Demenz ist eine der größten medizinischen Herausforderungen unserer Zeit, gekennzeichnet durch den Abbau kognitiver Fähigkeiten, der mit erheblichen Einschränkungen im täglichen Leben einhergeht. Weltweit leiden etwa 55 Millionen Menschen an Demenz, und jährlich kommen schätzungsweise 10 Millionen neue Fälle hinzu. Da es derzeit keine wirksame Behandlung gibt, ist es von großer Bedeutung, die Krankheitsentwicklung von leichten kognitiven Beeinträchtigungen bis hin zur Demenz zu verlangsamen. Die Forschung konzentriert sich zunehmend auf präventive Maßnahmen, wobei die Rolle von Vitaminen und anderen Mikronährstoffen in den Fokus rückt.
Demenz im jüngeren Lebensalter (Young Onset Dementia)
Demenz betrifft in der Regel ältere Menschen, aber es gibt auch Fälle von Demenz im jüngeren Lebensalter, bei denen erste Symptome bereits vor dem 65. Lebensjahr auftreten. Schätzungen zufolge sind etwa 100 von 100.000 Menschen in der Altersgruppe von 45 bis 65 Jahren betroffen. Die Symptome können durch verschiedene Erkrankungen verursacht werden, wobei das Absterben von Nervenzellen oder eine unzureichende Sauerstoffversorgung des Gehirns aufgrund von Gefäßverschlüssen häufige Ursachen sind.
Eine britische Studie aus dem Jahr 2023 identifizierte 15 Risikofaktoren für Demenz bei unter 65-Jährigen, was die Notwendigkeit unterstreicht, Risikofaktoren frühzeitig zu erkennen und anzugehen.
Vitamin-D-Mangel und Demenzrisiko
Einige Studien deuten auf einen Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Mangel und einem erhöhten Demenzrisiko hin. Eine prospektive Beobachtungsstudie in Neurology zeigte, dass Senioren mit niedrigen Vitamin-D-Konzentrationen ein doppelt so hohes Risiko hatten, an Demenz oder Morbus Alzheimer zu erkranken. Eine Konzentration von 50 nmol/l schien notwendig, um eine Demenzerkrankung zu vermeiden.
Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass diese Ergebnisse aus Beobachtungsstudien stammen und nicht beweisen, dass eine Vitamin-D-Substitution Demenzerkrankungen vorbeugen kann. Eine randomisierte klinische Studie steht noch aus, um diese Frage abschließend zu klären. Eine Post-hoc-Analyse der Calcium/Vitamin D Supplementation Study ergab sogar, dass in den ersten 7,8 Jahren der Vitamin-D-Substitution tendenziell mehr Demenzerkrankungen auftraten.
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Im Allgemeinen wird ein Vitamin-D-Mangel eher mit Auswirkungen auf die Knochengesundheit in Verbindung gebracht, wie z. B. Rachitis bei Kindern und Knochenerweichung bei Erwachsenen. Es gibt auch Hinweise auf Zusammenhänge mit Bluthochdruck, Diabetes mellitus Typ 2 sowie kardiovaskulären oder Krebserkrankungen.
B-Vitaminmangel und Demenz
Forschungen der Tufts University aus Massachusetts deuten darauf hin, dass ein Mangel an bestimmten B-Vitaminen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Demenz erhöhen kann. Besonders im Alter wird die Aufnahme von Vitamin B12 oft zum Problem. Etwa jeder zweite Mensch über 75 Jahre kann Vitamin B12 aus der Nahrung nur noch eingeschränkt aufnehmen, was auf eine veränderte Magenschleimhaut zurückzuführen ist.
Ein Vitamin-B12-Mangel kann gravierende Auswirkungen haben, da er zu geistigem Abbau und gefäßbedingter Demenz beitragen kann. Standard-Bluttests erfassen jedoch oft nur den Gesamtwert von Vitamin B12, nicht aber dessen tatsächliche Verfügbarkeit für den Körper.
