Psychische und Verhaltensstörungen sind multifaktorielle Erkrankungen, die sich auf kognitiver, sozialer und motorischer Ebene auswirken und meist in der Kindheit entstehen. Wenn Betroffene oder das soziale Umfeld unter dem Verhalten leiden, spricht man von einer Störung. Häufig nehmen die Betroffenen ihr Verhalten jedoch selbst nicht als Beeinträchtigung wahr.
Definition und Erscheinungsformen von Verhaltensauffälligkeiten
Als Verhaltensstörung bezeichnet man ein auffälliges Verhaltensmuster, das der Situation unangemessen und nicht zielführend ist. Auffällige Verhaltensstörungen sind z. B. starke Unruhe, Aggressionen gegen Menschen und Tiere, extreme Ängstlichkeit, unkontrollierte Wutausbrüche, Schreien, Konzentrationsprobleme, obszönes Verhalten, Verweigerungshaltungen oder absichtliches Zerstören von Gegenständen. Verhaltensauffälligkeiten können vorübergehend sein.
Klassifikation psychischer und Verhaltensstörungen (ICD-10)
Nachfolgend werden Krankheiten beschrieben, die gemäß ICD-10 dieser Kategorie zuzuordnen sind (F00-F99):
- Organische, einschließlich symptomatischer psychischer Störungen (ICD-10: F00-F09): Bei diesen Krankheiten liegt die Ursache in einer zerebralen ("das Gehirn betreffende") Krankheit, einer Hirnverletzung oder einer anderen Schädigung, die zu einer Störung der Hirnfunktion führt.
- Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen (ICD-10: F10-F19): Die dieser Gruppe zuzuordnenden Störungen bzw.
- Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen (ICD-10: F20-F29): Das wichtigste Krankheitsbild dieser Gruppe ist die Schizophrenie.
- Affektive Störungen (ICD-10: F30-F39): Die Störungen dieser Gruppe äußern sich in Veränderungen der Stimmung oder der Affektivität, die entweder der Depression zuzuordnen sind oder einem Stimmungshoch. Begleitet wird der Stimmungswechsel in der Regel von einer Veränderung des allgemeinen Aktivitätsniveaus. Auslöser sind oft belastende Ereignisse.
- Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen und Faktoren (ICD-10: F50-F59): Typische Krankheitsbilder dieser Gruppe sind u. a.
- Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen (ICD-10: F60-F69): Die Störungen sind meist länger anhaltend. Sie können Folge sozialer Erfahrungen im frühen Verlauf der individuellen Entwicklung, aber auch erst später im Leben erworben sein.
- Intelligenzstörung (ICD-10: F70-F79): Die Krankheiten dieser Gruppe beruhen auf einer Störung der psychischen Entwicklung.
- Entwicklungsstörungen (ICD-10: F80-F89): Die Störungen beginnen im Kleinkindalter oder in der Kindheit. Sie gehen einher mit einer Einschränkung der Entwicklung bzw. Verzögerung von Funktionen, die mit der biologischen Reifung des zentralen Nervensystems (ZNS) verknüpft sind. Der Verlauf ist stetig. Häufig sind Sprache, Koordination der Bewegung sowie schulische Fertigkeiten betroffen.
Ursachen und Risikofaktoren
Die Ursachen für Verhaltensauffälligkeiten sind vielfältig und komplex. Es gibt biologische, psychologische und soziale Faktoren, die eine Rolle spielen können.
Neurobiologische Ursachen
ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung): Das ADHS-Syndrom ist durch eine lebenslange dynamische Regulationsstörung und hierdurch bestimmte Entwicklungsbesonderheiten gekennzeichnet. Dabei bestimmt eine neurobiologische Prädisposition (=Veranlagung) im Zusammenwirken mit Erziehungs- und Sozialisationsbedingungen und Lernerfahrungen die Ausprägung der Symptomatik. Neurobiologische Erklärungsmodelle der ADHS beschreiben Funktionsabweichungen in der Regulation und Verfügbarkeit von Botenstoffen (z.B. Dopamin und Noradrenalin) und deren Transportern und Rezeptoren im Gehirn. Dabei sind wesentliche (höhere) Handlungsfunktionen (Exekutivfunktionen), die für die Alltagsbewältigung und -Planung erforderlich sind, beeinträchtigt. Hierzu gehören u.a.
