Methoden zur Senkung der Schmerzgrenze: Ein umfassender Überblick

Schmerz ist eine komplexe Erfahrung, die von einer Vielzahl von Faktoren beeinflusst wird. Die individuelle Schmerzgrenze, also der Punkt, an dem Schmerz als unerträglich wahrgenommen wird, kann durch verschiedene Methoden beeinflusst werden. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Aspekte der Schmerzgrenze und stellt verschiedene Ansätze vor, wie sie gesenkt werden kann.

Die Vielschichtigkeit des Schmerzes

Schmerz ist nicht nur eine rein körperliche Empfindung. Er ist eng mit psychischen und sozialen Faktoren verknüpft. Die Deutsche Schmerzgesellschaft e.V. betont die Bedeutung der ganzheitlichen Betrachtung von Schmerzpatienten. Der sogenannte "bio-psycho-soziale Schmerz" berücksichtigt, dass körperliche Beschwerden oft in Zusammenhang mit der Lebenssituation, inneren Einstellungen und Gefühlen stehen.

Psycho-soziale Einflüsse auf das Schmerzempfinden

Die Berücksichtigung psycho-sozialer Hintergründe ist entscheidend für die Behandlung von Schmerzen. Studien haben gezeigt, dass Stress, Mobbing am Arbeitsplatz, Scheidung oder familiäre Konflikte das Schmerzempfinden verstärken können. Es ist wichtig zu verstehen, dass diese Faktoren nicht bedeuten, dass sich jemand die Schmerzen "einbildet". Vielmehr beeinflussen sie die Schmerzwahrnehmung und -verarbeitung im Gehirn.

Akuter versus chronischer Schmerz

Die Bedeutung psycho-sozialer Einflüsse variiert je nachdem, ob es sich um akuten oder chronischen Schmerz handelt. Grundsätzlich gilt, dass Aufmerksamkeit, innere Einstellungen und Gefühle unser Schmerzempfinden beeinflussen. Bei chronischen Schmerzen spielen diese Faktoren jedoch eine noch größere Rolle. Betroffene sind oft überzeugt, dass etwas im Körper "kaputt" sein muss, und suchen nach einer körperlichen Ursache. Wenn keine gefunden wird, entsteht oft die Sorge, nicht ernst genommen zu werden.

Stress als Schmerzverstärker

Experten sind sich einig, dass eine Kombination aus langanhaltenden körperlichen, psychischen und sozialen Belastungen (bio-psycho-sozialer Dauerstress) eine häufige Ursache für lang anhaltende, heftige Schmerzen ist. Im Gehirn gibt es eine "Stress-Alarmanlage", die bei Auslösung Stresshormone freisetzt. Diese können körperliche Empfindungen wie Schmerzen und Verspannungen vorübergehend dämpfen oder unterdrücken. Eine erhöhte Stressbereitschaft, die durch belastende Erlebnisse in der frühen Kindheit entstehen kann, begünstigt die Entstehung von Schmerzen.

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Der Teufelskreis von Stress und Schmerz

Stress führt zu Muskelverspannungen, die sich verhärten und verkleben können. Dies führt zu Verspannungen, Erschöpfung und schließlich zu Schmerzen, insbesondere Weichteilschmerzen. Schmerzen wiederum erhöhen die Muskelverspannung zusätzlich, was zu Bewegungseinschränkungen, Erschöpfbarkeit und einer erhöhten Schmerzintensität führt. Es entsteht ein Teufelskreis, der den Schmerz chronifizieren kann.

Gefühle als Schmerzursache

Auch Gefühle spielen eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Schmerzen. Studien haben gezeigt, dass sowohl bei körperlichen Verletzungen als auch bei sozialem Verlusterleben die gleiche Hirnregion aktiviert wird, die für die Schmerzintensität zuständig ist. "Seelischer" Schmerz ist also ebenso real wie körperlicher Schmerz. Unterdrückte Gefühle können sich in körperlichen Schmerzen äußern, für die keine organische Ursache gefunden wird.

Methoden zur Senkung der Schmerzgrenze

Es gibt verschiedene Ansätze, um die Schmerzgrenze zu senken und die Schmerzwahrnehmung positiv zu beeinflussen. Diese lassen sich in körperliche, psychische und soziale Methoden unterteilen.

