Epilepsie ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen, von der in Deutschland etwa 600.000 Menschen betroffen sind. Sie ist gekennzeichnet durch eine übermäßige Aktivität in bestimmten Hirnbereichen, die zu unvorhersehbaren Anfällen führt. Diese Anfälle können sich auf unterschiedliche Weise äußern, von Zuckungen einzelner Körperteile bis hin zu symptomlosen Anfällen, die unbemerkt bleiben.
Was ist Epilepsie?
Epilepsie ist keine einheitliche Erkrankung, sondern ein Sammelbegriff für verschiedene chronische Erkrankungen des zentralen Nervensystems, die durch wiederholte epileptische Anfälle gekennzeichnet sind. Ein epileptischer Anfall entsteht, wenn sich Nervenzellen im Gehirn unkontrolliert und plötzlich elektrisch entladen. Diese Entladungen können sich auf Bewegungen, Empfindungen und das Bewusstsein auswirken.
Mediziner sprechen erst dann von einer Epilepsie-Erkrankung, wenn Anfälle mehrfach auftreten. Tritt ein Anfall nur einmalig auf, wird er als „Gelegenheitsanfall“ bezeichnet. Etwa 5 bis 10 % aller Menschen erleiden einmal in ihrem Leben einen solchen Gelegenheitsanfall. Eine Epilepsie liegt vor, wenn mindestens zwei epileptische Anfälle im Abstand von mehr als 24 Stunden auftreten oder wenn nach einem ersten Anfall eine hohe Wahrscheinlichkeit für weitere Anfälle besteht.
Ursachen von Epilepsie
Die Ursachen für Epilepsie sind vielfältig und oft nicht eindeutig feststellbar. Es gibt genetische Veränderungen, die dazu führen können, dass Nervenzellen im Gehirn spontan synchron entladen. Diese genetisch bedingten Epilepsien treten häufig im Kindes- oder Jugendalter auf.
Neben genetischen Ursachen können auch erworbene Hirnveränderungen Epilepsie auslösen. Dazu gehören:
Lesen Sie auch: Kann ein Anfall tödlich sein?
- Schlaganfall: Narbige Veränderungen im Gehirn nach einem Schlaganfall oder einer Hirnblutung können epileptische Anfälle verursachen.
- Schädelhirntrauma: Ein Schädelhirntrauma nach einem Unfall kann ebenfalls zu Epilepsie führen.
- Entzündungen im Gehirn: Akute Infektionen mit Viren oder Bakterien (Meningitis, Enzephalitis) oder seltene Autoimmunkrankheiten des Gehirns können epileptische Anfälle auslösen.
- Stoffwechselstörungen: Stoffwechselstörungen wie Diabetes können ebenfalls epileptische Anfälle hervorrufen.
- Weitere Ursachen: Schlafmangel, Drogen- und Alkoholkonsum können ebenfalls Anfälle begünstigen.
In vielen Fällen lässt sich jedoch keine eindeutige Ursache für die Epilepsie feststellen.
Arten von epileptischen Anfällen
Epileptische Anfälle können sich auf unterschiedliche Weise äußern. Die Art des Anfalls hängt davon ab, welche Hirnregionen betroffen sind und wie sich die elektrische Entladung ausbreitet. Grundsätzlich wird zwischen fokalen und generalisierten Anfällen unterschieden.
Fokale Anfälle
Bei einer fokalen Epilepsie beginnen die Anfälle immer in einer bestimmten Hirnregion, dem Fokus. Die Symptome hängen davon ab, welche Funktion diese Hirnregion steuert.
- Motorische Anfälle: Zuckungen einzelner Muskeln oder Muskelgruppen, verkrampfte Gliedmaßen, Muskelschwäche.
- Sensorische Anfälle: Kribbeln, Taubheitsgefühle, Lichtblitze, ungewöhnliche Geräusche oder Gerüche.
- Psychische Anfälle: Plötzliche Angst, kurze Aussetzer in Sprache oder Gedächtnis, Déjà-vu-Erlebnisse.
- ** vegetative Anfälle:** Herzrasen, Schweißausbrüche, Speichelfluss, Übelkeit.
Manchmal kommt es bei fokalen Anfällen zu einer Bewusstseinseinschränkung. Der Patient zeigt dann nicht zielgerichtete Verhaltensweisen wie Schmatzen, Lippenlecken oder Nesteln.
