Die Bedeutung von Wörtern: Eine neurowissenschaftliche Perspektive

Sprache ist ein grundlegendes Werkzeug der menschlichen Kommunikation. Die Fähigkeit, Wörter zu verstehen und zu produzieren, ist ein komplexer Prozess, an dem verschiedene Hirnregionen beteiligt sind. Dieser Artikel untersucht, wie das Gehirn Wörter verarbeitet und welche Auswirkungen dies auf unser Verständnis und unsere Kommunikation hat.

Wie das Gehirn Wörter erschließt

Hirnforscher haben herausgefunden, dass das menschliche Gehirn die Bedeutung von Wörtern nicht abstrakt verarbeitet, sondern mit Sinneswahrnehmungen verknüpft. Beim Lesen eines Wortes, das für einen hörbaren Gegenstand steht, wie beispielsweise "Telefon", werden die Bereiche im Gehirn aktiviert, die sonst für das Hören zuständig sind. Diese Verknüpfung mit Sinneswahrnehmungen ist entscheidend für das richtige Verständnis eines Wortes.

Die Rolle der Sinneswahrnehmung

Die Ulmer Forscher gehen davon aus, dass selbst abstrakte Begriffe wie Freiheit, Gerechtigkeit oder Optionsschein letztlich mit einer Sinneswahrnehmung verknüpft sind. Fehlen diese Verknüpfungen, kann das Verständnis beeinträchtigt sein. Ein Optionsschein an der Börse ist dann nur ein Blatt Papier, dessen Bedeutung für die realen Finanzmärkte nur unvollständig nachvollzogen werden kann.

Implikationen für die Kindererziehung

Die Studie liefert auch wichtige Erkenntnisse für die Erziehung von Kindern. Begriffe sind verarmt, wenn während des Lernens nie die Möglichkeit bestand, die Gegenstände auch zu hören, zu sehen, zu riechen und zu fühlen. Wenn Kinder Tiere oder Pflanzen nur aus dem Fernsehen oder aus Büchern kennen, bleiben die Begriffe für sie abstrakt und unverständlich.

Die Verarbeitung von Sprache im Gehirn

Sprache ist ein komplexes Phänomen, an dessen Produktion und Rezeption sehr viele Teile des Gehirns beteiligt sind. Wenn wir sprechen, benutzen wir neben Zunge und Kehlkopf auch Lippen, Gaumen inklusive Bogen, Segel und Zäpfchen sowie Rachen, Kehldeckel und Lunge. Auch Zähne und der Nasenraum sind für die Artikulation wichtig. Beim Verstehen analysiert unser Gehirn das Gehörte nach räumlichen und zeitlichen Merkmalen und gleicht es dann mit gespeicherten Wortformen, grammatikalischen Regeln, Satzstrukturen und Bedeutungen ab.

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Hirnregionen der Sprachverarbeitung

Neben dem Broca- und Wernicke-Areal sind viele weitere Hirnstrukturen für die Verarbeitung von Sprache nötig. Diese umfassen große Teile des Temporal-, Parietal- und Frontallappens und sind nicht auf Sprechen oder Verstehen spezialisiert, sondern übernehmen vermutlich differenzierte Aufgaben, wie zum Beispiel die Entschlüsselung komplexer Syntax. Um ihre Aufgabe zu erfüllen, sind mehrere Regionen über Faserbündel miteinander verbunden und wirken als Netzwerk zusammen. Sprache wird hauptsächlich in einer Hirnhälfte verarbeitet, der so genannten dominanten Hirnhälfte. Bei Rechtshändern, also der Mehrheit der Bevölkerung, ist dies die linke. Jedoch spielt auch die nicht-dominante, also meist rechte Hirnhälfte eine wichtige Rolle bei der Sprachverarbeitung. Während in der dominanten Hirnhälfte vorwiegend die Laute und der Satzbau verarbeitet werden, ist die andere Hirnhälfte dafür zuständig, die Satzmelodie zu verstehen.

Die Geschwindigkeit der Sprachverarbeitung

Eine Studie hat gezeigt, dass der linke Temporallappen, welcher das Sprachverständnis steuert, dreiwörtige Sätze bereits nach 127 Millisekunden verarbeitete - fast so schnell wie das Gehirn Bilder erkennt und schneller als es gesprochene Sprachfetzen wahrnimmt. In der Zeit, die es braucht, um eine Silbe zu hören, kann das Gehirn tatsächlich die Struktur eines kurzen Satzes erkennen.

Aphasie: Eine erworbene Sprachstörung

Aphasie ist eine erworbene Störung der Sprache, die aufgrund einer Hirnschädigung auftritt. Eine Aphasie entsteht meist, wenn die linke Hirnhälfte von einer Erkrankung betroffen ist. Meist sind die geistigen Fähigkeiten der Betroffenen aber nicht beeinträchtigt. Von einer Aphasie können alle Aspekte der Sprache betroffen sein, also Gedanken aussprechen und aufschreiben genauso wie Gehörtes und Gelesenes verstehen.