Körperliche Methoden

  • Bewegung und Sport: Studien haben gezeigt, dass aktive Menschen eine höhere Schmerztoleranz haben als Menschen mit sitzender Lebensweise. Körperliche Aktivität kann dazu beitragen, chronische Schmerzen zu bekämpfen oder gar nicht erst entstehen zu lassen. Eine Studie der Universität Tromsø analysierte Daten von über 10.000 norwegischen Erwachsenen und fand heraus, dass diejenigen, die viel Sport trieben, mit Kälte-induziertem Schmerz besser zurechtkamen.

  • Physikalische Therapie: Wärme- und Kälteanwendungen können helfen, Muskelverspannungen zu lösen und Schmerzen zu lindern. Auch die transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS), bei der über aufgeklebte Elektroden therapeutischer Reizstrom abgegeben wird, kann zur Schmerzlinderung eingesetzt werden.

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  • Bindegewebsmassage: Diese Massageform kann neuronale Abläufe beeinflussen und zur Entspannung der Muskulatur beitragen.

Psychische Methoden

  • Achtsamkeit und Meditation: Achtsamkeitsübungen und Meditation können helfen, den Aufmerksamkeitsfokus von den Schmerzen weg zu verlagern und die Schmerzwahrnehmung zu reduzieren. Sie können auch die Resilienz (Widerstandskraft) gegenüber Schmerzen stärken. Die 7Mind-App bietet beispielsweise eine Vielzahl von Meditationsübungen und Präventionskursen zu den Themen Stress, Schlaf und Muskelentspannung.

  • Entspannungstechniken: Progressive Muskelentspannung, autogenes Training oder Atemübungen können helfen, Stress abzubauen und die Muskelspannung zu reduzieren.

  • Psychotherapie: In psychologischen Gesprächen können Zusammenhänge zwischen Schmerzen und psycho-sozialen Belastungen erkannt und Lösungswege gefunden werden. Insbesondere die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) kann helfen, den Umgang mit chronischen Schmerzen zu verbessern.

  • Musiktherapie: Musik kann die Selbstheilungskräfte aktivieren und Schmerzen leichter ertragen lassen. Studien haben gezeigt, dass Musik im Gehirn ähnliche Bereiche aktiviert wie Suchtmittel, jedoch ohne die negativen Nebenwirkungen.

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Soziale Methoden

  • Soziale Unterstützung: Der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen oder die Unterstützung durch Familie und Freunde kann helfen, mit Schmerzen besser umzugehen.

  • Berufliche Integration: Die Rückkehr an den Arbeitsplatz nach längeren Fehlzeiten kann Ängste auslösen. Eine frühzeitige und professionelle Unterstützung kann helfen, den Wiedereinstieg zu erleichtern und soziale Isolation zu vermeiden.

Das Schmerzgedächtnis

Anhaltende oder starke Schmerzen können tiefgreifend verändern, wie das Nervensystem auf Schmerzreize reagiert und wie es Schmerzsignale an das Gehirn überträgt. Es kommt zu einer Umprogrammierung des normalen Schmerzempfindens hin zu einer sensibleren, intensiveren Schmerzwahrnehmung. Dies wird als Schmerzgedächtnis bezeichnet.

Entstehung des Schmerzgedächtnisses

Im zentralen Nervensystem werden wiederholte oder starke schmerzhafte Erfahrungen gespeichert. Die für den Schmerz zuständigen Rezeptoren und Nervenzellen sind leichter erregbar als vor der belastenden Schmerzerfahrung. In der Folge kommt es zu einer dauerhaft verstärkten Übertragung von Schmerzinformationen.

Vorbeugung und Behandlung des Schmerzgedächtnisses

Der beste Weg, ein Schmerzgedächtnis und daraus entstehende chronische Schmerzen zu verhindern, ist, dieses Schmerzgedächtnis erst gar nicht entstehen zu lassen. Eine möglichst schnelle und individuell zielgerichtete Therapie bei akut auftretenden Schmerzen ist daher entscheidend.

Es gibt zwar keine Medikamente, die ein Schmerzgedächtnis de facto löschen könnten, aber es gibt verschiedene Therapiemaßnahmen, die die gesteigerte Schmerzempfindlichkeit des zentralen Nervensystems so weit wie individuell möglich zurücknehmen beziehungsweise zu überschreiben versuchen. Zu diesen Verfahren gehören unter anderem die transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS), die physikalische Schmerztherapie und bestimmte Formen der (Elektro-)Akupunktur.

