Die Parkinson-Krankheit ist eine fortschreitende neurologische Erkrankung, die sich durch motorische Symptome wie Zittern, Muskelsteifheit, verlangsamte Bewegungen und Gleichgewichtsprobleme auszeichnet. Obwohl es keine Heilung gibt, können verschiedene Therapieansätze die Symptome lindern und die Lebensqualität der Betroffenen verbessern. Ein wichtiger Bestandteil dieser Therapie ist regelmäßiges körperliches Training und gezielte Übungen.
Die vier Säulen der Parkinson-Therapie
Die moderne Therapie des Parkinson-Syndroms basiert auf vier wesentlichen Pfeilern:
- Medikamentöse Kombinationsbehandlung: Diese hat in den letzten Jahrzehnten große Erfolge erzielt und wird ständig weiterentwickelt.
- Tiefenhirnstimulation: Ein neurochirurgischer Eingriff, der bei bestimmten Patienten in Frage kommt.
- Begleittherapie: Diese zielt darauf ab, verloren gegangene oder eingeschränkte Fähigkeiten und automatische Bewegungen wiederzuerlernen.
- Aktivierende Therapien: Ergänzen die medikamentöse Behandlung und helfen, die fortschreitende Bewegungsverarmung zu vermeiden.
Die Begleittherapie, insbesondere die Physiotherapie, spielt eine entscheidende Rolle bei der Verbesserung der Lebensqualität von Parkinson-Patienten. Durch gezielte Übungen können Patienten im Alltag besser zurechtkommen und ihre Selbstsicherheit, ihr Selbstvertrauen und ihre Motivation steigern.
Bedeutung der Physiotherapie bei Parkinson
Die Physiotherapie ist ein wesentlicher Bestandteil der Begleittherapie bei Parkinson. Sie zielt darauf ab, die Beweglichkeit zu verbessern, die Muskelkraft zu stärken, das Gleichgewicht zu schulen und die Koordination zu fördern. Eine frühzeitige und kontinuierliche Physiotherapie kann dazu beitragen, die Symptome der Parkinson-Krankheit zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
Erfassung der Symptomatik
Voraussetzung für eine erfolgreiche Physiotherapie ist die genaue Erfassung der Symptomatik und der spezifischen Funktionen aus krankengymnastischer Sicht. Dies ermöglicht es, ein therapeutisches Ziel zu definieren und einen gezielten Therapieplan aufzustellen. Erfassungsbögen, ähnlich der Unified Parkinson Disease Rating Scale (UPDRS), werden verwendet, um die Anfangssituation zu dokumentieren und den Fortschritt zu verfolgen.
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Ziele der Krankengymnastik
Die Krankengymnastik zielt darauf ab, die hypokinetischen Symptome zu lindern, indem sie einerseits die noch vorhandenen Bewegungsmuster optimal ausnutzt und andererseits die verloren gegangenen oder automatisierten Bewegungen durch neuerlernte ersetzt. Da die Lernmöglichkeiten infolge der Krankheit eingeschränkt sind, ist die Motivation der Patienten für diese Therapie von großer Bedeutung.
Übungsformen und Hilfsmittel
Die Übungen werden je nach Schweregrad der Symptomatik im Gehen, Stehen, Sitzen oder sogar im Bett durchgeführt. Um die Gleichgewichtsreflexe zu unterstützen, werden bewegliche Untergründe wie Schaukelbretter, Trampoline, Laufbänder oder Pezzibälle eingesetzt. Auch einfache Geräte wie Bälle, Stäbe oder Tücher können verwendet werden.
Gezielte Übungen und Hilfsmittel können den Trainingseffekt fördern. Kommandos, Taktgeber oder Marschmusik über Lautsprecher, MP3-Player oder Walkman sind hilfreich. Auch die optische Gestaltung des Übungsraumes mit Streifen oder Schachbrettmustern kann den Trainingseffekt unterstützen. Es ist wichtig, dass die Übungen die Patienten nicht überfordern und die Ausprägung der Symptomatik sowie die Leistungsfähigkeit der Patienten berücksichtigt werden.
Spezifische Übungen bei Parkinson
Die Physiotherapie bei Parkinson umfasst eine Vielzahl von Übungen, die auf die spezifischen Symptome der Krankheit zugeschnitten sind. Hier sind einige Beispiele:
Übungen gegen Muskelsteifheit (Rigor)
Die parkinsonbedingte Muskelsteifheit schränkt die Beweglichkeit zusätzlich ein und kann zu Gelenkversteifungen führen. Um dem entgegenzuwirken, sollten die Bewegungen großräumig und mit Schwung durchgeführt werden. Dehnungs- und Lockerungsübungen sowie alternierende oder schnell wiederholte Bewegungen mit Rhythmus sind ebenfalls wichtig.
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Übungen zur Verbesserung der Körperhaltung
Die vornübergebeugte Körperhaltung ist typisch für das fortgeschrittene Parkinson-Syndrom. Übungen vor dem Spiegel oder an der Sprossenwand können helfen, die Körperhaltung zu verbessern. Dabei werden die Rückenstrecker-Muskulatur gestärkt und die Beuge-Muskulatur entspannt. Hilfsmittel wie hochgestellte Rollator-Griffe oder Unterarmgehstützen können ebenfalls zur Korrektur dieser Haltungsstörungen beitragen.
