Das Gehirn badet: Die Bedeutung des Liquor Cerebrospinalis

Das Gehirn, das zentrale Organ unseres Nervensystems, ist von einer klaren, farblosen Flüssigkeit umgeben, dem Liquor cerebrospinalis, auch bekannt als Gehirn- oder Nervenwasser. Diese Flüssigkeit spielt eine entscheidende Rolle für die Gesundheit und Funktion des Gehirns und des Rückenmarks. Sie schützt das Gehirn vor Stößen, transportiert Nährstoffe und Abfallprodukte und trägt zur Aufrechterhaltung eines stabilen intrakraniellen Drucks bei.

Die Zusammensetzung und Produktion des Liquor Cerebrospinalis

Der Liquor cerebrospinalis ähnelt in seiner Zusammensetzung dem Blutplasma, enthält jedoch weniger Proteine und Zellen. Er wird hauptsächlich in den Plexus choroidei, spezialisierten Strukturen in den Hirnventrikeln, produziert. Die Hirnventrikel bilden ein System von vier miteinander verbundenen Hohlräumen im Gehirn, die als Liquorbildungs- und Transportsystem dienen.

Das Liquorsystem des Menschen enthält etwa 150-200 ml Liquor. Täglich werden etwa 500 ml Liquor gebildet, was bedeutet, dass das gesamte Volumen mehrmals täglich ausgetauscht wird. Dieser kontinuierliche Austausch ist wichtig, um Abfallprodukte abzutransportieren und ein optimales Milieu für die Gehirnfunktion aufrechtzuerhalten.

Die Funktionen des Liquor Cerebrospinalis

Der Liquor cerebrospinalis erfüllt eine Vielzahl wichtiger Funktionen:

  • Schutz: Er wirkt wie ein "Airbag" und schützt das Gehirn und Rückenmark vor äußeren mechanischen Einwirkungen und Stößen. Das Gehirn "schwimmt" im Liquor, was seine Trägheit bei Stößen oder Stürzen erhöht.
  • Auftrieb: Der Liquor reduziert das effektive Gewicht des Gehirns. Durch den Auftrieb wird das Gehirn, das durchaus kein Leichtgewicht ist, etwas leichter.
  • Transport: Er transportiert Nährstoffe zu den Gehirnzellen und Abfallprodukte von ihnen weg.
  • Druckregulation: Er trägt zur Aufrechterhaltung eines konstanten intrakraniellen Drucks bei.
  • Entsorgung: Das glymphatische System, ein Kanalnetz entlang der Blutgefäße, nutzt den Liquor für den Abtransport von Stoffwechselabfallprodukten aus dem Gehirn, vorwiegend in der Nacht.

Hydrozephalus: Wenn das Gleichgewicht gestört ist

Ein Hydrozephalus, umgangssprachlich auch als "Wasserkopf" bezeichnet, entsteht, wenn das Gleichgewicht zwischen Produktion und Absorption des Liquors gestört ist. Dies kann zu einer übermäßigen Ansammlung von Liquor im Schädelinneren und einem erhöhten Hirndruck führen.

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Ursachen eines Hydrozephalus

Die Ursachen für einen Hydrozephalus können vielfältig sein:

  • Liquorabflussstörung: Eine Blockade im Liquorsystem kann den normalen Abfluss des Liquors behindern. Dies kann durch Tumore, Blutgerinnsel, Membranen oder Narbengewebe verursacht werden. Auch Raumforderungen im Bereich des III. Ventrikels oder der hinteren Schädelgrube können zu einer Abflussstörung führen.
  • Unzureichende Absorption: Eine Störung der Liquorabflussstellen kann die Resorption des Liquors in das venöse Blutsystem beeinträchtigen. Nach einer Blutung im Subarachnoidalraum kann es aufgrund der Menge des Blutes zu einer Verlegung des Liquorabflusses kommen (Hydrocephalus occlusus). Eine Störung der Liquorabflussstellen kann ebenso durch im Blut befindliche Proteine entstehen, die feine Abflussstellen verkleben und dadurch einen Hydrocephalus (malresorptivus) auslösen.
  • Überproduktion von Liquor: In seltenen Fällen wird zu viel Liquor produziert.