Generalisierte Anfälle
Generalisierte Anfälle betreffen beide Hirnhälften. Es gibt verschiedene Arten von generalisierten Anfällen:
Lesen Sie auch: Cortison-Therapie bei Epilepsie im Detail
- Absencen: Kurze „Aussetzer“ (Bewusstseinsstörungen), die meist nur wenige Sekunden dauern. Der Betroffene kann blinzeln, die Augen nach oben bewegen oder den Kopf leicht nach hinten neigen.
- Tonische Anfälle: Plötzliche Versteifung des Körpers durch Anspannung aller Muskeln.
- Klonische Anfälle: Krampfartige Zuckungen der Muskeln durch abwechselndes An- und Entspannen.
- Tonisch-klonische Anfälle: Kombination aus tonischer und klonischer Phase. Der Körper versteift sich zunächst, dann kommt es zu Zuckungen am ganzen Körper. Der Betroffene ist bewusstlos, die Atmung kann eingeschränkt sein und das Gesicht sich blau verfärben. Es kann zu Zungen- oder Wangenbiss und Einnässen kommen.
- Atonische Anfälle: Plötzlicher Verlust der Muskelspannung, der zum Zusammensacken führt.
- Myoklonische Anfälle: Kurze, unregelmäßige Zuckungen einzelner Muskeln oder Muskelgruppen.
Diagnose von Epilepsie
Die Diagnose von Epilepsie basiert auf einer sorgfältigen Anamnese, neurologischen Untersuchung und verschiedenen technischen Untersuchungen.
- Anamnese: Eine möglichst genaue Beschreibung des Anfalls ist für die Diagnose entscheidend. Dabei sind sowohl die Schilderungen des Betroffenen als auch die Beobachtungen von Augenzeugen wichtig. Hilfreich kann auch die Aufzeichnung einer kurzen Videosequenz mit dem Handy sein.
- Neurologische Untersuchung: Eine neurologische Untersuchung dient dazu, andere mögliche Ursachen für die Anfälle auszuschließen.
- Elektroenzephalographie (EEG): Das EEG misst die Hirnströme und kann epilepsietypische Auffälligkeiten zeigen. Es kann auch helfen festzustellen, ob es sich um eine generalisierte oder eine fokale Epilepsie handelt.
- Magnetresonanztomographie (MRT): Die MRT kann hirnorganische Veränderungen sichtbar machen, die Hinweise auf die Ursache der Epilepsie geben können.
- Blutuntersuchung: Eine Blutuntersuchung kann helfen, Stoffwechselstörungen oder andere Erkrankungen als Ursache für die Anfälle aufzuspüren.
- Nervenwasseruntersuchung: Bei Bedarf kann eine Nervenwasseruntersuchung (Lumbalpunktion) durchgeführt werden, um Entzündungen im Gehirn auszuschließen.
- Genetische Testung: In manchen Fällen wird eine genetische Testung veranlasst, um genetische Ursachen für die Epilepsie zu finden.
Behandlung von Epilepsie
Das Ziel der Epilepsie-Behandlung ist die Anfallsfreiheit. In vielen Fällen kann dies durch Medikamente erreicht werden.
Medikamentöse Therapie
Die medikamentöse Therapie mit Antiepileptika ist die wichtigste Säule der Epilepsie-Behandlung. Antiepileptika wirken direkt auf das Nervensystem und die Nervenzellen. Sie hemmen die Reizweiterleitung der Nerven und vermindern die Erregbarkeit der Nervenzellen im Gehirn.
Es gibt verschiedene Antiepileptika mit unterschiedlichen Wirkmechanismen. Die Auswahl des geeigneten Medikaments hängt von der Art der Epilepsie, dem Alter des Patienten und anderen individuellen Faktoren ab. Oft ist es notwendig, verschiedene Medikamente auszuprobieren, um das optimale Medikament und die richtige Dosis zu finden.
Moderne Wirkstoffe haben oft weniger Nebenwirkungen als ältere Medikamente. Trotzdem können Antiepileptika Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Schwindel, Konzentrationsstörungen oder Gewichtszunahme verursachen. Es ist wichtig, die Nebenwirkungen mit dem Arzt zu besprechen und gegebenenfalls die Dosis anzupassen oder das Medikament zu wechseln.
