In den letzten Monaten rückten Sinusvenenthrombosen als mögliche Komplikation nach Impfungen mit COVID-19-Vektorimpfstoffen in den Fokus von Wissenschaft und Öffentlichkeit. Dabei könnten Symptome an den Augen bei der Diagnose dieser lebensbedrohlichen Erkrankung eine wichtige Rolle spielen. Dieser Artikel beleuchtet den Zusammenhang zwischen Mini-Schlaganfällen im Auge, Impfungen und anderen Risikofaktoren und gibt einen Überblick über aktuelle Forschungsergebnisse.
Thrombose-mit-Thrombozytopenie-Syndrom (TTS) nach COVID-19-Impfung
Nach Impfungen mit dem COVID-19-Impfstoff von AstraZeneca (Vaxzevria) wurden Fälle von Thrombose-mit-Thrombozytopenie-Syndrom (TTS) beobachtet. Dieses neue Syndrom ist durch venöse und/oder arterielle Thrombosen in Kombination mit einer Thrombozytopenie gekennzeichnet und kann mit Blutungen einhergehen. Die Thrombosen treten oft an ungewöhnlichen Stellen auf, wie beispielsweise in den zerebralen Hirnvenen, Milz-, Leber- oder Mesenterialvenen.
Laut dem Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) wurden bis zum 30. Juni 2021 insgesamt 157 TTS-Fälle nach Vaxzevria-Impfung dokumentiert - nach mehr als 11,5 Millionen verabreichten Impfstoffdosen. Bei über der Hälfte der Patientinnen und Patienten mit TTS wurden Hirnvenenthrombosen (Sinusvenenthrombosen) festgestellt. Auch tödliche Verläufe des TTS waren überwiegend mit Hirnvenenthrombosen und Hirnblutungen als Komplikation einer Hirnvenenthrombose assoziiert. Ebenfalls nach Impfungen mit dem COVID-19-Vakzin des Herstellers Johnson & Johnson wurden TTS-Fälle beobachtet. Der Sicherheitsbericht des PEI zählte bis Ende Juni 6 Fälle bei mehr als 1,9 Millionen verimpften Dosen.
Sinusvenenthrombose: Rasche Diagnose ist entscheidend
Eine Sinusvenenthrombose stellt eine lebensbedrohliche Krankheit dar, die rasch diagnostiziert und behandelt werden muss. Patienten weisen häufig neurologische Symptome auf, wie beispielsweise Kopfschmerzen, Schwindel mit Erbrechen, Lateropulsion, Tinnitus, Doppelbilder, Ataxie, Hemiparese und zerebrale Anfälle. Kopfschmerzen sind fast immer vorhanden. Die Symptome sind allerdings nicht immer eindeutig, sodass die Diagnosefindung initial erschwert sein kann.
Die Diagnose kann durch bildgebende Verfahren unterstützt werden. Mit einer CT-Venografie werden venöse Thromben besser entdeckt als mit einer magnetresonanztomografischen Methode. Die CT-Venografie weist eine Sensitivität von 75-100 % und eine Spezifität von 81-100 % auf. Mit einer Magnetresonanztomografie werden dagegen zerebrale Läsionen besser dargestellt. Mit einer zerebralen Angiografie können kleine Blutgerinnsel festgestellt werden, die mit der CT-Venografie weniger deutlich erfasst werden.
Lesen Sie auch: Was tun bei einem Mini-Schlaganfall?
Das akute Auftreten von schweren Krankheitssymptomen ist charakteristisch für eine Thrombose der zerebralen Venensinus, im Unterschied zum langsamen, chronischen Verlauf einer idiopathischen intrakraniellen Hypertonie (IIH).
Augensymptome bei Sinusvenenthrombosen
Eine Literaturrecherche zu Augensymptomen bei sowie Risikofaktoren für Sinusvenenthrombosen zeigt, dass Patienten mit einer Sinusvenenthrombose häufig Augensymptome aufweisen, die von diagnostischer Bedeutung sind. Zudem existieren zahlreiche Risikofaktoren, die - unabhängig von Impfungen - zu einer Sinusvenenthrombose führen können.
