Hirntumoren stellen im Kindes- und Jugendalter eine bedeutende onkologische Herausforderung dar. Sie repräsentieren etwa 20 % aller Tumoren in dieser Altersgruppe und sind somit die häufigsten soliden Tumoren, wie das Deutsche Kinderkrebsregister angibt. Lediglich Leukämien und andere Erkrankungen des blutbildenden Systems treten häufiger auf. Jährlich sind schätzungsweise 300 Kinder in Deutschland von Hirntumoren betroffen.
Häufige Hirntumortypen im Kindesalter
Die häufigsten Hirntumoren bei Kindern sind Astrozytome (ca. 40 %), Medulloblastome (ca. 20 %) und Ependymome (ca. 10 %). Diese Tumoren unterscheiden sich in ihrer Entstehung, ihrem Wachstumsmuster und ihrer Aggressivität, was sich auf die Behandlungsstrategie und die Prognose auswirkt.
- Astrozytome: Diese Tumoren entwickeln sich aus Astrozyten, einer Art von Gliazellen, die das Nervengewebe stützen. Pilozytische Astrozytome sind gutartige, langsam wachsende Tumoren, die häufig im Kleinhirn vorkommen. Optikusgliome sind eine spezielle Form, die sich entlang der Sehnerven ausbreiten kann.
- Medulloblastome: Dies sind aggressive, bösartige Tumoren, die meist vom Kleinhirnwurm ausgehen und sich in den Nervenwasserraum ausbreiten können.
- Ependymome: Diese Tumoren entstehen aus den Ependymzellen, die die Hirnkammern und den Zentralkanal des Rückenmarks auskleiden. Aufgrund ihrer Lage können sie häufig einen Aufstau des Nervenwassers verursachen.
- Kraniopharyngeome: Diese gutartigen Missbildungstumoren entstehen aus Resten der Rathke-Tasche und wachsen langsam, wodurch sie durch Kompression der nervalen Strukturen symptomatisch werden können.
Symptome von Hirntumoren bei Kindern
Die Symptome einer Hirntumor-Erkrankung im Kindesalter sind vielfältig und hängen von der Größe, Lage und Wachstumsgeschwindigkeit des Tumors ab. Häufige Symptome sind:
- Kopfschmerzen, die oft morgens stärker sind und im Laufe des Tages abnehmen können.
- Übelkeit und Brechreiz, insbesondere morgens.
- Gleichgewichtsstörungen und Schwindel.
- Störungen der Augenbewegung, wie z.B. Schielen oder Doppelbilder.
- Müdigkeit und vermehrtes Schlafbedürfnis.
- Neurologische Ausfälle, wie z.B. Schwäche oder Lähmungen.
- Verhaltensänderungen oder Persönlichkeitsveränderungen.
- In seltenen Fällen epileptische Anfälle.
Es ist wichtig zu beachten, dass diese Symptome auch andere Ursachen haben können. Bei Verdacht auf einen Hirntumor sollte jedoch umgehend ein Arzt aufgesucht werden.
Ursachen und Risikofaktoren
Über die Ursachen der Entstehung von Hirntumoren im Kindesalter ist bisher wenig bekannt. Es gibt keine sicher nachgewiesenen Risikofaktoren. Es wird vermutet, dass sie hauptsächlich zufällig (sporadisch) entstehen - beispielsweise durch Fehler in der Zellteilung. Einige prädisponierende Erkrankungen erhöhen jedoch potenziell das Risiko, einen Hirntumor zu entwickeln. Dazu gehören:
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- Neurofibromatose: Eine genetische Erkrankung, die das Wachstum von Tumoren entlang der Nerven verursacht.
- Tuberöse Sklerose: Eine weitere genetische Erkrankung, die zu gutartigen Tumoren in verschiedenen Organen, einschließlich des Gehirns, führt.
- Von Hippel-Lindau-Syndrom: Eine seltene genetische Erkrankung, die das Risiko für Tumoren in verschiedenen Organen, einschließlich des Gehirns und des Rückenmarks, erhöht.
- Erbliche Tumor-Syndrome: Tumor-Syndrome wie das Lynch- oder Li-Fraumeni-Syndrom erhöhen das Risiko.
- Familiäre Vorbelastung: Erkranken Patienten jung an einem Hirntumor, ist das Risiko für Verwandte ersten Grades zu erkranken ebenfalls leicht erhöht.
- Strahlentherapie: Hirntumoren können viele Jahre nach einer Strahlentherapie im Kopf-Hals-Bereich oder des Schädels auftreten.
- Computertomografie (CT) im Kindesalter: Bei einer solchen diagnostischen Untersuchung der Kopf-Hals-Region kann sich das Risiko für Hirntumoren geringfügig erhöhen.
Diagnose von Hirntumoren
Die Diagnostik von Hirntumoren bei Kindern umfasst in der Regel mehrere Schritte:
- Klinische Untersuchung: Der Arzt erfasst die Krankengeschichte des Kindes und führt eine neurologische Untersuchung durch, um mögliche neurologische Ausfälle festzustellen.
- Bildgebende Untersuchungen: Die Magnetresonanztomographie (MRT) ist die Methode der Wahl, da sie eine sehr gute Weichteilauflösung bietet und detaillierte Bilder des Gehirns liefert. In einigen Fällen kann auch eine Computertomographie (CT) durchgeführt werden.
- Biopsie: Um die Diagnose zu sichern und den Tumortyp zu bestimmen, wird in der Regel eine Gewebeprobe des Tumors entnommen (Biopsie). Diese kann entweder im Rahmen einer Operation oder durch eine stereotaktische Biopsie erfolgen.
