Die Neurochirurgie hat in den letzten Jahren bedeutende Fortschritte gemacht, insbesondere bei Operationen am Gehirn. Eine innovative Methode, die zunehmend an Bedeutung gewinnt, ist die Gehirnoperation unter Hypnose. Diese Technik, auch Hypnosedation genannt, ermöglicht es, Operationen am Gehirn durchzuführen, während der Patient wach und ansprechbar ist. Dies birgt sowohl Risiken als auch Vorteile, die im Folgenden detailliert erläutert werden.
Hypnosedation in der Neurochirurgie: Ein Überblick
Die Hypnosedation ist ein Verfahren, bei dem Patienten durch Hypnose in einen Trancezustand versetzt werden, um Operationen ohne oder mit nur geringer Narkose durchzuführen. Diese Methode wird in der Neurochirurgie insbesondere bei Wachoperationen eingesetzt, bei denen es wichtig ist, die Hirnfunktionen des Patienten während des Eingriffs zu überwachen.
Wachoperationen: Ein etabliertes Verfahren
Wachoperationen sind in der Neurochirurgie seit Langem Routine. Sie sind besonders nützlich bei Tumoroperationen, bei denen es darum geht, die Ausdehnung der Operation auf Bereiche zu begrenzen, deren Verlust für den Patienten noch tolerierbar ist. Da das Gehirn selbst keine Schmerzrezeptoren besitzt, ist die Operation an sich für den Patienten schmerzfrei.
Die Herausforderung der Schädelöffnung
Die Öffnung des Schädeldachs kann jedoch für den Patienten belastend sein, da sie mit unangenehmen Geräuschen und anderen Wahrnehmungen verbunden ist. Aus diesem Grund beginnen viele Neurochirurgen die Operation unter Vollnarkose und wecken den Patienten erst vor der eigentlichen Resektion des Tumors. Am Ende der Operation wird der Patient oft wieder in Narkose versetzt, wenn seine Kooperation nicht mehr benötigt wird. Dieses Verfahren wird als "asleep-awake-asleep" (AAA) Prozedur bezeichnet.
Die Hypnosedation als Alternative zur Vollnarkose
Einige Neurochirurgen, wie das Team um Ilyess Zemmoura vom Centre Hospitalier Universitaire de Tours, Frankreich, verzichten auf die Narkose zu Beginn und am Ende der Operation. Stattdessen wird versucht, den Patienten bereits vor Beginn der Operation durch ein hypnotisches Gespräch in Trance zu versetzen.
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Der Ablauf der Hypnosedation
Der Anästhesist beginnt bereits vor der Operation mit dem hypnotischen Gespräch. Schon während der Anlage von venösen oder arteriellen Verweilkathetern soll der Patient an ein Insekt denken, das sich auf seinen Arm gesetzt hat, um Nektar zu sammeln. Anschließend erfolgt die Infusion des Opiats Remifentanil. Wenn sich die Patienten nicht entspannen können, ist jederzeit eine kurzfristige Gabe des Hypnotikums Propofol möglich. Das Ziel ist jedoch, den Patienten permanent bei Bewusstsein, idealerweise in einem Trance-Zustand, zu halten.
Der Anästhesist redet ständig mit dem Patienten, um dessen Wahrnehmung zu ändern. Die Anlage des Blasenkatheters wird beispielsweise mit der Metapher einer farbigen Energie verbunden, die den unteren Teil des Körpers erwärmt. Unter dem ständigen Zureden des Hypnotiseurs soll der Patient im Geiste eine Distanz von vier Zentimetern zu seinem Körper einnehmen.
Die anschließende Lagerung in der seitlichen Dekubitusposition wird ebenfalls von einer Metapher einer farbigen und warmen Energie begleitet. Die Befestigung der Mayfield Schädelklemmen, die für die Patienten unangenehm ist, wird durch die Vorstellung von Sphären vorbereitet, die sich entlang der Wirbelsäule ausbreiten und schließlich an den Punkten sammeln, wo die Klemmen angesetzt werden.
Die Fixation der Klemmen an Orten, die vorher mit Lidocain lokal betäubt werden, wird den Patienten als ein Druckgefühl angekündigt, das sie an drei mystischen Punkten wahrnehmen werden. Die Hautinzision wird als die Wanderung der Energie zwischen den drei mystischen Orten beschrieben. Es folgen Momente der Entspannung, während der Chirurg das Schädeldach freilegt.
