Vergesslichkeit ist ein Phänomen, das jeden Menschen betrifft. Es ist normal, gelegentlich Namen zu vergessen oder sich nicht an alle Details eines Ereignisses zu erinnern. Doch wann wird Vergesslichkeit zum Problem, und welche Ursachen, Symptome und Behandlungen gibt es? Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Vergesslichkeit und gibt einen Überblick über Ursachen, Diagnosemöglichkeiten und Behandlungsansätze.
Wie viel Vergesslichkeit ist normal?
Es ist wichtig zu verstehen, dass nicht jede Vergesslichkeit gleich ein Anzeichen für eine ernsthafte Erkrankung wie Alzheimer oder Demenz ist. Jeder Mensch vergisst von Zeit zu Zeit etwas, unabhängig vom Alter. Dies ist ein notwendiger Mechanismus des Gehirns, um sich vor einer Reizüberflutung zu schützen. Eine gewisse "Verpeiltheit" ist normal, solange sie sich in Maßen hält und nicht verstärkt.
Auch im Alter ist es normal, vergesslicher zu sein. Mit den Jahren verlangsamen sich die Prozesse, mit denen das Gehirn Gedächtnisinformationen speichert und abruft. Die Zellen übertragen Informationen langsamer, und die Merkfähigkeit lässt nach. Dies bedeutet jedoch nicht, dass Vergesslichkeit bei älteren Menschen zwangsläufig auf eine Demenz hindeutet. Oft sind auch andere Faktoren wie Flüssigkeitsmangel, Stress oder Erschöpfung die Auslöser.
Wann ist Vergesslichkeit krankhaft?
Es ist schwer zu bestimmen, wann Vergesslichkeit über das normale Maß hinausgeht. Was für den einen schon als Vergesslichkeit gilt, ist für den anderen noch kein Grund zur Sorge. Eine allgemeine Richtlinie besagt, dass Veränderungen in der Gedächtnisleistung, die länger als ein halbes Jahr anhalten und auch für Dritte bemerkbar sind, Warnsignale sein können, die ärztlich abgeklärt werden sollten.
Solche Veränderungen können sich äußern in:
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- Häufiges Vergessen von Terminen, Namen, Passwörtern usw.
- Probleme, sich an alltägliche Worte und Begriffe zu erinnern.
- Das Gefühl, sich an bekannten Orten nicht auszukennen.
- Häufiges Verlegen von Gegenständen wie Schlüssel, Brille oder Fernbedienung.
- Schwierigkeiten bei gewohnten Handlungen wie Bügeln oder dem Wechseln einer Glühbirne.
Alarmglocken sollten schrillen, wenn folgende Anzeichen auftreten:
- Wiederholtes Stellen der gleichen Frage, obwohl die Antwort bereits (mehrfach) gegeben wurde.
- Wiederholtes Erzählen der gleichen Geschichte innerhalb kurzer Zeit (z. B. einer Stunde) gegenüber derselben Person.
- Probleme bei alltäglichen Tätigkeiten und Bewegungsabläufen (z. B. Essen kochen, aber vergessen, es an den Tisch zu bringen).
- Schwierigkeiten, sich an Geschehnisse zu erinnern, die erst vor wenigen Minuten stattgefunden haben.
- Nicht nur Vergessen von Details oder bestimmten Fakten, sondern ganzer Geschehnisse.
- Orientierungsprobleme, auch in bekannter Umgebung.
- Wenig Antrieb, sozialer Rückzug.
Ursachen von Vergesslichkeit
Vergesslichkeit kann viele Ursachen haben. Einige davon sind harmlos und vorübergehend, während andere auf ernsthafte Erkrankungen hindeuten können.
Vorübergehende Ursachen
- Stress: Stress kann die Gedächtnisleistung beeinträchtigen.
- Schlafmangel: Ausreichend Schlaf ist wichtig für die Gedächtniskonsolidierung.
- Flüssigkeitsmangel: Dehydration kann die Gehirnfunktion beeinträchtigen.
- Medikamente: Bestimmte Medikamente wie Schmerzmittel, Beruhigungsmittel, blutdrucksenkende oder entwässernde Medikamente können Vergesslichkeit verursachen.
Grunderkrankungen
- Depressionen, Angsterkrankungen oder Psychosen: Psychische Erkrankungen können kognitive Beeinträchtigungen verursachen.
- Schilddrüsenerkrankungen (Über-/Unterfunktion): Schilddrüsenhormone beeinflussen die Gehirnfunktion.
- Hirnhautentzündung (Meningitis) oder Gehirnentzündung (Enzephalitis): Entzündungen im Gehirn können Gedächtnisstörungen verursachen.