- Liquoruntersuchung: Bei einigen Tumoren, insbesondere bei Medulloblastomen, kann eine Untersuchung des Nervenwassers (Liquor) erforderlich sein, um festzustellen, ob sich Tumorzellen im Nervenwasserraum befinden.
- Molekulargenetische Untersuchungen: Die Analyse des Tumorgewebes auf molekulargenetischer Ebene kann wichtige Informationen für die Therapieplanung liefern.
Behandlung von Hirntumoren
Die Behandlung von Hirntumoren bei Kindern ist komplex und erfordert einen interdisziplinären Ansatz. Die wichtigsten Behandlungssäulen sind:
- Operation: Bei den meisten kindlichen Hirntumoren steht die Operation an erster Stelle der Behandlungskette. Ziel ist es, den Tumor möglichst vollständig zu entfernen, ohne dabei wichtige Hirnfunktionen zu beeinträchtigen. Moderne neurochirurgische Techniken wie die Neuronavigation, die intraoperative Überwachung und der Einsatz von Ultraschall-Präparationsgeräten können dabei helfen, das Operationsergebnis zu verbessern.
- Strahlentherapie: Bei malignen Tumoren erfolgt nach der Operation häufig eine Bestrahlung, um verbliebene Tumorzellen zu zerstören. Da die Bestrahlung jedoch erhebliche Langzeittoxizität auf das sich entwickelnde Gehirn hat, wird sie bei Kindern unter 3 Jahren möglichst vermieden. In dieser Altersgruppe wird stattdessen eine Chemotherapie eingesetzt.
- Chemotherapie: Die Chemotherapie wird entweder als alleinige Therapie (insbesondere bei sehr jungen Kindern) oder in Kombination mit einer Operation und/oder Bestrahlung eingesetzt. Es werden zellwachstumshemmende Medikamente (Zytostatika) verabreicht, um Krebszellen in ihrem Wachstum zu stoppen oder zu vernichten.
- Zielgerichtete Therapien: Bei einigen Tumoren können zielgerichtete Therapien eingesetzt werden, die spezifische molekulare Eigenschaften der Tumorzellen angreifen.
- Klinische Studien: Die Teilnahme an klinischen Studien kann eine Möglichkeit sein, Zugang zu neuen und innovativen Therapieansätzen zu erhalten.
Die Wahl der geeigneten Therapie hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie z.B. dem Tumortyp, dem Alter des Kindes, dem Ausmaß der Tumorausbreitung und dem allgemeinen Gesundheitszustand.
Spezifische Therapieansätze für verschiedene Hirntumortypen
- Pilozytische Astrozytome: Die Operation ist die Therapie der Wahl. Meist ist eine vollständige Tumorentfernung möglich, was zu einer Heilung führt.
- Optikusgliome: Die Therapieempfehlungen sind sehr unterschiedlich, da der Spontanverlauf der Erkrankung nicht vorhersehbar ist. Bei raumfordernden Tumoren ist eine Teilresektion sinnvoll.
- Ependymome: Die Operation ist die Therapie der Wahl. Ependymome lassen sich meist sehr gut vom normalen Hirngewebe abgrenzen, was die operative Entfernung erleichtert.
- Kraniopharyngeome: Die vollständige Tumorentfernung ist das Ziel, um Sehstörungen und andere Komplikationen zu vermeiden.
- Medulloblastome: Die Behandlung umfasst in der Regel eine Operation, gefolgt von einer Bestrahlung und Chemotherapie.
- Gangliogliome: Die Operation ist die Therapie der Wahl, da sich diese Tumoren gut vom normalen Hirngewebe abgrenzen lassen.
Nachsorge
Nach Abschluss der Behandlung sind regelmäßige Nachsorgeuntersuchungen wichtig, um ein mögliches Wiederauftreten des Tumors frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Die Nachsorge umfasst in der Regel regelmäßige MRT-Untersuchungen und neurologische Untersuchungen. Treten zwischen den Terminen Beschwerden auf, sollte man auf jeden Fall schon früher zum Arzt gehen.
Unterstützung für Betroffene und Familien
Die Diagnose eines Hirntumors im Kindesalter ist eine große Belastung für die gesamte Familie. Es ist wichtig, sich professionelle Unterstützung zu suchen, um mit der Situation umzugehen. Es gibt verschiedene Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen und psychoonkologische Angebote, die Betroffenen und ihren Familien helfen können. Die Deutsche Hirntumorhilfe ist eine von Forschenden, Ärzten und Betroffenen gegründete Organisation, die viele Informationen und Selbsthilfeangebote bietet.
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Forschung und Ausblick
Die Forschung im Bereich der kindlichen Hirntumoren hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Durch die Entdeckung neuer genetischer und molekularer Marker konnten neue Therapieansätze entwickelt werden. Das PedBrainTumor-Projekt in Deutschland trägt dazu bei, die genetischen Ursachen von Hirntumoren bei Kindern besser zu verstehen und neue zielgerichtete Therapien zu entwickeln. Ziel ist es, die Überlebenschancen der betroffenen Kinder zu verbessern und gleichzeitig die Nebenwirkungen der Behandlung zu reduzieren. Die weitere Erforschung der Ursachen, der Diagnostik und der Therapie von Hirntumoren bei Kindern ist von entscheidender Bedeutung, um die Prognose dieser Erkrankungen weiter zu verbessern.
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