Gehirnrepräsentation und generisches Maskulinum in der Forschung: Eine differenzierte Betrachtung

Die Debatte um das generische Maskulinum und seine Auswirkungen auf die Wahrnehmung von Geschlechterrollen ist seit Jahren ein viel diskutiertes Thema in der Sprachwissenschaft, Philosophie und Gesellschaft. Häufig wird die Frage aufgeworfen, ob die Verwendung des generischen Maskulinums in der deutschen Sprache dazu beiträgt, dass Männer im Beruf und Alltag bevorzugt werden, weil die Sprache Frauen diskriminiert oder unsichtbar macht. Diese Annahme wird jedoch von einigen Forschern kritisch hinterfragt.

Die Sprachphilosophische Perspektive

Philipp Hübl, Philosoph und Autor, forscht unter anderem in der Sprachphilosophie. Er äußert sich skeptisch gegenüber der These, dass die deutsche Grammatik männlich geprägt sei und dass Sprache maßgeblich unsere Weltwahrnehmung formt. Stattdessen argumentiert er, dass es eher umgekehrt sei: Durch Bildung und Erziehung verändern sich unsere Normen und unser Weltbild, was sich dann auch in der Sprache niederschlägt. Die Sensibilität für moralisches Unrecht führt dazu, dass wir dies auch sprachlich ausdrücken wollen. Es ist jedoch nicht so, dass sich zuerst die Sprache wandelt und die Menschen daraufhin ihre moralischen und politischen Auffassungen ändern.

Hübl kritisiert, dass viele Studien, die einen Einfluss des generischen Maskulinums auf unser Denken belegen sollen, sprachphilosophisch naiv oder sogar grammatisch falsch sind. Zudem seien sie wissenschaftstheoretisch fragwürdig, da sie keine repräsentativen Zufallsstichproben verwenden. Stattdessen würden oft Studenten befragt, was zu Verzerrungen führen kann.

Empirische Forschungsergebnisse

Die Forschung zu diesem Thema vertritt im Wesentlichen zwei Thesen:

  • Die stärkere These: Das generische Maskulinum führt dazu, dass Männer im Beruf und Alltag bevorzugt werden.
  • Die schwächere These: Selbst wenn das generische Maskulinum keinen unmittelbaren Einfluss auf unser Denken hat, sollten wir trotzdem gendern, aus Respekt, Solidarität oder Höflichkeit.

Einige Studien zeigen, dass sich gendergerechte Sprache positiv auf die Sichtbarkeit von Frauen und nicht-binären Geschlechtsidentitäten auswirken kann. Allerdings gibt es auch Studien, die zeigen, dass Probanden nicht häufiger an Frauen denken, wenn sie zum Beispiel „Pilot*innen“ statt „Piloten“ lesen. Die Effekte sind oft sehr klein, und es ist wichtig, genau hinzuschauen und zu unterscheiden, ob die Leute die Sätze verstehen und was sie vor ihrem inneren Auge visualisieren.

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Eine Studie der Universitäten Kassel und Würzburg kam zu dem Ergebnis, dass das Wort »Bürger« eher die Vorstellung von einem Mann weckt, während bei der Formulierung »Bürger*innen« eher Frauen vor dem inneren Auge auftauchen. Nur die Formulierung »Bürgerinnen und Bürger« lässt gleichermaßen an Männer und Frauen denken.

Ein Forschungsteam am Fachgebiet Allgemeine Psychologie an der Universität Kassel untersuchte, wie das Gehirn auf die Erwähnung von Männern versus Frauen nach dem generischen Maskulinum reagiert. Mithilfe der Elektroenzephalographie (EEG) wurde die elektrische Aktivität des Gehirns beim Lesen verschiedener Satzkombinationen gemessen. Dabei zeigte sich ein erhöhter Verarbeitungsaufwand des Gehirns, wenn im zweiten Satz von Frauen anstelle von Männern die Rede war. Dies deutet darauf hin, dass man nach dem generischen Maskulinum eher an Männer denkt, was als „Male Bias“ bezeichnet wird.

Ziel und Mittel: Gleichstellung vs. Gendern

Viele Menschen befürworten eine gerechte Gesellschaft, in der Männer, Frauen und andere Geschlechtsidentitäten fair und diskriminierungsfrei behandelt werden. Eine repräsentative Umfrage des Familienministeriums hat ergeben, dass 95 Prozent der Befragten Gleichstellungspolitik befürworten. Gleichzeitig lehnen jedoch mindestens zwei Drittel das Gendern ab. Dies deutet darauf hin, dass Gendern für viele Menschen nicht das geeignete Mittel ist, um Gleichberechtigung sicherzustellen.

Hübl argumentiert, dass der generische Plural, der im Deutschen zufälligerweise maskulin ist, funktioniert und von allen verstanden wird. Wer trotzdem die Sprache ändern will, müsste dies sehr gut begründen. Er warnt vor einer aktivistischen Schlagseite in der Wissenschaft, bei der Forscher bewusst oder unbewusst dazu neigen, die Effekte, die für ihre Agenda sprechen, besonders stark zeigen zu wollen.

Wissenschaftliche Zugänglichkeit vs. Progressivitätsmarker

Einige argumentieren, dass Gendern dazu führen könnte, dass die Wissenschaft weniger zugänglich wird, was der Idee der verständlichen Wissenschaftskommunikation widersprechen könnte. Gendern wird oft als Progressivitätsmarker wahrgenommen, ein Erkennungszeichen der akademischen Eliten. Studien zeigen, dass Gendern eher von Reichen, Gebildeten, Frauen, Jungen und Städtern befürwortet wird.

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Hübl betont, dass man in der Wissenschaftskommunikation nicht nur die Akademiker erreichen muss, sondern auch andere Gruppen und Interessierte. Die unbewusste Abgrenzung durch Sprache wurde bereits von Pierre Bourdieu thematisiert. Gendern könnte somit das Latein der neuen Eliten sein.

Sprachstil und Ästhetik

Wenn man konkret mit einer Gruppe spricht, verlangt es die Höflichkeit und der Respekt, beide Geschlechter anzusprechen. Wenn man jedoch anfängt, ständig darüber nachzudenken, wie man Nomen vermeiden kann, kann der Sprachstil passiv und technisch werden. Es entstehen oft Notlösungen, die sprachästhetisch nicht schön oder teilweise semantisch falsch sind.

Forschung wird von Menschen gemacht, und es ist wichtig, diese Menschen auch im Detail zu benennen. War es ein kleines Team, war es nur eine Forscherin?

Konstruktive Debattenführung

Die Debatte um das Gendern wird teilweise sehr aggressiv geführt. Um kontroverse Debatten wie diese konstruktiver zu führen, müssen die eigentlichen Fragen diskutiert werden: komplexe, wissenschaftstheoretische, sprachphilosophische, linguistische und moralische Fragen. Es gibt inzwischen sehr viele Leitfäden, die einem erklären, wie man „richtig“ gendert. Aber es wird selten thematisiert, dass die Datenlage vollkommen unklar ist und dass Gendern nicht die Effekte hat, die die Aktivisten sich wünschen.

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