Das Setzen der Bohrlöcher und die Sägegeräusche beim Durchtrennten des Knochens soll sich der Patient als vibrierendes Gerät vorstellen. Ein mögliches Bild ist ein Fahrrad mit dreieckigen oder quadratischen Rädern. Beim Anheben des isolierten Knochenteils werden die Patienten aufgefordert zu husten. Es folgen erneute Momente der Entspannung, während der Neurochirurg die Dura mater öffnet. Danach soll der Patient seinen Geist wieder zurück in den Körper bewegen, um bei vollem Bewusstsein den Anweisungen des Operateurs zu folgen.
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Studienergebnisse zur Hypnosedation
Die französischen Anästhesisten haben die Hypnosedation bisher bei 37 Patienten versucht, die sich insgesamt 43 Tumoroperationen unterzogen. Alle litten unter Gliomen, die während der Operation entfernt werden sollten. Bei sechs Patienten gelang es dem Anästhesisten nicht, die Patienten in die notwendige Trance zu versetzen. Zwei weitere Patienten entschieden sich gegen eine Hypnose. Bei diesen acht Patienten wurde die Operation nach der AAA-Prozedur durchgeführt.
Die meisten Patienten gaben nach der Operation in Fragebögen an, dass die Hypnose ihnen geholfen habe, die unangenehmen Phasen der Operation zu ertragen. Dies traf auch auf einige Patienten zu, die die Operation insgesamt als sehr stressbeladen empfanden. Bei einem Patienten wurde später eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert. Auch dieser Patient beschrieb die Hypnose insgesamt als eine positive Erfahrung.
Für alle Patienten waren der Lärm und die Vibrationen der unangenehmste Teil der Operation. Die Schmerzempfindung ließ dagegen nach, je tiefer die Hypnose war. Am Ende meinten bis auf zwei alle Patienten, sie würden sich nicht erneut für eine Hypnosedation entscheiden, sollten sie sich ein weiteres Mal einer Kraniotomie unterziehen müssen.
Vorteile und Nachteile der Hypnosedation
Für die Ärzte besteht der Vorteil darin, dass sie nach Beginn der Operation nicht darauf warten müssen, bis der Patient aufgewacht ist. Ein Nachteil der Hypnosedation ist die lange Vorbereitungszeit. Der Patient wird beispielsweise einen Monat vor der Operation zu einer Probe-Hypnose einbestellt.
Risiken der Hypnose
Die Hypnose ist zwar ein vielversprechendes Verfahren, birgt aber auch Risiken, die berücksichtigt werden müssen.
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Mögliche negative Auswirkungen
Unpassende Suggestionen können negative Auswirkungen für den Klienten haben. Durch eine Reise in die Vergangenheit kann der Hypnotiseur zum Beispiel traumatische Erinnerungen des Klienten wieder hervorholen. Das Wiedererleben des Traumas (Retraumatisierung) kann ohne psychotherapeutische Unterstützung psychische Schäden verursachen.
Machtposition des Hypnotiseurs
Der Hypnotiseur hat in seiner Rolle eine gewisse Machtposition. Es ist daher wichtig, dass er ethisch handelt und die Gesundheit des Hypnotisanden nicht gefährdet.
Körperliche Risiken
Auch körperlich kann der Hypnotisand Schaden nehmen, wenn der Hypnotiseur nicht auf ihn Acht gibt. Da der Hypnotisand in der Trance nicht bei vollem Bewusstsein ist, muss der Hypnotiseur Stürzen und Verletzungen während der Hypnose vorbeugen.
Kontraindikationen
Eine Hypnotherapie ist nicht geeignet für Menschen, die gerade eine akute Psychose durchmachen oder unter psychotischen Zuständen (Manie, schizophrener Schub) leiden. Bei traumatisierten Personen ist ebenfalls Vorsicht geboten.
Gesundheitsgefährdend kann eine Hypnose auch sein, wenn der Klient an Herz-Kreislaufproblemen oder niedrigem Blutdruck leidet. In der hypnotischen Trance sinkt nämlich der Blutdruck ab. Bei Menschen mit Epilepsie kann die tiefe Entspannung einen Anfall begünstigen.
Wenn ein Klient Medikamente einnimmt, sollte vor der Hypnostherapie Rücksprache mit dem behandelnden Arzt gehalten werden. Unter Alkohol- oder Drogeneinfluss darf keine Hypnose stattfinden.