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Autismus-Spektrum-Störungen: Zum Thema Ursachen oder Ätiologie der autistischen Störung haben sich seit Ende der 1990er Jahre viele neue Erkenntnisse ergeben. Man hat bei Untersuchungen von autistischen Menschen im neurologischen Bereich eine Vielzahl an Besonderheiten gefunden, deren Interpretation allerdings nicht einfach ist, gerade was die Frage anbelangt, ob es sich um ursächliche Aspekte oder Folgephänomene handelt. Ausschlaggebend für diesen Erklärungsansatz war schon immer die Tatsache, dass Autismus im Zusammenhang mit bekannten neurologischen Erkrankungen oder einer feststellbaren Schädigung auftreten kann. Als Erkrankungen können genannt werden: Rötelninfektion der Mutter während der Schwangerschaft, Phenylketonurie, fragiles X-Syndrom, Rett-Syndrom (bei Mädchen), tuberöse Sklerose und andere. Geburtskomplikationen findet man bei Autismus vermehrt (im Vergleich zur Gesamtbevölkerung), allerdings gilt dies auch für viele Gruppierungen innerhalb des Behindertenbereichs - und muss darum, wie wir bereits gesehen haben - auch nicht ursächlich sein.
- Morphologische Befunde: Es gibt Hinweise auf ein vorübergehend beschleunigtes Hirnwachstum (damit einhergehend einvergrößerter Kopfumfang) bei ca. 1/3 der Betroffenen (unabhängig von der Intelligenz) in der Kindheit. Diese Befunde verweisen auf eine Hirnentwicklungsstörung, die erst nach der Geburt aktiv wird. Früher bereits festgestellte hirnanatomische Veränderungen im Kleinhirn, im Stammhirn, im limbischen System (Amygdala) konnten bestätigt werden. Die Ergebnisse sind komplex, es handelt sich um Besonderheiten in der Zelldichte und -größe. Die Veränderungen sind eventuell vom Alter abhängig und lassen auf eine Ausreifungsstörung schließen, die bis vor die 30. Schwangerschaftswoche zurückgeht. Es gibt Hinweise auf mangelnde Verbindungen zwischen subkortikalen und kortikalen Hirnstrukturen.
- Biochemische Befunde: Hier sind die Ergebnisse nach wie vor diffus. Auffällige Serotoninwerte, (eine Erhöhung des Serotonin-Plasmaspiegels) wurden bestätigt. Enttäuschenderweise ließ sich jedoch kein Zusammenhang zum Ausmaß an Stereotypien und Selbstverletzung feststellen. Eine Behandlung mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmern hatte allerdings durchaus Einfluss auf die Verhaltensauffälligkeiten. Besonderheiten im Dopamin-Stoffwechsel ließen sich bisher nicht nachweisen, unübersichtlich ist die Situation bezüglich hormoneller Veränderungen (eventuell. erhöhte Tagesausschüttungen von Cortisol).
- Auffälligkeiten in elektrophysiologischen Ableitungen: Etwa die Hälfte autistischer Menschen weist deutliche EEG-Veränderungen auf, mehr diffus als herdförmig. Etwa ein Viertel (25-30%) entwickelt im späteren Leben, meist in der Pubertät, eine Epilepsie. Es gibt Hinweise auf elektrophysiologische Besonderheiten im Frontalhirnbereich, die mit zunehmendem Alter noch deutlicher werden. Andere psychophysiologische Befunde zeigen, dass die Aufmerksamkeit und die auditive Verarbeitung bei Menschen mit Autismus beeinträchtigt ist.
- Genetische Veranlagung: Zwillings- und Geschwisterstudien legten schon lange nahe, dass genetische Einflüsse in der Entstehung von Autismus eine Rolle spielen können. Diese Vermutung hat sich in den vergangenen Jahren immer mehr erhärtet. Im Verwandtenkreis von autistischen Menschen findet man eine erhöhte Anzahl von Betroffenen oder Menschen, die „ein bisschen autistisch sind“, die also nicht die ganzen Merkmale einer Diagnose abdecken.