Lesen Sie auch: Ein umfassender Leitfaden zur idiopathischen generalisierten Epilepsie
In der Regel müssen Antiepileptika dauerhaft eingenommen werden. Ob ein Absetzen nach mehreren anfallsfreien Jahren sinnvoll sein kann, muss individuell abgewogen werden.
Operative Verfahren
Operative Verfahren kommen nur in Frage, wenn die Anfälle von einer bestimmten Stelle im Gehirn ausgehen (fokale Epilepsie) und wenn diese Stelle operativ entfernt werden kann, ohne größere Schäden zu verursachen. Vor einer Operation sind umfangreiche Untersuchungen in einem neurochirurgischen Zentrum erforderlich, um die genaue Lokalisation des Fokus zu bestimmen und das Risiko des Eingriffs abzuschätzen.
Vagusnervstimulation
Die Vagusnervstimulation (VNS) ist eine weitere Therapiemöglichkeit für Patienten, bei denen die Antiepileptika nicht ausreichend wirken. Dabei wird ein Schrittmacher - ähnlich einem Herzschrittmacher - unter die Haut im Brustbereich implantiert. Das Gerät erzeugt elektrische Impulse, die vom Vagusnerv am Hals ins Gehirn geleitet werden. Die VNS kann die Anfallshäufigkeit reduzieren, führt aber in der Regel nicht zur Anfallsfreiheit.
Tiefe Hirnstimulation
Die tiefe Hirnstimulation (THS) ist ein neueres Verfahren, bei dem Elektroden in bestimmte Strukturen im Gehirn implantiert werden. Die Elektroden stimulieren die Hirnstrukturen mit niedriger Stromstärke und können so die Anfallshäufigkeit reduzieren. Die THS kommt vor allem bei Patienten mit komplex-fokalen Anfällen und Temporallappenepilepsien in Frage.
Anfallsselbstkontrolle
Parallel zur medikamentösen Therapie kann auch der verhaltenstherapeutische Ansatz der Anfallsselbstkontrolle in die Behandlung integriert werden. Dabei lernen die Patienten, ihre eigenen Anfälle besser zu verstehen und Strategien zu entwickeln, um sie zu vermeiden oder zu kontrollieren.
Leben mit Epilepsie
Epilepsie kann das Leben der Betroffenen in vielen Bereichen beeinträchtigen. Es gibt jedoch viele Möglichkeiten, mit der Erkrankung umzugehen und ein erfülltes Leben zu führen.
- Führerschein: Menschen mit Epilepsie dürfen nicht selbst Auto fahren, wenn sie in den vergangenen zwölf Monaten einen Anfall hatten. Die genauen Bestimmungen sind jedoch von Land zu Land unterschiedlich.
- Beruf: Die Berufswahl kann durch die Epilepsie eingeschränkt sein. Bestimmte Berufe, wie z.B. Piloten oder Berufskraftfahrer, sind für Menschen mit Epilepsie nicht geeignet.
- Sport: Bestimmte Sportarten, wie z.B. Schwimmen oder Klettern, sind für Menschen mit Epilepsie gefährlich.
- Soziale Kontakte: Vorurteile und Stigmata können den Alltag für Menschen mit Epilepsie zusätzlich erschweren. Es ist wichtig, sich nicht zu isolieren, sondern soziale Kontakte zu pflegen und sich Unterstützung zu suchen.
Was tun bei einem epileptischen Anfall?
Wenn jemand einen epileptischen Anfall hat, ist es wichtig, Ruhe zu bewahren und den Betroffenen vor Verletzungen zu schützen.
- Sorgen Sie für Sicherheit: Räumen Sie gefährliche Gegenstände beiseite und polstern Sie den Kopf des Betroffenen ab.
- Lockern Sie enge Kleidung: Lockern Sie enge Kleidung am Hals, um die Atmung zu erleichtern.
- Bleiben Sie beim Betroffenen: Bleiben Sie nach dem Anfall bei der Person und bieten Sie Ihre Unterstützung an.
- Rufen Sie den Notruf: Rufen Sie den Rettungsdienst (Notruf 112), wenn der Anfall länger als fünf Minuten dauert oder wenn mehrere Anfälle kurz hintereinander auftreten.
Was Sie nicht tun sollten:
- Den Betroffenen festhalten oder zu Boden drücken.
- Der betroffenen Person etwas in den Mund schieben.
tags: #epilepsie #mit #ohnmachtsanfallen