Gehirn, Seele und Anthropologie: Eine Betrachtung des Zusammenhangs

Die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Gehirn, Seele und der Anthropologie ist ein vielschichtiges Thema, das seit Jahrhunderten Philosophen, Theologen, Ärzte und Wissenschaftler beschäftigt. Die moderne Forschung, insbesondere in den Bereichen der Neurowissenschaften, Psychologie und Anthropologie, hat unser Verständnis dieser komplexen Beziehung erweitert und neue Perspektiven eröffnet.

Historische Perspektiven auf den Sitz der Seele

Die Vorstellung vom Sitz der Seele hat sich im Laufe der Geschichte gewandelt. In der Antike wurden verschiedene Körperregionen als der Ort des Seelenlebens angesehen. Neben dem Gehirn wurden auch das Zwerchfell (griech. phrenes), das Herz (griech. kardia) oder der Bereich unterhalb des Rippenbogens (Hypochondrium) in Betracht gezogen. Diese Organe galten als Lebensmittelpunkt und Steuerungsprinzip des Gesamtorganismus.

Der griechische Arzt Galen (2. Jahrhundert n. Chr.) lokalisierte in seiner einflussreichen Lehre die Seele im Gehirn. Er ordnete das Gehirn dem Körpersaft "Schleim" (griech. phlegma) zu. Im Mittelalter etablierte sich darauf aufbauend eine Zellentheorie, die die Hirnkammern (cellulae) als "Wohnsitz der Seele" betrachtete. Dabei wurde ein Dreikammer-Modell propagiert, in dem die vordere Hirnhöhle für das "Gemeingefühl", die Imagination und Fantasie, die mittlere für Urteilsvermögen, Denken und Vernunft und die hintere für das Gedächtnis zuständig sein sollte.

Im 17. und 18. Jahrhundert verlagerte sich der Fokus auf feste Strukturen des Gehirns. René Descartes (1596 bis 1650) sah die Zirbeldrüse (Corpus pineale) als den Sitz der Seele, als einen Ort, an dem alle einlaufenden und ausgehenden Impulse zusammenlaufen. Thomas Willis (1621 bis 1675), ein bedeutender Hirnanatom, verlegte das Seelenorgan noch deutlicher in die festen Hirnsubstanzen, insbesondere in die Groß- und Kleinhirnrinde.

Ende des 18. Jahrhunderts sorgte Samuel Thomas Soemmerring (1755 bis 1839) mit seiner Schrift "Über das Organ der Seele" für Aufsehen, indem er die Ventrikelhypothese wieder aufgriff und den "Wohnsitz der Seele" in die Hirnhöhlen verlegte. Er argumentierte, dass die Nerven an den Wänden der Hirnhöhlen enden und in ständiger Wechselwirkung mit der Flüssigkeit stehen, welche somit das Organ der Seele sei. Diese Spekulationen stießen jedoch auf Kritik, unter anderem von Immanuel Kant, der argumentierte, dass Wasser unorganisiert sei und sich nicht zum unmittelbaren Seelenorgan eigne.

Lesen Sie auch: Faszination Nesseltiere: Wie sie ohne Gehirn leben

Franz Joseph Gall und die Schädellehre

Während Soemmerring im Inneren des Gehirns nach dem Seelenorgan suchte, entwickelte Franz Joseph Gall (1758 bis 1828) eine bahnbrechende Theorie, die die seelischen Anlagen auf der Oberfläche der Hemisphären lokalisierte. Gall ging davon aus, dass das Seelische wesentlich vom Körperlichen beeinflusst wird und an bestimmte Werkzeuge gebunden ist. Er glaubte, dass jede Fähigkeit ("Fakultät") über ein unabhängiges Organ im Gehirn verfügt, das an bestimmten Stellen der Hirnrinde lokalisiert werden kann.

Gall entwickelte die "Organologie", die davon ausging, dass die Aktivität eines Organs seine Größe beeinflusst, was sich in Vorwölbungen des Schädels äußert. Mithilfe der "Kranioskopie" glaubte Gall, 27 unterschiedliche "Organe" für die jeweiligen Grundeigenschaften gefunden zu haben. Obwohl Galls Schädellehre später von der wissenschaftlichen Gemeinschaft abgelehnt wurde, war sie für die Entstehung der modernen Neurowissenschaften bahnbrechend, da sie die hirnphysiologische Bedeutung der Hirnrinde grundsätzlich anerkannte.

Die Rolle von Körper und Geist

Die Frage nach dem Verhältnis von Körper und Geist ist ein zentrales Thema in der Philosophie und Anthropologie. René Descartes vertrat die Theorie von Leib und Seele als getrennten Einheiten, die über die Zirbeldrüse im Gehirn miteinander wechselwirken. Er sah den Körper als eine mechanisch funktionierende Maschine, die vom Gehirn gesteuert wird, während die Seele für Gefühle, bewusste Wahrnehmungen, Nachdenken und willentliche Handlungen zuständig ist.