Anwendung der Hypnose in der Medizin
Die Hypnose findet in verschiedenen Bereichen der Medizin Anwendung.
Schmerztherapie
Die Hypnose ist ein beliebtes Verfahren zur Schmerzbewältigung und Unterstützung bei medizinischen Eingriffen. Sie kann helfen, Schmerzen zu reduzieren und die Einnahme von Schmerzmitteln zu verringern.
Psychotherapie
In der Psychologie wird die Hypnotherapie zur Behandlung von Ängsten, Depressionen, Zwangsstörungen und Essstörungen angewandt. Auch Süchte (z. B. Rauchen) und chronische Schmerzen lassen sich damit gut behandeln. Darüber hinaus kann eine Hypnose bei Schlafstörungen und sexuellen Störungen wirksam sein.
Weitere Anwendungsgebiete
Hypnose wird auch zunehmend angewandt, um Rheuma- und Migränepein zu lindern, Angstpatienten beim Zahnarzt zu entspannen, Verbrennungsopfern den Verbandswechsel zu erleichtern, posttraumatischen Stress zu therapieren, werdenden Müttern eine medikamentenfreie Geburt zu ermöglichen, Schlafprobleme zu kurieren, Stress zu bewältigen sowie um Rauchentzug und Diäten zu unterstützen.
Hypnose im Vergleich zur Vollnarkose
Die Vollnarkose ist ein etabliertes Verfahren, um Patienten während Operationen schmerzfrei zu halten. Sie birgt jedoch auch Risiken, insbesondere für ältere Menschen.
Vorteile der Hypnose gegenüber der Vollnarkose
- Geringere Medikamentenbelastung: Bei der Hypnose kann auf starke Narkosemittel verzichtet werden, was die Belastung für den Körper reduziert.
- Schnellere Erholung: Patienten, die unter Hypnose operiert werden, erholen sich oft schneller und haben weniger Komplikationen.
- Weniger Nebenwirkungen: Hypnose kann helfen, Nebenwirkungen wie Übelkeit und Schwindel zu reduzieren.
- Kontrolle über Hirnfunktionen: Bei Wachoperationen unter Hypnose können die Hirnfunktionen des Patienten während des Eingriffs überwacht werden.
Nachteile der Hypnose gegenüber der Vollnarkose
- Nicht für jeden geeignet: Nicht jeder Patient ist für Hypnose geeignet. Einige Menschen lassen sich nicht in einen hypnotisierten Zustand versetzen.
- Längere Vorbereitungszeit: Die Hypnosedation erfordert eine intensive Vorbereitung des Patienten.
- Erfordert Expertise: Die Durchführung einer Hypnosedation erfordert einen erfahrenen Hypnotiseur.
Die Rolle des Hypnotiseurs
Die Wahl des richtigen Hypnotiseurs ist entscheidend für den Erfolg der Hypnose.
Qualifikation des Hypnotiseurs
Um sicher zu gehen, dass der Therapeut vertrauenswürdig ist, sollte er über ein Zertifikat einer seriösen Hypnosegesellschaft verfügen. Diese Bescheinigung garantiert, dass der Therapeut eine solide Hypnoseausbildung absolviert hat.
Vertrauen und Vorbereitung
Vertrauen in den Arzt und eine intensive und transparente Vorbereitung sind notwendig, damit eine Hypnose erfolgreich ist.
Aktuelle Forschung und Erkenntnisse
Die Wissenschaft versucht, die Mechanismen der Hypnose mit Hilfe moderner Geräte wie Magnetresonanz- oder Positronen-Emissions-Tomografen (PET) zu erklären.
Veränderungen im Gehirn unter Hypnose
Studien haben gezeigt, dass sich die Aktivität in bestimmten Hirnregionen unter Hypnose verändert. Zum Beispiel kann die Aktivität im dorsalen anterioren cingulären Kortex (dACC), einem Bereich der Hirnrinde, der am Schmerzerleben beteiligt ist, reduziert werden.
Hypnose und Schmerzempfindung
Forscher haben herausgefunden, dass das Gehirn in einem Trancezustand Schmerzimpulse anders interpretiert. Obwohl der Schmerz im Gehirn ankommt, wird er nicht mehr als Schmerz wahrgenommen, weil die dafür erforderlichen Verbindungen zwischen Hirnteilen anders geschaltet sind.