Orthomolekulare Medizin zur Demenz-Prävention
Die orthomolekulare Medizin, die von Linus Pauling geprägt wurde, setzt auf die Versorgung des Körpers mit optimalen Konzentrationen natürlicher Mikronährstoffe, um Gesundheit zu erhalten und Krankheiten vorzubeugen. Studien deuten darauf hin, dass bestimmte Nährstoffe und Lebensstilfaktoren das Fortschreiten einer beginnenden Demenz verlangsamen und präventiv wirken können.
Alzheimer verstehen: Pathophysiologie und Angriffspunkte für Mikronährstoffe
Alzheimer-Demenz ist eine komplexe neurodegenerative Erkrankung, bei der Gehirnzellen absterben und geistige Fähigkeiten verloren gehen. Typisch sind Eiweißablagerungen im Gehirn, chronische Entzündungsreaktionen, oxidativer Stress und Störungen im Energiestoffwechsel. Mikronährstoffe können an verschiedenen Stellen dieser Krankheitsentwicklung ansetzen:
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- Antioxidativer Schutz: Antioxidantien wie Vitamin C, Vitamin E, Carotinoide und Selen neutralisieren freie Radikale und schützen die Zellen.
- Entzündungshemmung: Omega-3-Fettsäuren, Vitamin D und bestimmte Pflanzenstoffe wirken entzündungsmodulierend im Nervensystem.
- Homocystein und Gefäßgesundheit: B-Vitamine (B₆, B₁₂ und Folsäure) senken den Homocysteinspiegel, der mit einem erhöhten Alzheimer-Risiko korreliert.
- Energiehaushalt und Insulinsignalwege: B-Vitamine, Coenzym Q10, Magnesium und L-Carnitin unterstützen den Energiestoffwechsel der Zellen.
- Neurotransmitter und Synapsen: Vitamine und Aminosäuren sind Bausteine für Neurotransmitter, die für die Signalübertragung im Gehirn wichtig sind.
- Amyloid-Clearance: Vitamin D moduliert die Immunabwehr und fördert in Laborversuchen den Abbau von Amyloid-β durch Immunzellen.
Wichtigste Mikronährstoffe zur Demenz-Prävention
- B-Vitamine (B₆, B₁₂, Folsäure): Schützen Nervenzellen, senken Homocystein und beugen Hirnatrophie vor.
- Omega-3-Fettsäuren (DHA/EPA): Entzündungshemmende Fette, essentiell für Hirnmembranen und Synapsen.
- Vitamin D: Wichtig für Immunfunktion und Schutzmechanismen im Gehirn.
- Antioxidantien (Vitamin C, E, Selen): Neutralisieren freie Radikale im Gehirn.
- Magnesium: Wichtig für die Signalübertragung zwischen Gehirnzellen und Gedächtnisbildung.
- Zink & Selen: Essentiell für Wachstum und Reparatur von Nervenzellen.
- Coenzym Q10 & L-Carnitin: Unterstützen die Mitochondrien (Kraftwerke der Zelle).
- Lithium (Spurenelement): Könnte das Fortschreiten von Alzheimer verlangsamen.
B-Vitamine im Detail
Die Vitamine B₆ (Pyridoxin), B₉ (Folat) und B₁₂ (Cobalamin) sind Schlüsselstoffe für das Nervensystem. Sie werden für die Myelinisierung, die DNA-Reparatur und die Bildung von Neurotransmittern benötigt. Besonders bekannt ist ihre Rolle im Homocystein-Stoffwechsel: Gemeinsam wandeln sie das Zellgift Homocystein in Methionin bzw. Cystein um.
Ein Überschuss an Homocystein wirkt gefäßschädigend und ist neurotoxisch. Erhöhte Homocysteinspiegel werden bei Alzheimer-Patienten überdurchschnittlich häufig gefunden. Die VITACOG-Studie in Oxford zeigte, dass hochdosierte B-Vitamine die Hirnatrophie bei älteren Menschen mit leichten Gedächtnisproblemen verlangsamen können.