- Schlafapnoe: Atemstillstände im Schlaf können zu Sauerstoffmangel im Gehirn führen.
- Mangelerkrankungen wie Blutarmut (Anämie) oder Vitamin-B12-Mangel: Nährstoffmängel können die Gehirnfunktion beeinträchtigen.
- Nieren- oder Herzschwäche sowie Leberversagen: Organische Erkrankungen können die Gehirnfunktion beeinträchtigen.
- Epilepsie: Anfälle können Gedächtnisstörungen verursachen.
- Hirnverletzungen: Verletzungen des Gehirns können zu Gedächtnisverlust führen.
- Demenzerkrankungen: Demenz ist ein Oberbegriff für verschiedene Erkrankungen, die mit einem Verlust von geistigen Funktionen wie Denken, Erinnern, Orientieren und Verknüpfen von Informationen einhergehen. Die Alzheimer-Krankheit ist die häufigste Form der Demenz.
Altersvergesslichkeit
Im Alter lässt bei vielen Menschen das Erinnerungsvermögen nach. Die Altersvergesslichkeit lässt sich aber deutlich von einer Demenz unterscheiden. Im Alter funktionieren die Gedächtnis schlechter, und die meisten älteren Menschen können sich neu gelernte Informationen und (vor allem unwichtige) Fakten und Einzelheiten von Ereignissen schlechter merken. Alle Organe altern, auch das Gehirn: In bestimmten Teilen des Gehirns sterben im höheren Lebensalter immer mehr Nervenzellen ab. Da das Gehirn im Erwachsenenalter kaum noch neue Zellen nachproduziert, schrumpfen die betroffenen Bereiche und büßen somit an Leistungsfähigkeit ein. All das führt zu geistigen Beeinträchtigungen, die sich durch unterschiedliche Alltagsprobleme äußern können. Häufig macht sich Altersvergesslichkeit bei den Betroffenen dadurch bemerkbar, dass sie Gegenstände verlegen und anstehende Termine oder Details von kürzlich erlebten Ereignissen vergessen. Diese Probleme können auch erste Anzeichen einer Demenz sein. Die geistigen Beeinträchtigungen, zu denen es im Rahmen des normalen Alterungsprozesses kommen kann, sind zudem deutlich schwächer ausgeprägt als die Symptome einer Demenz.
Etwa 10 bis 15 von 100 über 65-Jährigen sind davon betroffen. Im höheren Erwachsenenalter finden im Gehirn viele Veränderungen statt, welche die geistige Leistungsfähigkeit beeinträchtigen können. Unter anderem wird das Gehirn kleiner, weil immer mehr Nervenzellen absterben. Zugleich schwindet ein Teil der Nervenfasern, die verschiedene Hirnbereiche miteinander verbinden. Diese und andere altersbedingte Verfallsprozesse im Gehirn gelten als wichtigste Ursachen der Altersvergesslichkeit. Auch eine Demenz wird dadurch verursacht, dass Nervenzellen absterben. Allerdings vollzieht sich dieser Verfallsprozess bei einer Demenz deutlich schneller als bei nicht krankhafter Altersvergesslichkeit.
Wie früh der geistige Verfallsprozess einsetzt und wie rasch er fortschreitet, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Studien legen nahe, dass bestimmte Risikofaktoren altersbedingte Gedächtnisstörungen und Demenzerkrankungen begünstigen können. Vergesslichkeit im Alter kann zudem als Folge bestimmter Erkrankungen auftreten. Dazu zählen zum Beispiel Gehirntumoren oder -blutungen sowie Infektionskrankheiten, die sich auf das Gehirn ausbreiten (z.B. Neuroborreliose, FSME).
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Die Symptome der Altersvergesslichkeit machen sich nicht plötzlich bemerkbar, sondern schleichend: Die Merkfähigkeit lässt über einen längeren Zeitraum hinweg nach. Die Betroffenen bemerken das häufig dadurch, dass sie Gegenstände verlegen und Informationen vergessen, die sie in jüngerer Vergangenheit erhalten haben (z.B. Auch denken ältere Menschen mitunter etwas langsamer, weil ihr Gehirn länger braucht, um Informationen zu verarbeiten. Im Gegensatz zur Demenz schreitet Altersvergesslichkeit nicht oder kaum fort. Wenn sich die Symptome nicht oder nur sehr langsam verstärken, besteht also normalerweise kein Grund zur Sorge. Verschlechtern sich die geistigen Fähigkeiten binnen kurzer Zeit sehr stark, ist dies häufig ein Anzeichen dafür, dass die Altersvergesslichkeit in eine Demenz übergeht.
