrelevant.
Es ist wichtig, die Ergebnisse der Hirnforschung kritisch zu hinterfragen und sich bewusst zu machen, dass die bunten Bilder der Hirnscans nicht bedeuten, dass man dem Gehirn beim Denken zuschauen kann.
Psychische Störungen und die Rolle des Gehirns
In einem neuro-reduktionistischen Weltbild sind psychische Störungen nichts anderes als Erkrankungen des Gehirns. Wenn also die Psyche leidet, braucht man nur das Gehirn zu reparieren und alles wird gut. Das hat ganz konkrete Auswirkungen auf die Art, wie mit psychischen Krankheiten umgegangen wird.
Es ist wichtig zu beachten, dass psychische Störungen in aller Regel mehrere Ursachen haben und sich nicht einfach auf neurologische Prozesse reduzieren lassen.