Mögliche Augensymptome im Überblick
Die häufig oder selten entstehenden Augenveränderungen können vielfältig sein. Eine Stauungspapille, ein objektives Zeichen eines intrakraniell erhöhten Drucks, wurde sehr häufig bei Patienten mit einer Sinusvenenthrombose festgestellt. Eine gering ausgeprägte Stauungspapille kann sich innerhalb weniger Stunden entwickeln, eine ausgeprägte Stauungspapille jedoch erst nach mehreren Tagen. Patienten mit Stauungspapillen berichten gelegentlich über Obskurationen.
Relativ häufig wurde von Patienten mit einer Sinusvenenthrombose über Diplopie (Doppelbilder) berichtet, meistens infolge einer Abduzensparese. Zu den okulären Frühsymptomen gehören außerdem Visusminderungen, Farbsinnstörungen und Photophobie. Als objektive Zeichen sind Pupillenreaktionsstörungen anzuführen. Die Symptome einer Thrombose eines Sinus-cavernosus-Syndroms unterschieden sich von den Symptomen einer Sinus-sagittalis-superior- bzw. einer Sinus-transversus-Thrombose.
Ein Sinus-cavernosus-Syndrom ist durch eine Protrusio bulbi, ein Orbitaödem mit Chemosis conjunctivae und Hirnnervenparesen sowie Venenstauungen charakterisiert. Eine septische Thrombose des Sinus cavernosus zeigt sich als hochakutes, lebensbedrohliches Krankheitsbild mit septischen Temperaturen.
Lesen Sie auch: Mini-Schlaganfall: Was Sie wissen müssen
Impfunabhängige Risikofaktoren für Sinusvenenthrombosen
Die Suche in der Literatur zeigt, dass verschiedene Faktoren das Risiko für eine Sinusvenenthrombose erhöhen können. Frauen, die orale Kontrazeptiva einnehmen, weisen zum Beispiel ein signifikant erhöhtes Risiko (54,3 %) für die Entstehung einer Sinusvenenthrombose auf, wenn vaskuläre Risikofaktoren bestehen. Dazu zählen arterielle Hypertonie, Nikotinabusus, Diabetes mellitus oder Gerinnungsstörungen (Faktor-V-Leiden, eine Prothrombin-G20-120A-Mutation oder Hyperhomozysteinämie). Auch in Schwangerschaft (6,3 %) und Puerperium (13,8 %) ist das Risiko erhöht.
Zu den systemischen Erkrankungen, die mit einem erhöhten Risiko für eine Sinusvenenthrombose einhergehen, gehören Eisenmangelanämie (9,2 %), Malignitäten (7,4 %), myeloproliferative Krankheiten (2,9 %), Dehydration (1,9 %), systemischer Lupus erythematodes (1 %) und Morbus Behçet (1 %). Auch ein Antiphospholipid-Antikörper-Syndrom (5,9 %) wurde als Risikofaktor für Sinusvenenthrombosen identifiziert. Zusätzlich können Erkrankungen aus dem HNO-Bereich (Ohren, Nebenhöhlen, Gesicht, Hals) (8,2 %), aber auch ZNS-Erkrankungen (2,1 %) Risikofaktoren darstellen.
Mit einer Risikoerhöhung assoziiert sind auch chirurgische Eingriffe (2,7 %) und Lumbalpunktionen (1,9 %), sowie vaskuläre Anomalien wie durale arterio-venöse Fisteln (1,6 %). Genetische Risikofaktoren wiederum finden sich bei 22,4 % der Patienten mit Sinusvenenthrombosen.
"Augeninfarkt" nach mRNA-Impfung: Was steckt dahinter?
In den sozialen Medien kursierte die Nachricht, dass sich das Risiko für einen Gefäßverschluss in der Netzhaut des Auges nach einer mRNA-Impfung verdoppelt habe und man erblinden könne. Diese Nachricht ist ein Beispiel für unlauteren Medizinjournalismus.