Gangschulung
Ziel der Gangschulung ist die Erhaltung der selbstständigen Gehfähigkeit. Die einfachste Gehübung ist der tägliche Spaziergang. Gehübungen in der Gruppe mit Musik oder Nordic Walking sind für Patienten mit leichten Gehstörungen geeignet. Dabei sollten die Schrittlänge, die Gangspur und das Mitschwingen der Arme kontrolliert werden. Ein Gehgarten mit unterschiedlicher Bodenbeschaffenheit und Hindernissen kann ebenfalls hilfreich sein.
Optische Reize am Boden, Kommandos oder das Gehen auf dem Laufband können die Schrittlänge verlängern. Es ist wichtig, dass der Patient das richtige Abrollen des Fußes erneut erlernt, um Trippelschritten und Fallneigung vorzubeugen. Bei schweren Gangstörungen sind Gehübungen mit geeigneten Hilfsmitteln erforderlich.
Überwindung von Starthemmungen (Freezing)
Ein besonderes Problem beim Gehen sind die Starthemmungen, die im fortgeschrittenen Zustand medikamentös oft nicht beeinflussbar sind. Diese Freezing-Erscheinungen führen dazu, dass der Patient den ersten Schritt nicht machen kann. In solchen Fällen kann es helfen, sich vorzustellen, dass vorne eine unsichtbare Wand steht, die mit einem Seitenschritt umgangen werden kann. Auch Fremd- oder Eigenkommandos, rhythmische Musik oder optische Reize am Boden können die Starthemmung unterbrechen. Spezielle Freezing-Stöcke oder Laser-Rollatoren können ebenfalls hilfreich sein.
Sturzprophylaxe
Gleichgewichtsstörungen und Stürze sind ein großes Problem bei der fortgeschrittenen Parkinson-Krankheit. Ein wichtiger Teil der Übungen ist das Erlernen von kompensatorischen Ausfallschritten. Dabei wird der Patient ruckartig nach hinten gezogen und lernt, diese plötzliche Veränderung der Körperlage durch einen Ausfallschritt nach hinten zu kompensieren. Die Sturzprophylaxe beinhaltet auch die Aufklärung der Patienten und der Angehörigen sowie die Anpassung der Wohnraumgestaltung, um Sturzgefahren zu minimieren.
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Behandlung der Feinmotorik
Die Behandlung der feinmotorischen Tätigkeiten ist hauptsächlich Aufgabe der Ergotherapie, wird aber auch in die krankengymnastischen Übungen integriert. Dehn- und Lockerungsübungen werden mit den Händen ausgeführt, ergänzt mit Geschicklichkeitsübungen und dem Trainieren von schnell wiederholten Finger- und Handbewegungen.
Behandlung der Hypomimie
Die mimische Verarmung (Hypomimie) führt dazu, dass die Umwelt den Patienten als teilnahmslos empfindet. Übungen vor dem Spiegel, einzeln oder in der Gruppe, können helfen, die einzelnen Muskeln des Gesichts zu trainieren und die Mimik zu verbessern.
Atemübungen
Die Hypokinese der Atemmuskulatur, der Rigor des Brustkorbes und die Haltungsstörungen führen zu einer oberflächlichen Atmung. Atemvertiefende Übungen in Verbindung mit verbesserter Körper- bzw. Atemwahrnehmung können die Atmung verbessern und die Gefahr von Atemwegsinfekten reduzieren.
Muskelkräftigung
Durch regelmäßiges Üben gegen einen Widerstand nimmt die Muskelkraft zu. Zum Training werden übliche Muskel-Trainingsgeräte und Fahrradergometer verwendet. Die Leistungsfähigkeit des Patienten ist dabei immer zu berücksichtigen.
Weitere Therapieansätze
Neben der Physiotherapie gibt es weitere Therapieansätze, die bei Parkinson eingesetzt werden können:
- Lee Silverman Voice Treatment (LSVT): Hier üben die Betroffenen mit speziell ausgebildeten Therapeuten lautes Sprechen (LSVT-LOUD) oder das Ausführen von Bewegungen mit großer Amplitude (LSVT-BIG).
- Tanz- und Musiktherapie: Musik erleichtert Menschen mit Parkinson, das durch die Krankheit gestörte Rhythmusgefühl zu verbessern.
- Tai Chi: Tai Chi ist eine Kampf- und Bewegungskunst, die auf Entschleunigung, Konzentration und Entspannung bei körperlicher Aktivität abzielt.
Tipps für den Alltag
Neben den spezifischen Übungen gibt es auch einige allgemeine Tipps, die Parkinson-Patienten im Alltag helfen können:
- Halten Sie sich fit: Regelmäßige Bewegung und Sport können Muskelsteifheit und Störungen des Bewegungsablaufs vermindern.
- Führen Sie ein Lockerungsprogramm am Morgen durch: Am Morgen ist die Muskelsteifheit oft besonders ausgeprägt.
- Geben Sie dem Körper gezielte Befehle, die große Bewegungen fördern: Zum Beispiel "Gehe große Schritte!".
- Verwenden Sie Reminder, um sich daran zu erinnern, die Muskeln zu lockern und große Bewegungen zu machen.
- Achten Sie auf eine ausreichende Beleuchtung in der Wohnung, insbesondere nachts.
- Vermeiden Sie Ablenkungen beim Gehen.
- Lernen Sie Entspannungstechniken, um Stress, Angst und Unsicherheit zu reduzieren.