Im Rahmen der Demenzprävention wird empfohlen, bei Erwachsenen (insbesondere ab 50+) den Homocysteinwert im Blut bestimmen zu lassen. Ist dieser erhöht, sollte nach Rücksprache mit dem Arzt eine B-Vitamin-Supplementierung erfolgen.
Vitamin B₁₂ sollte im Alter regelmäßig kontrolliert werden, da schätzungsweise 10-30% der Senioren einen Mangel haben, der zu irreversiblen Nervenschäden führen kann.
Homocystein und Demenz: Weitere Forschungsergebnisse
Zahlreiche Studien haben eine Assoziation zwischen erhöhten Homocysteinspiegeln und kognitiven Einschränkungen bis hin zur Demenz gezeigt. Eine Meta-Analyse ergab, dass erhöhtes Homocystein das Risiko für kognitive Einschränkungen, Demenz und AD um durchschnittlich 53 %, 77 %, 50 % bzw. 15 % erhöht.
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Die Entwicklung einer kognitiven Einschränkung bis hin zu einer Demenz ist ein multifaktorielles Geschehen. Eine Ernährung mit einer unzureichenden Aufnahme von Vitalstoffen kann die Ursache für einen Mangel an B-Vitaminen mit nachfolgender Homocystein-Erhöhung sein. Mehrere prospektive Studien haben jedoch gezeigt, dass eine Homocystein-Erhöhung unabhängig vom B-Vitamin-Status mit kognitiven Einschränkungen assoziiert ist.
Die VITACOG-Studie zeigte, dass eine Gabe von Folsäure, Vitamin B12 und Vitamin B6 die Hirnatrophie-Rate im Vergleich zu Placebo um ca. 30 % reduzierte, wobei es zu einer Absenkung des Homocysteins um ca. 32 % kam. Der therapeutische Effekt war am größten im Quartil mit den höchsten Homocystein-Konzentrationen. Signifikante Interaktionen ergeben sich zwischen der B-Vitamin-Gabe und der Versorgungslage bezüglich der Omega-3-Fettsäuren.
Die D.A.CH.-Liga Homocystein empfiehlt folgende tägliche Dosierungen: Folsäure: 200-800µg, Vitamin B 12: 3-100 µg, Vitamin B6: 2-6 mg.
Pathomechanismen der Homocystein-induzierten Neurodegeneration
Für die Schädigung von Nervenzellen durch erhöhtes Homocystein werden verschiedene Pathomechanismen diskutiert:
- Homocystein kann die Funktion von Proteinen stören, indem es an Proteine bindet.
- Homocystein scheint direkt das Endothel zu schädigen und so über eine Mikroangiopathie zu Neurodegeneration und vaskulärer Demenz beizutragen.
- Homocystein kann oxidativen Stress auslösen, der im Gehirn zu DNA-Schäden führen kann.
- Homocystein in der oxidierten Form wirkt als Agonist am N-Methyl-D-Aspartat-(NMDA-)Rezeptor, der den Calciumeinstrom in Neuronen reguliert und so zu Hyperexzitation als Mechanismus der Neurodegeneration führt.
- Niedrige Folatspiegel reduzieren die Methylierungskapazität und die dadurch erhöhten Homocysteinspiegel sind unmittelbar mit neurodegenerativen Stoffwechselprozessen verknüpft.
- Homocystein kann Kupfer binden und dadurch die von Kupfer abhängigen Enzyme, wie zum Beispiel die Cytochrom-C-Oxidase (COX), empfindlich stören.
Weitere Studien und Erkenntnisse
Eine Studie aus Stockholm 2010 zeigte, dass durch die Gabe von verschiedenen B-Vitaminen (vor allem B12 und B6) und Folsäure bei Patienten mit leichten kognitiven Einschränkungen der Abbau von Nervenzellen um rund ein Drittel verlangsamt werden konnte.