Tatsächlich gibt es eine Studie in der Fachzeitschrift "npj Vaccines", in der unter geimpften Personen 2,2-mal so viele Menschen mit einem Gefäßverschluss der Netzhaut gefunden wurden wie unter ungeimpften. Die Autoren kommen jedoch selbst zu dem Schluss, dass ihre Studie den Zusammenhang mit der Impfung keineswegs belegt und dass das Risiko für einen Gefäßverschluss im Auge in jedem Fall "extrem niedrig" sei.
Lesen Sie auch: Razer Seiren V3 Chroma im Detail
Wichtig ist, absolute Zahlen zu betrachten: Unter allen Ungeimpften erlitten in dieser Studie 752 von 740.000 Personen einen Gefäßverschluss im Auge, unter den Geimpften waren es 1506 von 740.000. Die mRNA-Impfstoffe schnitten sogar besser ab als andere, weil es unter den mit diesen Vakzinen Geimpften nicht annähernd doppelt so viele Fälle gab wie unter Ungeimpften. Zudem gab es Unterschiede zwischen den Gruppen, die den direkten Vergleich einschränken: Unter den Geimpften gab es mehr Raucher, mehr hatten Diabetes, Übergewicht und Herzprobleme - alles Risikofaktoren für Gefäßverschlüsse, auch im Auge. Aus all diesen Gründen empfehlen die Autoren explizit die Impfung.
Es ist wichtig zu beachten, dass Korrelation nicht Kausalität bedeutet. Nur weil mehrere Menschen erblindet sind, nachdem sie geimpft worden waren, ist das kein Nachweis über einen kausalen Zusammenhang. Je größer der Anteil Geimpfter in der Bevölkerung ist, desto größer ist auch der Anteil an Geimpften unter den Menschen, die erblinden.
Neurologische Komplikationen nach COVID-19-Infektion und -Impfung
Eine Auswertung der Gesundheitsdaten von über 32 Millionen Engländern liefert wichtige Informationen zur Häufigkeit von neurologischen Komplikationen im Zusammenhang mit einer SARS-CoV-2-Infektion bzw. mit Impfungen gegen diesen Erreger. Die Ergebnisse zeigen, dass bis auf hämorrhagische Insulte innerhalb eines Monats nach einem positiven SARS-CoV-2-Test ein signifikanter Anstieg bei allen untersuchten neurologischen Erkrankungen gefunden wurde, um den Faktor 1,2-5,2. Das größte Risiko besteht für GBS, Myasthenie und Enzephalitis/Meningitis/Myelitis.
Eine Impfung mit BNT162b2 führt nach Berechnungen der Autoren zu 60 zusätzlichen hämorrhagischen Schlaganfällen pro 10 Millionen Exponierte. Betroffen sind vor allem Personen über 60 Jahre (92%) und etwas häufiger Frauen (55%). Der Pathomechanismus ist noch unklar. Die natürliche SARS-CoV2-Infektion führt nicht zu einer signifikanten Zunahme von hämorrhagischen Schlaganfällen.
Guillain-Barré-Syndrom (GBS) und Impfungen
Über die Auslösung eines GBS durch Impfungen wird seit Jahren immer wieder diskutiert. Dabei standen in der Vergangenheit besonders die Influenza-Impfungen im Verdacht. Die geschätzte Zahl der zusätzlichen GBS-Fälle betrug nach einer Metaanalyse 16 pro 10 Millionen Geimpfte. Auch über mögliche Zusammenhänge zwischen GBS und Impfungen mit einem quadrivalenten Meningokokken-Konjugatimpfstoff, rekombinanter Zoster- und der HPV-Vakzine wurde wiederholt hingewiesen. Insgesamt sind die zusätzlichen Fälle von GBS jedoch sehr gering und die Nutzen-Risiko-Relation wird als positiv bewertet.
Bei den Daten des PEI fällt auf, dass ein GBS/MFS vor allem bei Personen auftritt, die mit Vektorimpfstoffen geimpft wurden (ChAdOx1 nCoV-19 bzw. Ad26.COV2.S von Johnson & Johnson): 0,84 bzw. 1,1 Meldungen pro 100.000 Impfungen). Zu den mRNA-Vakzinen (Comirnaty® = BNT162b2 bzw. Spikevax®, Moderna) gab es deutlich weniger Meldungen: 0,13 bzw. 0,11 Meldungen pro 100.000 Impfungen). Diese Zahlen liegen etwa im Bereich der Hintergrundinzidenz.
