Ein stummer Schlaganfall, auch bekannt als stiller Hirninfarkt, ist ein Hirninfarkt, der ohne die typischen Symptome wie Sprach- und Koordinationsstörungen, Schwindel oder Lähmungserscheinungen auftritt. Betroffene bemerken den Schlaganfall oft nicht, was die Diagnose erschwert. Trotz des Fehlens offensichtlicher Symptome erhöht ein stummer Schlaganfall das Risiko für weitere Schlaganfälle, Demenz und Herzinfarkte. Daher ist es wichtig, Risikofaktoren zu erkennen, vorbeugende Maßnahmen zu ergreifen und sich über Rehabilitationsmöglichkeiten zu informieren.
Was ist ein stummer Schlaganfall?
Ein stummer Schlaganfall ist ein Hirninfarkt, der keine sofort erkennbaren Symptome verursacht. Dies kann daran liegen, dass der Schlaganfall in einem nicht-eloquenten Bereich des Gehirns auftritt, der Funktionen steuert, die nicht ständig benötigt werden, oder dass der Körper den Ausfall bereits kompensiert hat, wenn die Person aufwacht, falls der Schlaganfall im Schlaf auftrat.
Prof. Dr. Andreas Binder, Chefarzt der Klinik für Neurologie mit zertifizierter überregionaler Stroke Unit, klärt über individuelle Risiken und Zusammenhänge des lebensbedrohlichen Notfalls auf. Betroffene „verschlafen“ den Schlaganfall regelrecht und können etwaige Beschwerden am nächsten Morgen, sofern diese überhaupt noch bestehen, nicht zuordnen. Daher bleibt dieser meist unerkannt, doch das Risiko, einen weiteren Schlaganfall zu erleiden, ist um ein vielfaches höher. Auch können Durchblutungsstörungen im Gehirn auch ohne Symptome einmalig oder wiederkehrend stattfinden.
Häufigkeit und Erkennung
Stumme Schlaganfälle werden oft zufällig bei bildgebenden Verfahren des Gehirns entdeckt, die aus anderen Gründen durchgeführt werden, beispielsweise bei Kopfschmerzen. Die Häufigkeit solcher Zufallsbefunde hängt von der verwendeten Untersuchungsmethode ab. Magnetresonanztomographie (MRT) mit höherer Feldstärke deckt stumme Infarkte häufiger auf als MRT mit geringerer Feldstärke. Studien mit MRT geringerer Feldstärke haben bei 10 bis 20 % der gesunden Menschen verdeckte Schlaganfälle gefunden.
Risikofaktoren
Personengruppen mit stummen Schlaganfällen weisen ähnliche Risikofaktoren wie Patienten mit offenen Schlaganfällen auf. Dazu gehören:
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- Arteriosklerose
- Hoher Blutdruck
- Rauchen
- Diabetes mellitus
- Höheres Alter
- Vorhofflimmern
Interessanterweise treten viele stumme Schlaganfälle auch nach medizinischen Eingriffen am Herzen auf.
Erhöhtes Risiko und Vorbeugung
Menschen mit stummen Schlaganfällen haben ein erhöhtes Risiko für offene Schlaganfälle, Demenz und Herzinfarkte. Daher sind vorbeugende Maßnahmen entscheidend. Dazu gehören die Modifizierung von Gefäßrisikofaktoren wie mangelnde Bewegung, Übergewicht, Rauchen, ungesunde Ernährung, hoher Blutdruck, Diabetes und erhöhte Fettspiegel. Eine Blutverdünnung kann ebenfalls empfohlen werden.
Schlaganfall im Alter
Der Schlaganfall wird oft zu den häufigsten Krankheiten im Alter gezählt. In über 50 Prozent der Fälle trifft es über 65-Jährige, in rund 15 Prozent sind Personen unter 40/45 Jahren betroffen. Eine Person über 70 Jahre hat ein höheres Schlaganfall-Risiko als eine Person mit 60 Jahren. Die Hauptrisikofaktoren für einen Schlaganfall sind Bluthochdruck und das sogenannte Vorhofflimmern. Andere Schlaganfall-Risikofaktoren, die weniger stark, aber dennoch relevant sind, sind Diabetes, Rauchen, Bewegungsmangel und Fettstoffwechselstörung. Die besten Tipps zur Prävention eines Schlaganfalls sind letztendlich immer die Vermeidung von Risikofaktoren.
Erste Hilfe und Akutversorgung
Bei Verdacht auf einen Schlaganfall, auch wenn die Symptome mild sind, sollte sofort der Notruf (112) gewählt werden. Die Erstversorgung in einer spezialisierten Stroke Unit ist essentiell, da hier die diagnostische und therapeutische Expertise hoch ist. In Stroke Units wird nicht nur die Akuttherapie gestartet, sondern es erfolgt in den folgenden Tagen auch ein Herz-Kreislauf-Monitoring. Zudem werden natürlich bei allen Schlaganfall-Patienten mithilfe bildgebender Verfahren wie MRT und CT die gehirnversorgenden Gefäße untersucht, um die Art und das Ausmaß des Schlaganfalls abzuklären.