Arten von Hydrozephalus

Es gibt verschiedene Arten von Hydrozephalus, die sich in ihrer Ursache und ihrem Verlauf unterscheiden:

  • Kommunizierender Hydrozephalus (Hydrocephalus communicans): Der Liquorfluss zwischen den Hirnkammern und dem Subarachnoidalraum ist nicht blockiert. Das Problem liegt meist in der unzureichenden Aufnahme des Liquors.
  • Nichtkommunizierender Hydrozephalus (Hydrocephalus occlusus oder obstruktiver Hydrocephalus): Der Liquorfluss ist zwischen den Hirnkammern durch eine Blockade oder Verengung gestört.
  • Normaldruckhydrozephalus (NPH, Normal Pressure Hydrocephalus): Bei dieser Form ist der Druck im Schädelinneren normal, obwohl eine übermäßige Ansammlung von Liquor vorliegt. Typische Symptome sind Gangunsicherheit, Gedächtnisstörungen und Inkontinenz (Hakim-Trias). Obwohl dies als ein Hydrocephalus im vorgeschrittenem Alter bezeichnet wird, kann dieser in einigen Fällen "sekundär" als Zustand nach Hirnhautentzündung oder klinisch unerkannten stattgefundenen Subarachnoidalblutungen im jüngeren Alter auftreten.
  • Hydrocephalus e vacuo: Hierbei handelt es sich nicht um einen Hydrozephalus im eigentlichen Sinne, sondern um die Folgen einer Hirnatrophie (Abnahme des Hirnvolumens).

Symptome eines Hydrozephalus

Die Symptome eines Hydrozephalus können je nach Alter, Schweregrad und betroffener Gehirnregion variieren.

Symptome bei Säuglingen und Kleinkindern:

  • Verstärktes Kopfwachstum
  • Gespannte Fontanellen (weiche Stellen am Kopf)
  • Erbrechen
  • Schrilles Schreien
  • Gestoertes Trink-/Essverhalten
  • Sonnenuntergangsphänomen (Abwärtsblick der Augen bei geöffneten Lidern)

Symptome bei Kindern und Erwachsenen:

  • Kopfschmerzen
  • Nackenschmerzen
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Sehstörungen (mit Stauungspapillen, Doppelbildern)
  • Bewusstseinsstörung
  • Feinmotorikstörung
  • Gangunsicherheit
  • Schielen
  • Gesichtsfeldausfälle
  • Sonnenuntergangsphänomen
  • Konzentrations-/Entwicklungsstörung, Lernschwäche
  • Verhaltensauffälligkeiten
  • Schluckbeschwerden

Im weitesten Sinne können sich viele neurologische Defizite als Zeichen des gesteigerten Hirndruckes/Hydrocephalus äußern. Dadurch kann die Diagnose eines Hydrocephalus anfangs schwer sein.

Diagnose eines Hydrozephalus

Die Diagnose eines Hydrozephalus basiert auf einer sorgfältigen neurologischen Untersuchung, der Anamnese und bildgebenden Verfahren wie:

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  • Computertomographie (CT): Eine CT-Aufnahme des Gehirns kann die erweiterten Hirnventrikel und andere Auffälligkeiten zeigen.
  • Magnetresonanztomographie (MRT): Eine MRT bietet detailliertere Bilder und kann die Ursache des Hydrozephalus besser erkennen lassen.
  • Lumbalpunktion (LP): Bei dieser Prozedur wird eine kleine Menge Liquor aus dem Wirbelsäulenkanal entnommen, um den Liquordruck zu messen und den Liquor auf Anomalien zu untersuchen. Ebenso werden regelmäßig „invasive“-therapeutisch/diagnostische Verfahren angewandt. Diese können ohne „Schmerzen“ durchgeführt werden. Hierbei wird ein Liquorumgehungskreislauf „simuliert“ (Punktion des Spinalkanals in Höhe der Lendenwirbelsäule und Gewinnung von 30-50 ml Liquor oder Anlage einer lumbalen Drainage mit einer Liquorfördermenge von ca. 150-200 ml/24h). In vielen Fällen stellt sich die Besserung der Beschwerden sofort nach der Punktion von Liquor ein.

Therapie eines Hydrozephalus

Die Therapie eines Hydrozephalus zielt darauf ab, den Hirndruck zu senken und die normale Liquor Zirkulation wiederherzustellen. Es gibt verschiedene Behandlungsmöglichkeiten:

  • Beseitigung der Ursache: Wenn der Hydrozephalus durch einen Tumor oder eine andere Raumforderung verursacht wird, kann eine Operation zur Entfernung der Ursache erforderlich sein.
  • Endoskopische Ventrikulostomie (ETV): Bei dieser minimal-invasiven Operation wird mit einem Endoskop ein Loch in den Boden des dritten Ventrikels geschaffen, um einen neuen Abflussweg für den Liquor zu schaffen. Links: Beispiel eines Hydrocephalus aufgrund einer großen Zyste vor dem Hirnstamm. Rechts: Nach Operation mittels Ventrikulozisternostomie und dargestelltem Liquorfluss vor dem Hirnstamm.
  • Shunt-Implantation: Ein Shunt ist ein künstlicher Schlauch, der den Liquor aus den Hirnventrikeln in eine andere Körperhöhle ableitet, wo er absorbiert werden kann. Am häufigsten wird ein ventrikuloperitonealer Shunt verwendet, der den Liquor in die Bauchhöhle ableitet. Hier dargestellt das ventrikuloatrial (vom Hirnwasserkammersystem zum rechten Vorhof) und das ventrikuloperitoneal (vom Hirnwasserkammersystem in die Peritonealhöhle-Bauchhöhle) verlaufende Shunt-System. Auf Grund des Nutzen-/Risikoprofils wird dem ventrikuloperitonealen Shunt-System der Vorzug gegeben.