Fazit zu neurologischen Risiken
Eine Infektion mit SARS-CoV-2 kann zu unterschiedlichen schwerwiegenden neurologischen Komplikationen führen. Nach einer aktuellen Analyse aus dem britischen Gesundheitssystem sind dies in erster Linie das Guillain-Barré-Syndrom sowie Myasthenie, Enzephalitis, Meningitis oder Myelitis. Auch eine Impfung gegen SARS-CoV-2 birgt geringe neurologische Risiken. Vektorimpfstoffe haben ein Risiko für ein Guillain-Barré-Syndrom, das allerdings deutlich geringer ist als bei einer Infektion mit SARS-CoV-2 (38 vs. 145 zusätzliche Fälle pro 10 Millionen Exponierte). mRNA-Impfstoffe scheinen das Risiko für entzündliche Erkrankungen des Nervensystems nicht zu erhöhen, jedoch ist zumindest die Impfung mit BNT162b2 mit leicht vermehrten hämorrhagischen Insulten assoziiert: 60 zusätzliche Fälle pro 10 Millionen Exponierte.
Augeninfarkt: Ursachen, Symptome und Behandlung
Bei einem Augeninfarkt (auch: Sehsturz) handelt es sich um eine Durchblutungsstörung (Ischämie) der Netzhaut, die zu Gefäßverschlüssen führen kann. Dabei wird die Blutversorgung der Netzhaut im Auge unterbrochen und Symptome wie eine verringerte Sehkraft sowie kurzzeitiges oder dauerhaftes Erblinden sind möglich. Die oftmals einseitige Erkrankung bleibt in manchen Fällen über längere Zeit unbemerkt, da das zweite Auge bei einem Augeninfarkt in der Regel weiterhin störungsfrei funktioniert.
Symptome eines Augeninfarkts
Der Augeninfarkt zeichnet sich in der Regel durch plötzliche, schmerzlose Sehverschlechterungen aus, die möglicherweise einen schweren und andauernden Verlust der Sehkraft des betroffenen Auges nach sich ziehen. Darüber hinaus sind Beschwerden wie Schleier vor den Augen, eingeschränktes Sichtfeld oder temporäre Erblindung (über mehrere Sekunden bis Minuten) möglich.
Ursachen und Risikofaktoren
Ursächlich verantwortlich für einen Augeninfarkt ist die Verengungen oder Blockade von Blutgefäßen der Augen, die für die Versorgung der Netzhaut zuständig sind. Sie entstehen einerseits durch Ablagerungen in den Gefäßen, die sich im Laufe der Zeit bilden und den Blutfluss behindern. Andererseits sind auch Blutgerinnsel imstande, einen Augeninfarkt auszulösen. Generell tritt ein Augeninfarkt entweder in den Arterien oder Venen der Netzhaut auf.
Behandlung und Prognose
Liegt ein Augeninfarkt vor, handelt es sich um einen akuten Notfall, der so schnell wie möglich behandelt werden sollte. Die Therapie hat dabei in erster Linie zum Ziel, die Gefäßdurchblutung im Auge zu normalisieren und Einblutungen in die Netzhaut zu stoppen. Bei einem Augeninfarkt mit Venenverschluss ist vor allem die schädigende Schwellung der Netzhaut zu beheben. Lokalisiert der Arzt den Augeninfarkt in der Arterie, steigt das Risiko einer dauerhaften Beschädigung der Netzhautzellen.
Ob ein Augeninfarkt ohne Folgeschäden ausheilt, ist abhängig davon, wie schnell im Ernstfall behandelt wird und wie groß die betroffenen Areale im Auge sind. Um weiteren Gefäßverschlüssen vorzubeugen, müssen die Betroffenen im Anschluss an einen Augeninfarkt in der Regel dauerhaft Medikamente einnehmen.
tags: #mini #schlaganfall #auge #impfung