Diese dualistische Vorstellung hat das Denken vieler Menschen bis heute geprägt. So untergliedern Ärzte beispielsweise nach psychischen und physischen Beschwerden und bezeichnen den wechselseitigen Einfluss als "psychosomatisch". Auch in Redewendungen wie "sich etwas von der Seele reden" oder "es lastet uns etwas auf der Seele" spiegelt sich das dualistische Verständnis wider.

Die moderne Hirnforschung hat die Zweiteilung von Leib und Seele jedoch als überholt betrachtet. Es konnte nie ein Interaktionszentrum im Gehirn entdeckt werden. Die Vorstellung von der Nervenreizleitung über elektrische Erregung hat die balonistische Theorie abgelöst. Neurologen wissen heute, dass die allermeisten Gedankengänge uns selbst verborgen bleiben.

Lesen Sie auch: Lesen Sie mehr über die neuesten Fortschritte in der Neurowissenschaft.

Psychoneuroimmunologie: Die Verbindung von Psyche und Immunsystem

Die Psychoneuroimmunologie ist ein Forschungszweig, der sich eingehend mit dem Zusammenspiel von Seele und Abwehrsystem befasst. Sie hat herausgefunden, dass negative Gedanken und Gefühle die Abwehrkräfte schwächen können. Menschen mit psychischen Problemen wie Depressionen oder Ängsten sind infektanfälliger. Depressionen können das Herz ähnlich stark belasten wie das Rauchen und das Risiko einer Herzkrankheit verdoppeln.

Positive Gedanken und Gefühle können hingegen das Abwehrsystem stärken. Die Psycho-Onkologie nutzt dies, indem sie gezielt den seelischen Leiden der Patienten mit Verhaltenstherapien entgegenwirkt. Verdrängte Gefühle können Seele und Körper krank machen. Studien haben gezeigt, dass die Unterdrückung von Gefühlen mit einem erhöhten Blutdruck einhergehen kann.

Der Einfluss des Körpers auf Gefühle und Gedanken

Der Einfluss scheint aber andersherum genauso zu funktionieren, wie verschiedene Psychotherapien nahelegen. Der Sozialpsychologe Jens Förster konnte beispielsweise nachweisen, dass Personen zugänglicher für Wörter mit positiver Bedeutung sind, wenn sie dabei den Kopf nicken. Schüttelt ein Mensch hingegen den Kopf verneinend, dominieren negative Wörter. In einer anderen Studie wiesen Strack und Förster nach, dass Personen, die ihre Arme beugen, weil sie von unten gegen eine Tischplatte drücken sollen, sich an erfreulichere Dinge erinnern als Personen, die von oben auf die Platte drücken und somit ihre Arme durchstrecken.

Der Mensch assoziiert bestimmte Bewegungen mit positiven oder negativen Reizen, die zusammen ablaufen. Die Armbeugung wird zum Beispiel mit dem Heranziehen von etwas verbunden oder mit einer Umarmung. Der durchgestreckte Arm tritt dagegen meist auf, wenn wir etwas von uns wegdrücken und Distanz aufbauen. Emotionale Informationen werden verknüpft mit körperlichen Repräsentationen. Wird ein Knoten in diesem Netzwerk aktiviert, etwa durch die Körperhaltung, dann werden automatisch auch die anderen Knoten aktiviert, wie die emotionale Information.

Stress und das Immunsystem

Psychische Probleme erzeugen Dauer-Stress. Negative Gefühle und Gedanken wie Angst, Wut, Scham und Traurigkeit erzeugen Stress. Permanenter Stress tut uns nicht gut, weder psychisch noch körperlich. Sobald Du Stress empfindest, signalisiert das Gehirn der Nebenniere: Schnell, bitte Cortisol ausschütten! Cortisol wiederum versetzt die unspezifischen Abwehrkräfte (Killerzellen und so) in Alarmbereitschaft. Die machen erst mal Bakterien, Viren und Pilze kalt. Je größer der Stress, desto mehr Lymphozyten schwirren in Deinem Blut herum.

Lesen Sie auch: Tinnitus und Gehirnaktivität: Ein detaillierter Einblick

Bei dauerhaftem Stress fährt der Cortisol-Spiegel im Blut dann nicht mehr herunter, sondern bleibt auf einem hohen Level. Die Folge: Die Cortisole binden sich an weiße Blutkörperchen. Dadurch schütten die Immunzellen weniger Interleukin-1-beta aus. Interleukin steuert die Vermehrung, Aktivität und Bildung von Immunzellen und Antikörper. Weil durch das viele Cortisol weniger Interleukin ins Blut gelangt, ist die Immunabwehr schwächer als normalerweise.

Die Bedeutung positiven Denkens

Ein Forscherteam um Dr. Elise Kalokerinos konnte 2014 erneut belegen, dass positives Denken auf die Gesundheit Einfluss hat. Die Probanden mussten Fotos mit angenehmen und unangenehmen Abbildungen betrachten und sich später daran erinnern. Diejenigen, die sich an die angenehmen Bilder erinnerten, hatten mehr Antikörper im Blut, also ein stärkeres Immunsystem.

