Gehirntraining für Sehbehinderte: Wege zur Förderung kognitiver Fähigkeiten und Anpassung an den Alltag

Sehbehinderungen können das Leben erheblich beeinflussen, aber innovative Gehirntrainingsmethoden eröffnen neue Möglichkeiten zur Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten und zur Anpassung an den Alltag. Dieser Artikel beleuchtet verschiedene Aspekte des Gehirntrainings für Sehbehinderte, von den wissenschaftlichen Grundlagen bis hin zu praktischen Anwendungen und Erfahrungsberichten.

Einführung

Die Vorstellung, dass das Gehirn im Erwachsenenalter nicht mehr formbar ist, hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend gewandelt. Neurowissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass auch ausgereifte Sinnessysteme wie das Sehsystem eine bemerkenswerte Plastizität besitzen. Diese Fähigkeit des Gehirns, sich an neue Bedingungen anzupassen, eröffnet vielversprechende Perspektiven für Menschen mit Sehbehinderungen. Durch gezieltes Training können verloren gegangene oder beeinträchtigte Funktionen teilweise kompensiert und die Lebensqualität verbessert werden.

Ursachen und Auswirkungen von Sehbehinderungen

Sehbehinderungen können vielfältige Ursachen haben. Hirnschädigungen, etwa durch Schlaganfälle, Hirnverletzungen oder Tumoren, können zu Gesichtsfeldausfällen führen. Ein Beispiel ist die Halbseitenblindheit, bei der jeweils eine Hälfte des Gesichtsfelds auf beiden Augen ausfällt. Solche Ausfälle beeinträchtigen die Orientierung im Alltag erheblich und erschweren Tätigkeiten wie Lesen.

Die Plastizität des Sehsystems: Eine neue Perspektive

Lange Zeit galt das Sehsystem Erwachsener als zu fest verschaltet, um größere Ausfälle kompensieren zu können. Doch Tierversuche und medizinische Beobachtungen zeigten, dass auch ausgereifte Sinnessysteme in gewissem Grade plastisch sind und sich auf neue Bedingungen einstellen können. Studien an Tieren haben beispielsweise gezeigt, dass sich ein Sehvermögen durchaus nachträglich aufbauen lässt, auch wenn die Entwicklung gestört wurde.

Computergestütztes Sehtraining: Eine innovative Therapie

An der Universität Magdeburg wurden Therapien für hirnorganisch bedingte Sehschäden entwickelt. Mit einem speziellen computergestützten Sehtraining konnten in den letzten eineinhalb Jahrzehnten mehrere hundert Betroffene so behandelt werden, dass sich ihr Gesichtsfeld wieder erweiterte. Viele dieser Behandelten empfinden die Verbesserung als deutlichen Gewinn, insbesondere wenn sie im zentralen Sehfeld liegt. Sie fühlen sich dadurch beim Hantieren und Umhergehen sicherer als vorher. Manche trauen sich sogar wieder zu, Fahrrad zu fahren, oder können besser lesen.

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Die Methode

Das computergestützte Sehtraining basiert auf der systematischen Stimulation des Grenzbereichs zwischen dem funktionstüchtigen und dem blinden Gebiet des Gesichtsfelds. Die Patienten trainieren zu Hause mit einem individuell abgestimmten Programm, das sie bei jeder Sitzung viele hundert Mal mit einzelnen Lichtpunkten am Bildschirm konfrontiert.

Wissenschaftliche Evidenz

Die Wirksamkeit des computergestützten Sehtrainings wurde in mehreren Studien nachgewiesen. In einer Doppelblindstudie aus den 1990er Jahren erweiterte sich das Gesichtsfeld eines Großteils der trainierten Patienten um mehrere Winkelgrade. Dagegen hatte sich bei den Teilnehmern der Scheinübungen der blinde Bereich im Durchschnitt sogar noch ein wenig vergrößert.

Neurowissenschaftliche Erklärungen

Die Trainingserfolge lassen sich durch die Plastizität des Sehsystems erklären. Studien haben gezeigt, dass Zellen der Sehrinde nach Gehirnläsionen ihr rezeptives Feld vergrößern können. Zudem können Nervenzellen der Hirnrinde ihren Einzugsbereich infolge neuer Beanspruchung sofort etwas vergrößern.