Depressionen: Neben psychosozialen Auslösern gibt es auch immer körperliche Ursachen für das Entstehen einer Depression, d.h. Veränderungen im Körper und insbesondere neurobiologische Veränderungen im Gehirn. Hierzu zählen z.B. vererbte Faktoren, die das Risiko zu erkranken beeinflussen. Durch eine medikamentöse Behandlung mit Antidepressiva kann direkt auf diese neurobiologischen Ungleichgewichte eingewirkt werden. Jedes unserer Gefühle, jede unserer Stimmungen, jeder Gedanke, jede Wahrnehmung und jedes Verhalten gehen mit einem besonderen Aktivitätsmuster der Nervenzellen in unserem Gehirn einher. Die Vorstellung, es würde schlicht ein Mangel an Serotonin vorliegen, ist zu simpel. Es gibt jedoch kein einzelnes "Depressionsgen", das hauptverantwortlich für die Erkrankung ist.
Störungen des Sozialverhaltens: Eine internationale Studie kommt in The Lancet Psychiatry zu dem Ergebnis, dass die betroffenen Kinder und Jugendlichen strukturelle Veränderungen in der Magnetresonanztomografie (MRT) haben. Dazu gehört eine geringere Hirnoberfläche in 26 Abschnitten des Cortex. Die Amygdalae sind das Angstzentrum des Gehirns, und Patienten mit „Conduct disorder“ haben häufig keine Angst vor einer Bestrafung. Der Nucleus accumbens ist Teil des Belohnungssystems, was auf eine mögliche Suchtproblematik hinweisen könnte (wobei dies aber weitreichende Spekulationen sind).
Persönlichkeitsveränderungen infolge von Hirnschädigung: Diese Störungen treten infolge einer direkten Schädigung oder Funktionsstörung des Gehirns auf und äußern sich durch auffällige Veränderungen der Persönlichkeit und des Verhaltens. Betroffene zeigen oft Impulsivität, emotionale Labilität oder soziale Unangepasstheit. Die Persönlichkeitsveränderungen entstehen durch eine Beeinträchtigung bestimmter Gehirnregionen, insbesondere des Stirnlappens. Schädel-Hirn-Traumata, z. B.
Psychosoziale Faktoren
- Familiäre Einflüsse: Aufgrund der hohen genetischen Bedingtheit des ADHS sind häufig (aber nicht immer) ein oder beide Elternteile ebenfalls Merkmalsträger; nicht selten lässt sich dies über mehrere Generationen zurückverfolgen. Dies prägt bereits frühkindliche Beziehungserfahrungen und Bindungsstrukturen. Fehlen oder verändern sich wichtige günstige (protektive) Faktoren, wie strukturiertes und stabiles familiäres Umfeld, stabiler Freundesreis, Förderung individueller Interessen und Herausforderungen, günstige Lehrer-Kind-Interaktion, so kann die Persönlichkeitsentwicklung des ADHS-Kindes damit zusätzlich nachhaltig gestört werden. Für viele Menschen mit ADHS sind insbesondere negative Lernerfahrungen (bei häufig gleichzeitig bestehenden Lern- und Teilleistungsstörungen) und negative Rückmeldungen der Familie und des sozialen Umfeldes mit ständiger Ermahnung hemmend in der Entwicklung einer eigenen Identität. Erziehung ist der wichtigste Faktor bei Verhaltensproblemen und die leidet vor allem unter drei Aspekten: Zu wenig Aufmerksamkeit - bedingt durch Desinteresse, Zeitmangel oder Stress -, mangelnde soziale Unterstützung und psychische Probleme. Leiden die Eltern unter psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Alkohol- oder Drogensucht sind sie in der Regel nicht in der Lage, für das Kind in einem angemessenen Rahmen da zu sein und ihre Vorbildfunktion zu erfüllen. Eltern, die selbst gewalttätiges Verhalten zeigen, übertragen dies auf ihr Kind. Der Zusammenhang zwischen erfahrener und selbst ausgeübter Gewalt ist groß. 25 bis 40% der misshandelten Kinder geben die Gewalt weiter. Laut Umfragen werden noch immer rund 30% der Kinder und Jugendlichen von ihren Eltern zu Hause gezüchtigt oder misshandelt. Damit übertrifft die familiäre Gewalterfahrung die durch Gleichaltrige. Nicht selten fehlt in der Familie auch ein fester Lebensrhythmus. Regeln und Strukturen, wie sie gerade sehr unruhige, impulsive Kinder - z.B. auch Kinder mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung brauchen - sind heute schwer zu schaffen. Außerdem ist für die Eltern häufig weniger Unterstützung - z.B.