"Andauerndes Grübeln über Sorgen und Ängste (Gedankenkarussell) schwächt unser Immunsystem, das ist wissenschaftlich erwiesen (…) unser Denken beeinflusst unsere Gesundheit ebenso wie Ernährung und Bewegung“, bestätigt Katharina Schmid, Pathologin in Wien. Auf die Frage, warum positive Gedanken nicht ausreichen, lautet ihre Antwort: „Weil unser Gehirn unsere Gedanken erst dann ernst nimmt und bereit ist, darauf zu reagieren, wenn diese mit starken Gefühlen kombiniert sind. (…) Schließlich haben wir laut Neurowissenschaft bis zu 70.000 Gedanken täglich. Das Gehirn muss sich daher zwischen wichtigen und unwichtigen Gedanken entscheiden.

Neurowissenschaftliche Perspektiven auf die Seele

Die moderne Hirnforschung versucht, unser gesamtes Seelenleben über Neurone, Netzwerke und chemische Botenstoffe zu erklären. Neurowissenschaftler wie Prof. Dr. Dr. Georg Northoff betonen, dass die Einsicht ins Gehirn, die wir erst seit 20, 30 Jahren haben, die Wissenschaft zu der Aussage verleitet: Alles ist Gehirn. Was wir jedoch noch nicht genau wissen ist, wie neuronale Aktivitäten in mentale Aktivitäten, also in subjektives Erleben, übersetzt werden.

Klar ist nur: Das Gehirn ist eng mit dem Körper verknüpft. So kann etwa die Konzentration auf den Atemrhythmus in der Meditation nach neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen auch die Fluktuation der Hirnwellen bestimmen. Das Gleiche passiert etwa mit einem Gegenüber. Auch hier versucht unser Gehirn, sich mit dem Körper des anderen zu synchronisieren. Was wir als seelische Zustände beschreiben würden - etwa die Verbindung zu anderen Menschen, Gefühle und auch meditative oder ehrfürchtige Zustände - entsteht also aus der Verbindung zwischen Körper, Umwelt und Gehirn.

Unser Seelenleben ist demnach in der Tat mehr als nur Gehirnaktivität: Es entsteht aus einem komplexen Zusammenspiel zwischen Gehirn, Körper und Umwelt. Auch heute noch nehmen wir oft an, dass die seelischen Zustände des Menschen etwas ganz Spezielles sind. Sie sind ein ganz normales Resultat des räumlich-zeitlichen Zusammenspiels zwischen Gehirn, Körper, Umwelt und deren Fluktuation oder Wellen. Man kann seelische Zustände vergleichen mit kleinen und großen Wellen im Meer, die kommen und gehen. Auch Hirnwellen bzw. seelische Zustände sind wahrscheinlich eine Folge von Evolution.

Letztlich ist das aber eine Glaubensfrage. Denn empirische Evidenz dafür erbringen, kann die Wissenschaft nicht - hier stößt die Naturwissenschaft an ihre Grenzen. Sie kann lediglich Hinweise liefern, dass seelische Zustände mit neuronalen Vorgängen und räumlich-zeitlichen Zuständen verbunden sind. Jenseits der empirischen Wissenschaften beginnt der Glaube. Der Glaube kann kohärent mit den empirischen Ergebnissen sein. Dann wird man sagen, dass die empirische Evidenz stark dafür spricht, dass neben Gehirn, Körper und Umwelt die Annahme eines zusätzlichen Schöpfers nicht notwendig ist. Oder man kann in seinem Glauben über die empirischen Ergebnisse und Evidenzen hinausgehen und sagen, dass auch die Beziehung zwischen Gehirn, Körper und Umwelt nur durch einen zusätzlichen Schöpfer erklärt werden kann und dies jenseits der empirischen Möglichkeiten der Neurowissenschaften liegt. Entweder man glaubt es oder nicht.

Anthropologische Perspektiven und die Bedeutung der Bewusstseinskultur

Die Anthropologie befasst sich mit dem Menschen in seiner Gesamtheit, einschließlich seiner biologischen, sozialen und kulturellen Aspekte. In Bezug auf das Gehirn und die Seele untersucht die Anthropologie, wie verschiedene Kulturen das Bewusstsein, die Emotionen und die geistige Gesundheit verstehen und behandeln.

Die moderne Welt mit ihrer weltweiten Kommunikation über das Internet und der zunehmenden Bedeutung von Technologie stellt neue Herausforderungen an unser Bewusstsein. Wir müssen lernen, mit der ständigen Informationsflut und der potenziellen Ablenkung durch digitale Medien umzugehen, ohne abzustumpfen oder süchtig zu werden.

Es bedarf einer neuen Bewusstseinskultur, die uns hilft, die Bewusstseinstechniken der Menschheitsgeschichte zu verstehen und anzuwenden. Diese Bewusstseinskultur sollte nicht mit organisierter Religion oder einer bestimmten politischen Vision zu tun haben, sondern uns dazu befähigen, Verantwortung für unser eigenes Leben zu übernehmen und unsere Beziehung zur Welt bewusst zu gestalten.

tags: #gehirn #seele #anthropologie