Weitere Therapieansätze

Neben dem computergestützten Sehtraining gibt es weitere Therapieansätze, die darauf abzielen, die kognitiven Fähigkeiten von Menschen mit Sehbehinderungen zu verbessern. Dazu gehören:

  • Ergotherapeutisches Hirnleistungstraining: Dieses Training wird zur gezielten Therapie von neuropsychologischen Krankheiten eingesetzt, um aktiv einer Störung der kognitiven Fähigkeiten entgegenzuwirken. Es werden verschiedene Methoden kombiniert, um den größten Erfolg zu erzielen, darunter online Hirnleistungstraining, Arbeitsblätter und die Nachstellung von Alltagssituationen.
  • Gehirnjogging: Gehirnjogging-Übungen trainieren ebenfalls die kognitiven Fähigkeiten und sind eine perfekte Ergänzung zum Hirnleistungstraining.
  • Balance-Training: Eine Balance-Trainingsstudie mit sehenden und blinden Menschen zeigte, dass ein 12-wöchiges Balancetraining im Vergleich zu einer Kontrollgruppe Verbesserungen im Gedächtnis und räumlichen Vorstellungsvermögen bewirken kann. Bei blinden Teilnehmern konnte gezeigt werden, dass sie nach 12 Wochen Training in Balancetests genauso gut abschnitten wie untrainierte sehende Personen mit geöffneten Augen.

Sport und Bewegung als wichtiger Baustein

Bewegungsmangel kann gravierende Folgen haben, während sportliche Betätigung Erfolgserlebnisse verschafft und die Bewältigung einer Behinderung erleichtern kann. Mit gezielten Übungen können zudem behinderungsbedingte Probleme ausgeglichen werden. Viele sehbehinderte und blinde Menschen wissen nicht, dass ihnen zahlreiche sportliche Betätigungsfelder offenstehen. Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) setzt sich dafür ein, die Vielfalt der möglichen Sportarten zu vermitteln.

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Angebote und Anlaufstellen

Der DBSV bietet eine Vielzahl von Informationen und Angeboten zum Thema Sport und Bewegung für Sehbehinderte. Dazu gehört die Broschüre „Fit auch mit Sehbehinderung“, die praktische Tipps und Adressen verschiedener Ansprechpartner liefert. Es gibt auch spezielle Angebote wie Tandemfahren, Gymnastik und Showdown.

Inklusion im Fitnessstudio

Sport im Studio hat Vorteile, da man an einem Ort ganz nach den individuellen Wünschen trainieren und sich dazu fachkundigen Rat holen kann. Der DBSV hat eine Liste von Fitnessstudios zusammengestellt, die sich auf sehbehinderte und blinde Besucher einstellen und ihnen die Benutzung der Maschinen erklären.

Spiele und Sinnesanregung

Spiele für sehbehinderte Menschen sind speziell darauf ausgelegt, Senioren mit einer visuellen Beeinträchtigung dabei zu unterstützen, aktiv zu bleiben und Freude am Spielen zu haben. Da das Sehvermögen mit zunehmendem Alter häufig nachlässt, konzentrieren sich diese Spiele darauf, andere Sinne wie Hören, Fühlen und Riechen zu stimulieren. Diese Spiele ermöglichen es, an Aktivitäten teilzunehmen, ohne auf gutes Sehvermögen angewiesen zu sein.

Kognitive Stimulation durch Spiele

Kognitive Stimulation durch Spiele ist von großer Bedeutung, sowohl für Jung als auch für Alt, aber besonders auch für Menschen mit Einschränkungen wie einer Sehbehinderung. Das aktive Einbeziehen des Gehirns durch Spiele unterstützt nicht nur die kognitiven Funktionen, sondern fördert auch das Gedächtnis, die Konzentration und die Problemlösungsfähigkeit.

Erfahrungsberichte und Erfolge

Die Erfolge des Gehirntrainings für Sehbehinderte sind vielfältig und reichen von der Erweiterung des Gesichtsfelds bis hin zur Verbesserung der Orientierung und Lebensqualität. Viele Betroffene berichten von einem deutlichen Gewinn an Sicherheit und Selbstständigkeit im Alltag. Einige trauen sich sogar wieder zu, Fahrrad zu fahren oder besser zu lesen.

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NeuroNation als Unterstützung

Ergänzend zum Hirnleistungstraining kann die NeuroNation App genutzt werden, um das Gehirn zu trainieren und damit den Effekt zu verstärken. Das Gehirntraining kann die Gedächtnisleistung erhöhen, und die spielerische Gestaltung der Übungen sorgt für Motivation.

Herausforderungen und Perspektiven

Trotz der vielversprechenden Erfolge gibt es auch Herausforderungen. Nicht alle Patienten profitieren gleichermaßen von den Trainingsprogrammen, und es bedarf weiterer Forschung, um die Mechanismen der Plastizität des Sehsystems besser zu verstehen. Zukünftige Studien könnten dazu beitragen, die Trainingsmethoden zu optimieren und sie noch individueller auf die Bedürfnisse der Betroffenen anzupassen.

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