Auch Betroffene können selbst viel dazu beitragen, dass sich belastende Schmerzen bessern. Eine wichtige Säule der multimodalen Schmerztherapie ist die Therapieadhärenz: das aktive Mitwirken der Patientinnen und Patienten an der Behandlung, beispielsweise mit regelmäßigen Übungen zur Schmerzbewältigung wie Meditation und Entspannungsverfahren.

Multimodale Schmerztherapie

Zur Behandlung chronischer Schmerzen, die im Zusammenhang mit einem Schmerzgedächtnis bestehen, kann eine individuell zusammengestellte multimodale Schmerztherapie eingesetzt werden. Diese umfasst neben den bereits genannten Verfahren zur Gegenirritation auch medikamentöse Maßnahmen, physiotherapeutische Maßnahmen sowie psychotherapeutische Maßnahmen, die die Resilienz (Widerstandskraft) gegenüber Schmerzen stärken sollen.

Cortisol und Schmerz

Cortisol, auch bekannt als "Stresshormon", spielt eine wichtige Rolle bei der Schmerzwahrnehmung. Bei Stress steigt der Cortisolspiegel kurzfristig an und kann körperliche Empfindungen wie Schmerzen dämpfen. Ein dauerhaft erhöhter oder erniedrigter Cortisolspiegel kann jedoch zu verschiedenen gesundheitlichen Problemen führen und das Schmerzempfinden beeinflussen.

Hoher Cortisolspiegel (Hypercortisolismus)

Ein dauerhaft zu hoher Cortisolspiegel, auch Cushing-Syndrom genannt, kann zu massiver Gewichtszunahme, Symptomen eines "Mondgesichts" und "Stiernackens", narbenähnlichen Streifen in der Haut, Akne, Bluthochdruck, Diabetes und Knochenschwund führen.

Niedriger Cortisolspiegel (Hypocortisolismus)

Eine verminderte Produktion von Cortisol, auch Hypocortisolismus genannt, kann zu Leistungsabfall, Müdigkeit, Schwächegefühl, Übelkeit und Erbrechen sowie niedrigem Blutdruck führen. Wenn Cortisol komplett fehlt, ist das für den Menschen lebensbedrohlich.

Cortisol und Stressbewältigung

Der Lebensstil hat einen großen Einfluss darauf, wie gut Menschen die Anforderungen des Lebens bewältigen können. Stressabbau funktioniert bei jedem anders - manche treiben Sport, meditieren oder machen Yoga, andere lesen ein Buch oder kochen.

Akute Belastungsreaktion

Belastende Erlebnisse können das Allgemeinbefinden drastisch verändern. Bei der akuten Belastungsreaktion handelt es sich um eine vorübergehende Störung der menschlichen Psyche, die in Folge einer überwältigenden Belastung auftritt und sich durch intensive seelische Beschwerden äußert.

Symptome der akuten Belastungsreaktion

Die akute Belastungsreaktion verläuft in der Regel in zwei Phasen: der akuten oder peritraumatischen ersten Phase und der Verarbeitungsphase, die sich ihr anschließt. Typisch für die erste Phase ist eine innere Betäubtheit, Desorientiertheit und eine eingeschränkte Wahrnehmung. Hinzu kommen starke Stimmungsschwankungen, Verzweiflung, Wut und Trauer. Weitere Symptome können Zittern, Erröten, Unruhe, Rückzug, Übelkeit, Schwitzen, Herzrasen, Überaktivität, Angst und Panik sowie eine eingeschränkte Aufmerksamkeit sein.

In der zweiten Phase leiden die Betroffenen häufig unter belastenden Albträumen und Flashbacks. Es kann auch zu einem Vermeidungsverhalten kommen.

Behandlung der akuten Belastungsreaktion

Sofern sich die Betroffenen in professionelle Hilfe begeben und mit dieser Unterstützung gezielt an ihrer Störung arbeiten wollen, passiert dies häufig im Rahmen einer Krisenintervention. Diese findet meist stationär statt, damit die PatientInnen vorübergehend von dem veränderten Umfeld profitieren. Während einer Krisenintervention finden verschiedene Therapien statt, wie Einzelgespräche mit PsychotherapeutInnen, Gruppentherapien, Ergotherapien, Bewegungstherapien und Entspannungstherapien.

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