Rehabilitation
Ein großer Teil der Schlaganfall-Patienten absolviert nach der Akutklinik eine Rehabilitation. Die Rehabilitation findet meistens stationär, also in einer Rehabilitationsklinik, statt und wird in der Regel vom zuständigen Kostenträger für drei Wochen bewilligt. Für ältere Schlaganfall-Patienten kommen grundsätzlich zwei medizinische Fachrichtungen in Frage, die neurologische und die geriatrische Rehabilitation. Neurologen werden in aller Regel die Rehabilitation in einer neurologischen Fachklinik empfehlen. Hier erhalten Patienten deutlich mehr Therapie-Einheiten als in der geriatrischen Rehabilitation.
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Neben der stationären Rehabilitation gibt es ambulante Rehabilitationszentren. Diese haben den Vorteil, dass Patienten abends und am Wochenende Zuhause sind und im heimischen Umfeld erproben können, ob das Training mit den Therapeuten sie gut auf die Aktivitäten ihres täglichen Lebens vorbereitet. Ambulante Zentren sind seltener als Kliniken, häufig befinden sie sich in größeren Städten oder Ballungszentren. Für die ambulante Rehabilitation müssen Patienten in der Lage sein, sich selbst zu versorgen oder die Versorgung im heimischen Umfeld muss durch Angehörige und/oder einen Pflegedienst gesichert sein.
Der Ablauf einer solchen Rehabilitation ist in allen Kliniken vergleichbar. Nach einer Eingangsuntersuchung und einem Aufnahmegespräch werden Therapieziele formuliert und ein Therapieplan erstellt. Das Ziel der Rehabilitation ist, verlorengegangene Funktionen so weit wie möglich wiederherzustellen oder - wo das nicht möglich erscheint - mit dem Patienten Kompensationsstrategien einzuüben. Ein weiteres Ziel der Reha ist es, Patienten bei einer notwendigen Umstellung des Lebensstils zu unterstützen, um einen wiederholten Schlaganfall zu vermeiden.
Therapietreue
Die Therapietreue (Adhärenz) bei einem Schlaganfall ist aus Sicht der Therapeuten und Patienten der “Schlüssel zum therapeutischen Erfolg”, um das Risiko eines Schlaganfalls oder erneuten Schlaganfalls zu reduzieren. Adhärenz beschreibt das Ausmaß in Prozent, in welchem die Patienten mit dem Arzt gemeinsam getroffene Vereinbarungen zur Therapie und zur Lebensführung einhalten. Im Alltag zeigt sich jedoch, dass viele Schlaganfall-Betroffene mit den komplexen Vereinbarungen und Empfehlungen überfordert sind.
Persönlichkeitsveränderungen
Emotionale Veränderungen wirken sich auf das Verhalten einer Person aus, also auf seine Persönlichkeit. Das kann so weit gehen, dass Angehörige den schlaganfallbetroffenen Menschen in seinem gesamten Wesen kaum noch wiederkennen. Familie und Freunde nehmen diese emotionalen Veränderungen oft sehr schnell wahr - und zum Teil intensiver als die Betroffenen selbst. Die Veränderungen können äußerst vielfältig sein. Grundsätzlich lassen sich zwei unterschiedliche Richtungen unterscheiden: Das Minus-Syndrom (antriebsarm, apathisch, desinteressiert, wenige Emotionen, emotionslose Sprechweise oder Mimik) und das Plus-Syndrom (impulsiv, aufbrausend, aggressiv, zum Teil paranoide Verdächtigungen). Wesensveränderungen kommen besonders häufig vor, wenn die Schädigung im Bereich des Frontal- und Temporallappens des Gehirns liegt. Mit Persönlichkeitsveränderungen verhält es sich so, wie mit vielen Schlaganfall-Folgen. Manche Folgen entwickeln sich wieder zurück, andere nicht. Wichtig ist, die Situation zu thematisieren und Fachleute (Neurologen, Neuropsychologen, Psychologen, Psychotherapeuten etc.) zu Rate zu ziehen, um individuelle Therapien zu entwickeln, die langfristig sowohl den Betroffenen als auch den Angehörigen den Umgang mit den Veränderungen erleichtern.
Mini-Schlaganfall (TIA)
Ein Mini-Schlaganfall wird wie ein großer Schlaganfall durch eine Durchblutungsstörung ausgelöst, die aber keinen eigentlichen Hirninfarkt hinterlassen. Die Symptome einer „TIA“ entsprechen den klassischen Schlaganfallsymptomen: plötzlich auftretende Sehstörungen, kurzzeitige Erblindung auf einem Auge, vorübergehende halbseitige Lähmungserscheinungen von Körperteilen wie Hände, Arme, Beine oder einer Gesichtshälfte sowie Sprachstörungen, verwaschene Sprache, Schwindel und Doppelbilder. Nach solch einer Attacke kommt es bei zehn Prozent der Patienten innerhalb der nächsten sieben Tage zu einem richtigen Schlaganfall. Haben sich die Symptome zurückgebildet, liegt eine „TIA“ vor. Eine unmittelbare stationäre Abklärung der Ursachen auf der Schlaganfallspezialstation (Stroke Unit) ist dennoch zwingend notwendig.
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