Vergessen wichtiger Gedächtnisinhalte: Menschen mit Demenz entfallen nicht nur unbedeutende Einzelheiten von Ereignissen oder nebensächliche Fakten, sondern auch Ereignisse oder Informationen, die für sie von großer Bedeutung sind.ausgeprägte Orientierungsstörungen: An Demenz erkrankte Menschen haben oft große Schwierigkeiten, sich in ihrer gewohnten Umgebung zu orientieren. Typisch ist auch, dass sie den aktuellen Wochentag oder sogar den Monat oder das Jahr vergessen.Antriebsstörungen (z.B.
Diagnose von Vergesslichkeit
Wenn der Verdacht besteht, dass die Vergesslichkeit auf einer ernsthaften Gedächtnisstörung beruhen könnte, können verschiedene Untersuchungen und Tests Klarheit bringen.
Anamnese
Zunächst wird der Arzt im Gespräch Informationen zur Krankengeschichte einholen (Anamnese). Mögliche Fragen sind:
- Wie häufig lässt Sie Ihr Gedächtnis im Stich?
- Seit wann besteht die Vergesslichkeit?
- Haben Sie den Eindruck, Ihre Vergesslichkeit nimmt zu?
- Können Sie sich Dinge nicht mehr merken, die früher kein Problem für Sie waren?
- Können Sie vertraute Arbeitsabläufe nicht mehr richtig ausführen?
- Nehmen Sie irgendwelche Medikamente? Wenn ja, welche?
Demenztests
Vermutet der Arzt, dass Sie möglicherweise eine Demenz entwickeln, können neuropsychologische Demenztests weiterhelfen. Bei diesen Tests beobachtet der Arzt unter anderem, wie konzentriert Sie bestimmte Aufgaben erfüllen und ob Sie unter einer Konzentrationsschwäche leiden.
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Ein bekannter Test ist der Uhrentest: Dabei legt der Arzt Ihnen ein Blatt Papier mit einem leeren Kreis darauf vor. In diesen Kreis sollen Sie dann die Ziffern einer Uhr eintragen sowie den Stunden- und Minutenzeiger so einzeichnen, dass sie eine bestimmte Uhrzeit anzeigen. Menschen mit einer Demenz gelingt dies oft nicht.
Weitere Untersuchungen
Routinemäßig wird auch eine körperliche Untersuchung durchgeführt, einschließlich Blutdruckmessung. Um mehr über Zustand und Leistungsfähigkeit des Nervensystems zu erfahren, wird der Arzt unter anderem die Muskel- und Pupillenreflexe testen (im Rahmen einer neurologischen Untersuchung). Weitere Untersuchungen hängen zum Teil davon ab, welche Ursache der Arzt hinter den Beschwerden vermutet.
Besonders hilfreich können bildgebende Untersuchungen sein: Lässt sich mittels Computertomografie (CT) oder Kernspintomografie (Magnetresonanztomografie, MRT) eine Schrumpfung des Gehirns feststellen, spricht das für eine Demenz als Ursache der Vergesslichkeit. Bei Verdacht auf eine Lebererkrankungen oder Nierenversagen wird der Arzt unter anderem eine Bauch-Ultraschall machen.
Eine Messung der Herzströme (EKG) gibt Aufschluss über den Herzrhythmus und die Herzfrequenz. Wichtig ist das beispielsweise bei Verdacht auf eine Herzschwäche. Eine Messung der Hirnströme (EEG) erlaubt eine Beurteilung der Hirnaktivität.
Hilfreich kann auch eine Untersuchung des Nervenwassers sein (Liquordiagnostik). Dazu entnimmt der Arzt mit einer dünnen Hohlnadel eine Probe des Nervenwassers aus dem Rückenmarkskanal (Lumbalpunktion).
Bei Verdacht auf Parkinson führt der Arzt zusätzlich zu den oben genannten Verfahren einen L-Dopa-Test sowie eine Sonderform der Computertomografie - Single Photon Emission Computed Tomography (SPECT) - durch.
Das Schlafapnoe-Syndrom lässt sich mithilfe schlafmedizinischer Untersuchungen im Schlaflabor diagnostizieren.
Blutuntersuchungen sind beispielsweise bei Verdacht auf Leberversagen, Nierenversagen, Schilddrüsenerkrankungen, Blutarmut sowie Alkohol- und Drogenmissbrauch aufschlussreich. Vermutet der Arzt ein Nierenversagen, kann auch eine Urinuntersuchung Klarheit bringen. Eine Bauchspiegelung (Laparoskopie) hilft bei der Abklärung vermuteter Lebererkrankungen.