Eine Studie im Journal of the American Medical Association konnte jedoch 2008 nicht nachweisen, dass eine hochdosierte Kombination mit Vitamin B12, B6 und Folsäure über 18 Monate bei Alzheimer-Patienten die kognitive Leistung verbesserte.
Eine Studie von 2017 beobachtete bei Probanden mit einem Nährstoffgemisch aus u.a. essenziellen Fettsäuren, Vitamin B12, 6, C, E und Folsäure und Selen, dass die klinische Einschätzung der Demenz sich bei 45 Prozent weniger verschlechterte. MRT-Bilder zeigten geringere Schrumpfungen von Hirnregionen, wie dem Hippocampus - um 26 Prozent, als bei der Gruppe ohne den Nährstoffmix.
Vitamin B12 und Nervenschutz
Vitamin B12 übernimmt viele wichtige Aufgaben in unserem Stoffwechsel und ist unter anderem essenziell daran beteiligt, unsere Nerven zu schützen. Ohne Cobalamin können die Myelinscheiden nicht gebildet werden. Diese umhüllen unsere Nervenfasern und sorgen für die korrekte Übertragung der in den Nervenströmen enthaltenen Informationen.
Da Vitamin B12 über lange Zeit in der Leber abgespeichert wird, entwickelt sich ein Mangel an diesem Vitamin schleichend und über einen längeren Zeitraum. Die Mangelsymptome sind vielfältig und können sehr lange als „Alterserscheinung“ abgetan werden.
Ein Vitamin-B12-Mangel wird häufig erst dann erkannt, wenn sich das typischste Vitamin B12-Mangelsymptom - eine hyperchrome Anämie - ausbildet. Durch den Vitamin-B12-Mangel ausgelöste neurologische Schäden können unbemerkt weitaus früher entstehen und sind, wenn sie zu lange unbehandelt bleiben, irreversibel.
Eine britische Studie stellte bereits 2003 fest, dass das Risiko für einen Vitamin-B12-Mangel mit zunehmendem Alter ansteigt.
Ursachen für Vitamin-B12-Mangel
Die Ursachen für einen Vitamin-B12-Mangel liegen meist entweder an einer zu geringen Vitamin-Zufuhr mit der Nahrung - etwa bei einer einseitigen Ernährungsweise und geringem Appetit, oder an einer gestörten Aufnahme des Vitamins im Magen-Darm-Trakt durch die natürliche Abnahme des Transportproteins im Alter. Krankheiten, die die Aufnahme von Vitamin B12 aus dem Darm zudem beeinträchtigen können, sind chronische Darm- und Magenerkrankungen. Auch die Einnahme von Diabetes-Medikamenten, wie Metformin, und Protonenpumpenhemmern stören die Aufnahme von Vitamin B12.
Diagnose und Behandlung von Vitamin-B12-Mangel
Wenn ein Verdacht auf einen Vitamin-B12-Mangel besteht, sollte er rasch geklärt werden. Bitte klären Sie dies mit Ihrem Arzt. Ein einfaches Blutbild ist allerdings nicht die geeignetste Methode, um einen Mangel festzustellen. Besser geeignet ist eine Messung der verschiedenen Marker eines Vitamin-B12-Mangels, bis die Diagnose gesichert ist. Dann kann durch eine Therapie mit hochdosiertem Vitamin B12 in Tablettenform oder, zu Beginn bei einem schwerwiegenden Mangel, in Spritzenform ein Mangel unkompliziert ausgeglichen werden.
Weitere Risikofaktoren und Präventionsansätze
Neben Vitaminmangel spielen auch andere Faktoren eine Rolle bei der Entstehung von Demenz, wie z. B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronische Entzündungen und Schwerhörigkeit. Eine gesunde Ernährung, regelmäßige körperliche Bewegung und die Behandlung von Risikofaktoren können dazu beitragen, das Demenzrisiko zu senken.
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