- Einfluss der Peer-Gruppe: Eine besondere Bedeutung kommt auch dem Einfluss der Peer-Gruppe zu: Insbesondere bei Substanzmissbrauch und aggressiv-dissozialem Verhalten bestehen negative Einflüsse durch Gleichaltrige. Für die Entwicklung von Aggressivität sind bei Mädchen familiäre Bedingungen wie das erlebte Erziehungsklima und Persönlichkeitsmerkmale, für Jungen hingegen Peergruppen, d.h.
- Weitere psychosoziale Risikofaktoren: Zu den so genannten psychosozialen Risikofaktoren zählen z.B.: unvollständige Familie, d.h. Aufwachsen mit einem alleinerziehenden Elternteil oder ohne Eltern psychische Erkrankung eines Elternteils, vor allem antisoziale Persönlichkeitsstörung des Vaters und Alkoholkonsum in der Familie familiäre Instabilität, ständiger Streit zwischen den Eltern niedriges Familieneinkommen, sehr beengte Wohnverhältnisse Inkonsequenz in der Erziehung, fehlende Regeln häufige Kritik und Bestrafungen unstrukturierter Tagesablauf Auch eine mindere Intelligenz und die Persönlichkeit des Kindes, die zum großen Teil durch die ungünstigen Familienverhältnisse bedingt ist, wie z.B.
Gesellschaftliche Einflüsse
Manche Fachleute vermuten, dass die ADHS-Entwicklung auch durch unseren heutigen modernen Lebensstil ungünstig beeinflusst wird. Statt Wege zur Schule zu Fuß zurückzulegen und täglich im Freien zu spielen, werden die Kinder mit dem Bus oder von den Eltern zur Schule gebracht und meistens wird drinnen gespielt und allzu häufig am PC. Körperliche Aktivität, optische und akustische Wahrnehmung aus der Natur und wirkliches „Begreifen“ mit den Händen findet immer weniger statt. Bewegungsdrang, überschießende Energie und Neugier können kaum ausgelebt werden. Weniger Autorität der Eltern und Lehrer fördert heutzutage zwar die freie Entfaltung gesunder Kinder, schadet aber dem ADHS-Kind, das klare Strukturen, Regeln und Regelmäßigkeit benötigt. Große Gruppenstärken in Kindergärten und Schulen, die individuelle Betreuung nahezu unmöglich machen, verschärfen das Problem, ebenso der sogenannte „offene Kindergarten“, der kaum Strukturen vorgibt.
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Zusammenfassung der Einflussfaktoren
- Biologische Faktoren: Männliches Geschlecht, niedriges Aktivitätsniveau, prä- und perinatale Risiken (Alkohol, Rauchen)
- Familiäres Umfeld und Erziehung: Gewalttätiges Verhalten der Eltern, niedriger sozialer Status der Eltern, inkonsequentes Erziehungsverhalten, unzureichende Erziehungskompetenzen
- Schule: Besuch bestimmter Schultypen wie Hauptschule oder Sonderschule, schlechte Qualität der Ausbildung, schlechtes Schulklima
Diagnostik
Die Diagnose basiert auf einer umfassenden Untersuchung durch Neurologen und Psychiater. Computertomographie des Schädels (Schädel-CT (craniale CT bzw. Magnetresonanztomographie des Schädels (Schädel-MRT (craniale MRT bzw.
Therapie und Behandlung
Medikamentöse Behandlung, z. B. Wir beraten Sie individuell zu unseren Therapie- und Behandlungsmethoden.
Entwicklungstypische Verhaltensweisen vs. Störungen
In einem gewissen Umfang gehören oppositionelles Trotzverhalten und dissoziale Verhaltensweisen (z.B. Lügen, kleinere Diebstähle, gelegentliche körperliche oder verbale Auseinandersetzungen) zu normalen Entwicklungsphasen bei Kindern. Sie dienen der Erkundung des eigenen Einflusses, der Abgrenzung sowie der Identitätsentwicklung der Kinder. Dem Großteil der Kinder gelingt es, im Verlauf der Entwicklung ihre aggressiven und antisozialen Impulse zu kontrollieren.
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