Bei psychischen Störungen (Depression, Angststörungen) als Ursache der Vergesslichkeit kommen psychologische Tests zur Anwendung.
Behandlung von Vergesslichkeit
Die Behandlung von Vergesslichkeit richtet sich nach der Ursache.
Behandlung von vorübergehenden Ursachen
- Stress: Entspannungstechniken wie Autogenes Training, Yoga oder Progressive Muskelentspannung können helfen.
- Schlafmangel: Für ausreichend Schlaf sorgen.
- Flüssigkeitsmangel: Ausreichend trinken.
- Medikamente: Mit dem Arzt über die Einnahme von Medikamenten sprechen und gegebenenfalls Alternativen suchen.
Behandlung von Grunderkrankungen
Die Behandlung der Grunderkrankung kann die Vergesslichkeit verbessern. Beispielsweise kann ein Vitamin-B12-Mangel durch die Einnahme von entsprechenden Präparaten behoben werden. Bei Depressionen oder Angststörungen kann eine Psychotherapie hilfreich sein.
Behandlung von Demenz
Es gibt verschiedene Medikamente, die bei Demenz eingesetzt werden können (Antidementiva). Diese können das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen und die Symptome lindern. Seit Kurzem gibt es ein neues Medikament namens Leqembi, das im frühen Stadium von Alzheimer helfen kann. Es richtet sich an Menschen mit leichter geistiger Einschränkung oder beginnender Demenz. Im Gehirn von Alzheimer-Patienten lagern sich bestimmte Eiweiße ab, die Nervenzellen schädigen. Leqembi hilft dabei, diese schädlichen Eiweißablagerungen zu erkennen und abzubauen. So kann das Medikament das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen. Diese neue Behandlung bedeuten einen wichtigen Fortschritt in der Alzheimer-Therapie.
Neben der medikamentösen Therapie gibt es auch nicht-medikamentöse Therapieansätze, die helfen können, die Lebensqualität von Demenzpatienten zu verbessern. Dazu gehören Verhaltenstherapie, Physiotherapie und Ergotherapie.
Natürliche Hilfen
Auch in der Natur gibt es zahlreiche Hilfen, um das Gedächtnis zu unterstützen. Die am besten erforschte Heilpflanze zur Förderung der geistigen Leistungsfähigkeit ist Ginkgo biloba, welches auch als Arzneimittel zur Therapie eingesetzt wird. Daneben gibt es einige Pflanzen, denen eine positive Wirkung auf das Gedächtnis nachgesagt wird und die unterstützend bei leichten Gedächtnisstörungen eingenommen werden können: Dazu zählen Grüner Tee, Ginseng, Rosenwurz und Tigergras.
Tipps für ein gesundes Gehirn
Auch im Alltag gibt es zahlreiche Möglichkeiten, etwas für das Gehirn und den Erhalt der geistigen Leistungsfähigkeit zu tun. Dazu gehören:
- Gesunde Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst, Gemüse und Vollkornprodukten ist wichtig für die Gehirnfunktion. Studien legen nahe, dass die sogenannte Mittelmeerkost möglicherweise vor Demenz schützt.
- Regelmäßige Bewegung: Bewegung fördert die Durchblutung des Gehirns und kann die Gedächtnisleistung verbessern.
- Gedächtnistraining: Kognitive Übungen und Gedächtnistrainings können helfen, die grauen Zellen auf Trab zu halten.
- Soziale Kontakte: Soziale Interaktion und geistige Anregung sind wichtig für die Gehirnfunktion.
Wann zum Arzt?
Nicht jeder geistige Aussetzer bedeutet, dass Sie sofort einen Arzt aufsuchen müssen. Es können auch harmlose Ursachen wie Stress, Müdigkeit, Flüssigkeitsmangel oder Schlafstörungen hinter der Vergesslichkeit stecken.
Wenn Ihr Gedächtnis allerdings häufiger streikt und die oben aufgelisteten Warnzeichen und Alarmsignale auftreten, sollten Sie die Ursache Ihrer Vergesslichkeit von einem Arzt abklären lassen. Oft sind auch Hinweise nahestehender Menschen hilfreich bei der Erkennung einer beginnenden Demenz.
Der erste Ansprechpartner sollte jedenfalls Ihr Hausarzt sein. Er wird Sie bei Bedarf zum Facharzt (Neurologen) überweisen. Darüber hinaus gibt es auch spezialisierte Gedächtnissprechstunden für Menschen, die unter (möglicherweise krankhafter) Vergesslichkeit leiden.