Shunt-Komplikationen

In der Literatur werden die Komplikationen einer Shunt-Anlage mit bis zu 30% im ersten Jahr benannt. Meist handelt es sich um mechanische Komplikationen im Sinne der Katheterdislokation, Infektion im Verlauf des Shunt-Systems oder Katheterabrissen. Umso mehr sind regelmäßige Kontrolluntersuchungen in der neurochirurgischen Klinik wichtig. Die präoperative und postoperative Schulung der Patienten und deren Angehörigen führt zur Reduktion von Komplikationen.

Pädiatrische Neurochirurgie

Die Sektion Pädiatrische Neurochirurgie (Kinderneurochirurgie) befasst sich mit der Diagnose, Therapie und Nachsorge von Erkrankungen des Gehirns, des Rückenmarks, der peripheren Nerven, des Schädels und der Wirbelsäule bei Neugeborenen, Säuglingen, Kindern und Jugendlichen. Durch unseren operativen Einsatz wird die Heilung, klinische Besserung oder Wiederherstellen neurologischer Funktionen angestrebt. Wir arbeiten interdisziplinär eng mit der Pädiatrie, Kinderintensivmedizin, Kinderanästhesie, Kinderradiologie, Neuroradiologie, Kinderchirurgie, Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie, Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Plastischen Chirurgie und weiteren Fachgebieten des Universitätsklinikums Dresden zusammen. Unser spezialisiertes erfahrenes Team bietet in enger Kooperation mit den Kolleginnen und Kollegen der verschiedenen Fachgebiete eine höchstqualifizierte individualisierte Behandlung an, die auf einen optimalen Therapieerfolg für die Kinder abzielt, aber auch Eltern und Familie der Kinder in die Behandlungsabläufe mit einbezieht.

Durch die neue und topmoderne operative Infrastruktur (Mikroskop, intraoperatives MRT, Neuronavigation, Ultraschall, Endoskop, intraoperatives elektrophysiologisches Monitoring, Ultraschallaspiratoren, Stereotaxie) und das hoch spezialisierte Fachpersonal können wir eine operative Behandlung auf dem international höchsten Stand anbieten. Unter Einsatz unser Fachwissen, Erfahrung, Engagement und Einfühlungsvermögen wollen wir hierbei das bestmögliche Behandlungsergebnis für Ihr Kind erreichen.

Schwerpunkte der pädiatrischen Neurochirurgie

  • Schädelfehlbildungschirurgie bei Kindern: Vorzeitige Schädelnahtverknöcherungen (prämature Kraniosynosthosen) führen neben dem kosmetischen Aspekt einer Schädelfehlbildung zur Einengung des Schädelinnenraumes. Das wachsende Gehirn kann durch die damit verbundene Steigerung des intrakraniellen Druckes schwer und irreparabel geschädigt werden (einschl. Sehnerven). Da nicht nur der Hirnschädel, sondern auch der Gesichtsschädel betroffen ist, erfordert die operative Versorgung eine interdisziplinäre Zusammenarbeit. Seit über 14 Jahren werden diese Erkrankungen in gemeinsamen Operationen der Kliniken für Kinderchirurgie, Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie sowie Neurochirurgie erfolgreich behandelt.
  • Tumorchirurgie: Die häufigste Lokalisation befindet sich in der hinteren Schädelgrube. Es kommen jedoch auch Kinder zur Aufnahme, deren Tumoren in den Hirnkammern des Großhirns oder im Bereich der vorderen Schädelbasis liegen. Bei Kindern wird nach Möglichkeit stets eine vollständige Tumorexstirpation angestrebt. Postoperativ werden routinemäßig MRT-Kontrollen vorgenommen, die das Ausmaß der Tumorexstirpation dokumentieren. Dies ist eine wichtige Voraussetzung, um objektiv die postoperative Ausgangssituation für u.U. notwendige weitere Therapiemodalitäten darzustellen. In der interdisziplinären Zusammenarbeit mit der Abteilung für Neuropädiatrie der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin ist die postoperative Behandlung der Kinder, die auch hier während ihres stationären Aufenthalts betreut werden, gesichert. Sofern es die Diagnose des Tumors erfordert, werden Strahlen- und/oder Chemotherapie nach bundesweit anerkannten Studienprotokollen durchgeführt.

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