Ursachen von Aphasie

Häufige Ursachen für eine Aphasie sind Durchblutungsstörungen der linken Gehirnhälfte nach einem Schlaganfall. Teile des Hirns erhalten dann nicht mehr ausreichend Sauerstoff, sodass Gehirnzellen absterben. Hirnblutungen, Hirntumore oder epileptische Anfälle können ebenfalls zu Aphasie führen.

Formen der Aphasie

Je nachdem, wie stark welche Hirnregion im Sprachnetzwerk beeinträchtigt ist, kann man Aphasie in vier Hauptformen unterscheiden:

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  • Globale Aphasie: Die schwerste Form einer Aphasie. Die Betroffenen können kaum oder gar nicht sprechen. Die Störung beeinträchtigt ebenso das Sprachverständnis und in der Regel auch die Fähigkeit zum Lesen und Schreiben.
  • Broca-Aphasie (motorische Aphasie): Die Betroffenen können nicht flüssig sprechen und keine kompletten Sätze bilden. Typisch ist ein sogenannter „Telegrammstil“ der Sprache. Das Sprachverständnis ist dagegen in der Regel weitgehend ungestört.
  • Wernicke-Aphasie: Der Redefluss ist gut erhalten, manchmal sogar gesteigert. Dagegen ist das Sprachverständnis und häufig auch das Störungsbewusstsein für die Sprachstörung stärker beeinträchtigt. Die Betroffenen verstehen häufig auch einfache Wörter nicht. Das bedeutet, sie können zwar flüssig sprechen, das Gesprochene aber nicht mit Inhalt füllen.
  • Amnestische Aphasie: Hauptsymptom sind Wortfindungsstörungen. Die Betroffenen zeigen ein gutes Störungsbewusstsein und versuchen Fehler zu korrigieren. Häufig werden Statthalterwörter wie „Ding“, „das da“ oder „es“ verwendet.

Therapie bei Aphasie

Ziel der Aphasietherapie ist es, die Kommunikationsfähigkeit so gut es geht zu verbessern und vorhandene Fähigkeiten zu fördern. Nach wissenschaftlichen Studien gilt auch für die Aphasietherapie: Je intensiver die Behandlung, desto effektiver ist das Ergebnis. Sprach- und Sprechtherapie sind jedoch nur dann wirksam, wenn wesentliche Faktoren der Wirksamkeit in einem mehrdimensionalen Behandlungskonzept zusammenfließen.

Die Macht der Worte: Positive und negative Auswirkungen

Wörter haben eine immense Macht, unser Gehirn und unsere Emotionen zu beeinflussen. Positive Worte können die Produktion von Botenstoffen fördern, die für ein gutes Stressmanagement nötig sind. Negativ besetzte Wörter hingegen können das Gegenteil bewirken und die Aktivität im Angstzentrum, der Amygdala, erhöhen.

Positive Psychologie

Eine Studie aus dem Gebiet der Positiven Psychologie bekräftigt, wie wichtig es ist, uns mehr auf positive Worte zu konzentrieren, aber auch auf Erlebnisse. Eine Gruppe von Menschen sollte jeden Abend drei Dinge aufschreiben, die gut für sie liefen an diesem Tag, inklusive einer Erklärung, warum das so war.

Die Bedeutung von Achtsamkeit

Es ist wichtig, sich der Macht der Worte bewusst zu sein und zu lernen, wie man sie positiv nutzen kann. Dies kann durch Achtsamkeitstraining und die bewusste Wahl unserer Worte geschehen.

Lesen: Ein komplexer Prozess

Um einen niedergeschriebenen Text zu lesen und komplett zu erfassen, laufen in unserem Gehirn mehrere, teilweise parallel und teilweise aufeinander folgende Prozesse ab. In einem ersten Schritt erfasst unser Auge nach und nach, manchmal im Ganzen und manchmal nur partiell, die visuellen Merkmale, also die Schrift oder „Kringel“, die einen Buchstaben, ein Wort und später einen Text ausmachen. Danach assoziieren Sie im Gehirn die Symbole mit den dazu passenden Lauten, rufen sich also ins Gedächtnis, wie das Wort, wenn Sie es sprechen, klingt. Man nennt diesen Prozess auch „stilles Lesen“.

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Die Rolle der Phonologie

Sprach- und Neurowissenschaftler gehen davon aus, dass weitere Informationen, wie die Bedeutung oder die grammatischen Eigenschaften eines Wortes nur über deren Phonologie, also über die Laute, erkannt werden können. Dies liegt daran, dass wir in unserem Gehirn Wörter über Konzept speichern, bei einem Apfel also, vereinfacht gesagt, das Bild eines Apfels im Gedächtnis abgelegt haben und um darauf zugreifen zu können, die Lautung des Konzepts benötigen.

Die Verarbeitung verschiedener Schriftsysteme

Nicht alle Schriftsysteme sind gleich. Im Vergleich zum Lateinischen wird im Chinesischen viel mehr Wert auf ein einzelnes Zeichen gelegt. In einem Experiment haben französische Wissenschaftler nun untersucht, wie diese beiden Schriftsysteme verarbeitet werden. Wie sich zeigte, gibt es zwar signifikante Unterschiede in der Umwandlung von Symbol/ Schrift in das jeweilige Konzept und die Lautung, jedoch sind der eigentliche Prozess und die benötigten Ressourcen die gleichen.

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